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Die neue Welt · 1935-02-05 · Heft 436 (5.2.1935) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 436 (5.2.1935)
Date
1935-02-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 9 Dienstag/ den 5* 185 Nr* 416 V.bb. Zeitung vom Verleger versendet -—»«Ii expediö par rfiditeur'* iWrsif*t°biblioth REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährigS4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monaUIch Zloty 1.5». vierteljahrig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljahrig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar Is^wertel- WhrfgDinfr 40.-; Rumänien monatlich Lei 40.-. vierteljährig Lei 12p.-; Dentschland monatlich Mark 1.-.. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; ItaHen monatlich Lire 5.—. vierteljährig Liro Schwei»; und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag o. Freitag Sie wandern wie die Bettler Skizzen ans Deutschland im „Manchester Guardian" | Ort. wandert in die Welt hinein ohne Ziel und ohne Ob „Der Boykott gegen die Juden in Deutschland ist bloß nach außenhin aufgegeben. In Wirklichkeit wird er ijetzt noch strenger und geschlossener durchgeführt." Zu diesem Resultat ist der Korrespondent der großen englischen Zeitung „Manchester Guardian" gekommen, der gfanz Deutschland bereist hat. Der Korrespondent schildert grauenhafte Szenen jaus dem Leben der Juden in den kleinen deutschen Städten und Dörfern und das, was er zu sagen weiß, erscheint jedem Kulturmenschen tragischer als die zaristischen Pogrome — denn hier spielt sich alles im geheimen ab. In den kleinen Orten von Ober h essen sieht man auf den Häusern Aufschriften, in denen die Juden bedroht werden. Die Bauern haben Angst davor, von den Juden etwas zu kaufen oder ihnen etwas zu verkaufen, und wenn man ihnen sagt, daß der Boykott offiziell abgeschafft sei, erwidern sie, es wäre dies nur eine Geste nach außen. Bauern, die irgend einmal bei Juden etwas kaufen, schlägt man die Fensterscheiben ein und verfemt sie im ganzen Ort. * Eine charakteristische Episode erzählt der ^Manchester Guardian": Die B'rau eines alten, weißhaarigen Juden liegt krank zu Bett, dem Sterben nah. Rings um das Haus haben sich Sphären wilder Nazis versammelt und heben drohend ihre Fäuste gegen das jüdische Ehepaar. Der alte Mann, der seit Jahrzehnten im Städtchen wohnt, erscheint bei der Tür und bittet die Schar um Ruhe. „Meine Frau liegt im Sterben", sagt er. „Bedrohen Sie uns nicht, wir haben Ihnen ja nichts getan!" Aber die Horde lärmt weiter und einer von ihnen schleudert einen Stein gegen den Alten, der blutenden Kopfes ins Haus flüchten muß. Die alte Frau ist gestorben. Ein stilles Begräbnis. Der alte Mann läßt alles zurück, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die ihm als Andenken teuer sind, und verläßt den dach wie ein Bettler. Hunderte Nazi folgen, ihn verhöhnend, nur eine Nachbarin, eine alte deutsche Frau, sieht dem Greis tränenden Auges voll Mitleid nach. Es ist überhaupt keine Seltenheit, daß Juden in Städtchen und Dörfern ihre Häuser verlassen und alles, was sie besitzen, zurücklassen und wandern, wohin die Füße sie tragen. „Sie irren wie die Bettler", schreibt „Manchester Guardian", „tragen alle Beleidigungen, Schmähungen, körperlichen Attacken geduldig und stumm." Wenn die jüdische Frau am Sabbat-Abend Lichter zündet, schließt sie die Fenster dicht und die ganze Familie zittert, weil sie befürchtet, daß der Mob plötzlich Steine in die Fenster werfen könnte. So etwas kommt nämlich sehr oft vor. Und die Juden haben Angst, Klage zu erheben. Sie haben Angst, den Mund aufzutun. Sie haben Angst, sich an die Behörden um Hilfe zu wenden, in der Meinung, es könnte j|pen dann noch schlechter ergchen. Vor der Welt heißt es, daß die Regierung den Befehl erteilt habe, jeden Angriff gegen die Juden auf wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet zu unterlassen. Aber das ist bloße, Augenauswischerei. Die Nazi- Terrorbanden in den kleinen Orten wissen, das und setzen ihre Tätigkeit fort. Das ist tägliche Wirklichkeit und keine Dichtung. So geschieht es in den Städtchen und Dörfern tagaus, tagein und es gibt kein Mittel, sich dieses Terrors zu erwehren. Wie in Oberhessen, so ist es auch anderswo in Deutschland. „Hier herrscht", so schließt „Manchester Guardian" seine Schilderungen, „ein systematischer Barbarismus, dem unschuldige Menschen, Männer, Frauen und Kinder, zum Opfer fallen, nur deswegen, weil sie Juden sind, ohne daß sich jemand ihrer annimmt.,, In Algier fließt französisches Blut Sechs Monate, fast auf den Tag, sind seit den blutigen Unruhen in Constantine vergangen. Es war die Nacht des 4. August 1934, als der arabische Mob in Constantine (Frz.-Algerien) die jüdische Bevölkerung angriff, Geschäfte plünderte, das ganze jüdische Viertel PQgromierte. 27 jüdische Bürger von Französisch-Algier waren die ersten Opfer des judenfeindlichen Ueberfalls. Die französische Presse sprach damals von einem „lokalen Zwischenfall", der nicht viel bedeute. Denn es habe sich nicht um einen organisierten Raubzug des mohammedanischen Mobs oder gar um eine Revolte gehandelt, gondern bloß um ein Ueberlaufen der kochenden Volksseele, hervorgerufen durch ein Gerücht kurzum um ein kleines, wenn auch blutiges Intermezzo. Der französische Generalgouverneur C a r d e beruhigte das nervös gewordene Paris, insbesondere die Interpellanten im französischen Parlament, mit der Erklärung: , „Ich lege Wert darauf, den rein antisemitisch e n Charakter der Unruhen in Constantine zu bej tonen, der durch die Tatsache bewiesen ist, daß in den Vierteln, in denen die Zusammenstöße stattfanden, die Häuser der Christen geschont wurden." Ein Trost, eine Beruhigung, eine Motivierung dafür, daß die Unruhen nicht der Rede wert sind. Herr Carde, dem das freiheitliche Frankreich die Verwaltung von Algerien anvertraut hat, macht sich's leicht. Er sagt: Ein Pogrom! Nichts weiter! Die französischen Interessen sind nicht in Gefahr. Wegen der zwei Dutzend getöteter Juden werden wir uns doch keine grauen Haare wachsen lassen! Wir sahen die Dinge anders. Wir sahen weiter. Insbesondere als die Meldung Kam, daß Militär und Polizei machtlos seien, da sie keine Munition hatten, ein Ifogtand, der auch den plündernden Mohammedanern bekannt war und den sie sich zunutze machten. Wir schrieben in unserer Ausgabe vom 10. August 1934 über die Unruhen von Constantine: „Es ist die natürlichste Folge, daß es bei den blutigen Ueberf allen auf Juden nicht bleibt. Der Unruheherd läßt sich mit den gewöhnlichen Mitteln des Standrechts nur für kurze Zeit eindämmen. Hier droht eine Gefahr, deren man sich rechtzeitig bewußt werden muß. Monsieur Carde will vielleicht seiner vorgesetzten Behörde und den interessierten Kreisen zu verstehen geben, daß seine Verwaltungstätigkeit zu keinerlei Besorgnis Anlaß gebe und man sich auf ihn verlassen könne. Das ist sein gutes Recht. Er darf aber nicht die Welt glauben machen, daß die mohammedanische Bevölkerung Algeriens und der anderen nordafrikanischen Gebiete, nachdem ihr Blutdurst gestillt ist, wieder friedlich zum Alltag zurückkehren und vielleicht gar die französische Verwaltung lobpreisen werde." Nun, nach sechs Monaten, findet unsere Prognose ihre Bestätigung. Aus der Nachbarschaft von Constantine, aus der Stadt Setif, kommen beunruhigende Nachrichten. Eine blutige Revolte ist ausgebrochen, die mit unbeschreiblicher Gewalt sich binnen wenigen Stunden auf die ganze Stadt erstreckte. Im übelbeleumdeten Viertel kam es zwischen Angehörigen eines marokkanischen (mohammedanischen) Schützenregiments und Eingeborenen zu einem Streit. Diese wandten sich gegen die einschreitende (französische) Polizei. Da brach die Rebellion aus: Die marokkanischen Soldaten stürzten sich auf die französischen Polizisten, bis schließlich die Kolonne des von marokkanischen Schützen ausgeübten Sicherheitsdienstes zu den Aufständischen überging. Also ein Kampf zwischen Schwarzen und Franzosen! Die französischen Polizisten werden niedergeschlagen, franösjschc Amtsgebäude gestürmt, eine regelrechte Revolte. Und schließlich, auf Grund der falschen Nachricht, daß ein jüdischer Polizist einen mohammedanischen Soldaten IUP ENSTAATS PARTEI Der VORTRAG am Mittwoch, den 6. Februar 1935, im Juden« staatsparteiheim, I, Werdertorgasse 14, entfällt. niedergeschlagen habe, ein antisemitischer Wirbel: Plünderung jüdischer Geschäfte, da ja bekanntlich ein bißchen Pogrom bei derlei Abenteuern nicht fehlen darf. Die jüngste Revolte in Setif bei Constantine hafi keinen „rein antisemitischen Charakter" getragen. Int Gegenteil: einen rein antifranzösischen. Herr Carde wird nicht behaupten können, daß diesmal wieder die — Christen geschont wurden. Die Geister, die er vor einem halben Jahr gewähren ließ, haben diesmal ihr Unwesen im französischen Bereich getrieben. Die Gefahr, die wir seinerzeit angekündigt haben, hat sich mit gewissenhafter Pünktlichkeit eingestellt. Nicht für die Juden, sondern für die „Weißen"!. NazRfuden und! Wehjuden Der Spott und der Abscheu, die sich seit Beginn des Dritten Reiches über die nationaldeutschen Juden und ihren Führer Naumann ergießen, haben nicht vermocht, dem Temperament dieser Herren Einhalt zu gebieten. Die vielen Monate, die seit dem „Aufbruch der deutschen Nation" verstrichen -, sind, boten nicht viel Gelegenheit, von den Folgen des Aufbruchs begeistert zu1 sein. Herr Naumann salutierte nur stramm vor dem Hakenkreuz, bezeugend, daß auch für die Juden Deutschlands, für seine Juden, das nationalsozialistische Regime einen Segen bedeute, denn ... Dieses „Denn" findet sich in allen Aeußerunge» Naumanns, die sich auf das Verhältnis zwischen den deutschen Juden und den deutschen Nichtjuden beziehen. Herr Naumann und sein Kreis nämlich perhorresztert öffentlich die Unterscheidung von Ariern und Nichtariern. Er kennt nur nationaldeutsche Juden und nationaldeutscbä Deutsche. Der Saar -Sieg gab ihm wiederum Gelegenheit, mit seinen Mannen hervorzutreten. Es war bei Gott kein erfreulicher Anblick und keine erfreuliche Aktion. Daß Herr Naumann, der „Führer" (ein Hitler in Westentaschenausgabe), das Lied anstimmen ließ: „Wir grüßen dich, du Volk an deutscher Saar, Du Volk in Not, euch Brüder in Gefahr...". ist nicht weiter verwunderlich und auffällig. Die Komödie wächst zur Tragigroteske, zum Absurdesten aus, was das deutsche Ghettojudentum hervorgebracht hat, wenn man sich das Hauptreferat des von den nationaldeutschen Juden veranstalteten Abends besieht. Es lautete: „Gibt es ein Welt Judentum?" Naumann erklärtein diesem Referat, daß es zwei grundverschiedene Typen von Juden gebe, völkisch gesinnte Juden und „Weltjuden". Die ersten seien als gleichberechtigte Deutsche anzuerkennen, die zweiten müßten weiterhin verfemt bleiben und verfolgt werden. Die ärgsten Gegner der deutschen Juden seien nicht die Antisemiten, sondern die „Weltjuden" und die — Zionisten. Denn . . . sie wollen keinen Unterschied machen zwischen Juden und Juden. Pfui Teufel! Die „Prager Presse" veröffentlicht über diese Naumann-Versammlung einen ausführlichen Bericht, der folgendermaßen schließt: „Nach einem salbungsvollen Resume des „Führers" war die wohl einzigartige Veranstaltung fast beendet. Fast, denn die Anwesenden erhoben sich, riefen „Heil Deutschland" und sangen dann stehend mit erhobenem Arme „Deutschland, Deutschland über alles". Wir beiden Ausländer waren auch aufgestanden und sahen dem Ausklang dieser Tragikomödie zu, die wider Erwarten im letzten Augenbück noch eine besondere Pointe erhielt. Ein Herr vom Vorstand eilte auf uns zu und forderte uns auf, mitzusingen und die Hand zum Gruß zu erheben, da dies „offiziell" sei. Als wir ihm unsere Pässe zeigten, zog er mit langem Gesicht ab. Auf nationalsozialistischen Parteiveranstaltungen ist man uns mit größerer Toleranz begegnet und hat den „deutschen Gruß" niemals ausdrücklich gefordert. Wir hatten nach dieser Versammlung genug von, den nationaldeutschcn Juden, Trotz des grotesken Aflh

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