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Die neue Welt · 1935-02-01 · Heft 435 (1.2.1935) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 435 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sefte 6 DIE NEUE WELT Nr. 435 Dee Sckwut den lugend (des Bundes Hatte) 4) Von Peres S Deutsch von Dl" Auch er, Ungar, stand .fetzt >vie vernichtet da: einem Heimkehrenden gleich, der seine Wohnstüttc niedergebrannt sieht. Wie von einem bösen Geist getrieben, nicht mehr der schönen Wirtin und ihrer Ordnungsliebe gedenkend, jagte er durchs Zimmer, stampfte rücksichtslos auf den neupn Teppich, den frisch eingelassenen und gewichsten Fußboden. Er schonte nicht einmal all die schönen Sachen auf seinem Tisch, die er von Stelle /m Stelle schob, als hätte er sich zur Aufgabe gemacht, alles von oberst zu unterst zu kehren. Plötzlich fuhr er, beim Anblick seiner Zerstörung, wie erschreckt auf, schloß rasch die Tür, stemmte seine beiden Arme auf den Tisch, auf die er seinen Kopf stützte. Lange saß er so — sinnend — da. Wirr durcheinander jagten ihm die Gedanken durch den glühenden Kopf. In raschem Wechsel tauchten Bilder in seiner erregten Phantasie auf. Aber alle schwammen wie in eine Nebeldecke gehüllt vor seinem matten Blick. Er empfand tiefe Bitterkeit und einen stechenden Schmerz in seinem Herzen. Dachte er etwa an die Wunden seines Vaters, an sein zerstörtes Helm und seinen vernichteten Frieden? Oder etwa an die unerwartete Lösung seines Traumes, der vollständigen Verbrüderung des jüdischen Stammes mit der anderen Bevölkerung? Oder war es Reue, die sein Innerstes aufwühlte; »der schämte er sich gar der Schwäche seines Vaters, der wegen einer so geringen Sache die Fahne des Fortschritts feige wie ein Weib verlassen hat? Er wußte es selbst nicht genau. Er gab sich auch nicht dio Mühe, einen klaren Plan zu fassen und ihn konsequent durchzudenken. Eines nur war ihm klar, daß es ihn schmerzte, als ob er selbst schwer verletzt worden wäre. Wieder wollte er nach dem Brief seines Vaters greifen, um ihn noch einmal zu lesen, als er überrascht einen zweiten, noch ungeöffneten Brief auf dem Tisch bemerkte. Einen Brief seiner Mutter. Mit hervorbrechendem Ungestüm ergriff er ihn, riß ihn aus dem Kuvert und überflog rasch die Zeilen. Sie lauteten wie folgt: „Teurer Sohn! Es schmerzt mich, daß man Dich mit Hiobsposten beunruhigt. Ginge es nach meinem Willen, Du würdest nichts davon erfahren. Wozu über Dinge sprechen, die in nächster Zeit wie ein böses Ungewitter vorübergezogen und vergessen sein werden? Sollte nun die Bevölkerung erfahren, welche Gerüchte wir über sie verbreiten, daß wir sie in der Oeffentlichkeit verleumden, wird sie uns mit Recht grollen, da sie sich nun in der Tat der brutalen Ausschreitungen schämt. Hätte diese böse Episode Deinen Vater nicht arg verstimmt, ich würde nicht mehr daran denken. Aber Dein Vater ist ein anderer geworden; das alte Uebel der Furcht hat sich seiner bemächtigt. Wir sind nun einmal Juden und können bei aller Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung die Feigheit, die uns in den Gliedern liegt, nicht abschütteln. Ich wünsche, die nächste Generation möge glücklicher sein. Deinen Vater schrecken Visionen. Er hat alles Vertrauen auf den Fortschritt und auf den Verbrüderungsgedanken verloren. Denk' Dir mal, er will mit eigenen Augen gesehen haben, wie der junge Ritter von X, Dein intimer Freund und Kollege, dieser vornehme und edle junge Mann, den Schmuck unserer kleinen Recha geraubt hat. Alle meine Einwürfe blieben wirkungslos. Ein böser Geist ist über ihn während der Schreckenstage gekommen, der ihm Ungeheuerlichkeiten vorgaukelt, und das ist es, was mich so tief betrübt. Wir werden ja ein anderes Haus bauen, andere Möbel einkaufen können, aber das Gemüt Deines Vaters wird sich »chwer wieder aufheitern lassen. Sei Du, mein teurer Sohn, deshalb stark, laß Dich von keinem rückschrittlichen Gedanken beirren, nur der Krebs schreitet rückwärts. Der Mensch, der Herr im Reich des Wissens, muß vorwärtsstreben. Sei Du also stark und bemühe Dich, sobald Du mit Deinem Vater wieder zusammentriffst (was hoffentlich in Bälde geschehen durfte, da wir die Stadt für kurze Zeit verlassen, um in der Hauptstadt zu leben, bis das neue Haus wieder fertig ist), ihn wieder zu ermutigen, aufzurichten. Beweise, daß Du Deiner Mutter würdiger Sohn bist. Deine Dich über alles liebende Mutter." „Das", rief er jetzt mit wiedergewonnener Sicherheit, „ist der edle Sinn einer braven, herrlichen Frau. Sie ist stärker als der Vater. Der Talmud hat ihren Geist nicht umnebelt, ihren Charakter nicht geschwächt und ihren hohen Gedankenflug nicht gehemmt. Sie urteilt richtig. Diese Ausschreitungen sind nur vorübergehender Natur. Sollten die Grundfesten des Wissens und des Fortschritts deshalb wanken, weil das Haus meines Vaters einem bösen Angriff nicht standhielt? Ach, teure Mutter, könnte ich jetzt deine Hände in Dankbarkeit küssen! Ja, molcnski n . J. L. Lands, u ich will beweisen, daß ich ein deines Geistes würdiger Sohn bin." Und wiederum maß er mit raschen Schritten das Zimmer. Da klopfte es an die Tür. Ungar dachte gleich an seine Wirtin. Er rückte deshalb alles rasch auf seinen Platz, holte sein Taschentuch hervor und begann eifrig am Fußboden zu putzen. Es war die angestrengte Arbeit einer Minute. Als es schon zum zweiten Male klopfte, öffnete er mit einer Miene, als habe, er das erste Pochen überhört. Wie entsetzt aber wich er zurück, als er statt der Wirtin zwei Kollegen vor sich sah, die gekommen waren, um ihn zur Ovation zu holen, die dem hebräischen Schriftsteller dargebracht, werden sollte. Eine Zeitlang stand er ganz verlegen und wußte nicht, was anzufangen, faßte sich aber rasch, reichte ihnen die Hand und fragte, Avas sie zu ihm führe. Dies«; blickten ihn ganz verdutzt an und einer fragte endlich: „Hast du denn unseren Beschluß belüglieh des hebräischen Schriftstellers vergessen?" „Ich habe es mir überlegt, ich gehe nicht", antwortete er kurz. „So??? Wenn du damals versprochen, wieviel mehr solltest du heute!" „Warum heute mehr als sonst?" „Hast du denn von jenen Städten und Dörfern nicht gehört, wo der Pöbel gegen unser Volk, gegen Leben Voraus muß man denken/ sich sichern — versichern Phönix Allgemeine Versi'Aerungs* Ges*, Wien IX/ Aiserplatz 3 und Habe, gewüstet hat?" antworteten beide gleichzeitig, zählten ihm mit Weglassung seiner Vaterstadt all die Orte mit Namen auf und schlössen mit den Worten: „Die j Prophezeiung des Schriftstellers ist nun zur Wahrheit geworden." ' „Auch dort?" fragte nun Ungar etwas kleinlaut. | „Auch dort, du hast also mehr gehört, du weißt somit alles und zögerst trotzdem, mit uns zu gehen?" „Ja, trotz alledem und gerade deshalb", rief er, jetzt wieder Mut fassend. „Es ist heute mehr denn je unsere Pflicht, zu beweisen, daß wir wahre, treue Söhne des Landes sind. Diese Ausschreitungen sind das letzte Aufflackern eines erlöschenden Dochtes. Wegen dieser brutalen Gesellen haben wir kein Recht, das ganze Volk anzuklagen und es zu verunglimpfen..." „Es sind nicht wenige brutale Gesellen, es ist das ganze Volle, das sich in jenen Städten gegen uns erhoben hat, zu rauben und zu morden", riefen ihm beide entgegen. „Da wir unter uns sind, unbelauscht", meinte nun Ungar, „dürfen wir uns doch eingestehen, daß wir es ehrlich verdienen. Nein, ich gehe nicht mit, und wenn ihr vernünftig seid, geht ihr ebenfalls nicht. Wir stehen jetzt vor Prüfungen, wir dürfen nicht provozieren. Man darf nicht von uns die Ueberzcugung gewinnen, daß wir Vaterlandslose sind..." „Einer von uns ist ein Narr", antwortete nun einer der Kollegen in sehr bestimmtem Ton. „Da aber alle, selbst die, die vor einigen Tagen noch unsere Gegner waren, jetzt unsere Ueberzeugung teilen und du allein dein Auge vor jeder Wahrheit gewaltsam verschließt, so bist du der Narr, und die verdiente Enttäuschung und Züchtigung wird dir nicht erspart bleiben.*' Damit wandten ihm beide Kollegen den Rücken, verließen schnell sein Zimmer und schlugen die Tür geräuschvoll hinter sich zu. „Juden!" rief Ungar ihnen gereizt nach. (Fortsetzung folgt.) SIEGM. KORNMEHL § GROSSFLEISCHHAUEREI ± \\ Zentrale: IX., Berggassn 19. Tel. A-17-5-W u. A-16-0-34 t Lieferant für Heilanstalten j Abteilungen für n^n-Fleisch I HMBHMHnnaBnnHigiin £ unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinals der [sr. £ Kultusgemeinde Wien * Autozustallung kostenlos % >X. Berggasse 15 ✓ XVIII., Währingersir. 97 J ..........................................♦........%+X Die Judengemeinde in Lissabon Im heutigen Lissabon, aus dem einst die Juden genau so wie aus Spanien vertrieben worden sind, leben ungefähr 1000 Juden, von denen die meisten keine Sephardim (Spaniolen) sind, sondern deutsche und polnische Juden. Die Plätze, wo vor der Vertreibung Juden und Maranncn auC dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, sind heute noch vorhauden — eine schauerliche! Erinnerung in den Tagen, da faktisch eine jüdische Gleich-« berechtigung besteht, wenn auch das Vcrtreibuagsdekrcfc bis heute formell nicht widerrufen wurde. Die ersien jüdischen Einwanderer kamen teils aus Marakko und teils aus Gibraltar. Eine kleine Zahl sephardischer Juden ist von den Azoren-Inseln gekommen, wo sie es zu Wohlstand gebracht hatten. Die ersten Pioniere, die aus Gibraltar kamen, waren als britische Bürger sicher, daß das Land Portugal, einst das judenfeindlichste der Welt, sie jetzt gerne aufnehmen werde. Tatsächlich findet man die ältesten jüdischen Grabsteine auf dem englischen Friedhof, von dem ein Teil von der sephardischen Gemeinde in Lissabon angekauft wurde. Einige Jahre vor dem Weltkrieg erschienen in Lissabon Juden aus Mittel- und Osteuropa, besonders aus Deutschland und Polen. Nach dem Weltkrieg wuchs ihre Zahl bis auf 600 Seelen, während die sephardischen Juden nicht mehr als 400 Seelen zählen. Die sephardischen Juden mischten sich unverhältnismäßig stark mit den katholischen Portugiesen, was nicht allein auf den Mangel geeigneten jüdischen Ehematerials, sondern auch auf den Mangel an religiöser Erziehung und geistigkultureller Führung zurückzuleiten ist. Es gibt zwei kleine Bethäuser, die verborgen in einem Hof stehen vnd keinerlei äußere Merkmale eines Gotteshauses besitzen. Die Gottesdienste werden weder von einem Rabbi noch einem Thoragelehrten abgehalten, sondern von zwei ein* fachen Chasunim, von denen der eine ein Sepharde, der andere ein Aschkenasi ist. Die sephardischen Juden sind vor den Aschkenasim schon durch ihren Reichtum zu unterscheiden. Sie bc« sitzen meistens eigene Häuser und Villen und rechnen sich zur „guten Gesellschaft". Die Mischehen bei den sephardischen Juden werden gewöhnlich in der katholischen Kirchs geschlossen, und oft kommt es vor, daß der Priester, der die Trauungszeremonie durchführt, eine antisemitische, HimiiiiiiminmnmtiMMifmiiimiiiMtiiinnmiim Moderne Typen-, echte Ausseeru. Jagd-Hüte für den Jägerball bei Ceschka Alserstraße 6, Lerchenfeiderstraße 123 Telephon-Nummer: B-38-0-34 nilNmmiHIIIIINIMIMIIIIIIItllltllllllllllllUIIIMflllllllllllMIIIUIIIIIIIIII Jüdische KünKtlerspiele. Sevilla Pastor —■ Erna Siegler. Wegen dea überaus großen Erfolges bleibt Lia Montag, den 4. Februar, die Komödie „Die Seh icke rte" von A. Steinberg am Spielplan. Sonntag um VA Uhr nachmittags bei ermäßigten Preisen ..flulje Kapzen". Dienstag, den 5. Februar, „Maseltow", Mittwoch, den 6. Februar, „Die Schickerte", Donnerstag, den 7. Februar, ,.Beile Bassje". jedes Ehrgefühl verletzende Rede hält, die beide Tcila unangenehm berührt. Unter den. sephardischen . Juden gibt es einige angesehene Persönlichkeiten, wie den Prof. Benares, den Präsidenten der zionistischen Organisation, Pro-« fessor Amsalac, den Vizerektor des technologischen Instituts, Dr. Alfred Bensaida u. a. Die polnischen Juden wohnen in einem besonderen Stadtteil und haben ihr eigenes Gotteshaus und einen eigenen Rabbiner, den sie aus Paris gebracht haben. Sie besitzen auch einen eigenen jüdischen Klub mit einem Lesesaal, wo Konzerte, Vorlesungen usw. stattfinden. Dieser Klub spielt eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben Lissabons. Seit dem Hitler-Regime sind aus Deutschland rund 150 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland gekommen. Allerdings hat dio Hälfte dieser Juden Portugal wieder verlassen, da sie keine Existenz ge« funden hat. Die jüdische Gemeinde in Lissabon ist erat in der Entwicklung begriffen. Vorläufig hat sie nicht viel Interesse an den Marannen von Oporto und Südportugal. Die Lehranstalt, die in Oporto geschaffen wurde, um die Marannen mit dem jüdischen Wesen in Kultur und Religion bekanntzumachen, läßt unter der Leitung des Kapitän Baros Basta viel zu wünschen übrig. Man rechnet damit, daß die jüdisch-nationale Bewegung die ausschlaggebende erzieherische Rolle im portugiesischen Judentum spielen, wird, SONNTAG, 10. Februar 1935, im großen Saale des KONZERTHAUSES KEREN KAJEMETH, I, Marc-Aurel-Straße 5 / CLUB EREZ ISRAEL, II, Praterslraße 13 (Lloydhoff) Das große hebräische Konzert i zu Ehren 1 liaim Xachmaii Bialiks s. A. Karten im Vorverkauf: Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich, I., Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U-22-2-11; Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt, II., Praterstraße 13, Tel. R-42-407; Keren Kajemeth, I., Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U-29-1-29; Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20 a, Tel. R-45-305; Kaufhaus Halpern, II., Förstergasse ö, Tel. A-46-4-12; Jüdische' Kulturstcüe, IL, Asnernbrücljeagasse. 2; Bund jüdischer Frontsoldatent i., Bräunerstraße 2, und in allen zionistischen Bezirks-Sektioncn,

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