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Die neue Welt · 1935-01-25 · Heft 433 (25.1.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 433 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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.«ette-S DIE NEUE WELT r*r. fte Stkum du luvend (Des Bundes JUute) ■\ Von Pevcz S m o I c n s k i n Deutsch von Dr. J. L. Lan d a u Vier -Jahre wohnte er iii diesem Zimmer, vom rr-.tcu Tu:? seiner Ankunft in der Hauptstadt, da er die Ifcchsc'mlo bezog-. Er hatte das Glück, seiner hübschen Vermieterin, einer Oberstonswitwe, sympathisch zu sein. Niin' nur we^en seiner guten Gestalt und vornehmen l«a!(u;n;. sondern wegen seiner besonderen Ordnungs- Iii o', die sie; bei einem Juden . . ., sie korrigierte sieh gleich, bei einem Hochschüler, nicht vermutet hätte. Das ihm gespendete I,ob hatte zur Folge, daß seine Ordnungsliebe- bis zur lächerlichen Peinlichkeit ausartete; daU er über jedes Möbelstück wie über heilige Tempelgerüte wachte, so daß er nicht wagte, sich frei zu bewegen. Und wenn er trotz aller Sorgfalt und Vorsicht einmal das Unglück hatte, etwas Staub oder einige Sandköniehen hereinzubringen, schloß er die Tür behutsam hinter sieh, holte sein Taschentuch hervor und rieb den Fußboden au diesem Punkt so lange, bis jede Spur geschwuntlen "war. Aus diesem Grunde empfing er nie Besuch «'"mos Kollegen, selbst eines nichtjüdischen. Und doch spielte er hier nicht die Rolle eines Fremden, sond' rn die des eigentlichen Hausherrn. Er nahm an allen Festen und freudigen Ereignissen der Witwe den regsten Ante'!. .Scinethalben hat sie dem Grafen, dem er eben die Ohrfeige gegeben und der ebenfalls dort wohnte, das /immer gekündigt. Er war ganz glücklich, die Sympathien aller nichtjüdischen und vornehmen Gäste der Obvrslcnswitwc zu besitzen, und so gewann er auch die Ueberzeugung, daß von Religionshaß keine Rede mehr sein könne, du sie ja ihn, die seine jüdische Abstammung genau kaanton, liebe- und respektvoll behandelten. Freilich gab er.rieh stet« die erdenklichste Mühe, den Juden weder durch Mine roch durch Ausdruck irgendwie zu verraten. Heute, am ersten christlichen Osterfeiertag, hatte man auch für ihn festlich hergerichtet, was das christliche Osterbrot und das junge gefüllte Schweinchen auf seinem Tisch bezeugten. All das machte ihm herzliche Freude, ungeheuchelt herzlich war der Kuß, den er heute seiner Zimmerfrau als Festgruß gab, und ebenso aufrichtig war seine Antwort auf ihren Zuruf: „Ja, er ist auferstanden!" In seiner Phantasie gestaltete sich der heutige Tag zu einem allgemeinen Verbrüderungsfest. Er gab sich der Hoffnung hin, daß sämtlicho Juden bald die sie verunstaltenden Sonderbräuche von sich weisen und sich gleich ihm der Auferstehung freuen würden. Da tauchte eine Erinnerung in ihm auf, die seine Freude trübte. Gerade an diesem Tag sollte die Ehrung des hebräischen Schriftstellers stattfinden. Damals hatte er diesem Beschluß beigestimmt, in der Erwägung, daß «eine festliche Kleidung am Feiertag der Zimmerfrau nicht auffallen würde. Nun aber, da er festlich angezogen dastand, dachte er an sein Versprechjen und wie eine dunkle Wolke senkte es sich auf seine Stirn. Er hat es ja versprochen und dennoch, wie inkonsequent schien es ihm, an diesem Tage bei der Ehrung eines hebräischen Schriftstellers mitzutun, der die in seiner freudig erregten Phantasie geschaffenen .Welten rücksichtslos zerstören wollte. „Nein", schloß er endlich ein längeres Selbstgespräch, in dem er all das Unheil erwog, das jener Schriftsteller anzurichten suchte. „Nein, ich gehe nicht. Später einmal wird man meinen Schritt loben." Bei diesem pathetischen Gedankenschluß ging die Tür seines Zimmers auf und der Briefträger übergab ihm zwei Briefe. „Brief von den Eltern", rief er freudig erregt, „Gruß zum Festtag!" Und rasch riß er das Kuvert vom Briefe. Allein gleich bei den ersten Worten, die er überflog, malte sich namenlose Bestürzung auf seinem Gesicht. „Lieber Sohn", schrieb der Vater, „die telegraphifiehe Nachricht hat Dich gewiß erschreckt Es war jedoch nicht meine Schuld ..." „Telegraphischo Nachricht, ich erhielt ja keine", rief er entsetzt, um dann rasch weiter '/u lesen .. ." „Allein man drängte mich, es Dir mitzuteilen, damit Du es durch die Tagespresse weiterverbreitest. Aehnliche Mitteilungen hatten wir auch den liberalen Zeitungsredaktionen zugeschickt, und Du wirst es gewiß schon erfahren haben. Mein Sohn, eine Welt von Hoffnungen liegt nun in Trümmern —■ der Tag hat sich in Nacht verwandelt. Wir haben Dir durch den Draht nicht die ganze Wahrheit mitteilen können, da man ja das Telegramm verstümmelt hätte. Im Brief aber will ich es versuchen, vor Dir ein treues Bild der schaudererregenden Svenen zu entrollen. Am ersten Osterfeiertag hieß es allgemein, daß die christliche Bevölkerung zu einem Kaub- und mörderischen Ueberfall sich rüste, was viele gleich entmutigte, worüber wir aber glaubten spotten zu müssen, und gaben nur dem allgemeinen verzweiilungsvoUen Drängen nach, beim Bezirkshauptmann Vorstellungen zu machen und um Schutz zu bitten. Ich war selbstverständlich der Sprecher der Deputation, und wie entsetzt und tieferschüttert stand ich da, als er uns zuerst eine volle Stunde antichambrieren ließ, um sieh uns dann vollständig fremd entgegenzustellen. Als ob er nicht vor kaum zehn Tagen an meinem Tisch bewirtet Worden und erst gestern am Spieltische mein Partner gewesen wäre! Streng fragte er, was wir wünschten. Ich fand keine. Worte, es dauerte eine gute Weile, bis ich mich wieder sammeln und ihm die verbreitete Schreckensnachricht übergeben konnte. „Wiewohl", fügt<* ich hinzu, „ich dem keinen Glauben schfnko, bitte ich doch für die anderen um ein Wort der Beruhigung." „So dachtet ihr euch", fuhr er uns barseh an, „daß ihr ewig ungestraft die Bevölkerung aussaugen und Vermögen zusammenhäufen würdet, während die Armen durch eure List und wucherische Geriebenheit immer tiefer ins Elend herabsinken? Das Volk, meinte er, sei nun müde, es länger zu ertragen, und wenn es sich erhöbe, zurückzunehmen, was gewesen und von ihm herstamme, habe es dazu ein gutes, unbestrittenes Recht." Bei diesen Worten faßte mich ein Schwindel und wie hunderte. Stimmen tobte es, sauste es In meinen Ohren und vor meinen Augen blitzte es in den buntesten Farben. Ich glaubte, den Verstand zu verlieren. Zunächst flammte es wie wilder Zorn in mir auf, so daß ich nahe daran war, mich auf ihn zu stürzen. Seine letzten Worte aber ließen das Blut in mir erstarren, ich zitterte in den Knien und konnte mich k.vum aufrechthaltcn. Statt meiner ergriff nun der simple Krämerjude Josephsohn das Wort, um in größter Ruhe zu fragen: „So haben wir von Ihnen nichts zu erwarten und müssen uns um Hilfe nach der Hauptstadt wenden?" „Weh' euch, wenn ihr es wagt", herrschte er uns au, mit dem Fuß stampfend, „ich lasse euch alle einsperren." „Ob das in Ihrer Macht liegt, uns alle einsperren zu lassen, weiß ich nicht", antwortete wieder Josephsohn mit derselben Ruhe. „Soviel aber weiß ich, daß es Ihre Pflicht ist, über die Ruhe der Stadt zu wachen. Wenn Sie es nicht tun und es im vorhinein zugeben, dann wird das vergossene Blut von Juden und Nichtjuden auf die fallen, die es verschuldet und versäumt haben, pflichtgemäß zu handeln. Ich gebe zu, daß es in der Macht der Massen liegt, uns großen Schaden zuzufügen, ich will aber nicht verschweigen, daß auch viele von uns nicht die Hände in den Schoß legen werden, um beim Rauben und Morden müßig zuzuselen." Der Bezirkshauptmann bebte vor Wut, suchte uns damit einzuschüchtern, daß jeder bewaffnete Jude hart bestraft werden würde, fügte aber gleichzeitig hinzu, daß er sich denn doch im Interesse der Ruhe bemühen würde, die gerechte Wut des Volkes im Zaum zu halten, und verbürgte sich für Ruhe. Kaum aber war der Abend herangedämmert, als das gräßliche Verderben mit vernichtender Vehemenz um sich griff. Viele Häuser wurden bis auf den Grund zerstört, nicht Stein auf Stein gelassen. Was immer dem wütenden Volke unter die Hand geriet, wurde zertrümmert und zerschlagen. So dauerte es die ganze Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag. Keine Hand regte sich, uns zu helfen, uns zu schützen. Wenn hingegen mancher Jude den Mut fand, diesen Vandalen entgegenzutreten, stellte sich ihm die bewaffnete Gendarmerie, wie aus einer Versenkung hervorgestiegen, entgegen, um ihn sofort der Justiz auszuliefern. So ging es von Haus zu Haus — plündernd, zerstörend und schändend. Auch unser Haus wurde nicht verschont. Deiner Schwester wurden die Wertsachen vom Leib gerissen, und wären unsere Nachbarn nicht sofort hilfreich herbeigeeilt und hätten sie im Keller versteckt, wir hätten Schmach an ihr erlebt. Zwei Tage und zwei Nächte weilten ich, Deine Mutter, mit den Kindern im Keller, ohne Speise, ohne Trank, hinter den Eisentüren. Ich erlitt einige, hoffentlich bald vorübergehende Verletzungen und auch eine Handverrenkung, die mich noch immer sehr schmerzte. Allein andere vierzig Personen wurden schwer verletzt, zwölf erlagen ihren Wunden und drei wurden auf offener Straße ermordet. Dieser Vandalismus wurde mit hellem Jubel begleitet. Erst nach zwei Tagen, als es nichts mehr zu plündern und zu zerstören gab, schritten Gendarmerie und Militär ein. Meine Teuren und Heißgeliebten lebten im Keller ohne Nahrung und unter Todesschrecken, während alles im Hause und um das Haus greulich vernichtet wurde. Viel greulicher aber ist, mein Sohn, die Verwüstung, die diese Szenen in meinem Gemüte angerichtet haben. Stell' Dir zu Bestien verwandelte Menschen vor, die mit blutunterlaufenen Augen, mordgierigen Blicken, aufgeschürzten Aermeln und barhäuptig, wie in einem Festzug in den Straßen jubelnd herumziehen, um zu morden, zu rauben, zu entweihen und schamlos zu schänden — Töchter in Gegenwart ihrer ohnmächtigen Eltern! Von diesem moralischen Schlag werde ich mich schwer je erholen können. Meine Ideale liegen wie Zerrbilder, wie leblose Fleischfetzen vor mir. . . Ich habe geirrt und an diesem Irrtum mein Leben vergeudet..." (Fortsetzung folgt.) (iroMe Akademie Oer Uukoah. Der Fußballklub Hakoah veranstaltet am 2. Februur um halb 11 Uhr abends im Stadtthealer unter der Devise ,,Nacht der Prominenten" eine große Akade/hie, zu welcher folgende jüdische Künstler Ihre Mitwirkung in uneigennützigster Weise zugesagt haben: Felix B r e sh a r t, Franz Engel, Jukob Fcldlummer, Fritz Grünbäum, Meiler und Wagner, Lilly und Emy Schwarz, Kritz Wiesen thal, sowie das Symphonieorchester des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs in der Stärke von 74 Mann unter Leitung des Dirigenten Dr. Kurt Pahlen, Conference: .Josef IJ a a r. — Weiters wirken in uneigennützigster Weise mit: Kammersänger Josef Kalenberg, Grete v. Schaffens, B61a Laszky. — Karten von S .1.— bis 8.— an den Stadttheaterkassen und beim Fußballklub Hakoali, I.. Kai 7 (Tel. R-25-4-97). yflj B c s t r c n o in m i c r i c K ii c Ii e ~M3 RE9CHHALTBGE MENÜS ä S I.SO UNO 2.60 SCH \V!■: L II ,\ I Ii K B R A U ' | H.Hammcr-Purgstall-Gassc 3 (nädist Salitotbrick«) © Tel. 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A., zugekommenen zahlreichen Beileidskundgebungen erlaube ich mir. auch namens meiner Angehörigen, auf diesem Wege meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Frieda Hudes. U! H;J A BORST R $ § JE Wochen-Kalender Jänner 1935 n'mn Schewat 5695 Freitag 25 21 Sabbateingang 4.40 Samstag 26 22 Sabbatausgang 5.50 Sonntag 27 23 Montag 28 24 Dienstag 29 25 Mittwoch 30 26 Donnerstag 31 27 Eigentümer, Verleger, Herausgeher und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- IX., Universitätsstraße und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beWWien, v

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