Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 430 (15.1.1935)
- Date
- 1935-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712054--4830-2718364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE NETTE WKIA Nr. 430 hUSkteowet AddtHeumtkk Wien I! empfehlen sich als Verlobte Wien, im Schewnth 569ö Unsere Tradition ist eingeschlafen Wir führen nfcht iwhr Freiheit und Menschlichkeit RevisiomsSisdie Welt* konferenz in Krakau Die ersten Referate Bei der Eröffnungssitzung am 10. Jänner referierte nach der Wahl des KonferenzpräsidmmS Dr. J. Hofmann (Riga) über die Tätigkeit des Exekutivkomitees, insbesondere Uber die einzelnen Aktionen der revisionistischen Union (Bekämpfung der Alijahbegrenzung, Kampf für die Saarjuden), ferner über den organisatorischen Aufbau und dessen Fortschritte. In der nächsten Sitzung sprach Dr. J. Schechtmann (Paris) über die Petitionsbewegung, wobei er ausführte, daß die Sammlung der 600.000 Unterschriften die erste Etappc der großen Volksakt.:on sei. Es sei die Aufgabe der VI. Weltkonferenz, jüdische und nichtjüdische Freunde der Volkspetition in England selbst zu schaffen. Schließlich verlas Schechtmann den Brief Wedgewood3 an Jabotinsky. (Siehe Näheres in der heutigen Nummer. Anm. d. Red.) Ben Chorin (Tel-Awiw) kritisierte die gegenwärtige Wirtschaftspolitik Palästinas, die eine stark passive Handeisbilanz zur Folge habe, da keinerlei Reglementierung von Import und Export vorgenommen werde. Die englische Administration berücksichtigt überhaupt nicht die jüdischen Interessen. Die Bahn Haifa—Bagdad, mit dem Geld der palästinensischen Juden gebaut, diene bloß strategischen Bedürfnissen. Erregten Verlauf nahm Dr. Wolfgang Weisis Referat Über die Wirtschafts- und Fihanzprobleme des Palästina-Aufbaus. Zunächst verlangte er, daß sich die Revisionisten als Zionistische Organisation erklären, da sie allein berechtigt seien, im Namen des jüdischen Volkes zu reden. Doktor Weisl sprach über die Petitionsbewegung, von der Notwendigkeit, über den Kopf der zionistischen Exekutive; hinweg, mit der britischen Regierung zu verhandeln und schlug die Schaffung neuer revisionistischer Wirtschaftsinstitutionen vor. Während dieses Referats machte Jabotinsky einige Zwischenrufe, so daß es zwischen ihm und Weisl zu einem Wortwechsel s kam. Noch während Weisis Rede verließ Jabotinsky den* Saal. Adv. M. Mowshovich referierte über die Alijah. Die Mandatarmacht erfülle in keiner Weise ihre Verpflichtungen. In den sechzehn Jahren des Mandatsregimes wanderten etwa 240.0Ü0 Juden ein, also etwa 15.000 im Jahresdurchschnitt. In der gleichen Periode hat sich die Zahl der a r a b i s c h e n . Bevölkerung um 300.000, d. h. 20.000 im Jahresdurchschnitt, erhöht. Die jüdis-che Immigration wachse progressiv. 1933 und 1934 kamen im Durchschnitt 40.000 Juden ins Land. Aber die Einwanderung ist eine solche, daß auf zwei Kapitalisten ein Arbeiter komme. Die Kapitalisten beschäftigen arabische Arbeiter, so daß' auf 1000 jüdische Arbeiter 3000 nichtjüdische Arbeiter nach Palästina einwandern. Diesliege im Plan der englischen Administration. Die frühere Alijah bestand aus jungen Kräften, die jetzige bringe alte Menschen ins Land. So werde die Hauptaufgabe des Zionismus, eine jüdische Mehrheit in Palästina zu schaffen, zu einer Illusion. Die Verteilung der Zertifikate durch die Jewish Agency sei ungerecht und von politischen Beweggründen diktiert. Eine große revisionistische Alijan sei die Grundlage für den Aufbau des jüdischen Staates zu beiden Seiten des Jordan. Es wurden ein Permanenzauaschuß und eine politische Kommission gewählt. Hierauf referierte Ing. S c h e s k i n über Gegenwartsarbeit der Union. Professor A. K u I i s c h e r referierte dann über juristische und .konstitutionelle Grundlagen der revisionistischen Bewegung. Ein Dementi Einige Zeitungen brachten den Text einer Begrüßungsdepesche, die das Mitglied der zionistischen Exekutive David Ben Gurion an Jabotinsky gelegentlich der revisionistischen Weltkonfernz in Krakau gesendet haben soll. Diesbezüglich erklärte Jabotinsky d«r J. T. A., daß er solch eine Depesche nicht erhalten habe. Die Presseagentur „Palco r" veröffentlicht hiezu folgendes: Die Meldung betreffs der Begrüßungsdepesche entspricht nicht der Wirklichkeit. Ben Gurion sandte einen Brief als Antwort an Jabotinsky auf dessen Anfrage bezüglich der Arbeitsverhältnisse. In dieser Antwort drückte Ben Gurion unter anderem den Wunsch aus, Jabotinsky möge auf der Krakauer Konferenz dahinwirken, daß eine einheitliche zionistische Organisation und die V e re i n i g u n g der ganzen palästinensischen Arbeiterschaft in einer Histadruth sowie eine Erweiterung der politischen und kolonisatorischen Arbeit unter der Fahne der zionistischen Weltorganisation zustandekornme. ^mmmmmmmmmmmm^mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm Indien-Vortrag Alice Schalek. Da auch die Wiederholung dba mit 200 eigenen, farbigen Lichtbildern illustrierten Vortrages „Wie man Indien sehen soll", ausverkauft war, wird ihn Alice Schale k am Samstag, den 19. Jänner, abends 10.30 Uhr, in der Urania zum fUiltcu iAsd tota, 1 Auf der revisionistischen Weltkonfere«« in Krakau wuide ein Schreiben des ehemaligen englischen Ministers und Abgeordneten J. C. Wedgew ood an den Präsidenten der Zionisten-Revisionisten Jabotinsky verlasen, weiches lautet: „Mein Heber Jabotinsky! Ich unterstütte die Weitpetition für das Recht der freien Einwanderung nach Palästina und stimme mit Ihrem Zweck vbillg überein. In dieser ungerechten Welt Ist dieses „Rocht» nicht mehr als simple Gerechtigkeit; für den verfolgten Juden ist es die einzige Hof inn n g. Die „A u fn a h m e f ä h i g Ue i t" des Landes wird sich dann von selbst durch natürliche Gesetze regeln, und wird nicht von denen beurteilt und bestimmt weru^n, welche für die Juden keine freundschaftlichen Gefühle hegen und mit ihrer Not kein Mitleid haben. Das englische Parlament ist die richtige Instanz, an die sich die Petition wanden muß. Auch seitens dieser Hörperschaft kann ich keine rasche und sichere Hillsaktion versprechen, aber es gibt meines Wissens keine andere Körperschaft, die für menschenfreundliche Beweggründe empfänglicher und darum geeigneter ist, diese elementare Gerechtigkeit zu sichern. Zwar ist auch das englische Parlament, wie alle anderen, von der ansteckenden Epidemie, die sich von B e r- 1 i n aus über die ganze Welt verbreitet, nicht verschont worden. Aber ich hoffe, daß es sich als erstes von der Infektion freimacht und daß die Weltpetition seine Sympathie erweckt und ihm dadurch zur Gesundung verhilft. Das Schweigen der englischen Staatsmänner angesichts dieser furchtbaren Krisis in der jüdischen Geschichte Ist für mich ebenso peinlich, wie es für die Juden -unheilvoll ist. Das starke Wort, das dan schlimmsten Grausamkelten Einhalt gebieten könnte, ist nicht gesprochen worden; wir sind nicht mit gutem Beispiel vorangegangen; wir führen nicht mehr die Welt der Freiheit und Menschlichkeit, wie wir es sollten. Unsere Tradition ist eingeschlafen. Und ich bejahe diese ehrliche und aulrichtige Weltpetition; möge sie die Flecken von unserem guten Namen wegtvischen. Ich kenne kein besseres Mittel, Ich bin dessen sicher, daß es von keinem Nutzen ist, wenn Juden die englische Regierung und das englische Volk angreifen. Wir sind daran seitens der Iren, Inder, Aegypter und Kommunisten in ausreichendem Maße gewohnt, so daß selbst die Aufmerksamsten unter uns es kaum noch bemerken. All dies wird mit dem Wort „unvernünftig" abgetan, während gerade die jüdische Forderung so pathetisch „vernünftig" ist. Man nennt uns „perfides A l b i o n". Aus welchem Grunde? Einfach darum, w<MI wir nicht alle dasselbe denken und sprechen. Da wir keinen Diktator haben, haben wir noch das Recht, verschiedane und entgegengesetzte Anschauungen zu äußern, und diese Widersprüche erscheinen dem Außenstehenden wie Heuchelei. KREUZ-KINO ' Wollzeile 17 Tel. R-24-2-16 Der brennende Strom mit Ran*o1nl Scott tt"ii Monte Blue. Die Gedankenfreiheit führt litis zur Verschiedenheit der Gedanken. Aber Angriffe atlf Antisemitische Engländer Sollten Heber Engländern überlassen werden, selbst wenn Ihre vulgären Vorurteile In bc«ug auf Palästina die jüdische iGmansr.ipation ohne Jeden Grund aufhalten. Machon Sie die Petition mit Würde; verhalten Sic sich wie Stoiker und beten Sie: daß der Gott Abrahams, Isaaks und Jaakobs ein freies England da?,u führe, das Unrecht wiedergutzumachen und so „Dein Volk Israel" *u retten. Selen Sic versichert, duß, wßlm der geeignete Zeitpunkt kommt und ich dann noch Purlamcntsglled bin, die Petition vorgebracht werden wird. Herzlichst Ihr J. C. Wcdg< wood." Der treue alte Freund des Zionismus unterstützt hier den Gedanken der Weltpetition um das jüdische Rechtauf Palästina. Es muß bei dieser Gelegenheit daran erinnert werden, daß gegen die von ihm, dem Engländer, so warm befürwortete Idee von zionistischer Seite gesündigt Wurde, Als die Zionisten-Revisionisten vor mehr als einem Jahre die Kampagne für die. Weltpetition, einleiteten, leiteten die Zionistische Exekutive, die Linken und Allgemeinen Zionisten eine erbitterte Gagenaktion ein. Sie verboten die Unterzeichnung und drohten mit Disziplinierung und Strafen. So wurde z. B. die Jude nstaatspartei, welche sich weigerte, ihren Mitgliedern, die Unterfertigung der revisionistischen Petition zu untersagen, von der Londoner Exekutive zur. Verantwortung gezogen. (Die Judenstaatspartei hat sich allerdings weder von Parteiegoismus noch durch die Drohungen der obersten Leitung von ihrem Standpunkt abbringen lassen.) Aber auch die Revisionisten selbst haben die von ihnen propagierte Bewegung um die Wirkung gebracht, indem sie aus der Petition eine revisionistische Parte i* sache machten, ohne die anderen willigen Parteien her* anzuziehen. Auch damals war es Minister Wcdgewood, der davor warnte. In einem im revisionistischen „Chasit Haam" wiedergegebenen Gespräch sagte er: „Die Petitionsbewegung könnte kolossale Resultate bringen, wenn sie nicht nur von einer Partei organisiert wäre. Der Haß der Parteien ist so groß, daß es genügt, weine eine Partei etwas noch so Richtiges sagt, die anderen zum Widerstand zu reizen. Die Lage wird sich nur bessern, wenn alle zionistischen Parteien in der Petitionsbewegung zusammenarbeiten werden." Weil diese Mahnung nicht befolgt wurde, ist die erste Petitionsbewegung resultatlos geblieben. Wenn die Krakauer revisionistische Konferenz eine neuerliche Petitionsbewegung einleiten sollte, dann mögen ihre Führer die Worte Wedgewoods beherzigen und alles daransetzen, die anderen Gruppen heranzuziehen und die Sache aus dem engen Rahmen einer Partei herausheben. Sonst wird trotz verdoppelter Anstrengung kein besseres Resultat erzielt werden. RUNDSCHAU Zionismus und „ Weltlte» rsdt aftswille" Der Schriftsteller Franz W e r f e 1 hat ein biblisches Weihefestspiel „Weg der Verheißung" geschrieben, Max Reinhardt soll es inszenieren, Kurt Wei 11 (der Komponist der Dreigroschenoper) musikalisch untermalen. Danach zu schließen, was bisher über dieses Werk zu hören war, dürfte es eine Art biblischer Revue sein, geboren aus der „jüdischen Stimmung", die sich bis zum Ersticken verdichtet und sogar solch einen hartgesottenen Weltfreund wie Werfel mitgerissen hat. Werfel ist — für ein paar Monate — der Impression der aktuellen Judenfrage erlegen. Jedes halbe Jahr entdeckt er neue literarische Horizonte. Diesmal will man aus ihm einen — jüdischnationalen Diohter machen. Die Zeitnähe des biblischen Stoffes wird ihm gutgeschrieben. Die jüdischen Bücherleser und Verehrer Werfeis sind glücklich, ihn auf einem Weg zu sehen, der zur jüdischen Seele und jüdischen Volksgemeinschaft führt, und flugs entsteht das Gerücht, Werfel sei Z i o n i s t. Gewiß muß man einem Schriftsteller 'die Sprünge in der Wahl des Stoffes nicht als Charakterwindigkeit anrechnen. Aber gerade hier, im Fall Werfel, liegt der Verdacht, dem Zeitgeschmack eine Konzession gemacht zu haben, sehr nahe. Denn bisher zeigte Franz Werfel für das Schicksal — beispielsweise — der Armenier („Die vierzig Tage des Musa Dhag") mehr Interesse als für das seiner Glaubens-, Rasse- und Volksgenossen. Jedenfalls bezeugt die Nazipresse für Werfet „Weg der Verheißung" große Anteilnahme. Sie sieht scheinbar in diesem Weg der Verheißung das vom Hakenkreuz so oft an die Wand gemalte Bestreben der Juden, die Welt zu beherrschen, und warnt die Deutschen und empfiehlt ihnen, vor solchem Bestreben auf der Hut zu sein. Bei dieser Gelegenheit tischt sie wieder ihre alten Lügen und Verdrehungen auf. So schreibt die „Nationalzeitung" in Essen: „Es Ist bekannt, daß keine einzige Judenverfolgung stattgefunden hat, die nicht ihre Ursache in einer ganz gemeinen Schandtat von Juden gehabt hätte. Ohne eigenes Verschulden ist den Juden nicht ein Haar gekrümmt worden. Von den zahllosen Beispielen, die hiefür die Weltgeschichte, ja selbst das sicherlich nicht immer geschichtliche Alte Testament bietet, muß im Rahmen einer Tageszeitung selbstverständlich abgesehen werden; wesentlich ist, daß sich die einschlägigen Gelehrten einig sind in der Meinung, daß durch die jüdische Ge&chichte wie ein roter Faden eine nie unterbrochene Kette von schwersten Versündigungen an den Wirtsvölkern geht, angefangen beispielsweise bei den gerichtsnotorisch bestätigten Ritualmorden des Mittelalters und der Folge- ' zeit bis hin zu der großartigen und nicht anders als teuflisch zu nennenden politischen Brunnenvergiftung und Zersetzung, die das Weltjudentum immer und immer wieder anzettelt und mit Eifer betreibt." Was dieser Unsinn mit Werfeis „Weg der Verheißung" zu tun hat, ist vorerst nicht ganz klar. Man beginnt ihn erst zu verstehen, wenn man liest, daß das nationalsozialistische Blatt Werfel als Zionisten apostrophiert und zur Pointe kommt: „Bisher konnte der Nationalsozialismus der zionistischen Bewegung eine gewisse Sympathie nicht versagen, weil er in ihr einen gesunden Ausgangspunkt für eine endliche Bekehrung des Judentums zu den Werten eines achtunggebietenden Nationallebens zu äehen meinte. Wenn sich der Zionismus jedoch dazu herbeiläßt, das jüdische Erbübel des Weltherrschaf tswlllens aufzugreifen, der sich seit jeher unter der Flagge des .Messiasglaubens' verbirgt, wird die Sache anders! Dann allerdings heißt es auf der Hut sein ..." Die Nazipresse versäumt keiuo Gelegenheit, der Welt die Fabel von den jüdischen Herrschaftsbestrebungen aufzutischen. Aber auch im Fall Werfel greift sie daneben. Dieser Prager Schriftsteller, der zusammen mit Max Reinhardt und Kurt Weill ein Bibelfestspiel auf die Beine stellen will, hat mit dem Aufbruch der jüdischen Nation nichts zu!un. Er läuft bloß daneben und hält Stimmungen fest. Neue deutsche ludenpolitik Der englische Zeitungskönig Lord Rothermere beginnt seinen Sohn in die großen Dinge der Welt, zunächst wahrscheinlich der Zeitungswclt, einzuführen. Man weiß, daß Rothermere mit den konservativen Strömungen in der Weltpolitik sympathisiert und einen Zorn hat auf alles „Destruktive", wozu seiner gewiß bescheidenen Meinung nach auch die Friedensverträge gehören. Lord Rothermere ist mit einem Wort für die Revision der „ungerechten" Verträge. Er hat daher auch nichts gegen Hitler. Sein Sohiv mit dem er Kürzlich in Berlin auf einem von Hitler ve*»