Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 429 (11.1.1935)
- Date
- 1935-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Prikt 30 Groschen fatifgang 9 Freitag, den 14* 1^, Nr« 439 V. b. In Leitung vom Verleger versende* expfidie par rediteur** IE \^ U IE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— : Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—;- Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—. vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Franc3 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, TeL A-20-2-78 — Erscheint Dienslag u. Freitag Reifet die Saar*Juden! Voranzeige In der ganzen Welt finden in den Tagen nach der Abstimmung im Saargebiete (Sonn« tag, am 13. Jänner) große jüdische Kundgebungen statt, um das Gewissen der Welt zu rühren und die Juden im Saargebiete vor dem entsetzlichen Schicksal, welches die Juden in Deutschland erlitten haben, zu bewahren. Donnerstag, am 17. Jänner, um halb 9 Uhr abends, findet im Festsaale des Hotel Con* tinental IT Taborstraße, die Kundgebung der österreichischen Judenschaft statt. Redner der jüdischen lind zionistischen Organisationen werden sprechen. . Juden Oesterreichs, erscheint in Massen! Es geht um das Schicksal der 6000 Bruder im Saarland! Von Rabbiner Dr. Ruelf, Saarbrücken. Am kommenden Sonntag, den 13. Jänner, dem Plebiszit-Tag: im Saarland, entscheidet sich das Schicksal der Saar-Bevölkerung und damit auch der J u d e n dieser Provinz." Herr Rabbiner Dr^ Ruelf, der die Rechte und Interessen der Saarjuden mit Würde und Mut vertritt, stellt der J. T. A. die folgenden Ausführungen zur Verfügung: ■ Im Saargebiet leben etwa 5000 Juden, davon etwa die Hälfte in der Hauptstadt Saarbrücken. Sie ernähren sich ähnlich wie die deutschen Juäe,i> v.otti Großun<* Detailhandel, auf dem Lande zum Teil vom Viehhandel. Es" gibt eine Anzahl Aerzte und Rechtsanwälte, einige Fabrikanten und Großhändler für Produkte/ der Eisen- Industrie. : ' .' , Nach dem Umschwung in Deutschland flutete eine Welle der jüdischen Emigration durch das Saargebiet. Die ansässigen Juden halfen ihren vertriebenen Brüdern, soweit es in ihren Kräften stand. Die meisten Flüchtlinge zogen weiter in die westlichen Länder. Ein Teil blieb im Saargebiet. Viele, die bereits mehrere Monate in Frankreich zugebrächt hatten, wurden vor kurzem aut Grund sehr harter Bestimmungen von der französischen Regierung ausgewiesen und setzten sich, da sie nicht nach Deutschland zurückkehren konnten, im Saargebiet fest. Ein großer Teil von ihnen ist mlttellgs und wird von den Saarjtiden ernährt. In dieser Situation führen die Juden des Saargebiets seit-eineinhalb Jahren einen furchtbaren Kampf um ihr Leben. Nach dem Vorbild des D r i 11 e n R e i c h e s und unteV dem Zwang der Gleichschaltung und des Terrors begannen die meisten Saarländer gegen ihre jüdischen Mitbürger» rnit denen sie bis dahin im allgemeinen friedlich zusammengelebt hatten, eine feindliche Haltung einzunelimen. Boykott^ Diffamierung, Ueberfälle, physische Bedrohung, Mißhandlung der jüdischen Kinde.r. durch die nichtjüdische Jugend, wurden fast alltägliche Erscheinungen. Zwar sucht die vom Völkerbund eingesetzte Regierungskommission des Saargebiets die Juden zu schützen, aber ihre Macht ist gering gegenüber einer Bevölkerung, die ihre Direktiven von der deutschen Regierung bezieht und diese Befehle — teils willig, teils unter Zwang — gehorsam befolgt. Am 1. März 1934 begann der Abstimmungskampf mit der Gründung der „Deutschen Fron t". Dieser Name ist nur eine Umschreibung für die Nazi-Front, denn Organisation und Einfluß sind allein in den Händen der Nazis, denen sich die übrige Bevölkerung unterordnet. Jedes Mitglied der „Deutschen Front" — und wer könnte es wagen, nicht Mitglied zu sein! — wird vonj Blockwart, dem jeweils einige Häuser pugeteilt Bind, streng beaufsichtigt, ob er keine hitlerfelÄdUchen Zeitungen liest, ob er die Versammlungen der „Deutschen Frönt" besucht, ob er an den dafür bestimmten Tagen die H a k c n k r c u z f a h n e aus dem Fenster hängt und dergl. So wird das Bild einer einheitlichen politischen Meinung vorgetäuscht. Anfangs wagten es nur wenige, sich diesen Befehlen, die meist direkt aus dem Propagandaministerium in Berlin stammten, zu widersetzen. Die DrohungmitRepro'ss a1 i e n nach der Rückgliederung tat ihre Wirkung^ Wer noch über das Jahr 1985 hinaus Heimat, Vermögen und Stellung gehalten wollte, glaubte sich1 unterordnen zu müssen. Das Produkt des Druckes war Gesinnungsheu c h e I c i. Die „Deutsche Front" verstand es, durch eine ebenso geschickte wie skrupelloso Propaganda den Sieg Hitlers bei der Abstimmung als völlig gesichert hinzustellen und mit der Drohung „Wir werden uns die Verräter für 1 9 8 5 m e r k e n" Furcht und Schrecken zu verbreiten. Die Opposition der Sozialisten und Kommunisten, zu denen sich später ein Teil der glauben streuen Katholiken gesellte, wurde als ein Häuflein von Verrätern und Emigranten, bezeichnet, die keinen Anhang , in der Bevölkerung hätten. . Zwar wuchs die Opposition von Monat zu Monat, besonders nach dem 80. Juni ürid der Ermordung prominenter deutscher Katholikenführer. Aber die Wahrheit konnte nur langsam und unv/atökornmen durchdringen, weil der Saarländer nur die ZeitmS^en der „Deutschen Front" lesen durfte, die ihm solche Tatsachen verschwiegen oder entstellt zur Kenntnis brachten. Seit dem 1. Dezember 1934 hat sich die Lage sehr stark,geändert, und'zwar durch zwei Tatsachen; . 1. Die glauben st reuen Katholiken traten aus ihrer vorsichtigen Reserve heraus "und gründeten den „Deutschen Vb l'ksbcu n d für christlichs o z La 1 e' Ku 11 u r". Dieser Bund, bei dessen Gründung ein großer Teil der katholischen Pfarrer anwesend war, tritt offen für den Status quo ein; sein Organ ist die Jöei (Srhrunhungcn her flfl.M^<Af'Ä «tmimgsor9ßne MjtCOlOUer i« A**l««/t**Si.t ^HBr< /SottMMhMtlMM Deriucitbe (Sauprbrurtn gemengt ■ mit fjeifeer 9JWdi hitlerfeindliche „Neue Saarpost". Etwa 90 Prozent der Pfarrer stehen hinter dem Volksbund. Allerdings sind die Pfarrer durch ein von Hitler erzwungenes Verbot der Bischöfe von Trier und Speyer daran gehindert, in Versammlungen und in den Kirchen offene Propaganda zu machen. Aber ihr Einfluß auf die Bevölkerung, die zu 70 Prozent katholisch ist, ist noch immer ziemlich groß. Im Gegensatz zu den beiden Bischöfen hat der Vatikan seine Neutralität erklärt und jede der drei Entscheidungen des Plebiszits als mit dem Gewissen des Katholiken vereinbar bezeichnet. 2. Hiezu kommt eine sehr wichtige Befreiung des nationalen Gewissens. Der Völkerbundrat hat in seiner Dezembertagung die Möglichkeit einer zweiten Abstimmung für den Fall, daß sich jetzt die Bevölkerung für den Status quo entscheidet, als zulässig bezeichnet. Die Ratsmitglieder Laval und Litwinow und der Ratspräsident Benesch haben dies ausdrücklich festgestellt. Dadurch kann der national empfindende Deutsche seine Entscheidung für den Status quo treffen, ohne damit die dauernde Abtrennung des Gebietes von Deutschland herbeizuführen. Nach einer Reihe von Jahren, wenn Deutschland wieder vom Joche der Hitler-Herrschaft befreit ist, kann das Saargebiet auf Grund einer neuen Abstimmung wieder zu Deutschland zurückkehren. So stellt die jetzige Abstimmung die Bevölkerung^ nicht vor die Frage: „Deutschland oder Frankreich?", sondern vor die Frage: „Hitler-Deutschland oder ein Deutschland der Freiheit und Gerechtigkeit?" Die Abstimmung wird zu einer großen und für die ganze Welt — besonders auch die jüdische Welt — wichtigen Entscheidung für oder gegen Hitler. 3. Der Völkerbundsrat hat ferner verfügt, daß im Fälle der Rückgliederung schon sehr bald die im Saargebiet im Umlauf befindlichen französischen Francs in Reichsmark umgetauscht werden müssen. Die deutschen Devisenbestimmungen treten, so fort in Kraft. Kein Saarländer darf dann noch Francs besitzen oder freie Konten auf ausländischen Banken haben, wenn er sich nicht schweren Strafen aussetzen will. Das ist ein schwerer Schlag für alle Besitzenden, die bei eiqer Rück- BESTE QUALITÄTEN! KOHLE ASCH * iv9 Argentiniers™. 22 - tel. serie U.47.5.40 ern gefährlich? Im Beginn harmlos — vernachlässigt oder unrichtig behandelt, Anlaß zu ernsten Erkrankungen. 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Jänner wahrscheinlich eine recht beträchtliche Minderheit, vielleicht sogar eine Mehrheit für den Status quo ergeben wird. Welches sind die Konsequenzen für die Juden des Saargebietes? 1. Bleibt der Status quo erhalten, so werden die Juden in leidlicher Ruhe und Sicherheit an der Saar verbleiben können. Zwar wird der Antisemitismus nicht verschwinden, solange Herr Goebbels in Berlin Propagandaminister ist. Aber die saarländischen Behörden haben dafür gesorgt, daß die Juden ungestört ihren Berufen nachgehen können und vor den schlimmsten Angriffen und Diffamierungen geschützt werden. Viele Juden, die bereits das Saargebiet verlassen haben, werden zurückfahren. An der Saar wird es eine friedliche Insel geben, wo für das deutsche Judenproblem eine Teillösung erreicht ist. Aber was das Wichtigste ist: Das Prestige Hitlers wird sehr stark geschwächt sein, wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung eines zweifellos deutschen Landes gegen ihn und sein System ausgesprochen hat. Sein Sturz kann dadurch beschleunigt werden. Auf jeden Fall wird die judenfeindliche Propaganda in allen Ländern einen schweren Schlag erleiden. 2. Wenn das Saargebiet im Prozentverhältnis des Abstimmungsergebnisses geteilt wird, so gelten alle unter 1. genannten Vorteile für den autonom bleibenden Teil des Saargebietes. Auf Grund eines Optionsrechtes werden alle Saarjuden in den autonomen Teil übersiedeln können und dort gleichsam eine Zufluchtsstätte besitzen. 3. Dagegen wäre eine Rückgliederung des gesamten Saargebietes an Hitler-Deutschland ein furchtbares Unglück für die Saarjuden und für das Judentum überhaupt. Der Siegerübermut des Dritten Reiches würde keine Grenzen kennen. Alle Rücksichten, die heute noeh auf die deutschen Juden genommen werden, würden aufhören. Die antisemitische Propaganda in allen Ländern würde einen gewaltigen Auftrieb erhalten. Den Juden an der Saar aber stände ein schlimmes Los bevor. Die meisten von ihnen können nicht auswandern. Denn die Besitzenden können ihre Immobilien nicht verkaufen, da es schon heute kaum Installationen Elektr. Kraft-, moderne Beleuchu Li. ... .---.r-- tungs- und Radioanlasen, elektr. Hausnaltungsgerate, Luster, Radio / Fachmännische Beratung kostenlos PAUL HELLER, I, Lichtensteg 1 - Tel. U-21-912 "WO Hotel Arras NIZZA 7 Avenue Baquis Aller Komtort. Elegante .Zimmer. Nahe am Meer und Kasino. Idealer Aufenthalt. Komplette Pension: fFrcs. 35.-- Pension Irma Meister. Heran is: tsevsetaj^s^ „t?ä ,ss, •«»?!: Ol M E R A N »«7»'«»H»«AN unmittelbart Nähe der Kurpromenade und« des Kurhauses ' Wehster Komfort / ButterkWie * / Lire 21