Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 423 (18.12.1934)
- Date
- 1934-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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iSeite„4 , DIE^OTÜE WELT. Nr. 423 liiäiscJte RöMHuMeu 9190* Bidik „Eine bodenlose Gemeinheit", sagt Gorki Von Benzion K a t r. In Sowjetrußland vorstand Maxim Gorki, den Dichter Bialik richtig einzuschätzen. Hätte Gorki diesbezüglich auf der Konferenz der russischen Schriftsteller vorsaht, die knapp nach Bialiks Tod zusammengekommen waren, wurde»'die jüdischen Kommunisten aus dem jüdischen Nationaldichter Bialik eine Spottfigur gemacht haben. Jetzt aber müssen sie mit Gorkis Autorität rechnen und innehalten mit ihrem von Gift und Galle durchtränkten Haß gegen Ch. N. Bialik. Die Jewsekzen, das sind die Mitglieder der jüdisch- Kommunistischen Sektion der Sowjetregierung, wußten davon, daß Bialik sie nicht leiden mochte, auch wenn er wenig über sie sprach. Hingegen war ihre Feindschaft gegen den Dichter wie der Haß des rohen, ungebildeten Menschen gege"n den Gelehrten und Weisen. Viele führende Jewsekzen hatten sich an Bialiks Geist gebildet und kannten seine Schriften auswendig; sie wußten auch, daß in ihren Reihen niemand mit Bialik konkurrieren könne. Bialik kannte die Gesellschaft sehr gut. Einige von ihnen waren Jünger der Odessaer Jeschiwah, in der Bialik Vorträge gehalten hatte. Als diese Jungen zur Macht gelangten, hielt Bialik mit seiner Kritik nicht zurück, im Gegenteil, er sprach ganz offen vor ihnen. Sie konnten damals gegen ihn den Verdacht, Konterrevolutionär zu sein, aussprechen, sie konnten ihn verhaften, aber sie taten es nicht. In den Monaten des Bürgerkriegs wurden Menschen verhaftet, erschossen, in Kerker verschickt... Bialik war seines Lebens nicht sicher, aber er ging stolz seinen Weg. Er besaß einen Schwager, den Kommunisten Gomornik, der in Kiew Generalgouverneur war, aber er hatte zu ihm alle Beziehungen abgebrochen und auf jede Protektion verzichtet. Ganz unversehends wurde Bialik Fürsprecher bei der Sowjetregierung, wenn es galt, jemand vom Tod zu retten. Aber er tat dies offen und ohne Protektion, weshalb seinen Bemühungen der Erfolg öfters versagt blieb. Dies hing mit der großen Feindschaft der jüdischen Bolschewiken gegen ihn zusammen. Bialik erzählte mir einmal, es hätte sich unter den jüdischen Bolschewiken von Odessa das Gerücht verbreitet, daß er ein großes Gedicht über die „Tscheka" (die geheime Staatspolizei, die Menschen verhaftete und verschwinden ließ) in der Art seines berühmten Pogromgedichtes „Maße Nemirow" geschrieben habe. Die Möglichkeit der Existenz solch eines Gedichts versetzte den kommunistischen Klüngel, der Bialiks Dichterkraft kannte, in heillosen Schrecken, zumal das Gedicht im Ausland unter einem Pseudonym (Bialiks Stil hätten sie unbedingt erkannt!) erscheinen konnte. Darum war es für die jüdischen Kommunisten klar, daß man Bialik nicht ins Ausland herauslassen dürfe. Bialik wußte das und hoffte auch, nicht, Sowjetrußland verlassen zu können. Er versuchte einige führende jüdische Kommunisten zu überzeugen, daß er solch, ein Gedicht nicht geschrieben habe, aber sie glaubten ihm nicht, da sie es ihm zutrauten ... Aber die jüdischen Kommunisten hatten Pech: Maxim Gorki mischte sich in die Sache ein, indem er ihnen das Opfer entriß. In den Jahren 1920/21 hatten die jüdischen Kommunisten nicht die Möglichkeit, Gorki zu bekämpfen, obwohl er damals kein offizielles Mitglied der kommunistischen Partei war. Anfangs 1922 hatte Gorki seinen Einfluß auf die Machthaber verloren. Das war zu einer Zeit, da Lenin schwer krank war. Der faktische Beherrscher Sowjetrußlands war damals D uschinski, das Oberhaupt der Tscheka, der Gorki nicht gut gesinnt war, weshalb dieser nur bei unbedeutenden Interventionen Erfolg hatte. Gorki fiel es nicht schwer, Lenin zu überzeugen, daß man die hebräischen Schriftsteller, deren Werke in Sowjetrußland nicht erscheinen konnten — Hebräisch £Slt als konterrevolutionär und national-chauvinistisch —, ine Ausland lassen müsse. Aber gerade Bialik wollten die jüdischen Kommunisten nicht freigeben. Bialik selbst dachte nicht daran, sich in seiner eigenen Angelegenheit an Gorki zu wenden. Das taten andere hebräische Schriftsteller. Gorki veranlaßte Lenin, Bialik die Ausreise zu gestatten, weil ihm dessen großes Talent imponierte. Er kannte einige Schriften hebräischer Schriftsteller in russischer Uebersetzung und erklärte, daß Bialiks „Arje bai guf" das Beste sei, was er auf diesem Gebiet kenne. Später, als Bialiks Schriften in der russischen Uebersetzung Jabotinskys erschienen, hatte Gorki Gelegenheit, Bialiks Bedeutung in ihrem ganzen Umfang kennenzulernen. Gorki, der tatsächliche Schriftleiter der russischen Sammelbücher „Snanje" (Wissen), wendete sich an Bialik mit. der Anregung, er möge ein Buch über Moses schreiben, aber Bialik lehnte die Aufforderung, die an ihn knapp nach den erschütternden Pogromen in der Ukraine erging, ab. Aber auch sonst wendete sich. Gorki in verschiedenen politischen und kulturellen Fragen an Bialik, den er für einen außerordentlichen Menschen hielt. Als Rußland während des Weltkrieges (1916); Bialiks 25jähriges Schriftstellerjubiläum feierte, schrieb Gorki in der zionistischen Zeitschrift (damals war der Zionismus nicht verboten) ,,Jewrejskaja Schlsn" einen begeisternden Artikel über den hebräischen Dichter. II. In den Jahren 1920 und 1921 hatte die jüdischkommunistische I^.tei im Rahmen der Sowjetpolitik einen ziemlich großen Einfluß. Als Lenin einen Antrag, das hebräische Theater „Habira a" durch eine Subvention zu unterstützen, unterschrieb, konnte die Jewsekzia wagen, in einem Protest dagegen aufzutreten. Sie sah dies als Parteisache an und intrigierte gegen Gorki, der, wie gesagt, nur in kleinen Dingen etwas durchsetzen konnte. Als Bialik Anfang 1921 von Odessa nach Moskau kam, um die Formalitäten wegen seiner Ausreise durchzuführen, plante Gorki. zusammen mit dem Volkskommissär Lunatscharsky, für Bialik einen Ehrenabend zu veranstalten,. an welchem Gorki und Lunatscharsky den hebräischen Dichter feiern sollten. Es waren schon die Plakate gedruckt, Zeit und Ort bestimmt, als die jüdischen Kommunistenführer Mereschin, Tschemerinsky und Litwakow ein Geschrei erhoben — gegen die Ehrung eines hebräischen Dichters, eines Konterrevolutionärs und Chauvinisten. Der Abend wurde tatsächlich abgesagt. Die Jewsekzen hatten ihren Erfolg. Damals rief Gorki in bezug auf die Handlungsweise der jüdischen Kommunisten aus: „Eine bodenlose Gemeinheit!" Trotz der Ausreiseerlaubnis hatte Bialik in Moskau von den Jewsekzen viel auszustehen. Sie verfolgten ihn auf Schritt und Tritt. Die jüdischen Kommunisten glaubten noch immer, er werde im Ausland sein „neues Gedicht" über die Tscheka erscheinen lassen. Schließlich reiste Bialik ab. Er hätte Gelegenheit gehabt, vieles über Sowjetrußland zu sagen. Aber all die Schauergeschichten, die er in Interviews erzählt haben sollte; waren Phantasien der Redaktionen. Als ein russisches, antibolschewistisches Organ in Berlin ein Gespräch mit Bialik veröffentlichte, in welchem er berichtet haben soll, er habe bei einem Kommunisten einen Ueberrock aus einer Thora- Umhülle gesehen, protestierte Bialik gegen diese Unwahrheit. Als er hingegen mit russischen Zionisten in Palästina sprach, die unter gräßlichen Leiden und Verfolgungen aus Rußland flüchteten, rief er die Kulturwelt in einer großartigen Rede gegen die grausame Politik Sowjetrußlands auf und machte einen tiefen Eindruck überall, außer in Sowjetrußland selbst. Die jüdischen Kommunisten Sowjetrußlands unterdrückten nämlich diese Protestrede. Lange Zeit hindurch verschwiegen die jüdischen Kommunisten in ihrer Presse die Existenz Bialiks. Erst als er an dem Kampf gegen die sogenannte „Dollarinquisition" teilnahm, setzten sie ihre Hetze fort. (Die Dollarinquisition bestand darin, daß die Sowjetregierung durch ihre Spitzel allen Juden, welche von ihren im Ausland lebenden Verwandten geldliche (valutarische; Unterstützung erhielten, die Auslandsvaluten, vornehmlich Dollars, abnahm. D. Red.) David B e r g e 1 s o h n, der jiddische Schriftsteller, der von Polen nach Sowjetrußland übersiedelte, übernahm die „ehrenvolle" Mission, Bialik in niedriger Weise anzugreifen und ihn mit Verleumdungen zu überschütten. Der Kampf der jüdischen Kommunisten Sowjetrußlands gegen Bialik hat nicht aufgehört. Aber er ist jetzt weniger -sichtbar und fühlbar. Denn Maxim Gorki genießt heute in Sowjetrußland ein solch großes Ansehen, daß man ihn in der Verteidigung Bialiks öffentlich nicht mehr stören kann. Sein Wort „Bodenlose Gemeinheit!" zittert heute noch nach. 21 jüdische Arbeiter verurteilt Aus Jerusalem: Der Jaffaer Friedensrichter Commander Bodilly verurteilte 21 jüdische. Arbeit e r wegen Postenstehens vor Orangenplantagen in Kfar Saba, in denen arabische Arbeiter beschäftigt wurden, zu je 8 Pfund Geldstrafe oder sechs Wochen Arrest. Oeffentlichc Diffamierung von Juden Aus Berlin: Im Rathau sc B e r I i n C h a r« 1 o 11 e n b u r g ist ein Plakat „K raf Idurcli Freud o." ausgehängt; darüber ein gelber auffallender Zettel, auf dem in Fettdruck zu lesen ist: „Juden sind hier unerwünscht und überflüssig! Juden wollen die Vernichtung der deutschen Ras3e! Juden sind die Befürworter' der Rassensch an de! Juden sind die Blutsauger und Würger der deutschen Arbeiter! Juden sind die Schänder der deutschen Mädchen und Frauen! Juden sind die Schuldigen der vielen Kriege! Juden sind die Schuldigen des deutschen Unglücks! Drum fort mit allem Judengemauschel!" Dazu bemerkt die Berliner zionistische „Jüdische Rundschau": „Es ist wohl kein unbilliges Verlangen, daß in einem A m t s g e b ä u d e, das allen Teilen der Bevölkerung offensteht, ein solcher Anschlag, der einen Teil der Bevölkerung in seiner Ehre verletzt, unterbleibt." Boykott-Terror in Deutschland Aus Hildesheim: In einer stark besuchten öffentlichen Versammlung gab der Kreisamtsleiter Schlotter die Namen von zwei Einwohnern Hildesheims bekannt, die beim Einkauf Juden vor Deutschen den Vorzug gegeben hätten. Der Hauptredner des Abends, stellvertretender Gauleiter Holz (Nürnberg), erklärte, derartige Namensveröffentlichungen seien sehr zubegrüßen, und regte die Auflegung von Listen an. Aus Bielefeld: Die Handwerkskammer Bielefeld hat an alle Kreishandwerksmeister ihres Bezirkes ein Schreiben versandt, worin in sehr scharfer Form dagegen Stellung genommen wird, daß Handwerksmeister bei Juden kaufen. In dem Zirkularschreiben heißt es: „Meister, jagt Eure Frauen aus dem Hause, wenn sie beim Juden kaufen. Angestellte der handwerklichen Organisationen, die beim Juden kaufen, sind sofort zu entlassen." „Mein Kampf" freigegeben Hitlers „Mein Kampf", der bisher in Polen verboten war, ist auf Grund des jüngsten deutsch-polnischen Presseabkommens freigegeben worden. Jüdisches im Radio Dienstag, den 18. Dezember: 19.30 Uhr Brüsssel franz. (483 m): Nr. 1 Arie aus der Oper „Der Prophet", von Meyerbeer. Nr. 2, Arie aus der Oper „Samson und Dalila", von Saint-Saens. Mittwoch, den 19. Dezember: 12.00 Uhr Straßburg: Kleines Orchesterkonzert, 3. Serenade von Moszkowsky. 19.30 bis 19.50 Uhr Poste-Parisien (312 m): Aussendung von der „Voix d'sraöl". Donnerstag, den 20. Dezember: 13.05 Uhr Straßburg: Schallplatten, 14.00 Uhr Französische Lieder von M i s r a k i. Freitag, den 21. Dezember: 13.00 bis 13.30 Uhr Radio-Paris (1648 m): Aussendung von der ,Voix d'Israel". Samstag, den 22. Dezember: 13.05 bis 13.30 Uhr Wilna (565 m): Jüdische Gesänge auf Schallplatten. 20.55 Uhr S o 11 e n s (franz. Schweiz) (443 m): Paul Trempley: Sinai. Vortrag. Dollfuß an Oesterreich. Im Wiener Reinhold-Verlag ist soeben ein Buch erschienen: „Dollfuß an Oesterr e i c h." Eines Mannes Wort und Ziel. Herausgegeben von Hof rat Edmund Weber. Unter der gesamten, fast schon überreichen Literatur, die sich mit dem neuen Oesterreich beschäftigt, nimmt dieses Buch eine Sonderleistung ein. Hier wird nicht über Dollfuß gesprochen und geschrieben, hier spricht er selbst. Sein Wort ist es, das hier an Oesterreich ergeht, sei n e eigenen Worte sind es, die allen noch in den Ohren klingen. Hof rat Weber war bekanntlich einer der engsten Freunde und Mitarbeiter des toten Kanzlers. Das Buch hat einen Umfang von 260 Seiten und ist mit zahlreichen zum Teil unveröffentlichten Bildern geschmückt. Es kostet broschiert S 4.50 rin .vornehmen Halblederband S 7.50. In allen Buchhandlungen erhältlich. Austritte aus dem Judentum Diamand Chaje, geb. 31. V. 1908 Bohorodczany, led., XVI., Heigerleinstraße 7. — Siklosi (früher Strauß) Dr. Stephan, geb. 4. IV. 1884 Baranya, led., IV., Wohllebengasse 17. — Greger Dr. Kudolf, geb. 11. VIII. 1875 Oberndorf, verh. V., Leitgebgasse 2 a. — Löwit Alwine, geb. 12. II. 1912 Wien, led., XIV., Reichsapfelgasse 14. — Löwit Martha, geb. 9. II. 1916 Wien, led., XIV., Reichsapfelgasse 14. — Weiselberger Josef, geb. 18. II. 1873 Mielnica, verw., I., Singerstraße 32. — Fritz Alfred (Aladar), geb. 10. IV. 1894 Raab, verh. XVIII., Sonnleitengasse 4. — Plohn Leo, geb. 12. I. 1878 Wien, verh-, I., Tiefer Graben 17- — Deutsch Hilda, geb. 31. V. 1909 Budapest, ledig, III., Zaunergasse 1. — Fuchs Olga, geb. 21. V. 1888 Wien, led., II., Praterstraße 50. — Rosenwassor Anton, geb. 22. IV. 1910 Wien, led., VI., Brückengasse 16. — Neumann Albert, geb. 26. IX. 1889 Andrichau, ger. gesch., I., Fleischmarkt 22. — Schäffer Alexander, geb. 17. VIII. 1913 Wien, led., II., Pazmanitengasse 21. .— Spitz Hermann, geb. 6. IV. 1900 Wien, verh., IL, Obere Donaustraße 12 b. DAMEN- WJENEfWALD- STfEFEL M'LEDER- FUTTER 'B E UTElZUNGt U. CR0UP0NS0HLE HERRENrWi E NER¬ VAL D- STIEFEL M» LED ER. FUTTER' kSEUTEUZUNGE ICROUPON- SOHLE mann ll-TABOR STRASSE-4& Eigentümer, .Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Univeraitatsstraße t-8. Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wiei^