Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 422 (14.12.1934)
- Date
- 1934-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 Groschen Jahrgang 8 Freitag, den - - 1014 Nr* 422 V* h. b- Zeltung vom Verleger versendet „Journal exp€di6 par redlteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Eine Stimme für die Vogelfreien Am grünen Tisch wurde die Saarfrage zwischen Frankreich und Hitler-Deutschland geregelt. Man sprach über Kohlengruben, über Abfindungssummen, über eine ungehinderte Abstimmung, und als die Weltpresse erfuhr, daß die sogenannte Saarkommission sich über alle (!) die Zukunft des Saarlandes betreffenden Fragen geeinigt habe, jubelte sie ob des großen Erfolges der Diplomaten. Die Artikel in den verschiedenen Regierungsorganen waren auf Halelujah gestimmt. Man hat sich geeinigt. Aber, daß die Lebensinteressen der 5000 Juden des Saargebiets ohne Wimperzucken preisgegeben wurden, das verschwieg diese Presse, die angeblich dem Wohl der Kulturvölker dient. Man erfährt allmählich, was sich hinter den Kulissen der Saarberatungen abgespielt hat. Die Dreierkpmmission, die in Rom tagte, versuchte, wie es in einem Bericht der J. T. A. heißt, Deutschland zu dem Zugeständnis zu bewegen, den Minderheiten, d.. i. den Juden, Dauerrechte zu gewähren. Aber Deutschland ließ sich nicht umstimmen, wollte im Gegenteil sogar den einjährigen Schutz nur auf eine bestimmte Kategorie von Juden angewendet wissen. Also nicht nur keine Garantie, sondern fast eine Verschärfung stand bevor! Wie die Sache heute steht, werden die -5000 "Saarjuden ein Jahr nach der Uebergabe des Saargebietes all Deutschland diesem auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein. Ein Jahr soll Hitler die Gleichheit der Juden wahren, dann kann er mit ihnen tun, was er will. Herr K n o x, der Regierungskommissär für das Saarland, konnte daher mit Recht einem Interviewer sagen: „Die Juden im Saarland gehen einer düsteren' Zukunft entgegen." Die Hitler-Regierung hat in ihren Verhandlungen mit den Auslandsmächten in vielem nachgegeben, sie hat in einzelnen, unbedeutenden Fragen auf Granit gebissen, in der Judenfrage aber ist sie Siegerin geblieben — gegen die Kulturmächte England, Frankreich und Italien. Eine Milliarde Francs werden die Nazis an Frankreich zahlen, dafür aber hat man ihnen die Juden ans Messer geliefert. Niemand wird für ihren internationalen rechtlichen oder physischen Schutz sorgen, sie sind vogelfrei ... Man weiß, daß ihnen auch mit der Auswanderung nicht gedient ist, da alle Staaten ihnen die Tore verschlossen haben. Die Welt weiß die Wahrheit. Die Welt schweigt. Es gibt sogar verantwortliche Persönlichkeiten wie z. B. das Mitglied der Abstimmungskommission, den Herrn Lopez 01 i v a n, der den traurigen Mut hatte zu erklären, daß . „in bezug auf das künftige Schicksal der jüdischen Bevölkerung des Saargebiets übertriebene Befürchtungen nicht gerechtfertigt seien." Armer, naiver, weltfremder Olivan! Der Herr Abstimmungskommissär hat scheinbar die 20 Monate Hitler-Regime verschlafen: Er weiß nichts von Tötung, Diffamierung, Existenzvernichtung, nichts von dem unsagbaren physischen und seelischen Leiden, das durch das deutsche Hakenkreuz über die Juden Deutschlands gekommen ist- Aus dem fürchterlichen Dunkel des jüdischen Schicksals im Saargebiet ertönte bisher eine Stimme des Gewissens, der Vernunft und der menschlichen Würde. Der Präsident des Komitees für den Schutz der Rechte der Juden in Mittel- und Osteuropa, der Senator und frühere Gesundheitsminister, Justin G o d a r t, überreichte dem französischen Premierminister F1 a n d i n» dem Ehrenpräsidenten des Komitees, ein Memorandum, in welchem die Lage der jüdischen Bevölkerung an der Saar dargelegt und voller Schutz ohne zeitliche Begrenzung für diese Juden gefordert wird. In dem Memorandum wird die französische Regierung ferner ersucht, den Flüchtlingen aus dem Saarland Arbeitserlaubnis in dem Umfang zu gewähren, in dem Franzosen in von deutschen Flüchtlingen in Frankreich errichteten Betrieben beschäftigt sind. Schätzungsweise sind 8000 Franzosen in solchen Betrieben tätig. Während all die Persönlichkeiten, Institutionen und Ligen schweigen, die sonst zu hören sind, wenn ihnen Recht und Sittlichkeit gefährdet erscheinen, versucht der alte Senator und Palästina-Freund. Justin Godart, das fürchterliche Schicksal von den Saarjuden abzuwenden. Diese eine Stimme gilt uns als Zeugnis dafür, daß im Wogen der Leidenschaften und des Debakels aller ethischen Ideale doch nicht jede Hoffnung auf , ein Verständnis für die Lage der Saarjuden aufzugeben ist. Justin Godarts Forderung ist ein unausgesprochenes J'äccuse! gegen die Schmach, mit-der" sich-die Külturnationen zu beladen im Begriffe sind.-' o. r. ®iabe«6er IRttblttUit iriitfteit «ittgrfolq Vv s"»*"^ Ausweisung deutsch-jüdischer Aerzte aus Tunis Aus Paris: Wie aus Tunis gemeldet wird, haben die seit über einem Jahre dort etablierten j ü d i s c h e n Aerzte aus Deutschland, die ordnungsgemäß zur Praxis zugelassen waren, von den französischen Behörden den Befehl erhalten,, binnen 24 Stunden das Land zu verlassen. Die jüdischen Gemeinden der vier größten Städte Tunesiens haben sich mit einem Protest nach Paris gewandt. Diesem Protest hat sich auch der B e y von Tunis angeschlossen. Er weist darauf hin, daß der Ausweisungsbefehl dem vom Islam vorgechriebenen Gesetz der Gastfreundschaft widerspreche. Der gegenwärtig in Paris weilende französische Generalresident von Tunis, Peyrouton, erklärt, keinerlei Kenntnis von dieser Maßnahme zu haben. Der Vorsitzende des Komitees für den Schutz der Rechte der'Juden, Senator Justin Godart, hat bei der französischen Regierung zugunsten der aus Tunis ausgewiesenen deutsch-jüdischen Aerzte interveniert. Aus Tunis (J. T. A.): Ungeachtet der an die Pariser Zentralbehörden gerichteten Proteste wird die Ausweisung ausländischer . Juden aus Tunis fortgesetzt. Es wuden abermals zehn Familien verhaftet und deportiert. Eine Begründung für diese Maßnahmen wurde nicht mitgeteilt. Pension Irma Meister. Meran Idealer ganzjähriger Autenthalt, letzter Komfort, gerühmte Küche, herrl. Park, mäßige Preise, verlangen Sie Prospekte MED A M A PEHSIOM HERAN E K #€ M% \J Deutsches Haus unmittelbare Nähe der Kurpromenade und1 des Kurhauses Höchster Komfort / Butterküche / Lire 25 Verfolgung deutsch-jüdischer Flüchtlinge in Belgien Aus Brüssel (J. T.-A.): Auf Intervention jüdischer Persönlichkeiten hin haben die Behörden die Aufenthaltserlaubnis für ■ diejenigen deutsch-jüdischen Flüchtlinge, die zur Auswanderung nach Palästina und Amerika vorgemerkt sind, bis 15. Februar 1935 verlängert. Die Haussuchungen und Verhaftungen von Flüchtlingen im jüdischen Viertel von Antwerpen dauern jedoch unvermindert an. ANTHRACIT KOHLE BESTE QUALITÄTEN! KOKS ^roffrü HUSCH MV, ARGENTINIERS™. 22 - TEL. SERIE U.47.5.40 Krank und kein Geld zur Anschaffung der nötigsten Heilbehelf e? 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Die Uebersetzung stammt aus der Feder des Ober« rabbiners und hervorragenden Gelehrten Dr. J* L. Landau (Johannesburg, Südafrika), der uns in liebenswürdiger Weise die Schrift des Meisters zum alleinigen Abdruck übers lassen, hat. \ ********** ^VWW¥»WWW. MVMVMV^l^MVM'S*» RUNDSCHAU Richard Strauß ist keine schweigsame Frau Der Propagandaminister Dr. Goebbels wird nicht müde, seinen Anhängern und insbesondere seinen Gegnern und all den zahlreichen Skeptikern zu erzählen, was ihm als deutsches: Kunst- und Künstler ideal vorschwebt. Kürzlich ging es wieder einmal um die deutsche Kultur, bzw. um den deutschen, blutmäßig rein' germanischen Komponisten Paul Hindemith, für dessen Anerkennung der berühmteste deutsche Dirigent Furtwängler büßen mußte. Die Weltpresse verzeichnete bereits ausführlich den Fall Furtwängler wie den Fall Hindemith. Die Nazimentalität zeigte in der „Kulturrede" des Dr. Goebbels, „wie tief die jüdisch-intellektualistische Infizierung sich bereits im deutschen Volkskörper festgefressen hat", wenn ein deutscher Mann wie Hindemith — mit Juden verkehrt. Das ginge uns nicht viel an, denn wir kennen schon zur Genüge das hakenkreuzlerische Gerede von der Bastard i'sierung der germanischen Ideologie. Pikant wird die Sache nur dadurch, daß Richard Strauß, der Liebling der jüdischen Salon-Bourgeoisie, dem Herrn Goebbels zu seiner „großartigen Kulturrede" mit dem Hitler- Gruß gratuliert. Herr Richard Strauß hat Jahrzehnte hindurch mit dem Judenstämmling Hugo von Hofmannsthal künstlerisch zusammengearbeitet,. ohne an dem nichtarischen Blut dieses Schriftstellers Anstoß genommen zu haben. Ja, er ging soweit, das Libretto des Juden Stephan Z w e i g, die „Schweigsame Frau" zu vertonen. Herr Strauß hätte für sich das Attribut seiner Opernheldin annektieren sollen: der schweigsame Richard Strauß! Es wäre vernünftiger gewesen. Jetzt muß er sich naturgemäß seines Libretti^ten Stephan Zweig schämen und seine zahlreichen nichtarischen Anhänger enttäuschen. Diese aber sollen daran denken, was für einem Charakter sie Sympathie und Tantiemen gespendet haben.,,