Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 419 (4.12.1934)
- Date
- 1934-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PrfiiS 10 GrOSCheil Jahrgang 8 Dienstag, den 4* Dezember 1934 Nr* 41$ V» b* b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6die par rediteur" R_ m m mm mmm BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 26.—; Polen monatlich Zloty 3.50, B m HB ■r™* vierteljährig Zloty 4.60; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel»* k MM MM MAB jährig Dinar 40.—; Bumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig MfMi MM M mm V Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lira 14.—; M_ra WM Wh^lW Mta_ Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. ^M^ mmm Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion 11. Verwaltung : IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Das Ri'tualmordbudi verboten! Ertappten Gewalttätern, Räubern und Totachlägern nimmt die Polizei Revolver, Messer und Totschläger weg. Das ist eine notwendige Maßnahme, aber keine ausreichende. Niemand würde es begreifen, wenn man die Uebeltäter nach Wegnahme ihres Verbrecher-Werkzeuges frei ließe, ohne ihre Taten zu bestrafen, ohne der betroffenen Gesellschaft durch Ahndung des auf sie verübten Ueberfalles Genugtuung zu geben, ohne alles zu unternehmen, was die Gesetzesverrächter vor neuer Untat abzuschrecken vermag. In einem österreichischen Verlag ist vor einigen Wochen ein Buch erschienen, das an Verhetzung gegen die Juden, an Aufwühlung der gefährlichsten antisemitischen Instinkte, an Niedertracht und Verlogenheit alles übertrifft, was in der jüngsten, an antijüdischer Literatur nur allzu reichen Zeit veröffentlicht wurde: Die österreichische Judenschaft hat auf diese Publikation natürlicherweise mit Empörung reagiert und die Gerichtsbehörde von Graz hat die weitere Verbreitung des in einem dortigen Vrlage erschienenen Buches „Gibt es jüdische Ritualmorde?" untersagt und die Beschlagnahme verfügt. Die Grazer Staatsanwaltschaft hat damit einer unabweislichen Pflicht entsprochen. Sie hat den ersten Schritt unternommen, um einer Gesetzesschändung, welche die gleichberechtigte jüdische Bürgerschaft in Ehre und Sicherheit beeinträchtigt und das Ansehen des österreichischen Staates aufs schwerste schädigt, nachzugehen. Darf es bei diesem ersten Schritte bleiben? In diesem Buche wird die Judenschaft beschuldigt, einem Blutglauben zu huldigen, welcher die Marterung und Ermordung yon Christen als gottgefälliges Werk, als religiöse Pflicht proklamiert. Die gesamte Judenschaft, vor allem aber ihre religiösen Funktionäre, die Rabbiner, werden bezichtigt, den Mord zu fördern und die Mörder zu decken. Hohe jüdische Beamte werden beschuldigt, im Dienste eines mörderischen Blutritus ihr Amt zu mißbrauchen und die Archive des Staates zu plündern. Es werden Dinge mit Worten gesagt und in Bildern gezeigt, welche das harmloseste Gemüt mit infernalischem Haß gegen die Juden erfüllen und das Blut der gutmütigsten Bevölkerung zum Sieden bringen können. Hier liegt die schändlichste und frechste Herausforderung vor, die sich Volksverführer leisten können. Eine Herausforderung und Zertrümmerung aller Schranken, die vom Staate zwischen dem Verbrechen und der Gesellschaft aufgerichtet werden. Mit Beschlagnahme kann dieser teuflische Anschlag nicht endgültig abgetan sein, nicht damit, daß Polizeibeamte von Buchhandlung zu Buchhandlung gehen, Exemplare des Buches wegnehmen und ins Magazin, zur Papierstampfe tragen. Verfasser und Verleger dieser himmelschreienden Verleumdungen der jüdischen Bürgerschaft müssen vor das Gericht gebracht und gezwungen werden, die Konsequenzen ihrer Gesetzesschändung zu tragen. Sonst werden sie und andere leichten Herzens hingehen und neue Blutbücher schreiben und verbreiten. Man hat den Uebeltätern ein ^MoMwerkzeu?; weggenommen. Dürfen sie frei ausgehen, s'iclTneues" Werkzeug beöcTfaffeh~~Und gefahrlos ihr Handwerk weiter treiben? Wie uns mitgeteilt wird, hat der „Jüdische Volksbund für Oe st erreich" gegen den Verfasser und Verlag der Hetzschrift „Gibt es jüdische Ritualmorde?" Straf antrag gestellt. Tmtsetxde danken Schluß der Londoner Boykott*Konferenz Aus London: Die Internationale Unparteiische Konferenz für Boykott Hitler-Deutschlands hat beschlossen, daß die zentrale Boykott-Leitung ihren Hauptsitz in London haben soll; dieser Leitung sind die Boykott-Zentralen in den anderen Ländern unterstellt. Die von der Konferenz eingesetzten Ausschüsse haben in einer gemeinsamen Tagung einen Präsidenten, drei Vizepräsidenten, ein Direktorium und einen Exekutivrat gewählt. Zum Präsidenten wurde Samuel Unterm y e r einstimmig gewählt. Die feierliche Schlußsitzung der Konferenz fand in der Form einer öffentlichen Kundgebung in der Central Hall zu Westminster, zu der sich mehr als 3000 Personen eingefunden hatten, statt. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Sämtliche Anwesenden erhoben sich von den Sitzen und gaben das Gelöbnis ab, den Boykott so lange lückenlos zu halten, bis die deutsche Regierung die bürgerlichen Rechte und die volle Freiheit des Glaubens aller Bürger und Einwohner Deutschlands wiederhergestellt hat. Die Konferenz faßte unter begeisterter Zustimmung aller Anwesenden folgende Resolution: „Die in der Central Hall stattfindende Massenkundgebung von Angehörigen aller Kassen, Glaubensbekenntnisse und politischen Richtungen begrüßt auf das wärniste die Bildung des „World Non-Sectarian Anti¬ Nazi Council to Champion Human Rights" (Unparteiischer Anti-Nazi-Weltrat zur Verfechtung der Menschenrechte) und gelobt, der Arbelt zum Boykott Hitler-Deutschlands jede mögliche Unterstützung angedelhen zu lassen." Die von der Zuhörerschaft lebhaft akklamierten Redher Morrison, Untermyer, Dr. Gaster, Hutchinson und Guedalla erklärten, es sei die unabweisbare Pflicht jedes Freundes der Freiheit, deutsche Waren und Dienste strikte zurückzuweisen. Der konsequente Wirtschaftsboykott sei die einzige wirksame Methode, um die deutsche Regierung zu zwingen, die Freiheit des Menschen wiederherzustellen. Beschlüsse des jüdischen Arbeitsausschusses das „Jewish Working Committee" (Jüdischer Arbeitsausschuß), das sich im Rahmen dwr Londoner Konferenz zur Führung der Arbeit in der jüdischen Sphäre gebildet hat, faßte die folgende Entschließung: „Es wird unverzüglich an die Bildung einer allweltlichen jüdischen Boykott - Organisation geschritten, die sich, unter voller Ausnützung der ihr von der Internationalen Unparteiischen Weltorganisation für Boykott deutscher Waren und Dienste gebotenen Möglichkeiten, der Durchführung der Werbearbeit und der Organisierung des Boykotts unter der jüdischen Bevölkerung überall in der Welt widmet." Jüdische Arbeiter-Konferenz gegen Faschismus und Antisemitismus Aus London: Eine in London zusammengetretene Jüdische Arbeiter-Konferenz zur Bekämpfung des Faschismus und Antisemitismus, die von 60 Delegierten als Repräsentanten von 21 Organisationen, Gewerkschaften und Kulturkreisen Londons und der Provinz besucht war, nahm eine Entschließung an, in der auf die Wichtigkeit der Boykottarbeit hingewiesen und die Bereitschaft der jüdischen Arbeiter dargetan wird, an der Spitze der Boykottarbeit zu marschieren, für dieselbe unter den jüdischen und den englischen Arbeitermassen zu werben und hierin mit allen gleichstrebenden Organisationen, so auch mit dem Jewish Representative Council, zusammenzuarbeiten. Es wurde die folgende Parole ausgegeben: K o nipro mißloser Kampf gegen Hitler-Deutseland, nicht nur solange dl» Jude n ihrer Menschenrechte beraubt bleiben, sondern auch solange die Rechte und Institutionen aller deutschen Arbeiter nicht wiederhergestellt werden. In einer zweiten Entschließung wurde der Jewish Labour Council beauftragt, die jüdische Arbeiterbewegung in Palästina dahin zu bringen, daß diese sich dem Boykott deutscher Waren und Dienste anschließt und hierin mit der übrigen jüdischen Welt in eine Reihe tritt. Der Widerhall in Hitler-Deutschland Aus Berlin (J. T. A.): Die nationalsozialistische Presse bezeichnet die Londoner Unparteiische Boykott- Konferenz als „Jüdische Arbei t", äußert aber doch Besorgnis über die möglichen Auswirkungen der Londoner Beschlüsse. In offenbar inspirierten Ausführungen dieser Firma seil den 32 Jahren ihres Bestand«; Rat und Hilfe bei Fuß-und Bruchleiden Sie wird auch Ihnen helf enl Modernstes Fächinstitut Bnndnuen-nlTkolpsch TaborstraOe 22 Tel. R-47-1 85 Alle Auskünfte und «mitvollc Broschüre« überallhin kostenlos) machen mehrere Berliner und Provinz-Zeitungen die folgende Feststellung: „Letzten Endes läuft die jüdische .Boykotthetze auf eine Schädigung der Staaten hinaus, die diesem Boykott- Treiben untätig zusehen. In dem gleichen Maße, wie Deutschland auf dem Auslandsmarkt als Verkäufer seiner Waren ausfällt, kommt es natürlich auch al3 Käufer nicht in Frage. Bei der allgemeinen Wirfschaftkrise wird es sich aber kaum ein Land leisten können, auf die Kundschaft eines 60-Millionen-Volke3 ohneweiters zu verzichten. Die gesunde Einsicht in die tatsächlichen Zusammenhänge und wirtschaftlichen Notwendigkeiten dürfte daher allmählich vollends die Oberhand gewinnen." Vom englischen Nationalrat für bürgerliche Freiheit Aus London (J. T. A.): Der „National Council for Civil Liberties" (Unparteiische Körperschaft zur Bekämpfung aller Versuche, die Bürgerrechte zu beschränken) veröffentlicht in der Presse eine Kundgebung, in der erklärt wird, es sei angesichts der Schürung des Rassenvorurteils zu politischen Zwecken auch in England Anlaß zu ernster Beunruhigung. Es wird jetzt auch schon in England von einem „Kehricht der ausländischen Ghettos" gesprochen und erklärt, die Weltjudenheit erstrebe ein?n Krieg und wecke Kriegsleidenschaften gegen ein Volk, „mit dem wir 1918 Frieden geschlossen haben" (Anspielung auf eine Erklärung Sir Oswald Mosleys, des Führers der englischen Faschisten. Es ist vollkommen irreführend — heißt es in der Kundgebung -.- zu behaupten, daß die jüdischen oder die nichtjüdischen Proteste gegen die Exzesse des Hitler-Regimes, gegen Einkerkerung und Verstümmelung von Personen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse, durch m i! itaristische Motive oder durch internationalen Haß inspiriert sind. Solch unverantwortliche AeuSerungen seien dazu angetan, Gefühle der Feindschaft zu Angehörigen einer anderen Rasse zu wecken, wa», besonders in Zeiten von Panik und Not, zu Verl'o!- g ungen führen könnte. Der Council wird sich diesem Angriff finsterer Mächte auf die Bürgerrechte unserer Mitbürger mit aller Kraft entgegenstellen. Auflösung einer antisemitischen Gesellschaft Aus London: Die vor einigen Monaten von Charles F. Ashton in Liverpool gebildete „National As« sociation for Resistance to Jewish Moüopoly" beschloß ihre Selb3tauflösung mit der Begründung, daß die Oeffentli^hkeit sich zu den Zielen der Gesellschaft ,,bf» tont gleichgültig" verhalten habe.