Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 417 (27.11.1934)
- Date
- 1934-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 417 die Bestie* ki de» „JudetdtatHjUtykie" in OtaMeutoty Die nationalsozialistische Presse, beziehungsweise die deutsche Reiehsregiening, leugnet seit je, daß die Insassen der hitleristis'chen Konzentrationslager Gewalttaten seitens der Aufseher dieser Lager ausgesetzt sind. Die artitlieh:".! St?U?n vrrs:;eh?n immer, der Welt weiszumachen, daß alle Berichte über Mißhandlungen und seelische Peinigungen der internierten „Juden, Marxisten und sonstigen Staatsfeinde" in das Gebiet, der Greuelmärchen gehören. Wieder steht ein Zeuge auf, der von unmenschlichen Leiden erzählt, welche die Internierten zu erdulden haben. Es ist der Prediger und Lehrer der jüdischen Gemeinde Rathenow bei Berlin, Rabbiner Max Abraham, der in einer soeben erschienenen Schrift „Juda, verrecke! Ein Rabbiner im Konzentrationslager" (Druck und VerJagsanstalt Töplitz-Schönau, C. S. R.) den fürchterlichen Leidensweg vom Konzentrationslager Oranienburg in die Tschechoslowakei schildert. Die einzelnen Phasen des Martyriums sind so grausig, daß sie den Glauben an die Menschheit erschüttern. Die Schilderung des Rabbiners Abraham ist von packender. Grauenhafti^koit. Sie wirkt quälend und peinigend. Aber wir müssen sie unseren Lesern nichtsdestoweniger vermitteln, damit sie wissen, was das deutsehe Hakenkreuz für das Judentum bedeutet. Wie erschreckend auch die Details sein mögen, wir können sie den Herzen und Nerven unserer Leser nicht ersparen. Rabb. Max Abraham wurde schon vor Beginn des Hitler-Regimes, im jähre 1930, von einem SA.-Führer namens Jackzentis überfallen und mißhandelt, weswegen dieser wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Als das Dritte Reich hereinbrach, nahm Jackzentis Rache. Abraham wurde überfallen, von SS. und SA. auf die Polizeiwache gebracht und stundenlang mit Gummiknüppeln geprügelt, bis er ohnmächtig zusammenbrach. In eine Zelle gebracht, fand er sich von 20 SA.-Leuten umringt, an deren Spitze ein Sturmbannadjutant namens Meiercord, ein Untergebener des Jackzentis, stand. Jetz begann das Martyrium. Mit drei anderen inhaftierten Juden, den Rathenower Kaufleuten Arno Gans, Alex. Grischmann, Fritz Sinasohn, wurde er die Abortanlage gebracht, die sie zu reinigen hatten. Sie wurden unbarmherzig mit Gummiknüppeln geschlagen. Die SA.-Männer drückten Arno Gans den Gummiknüppsl in die Hand mit dem Befehl, den Rabbiner zu verprügeln. Er weigerte sich, er könne doch nicht den Seelsorger der Gemeinde schlagen. Aber unter fürchterlichen Schlägen wurde er zum Nachgeben gezwungen. Reihenweise abwechselnd mußten die vier Juden sich gegenseitig mit dem Gummiknüppel mißhandeln. Den ganzen Tag bekamen sie nichts zu essen. Schließlich wurden sie in zweistündiger Fahrt In das Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Wir lassen im nachstehenden einige Partien aus Abrahams Schrift. folgen: Lieber sterben als um Gnade bitten „Wenn wir geglaubt hatten, kurze Zeit Atem holen Zu dürfen, hatten wir uns geirrt. Der Sturmbannführer Krüger, Polizeichef und erster Prügelheld in Oranienburg, bis vor kurzem kleiner Käsehändler in Luckenwalde, jagte uns im Marsch-Marsch-Tempo durch den Hof des Lagers' und schrie: „Ihr Schweinehunde seid hier als politische Geiseln interniert! Eure Behandlung ist abhängig von der politischen Lage draußen!" Sein bester Assistent war' Sturmführer Stahlkopf, der den Stempel der Gemeinheit, Bestialität und Niedrigkeit im Gesicht trug. Auf sein Konto waren schon mehrere Tote im Lager zu buchen, die aber laut Bestätigung des Lagerarztes eines „natürlichen Todes" gestorben waren. Stahlkopf war es eine besondere Freude, einen „Rabbiner" im Lager zu haben.-'Er und Krüger drohten, mir „jeden Knochen in Stücke zu hauen", wenn ich mich mit meinem Namen Abraham und nicht „Rabbiner" nennen würde. Ob man mich an den Beinen packte oder am Hals, mit würgte oder wie wild auf mich einschlug, ob man Stühle über meinem Kopf schwang; ob der Gummiknüttel mich mit furchtbarer Gewalt am Kopfe traf oder ob ich den Revolver in Greifweite liegen sah — ich war hilflos. Mein Kopf war wirr und, taumelig von den Schlägen. Doch die Gesichter der Henker waren vor Wut und Grimm scheußlicher verzerrt als meines; Das hätten sie von einem Juden nicht erwartet, - daß er lieber sterben würde, als seine Peiniger um Gnade. zii bitten. So steigerte sich die Wut dieser MordgeseUen. ins Unermeßliche. Ich mußte mich entblößen und man schlug mich auf den. Geschlechtsteil. Am nächsten Morgen feierte Stahlkopf .wieder einen Sieg: ich wurde geschoren, mein Haar wurde von einem dazu kommandierten kommunistischen Landtagsabgeordneten abgesäbelt. Stahlkopfs Augen leuchteten/, Daß er so mit einem „Rabbiner" verfahren konnte, bildete den Höhepunkt seiner Erfolge." Mißhandlung von Kindern Die -Judenkompagnie in Oranienburg bestand aus' ungefähr 55 Mann, darunter allein 39 Jungen aus einer. jüdigehep Erziehungsanstalt bei Berlin. Das Erziehungsheim Ist eines Tages von der SA. ausgehoben wor-' den, nachdem : man vorher eine Haussuchung vorgenom- ' men und angeblich in dem Bett eines Jungen einen Revolver gefunden hatte, angeblich auch kommunistische Schriften. Von einigen sehr vernünftigen Zöglingen wurde mir ehrenwörtlich versichert, daß der aufgefundene Revolver sich vorher nicht im Schlafsaal befunden hatte und wahrscheinlich von der SA. in das Bett eines Jungen gelegt worden sei, und daß sich nie kommunistische Druckschriften im Hause befunden hätten. Durch schreckliche Foltern wurden die Kinder zu dem Geständnis gezwungen, daß sie sich kommunistisch betätigt hätten und die Waffe einem ihrer Kameraden gehöre. Die Kinder wurden stundenlang auf das grauenhafteste geschlagen und zu den schwersten körperlichen Arbeiten herangezogen. . . . Die Sturmführer behaupteten, wir Juden seien zu nichts anderem fähig als zur Verrichtung der schmutzigsten Arbeiten. Wir mußten eine Abortanlage sauber halten, die von tausend Menschen benützt wurde. Die Aborte waren verstopft, der Fußboden überschwemmt. Vom Morgen bis zum Abend mußten wir in der verpesteten Luft Reinigungsarbeiten ausführen. Eines Abends kam Sturmführer Stahlkopf in die Latrine und brüllte mich an: „Mit einem Lappen willst du, Judenschwein, du Rabbiner, die Klosette saubermachen? Nimm deine dreckigen Finger daz"u!" „Liebe deinen Nächsten ..." Abrahams Schrift schildert weiters die Leiden in den Kohlenbunkern, die als Schlafstätten dienten, die Folterung der jüdischen Häftlinge, von denen manche in Wahnsinn verfielen, worauf die Erlebnisse im P a p e nb u r g e r Lager fortgesetzt werden. „Die hohen jüdischen Feiertage nahten... der erste Tag (Rosch Haschana): Morgens um 6 Uhr wurden wir neueingelieferten Juden zu einem Sonderkommando aufgerufen. Im Marsch-Marsch-Tempo jagte man uns über den Hof. Vor einer Dunggrube wurde halt geboten. Wir mußten in die Grube hinuntersteigen und dort Aufstellung nehmen. Ich wurde aus der Reihe meiner Kameraden gerissen und in die Mitte der Grube gestellt. Der SS.-Scharführer Everling brüllte mich an: „So, Rabbiner, hier kannst du den Gottesdienst abhalten!" Ich sagte: „Ich halte in einer Dunggrube keinen Gottesdienst ab!" Everling holte mich aus der Grube---Gummiknüppel und Gewehrkolben sausten auf mich nieder. Bewußtlos wurde ich in meine Koje gebracht. Zwei Stunden lag ich ohne Besinnung. Am Nachmittag wurden wir in die gleiche Dunggrube gebracht, in der die anderen am Vormittag hatten arbeiten müssen. Nunmehr forderte Everling mich auf, einen Vortrag über das Judentum und die anderen Religionen zu halten. Ich begann: ,bie jüdische Religion hat, wie andere Religionen, die zehn Gebote zur Grundlage und den schönen Bibelsatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"-- Da unterbrach mich Everling: „Hör auf, du Schwein, wir werden dir beibringen, was man unter der Nächstenliebe versteht!' Nun wurde ich so fürchterlich mißhandelt, daß ich hohes Fieber bekam und in Krämpfe verfiel. Mein Körper war wundgeschlagen, ich konnte weder sitzen noch liegen. So verbrachte ich eine schreckliche Nacht voll wirrer und grausamer Fieberphantasien. Am nächsten Morgen wurde ich in bedenklichem Zustand in die K r a nkenstation gebracht. Hier war ich nur mit nichtjüdischen Kameraden zusammen, mit Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich aufopfernd um mich bemühten. Ich werde ihnen ihre kameradschaftliche Hilfe nie vergessen. Als ich am Versöhnungstage trotz meines schwächlichen Zustandes gefastet habe, versahen sie mich am Fastausgang mit Nahrung. Zwei Wochen blieb ich in der Krankenstation. Später erfuhr ich, daß ich einige Tage Lebensgefahr geschwebt hatte." ernstlich in Das sind ein paar kleine Ausschnitte aus der Schrift des Rabbiners Abraham, der sich politisch nie betätigt hatte und nur die eine Pflicht kannte: Betreuung seiner jüdischen Gemeinde. Ein Kommentar hiezu ist überflüssig. Unsere Leser werden sich selbst zu diesem Dokument tiefster Kulturschande ihre Gedanken machen. Baron Edmond Roth§chi!*Ü3 Nachfolger James Rothschild Uber Palästina und Judentum Es ist eine bekannte Tatsache, daß der Erbe dos verstorbenen Baron Rothschild, der Londoner James Rothschild, ein glühender Zionist ist, der die Entwicklung Palästinas immerwährend verfolgt und aktiven Anteil an allen wichtigen Arbeiten nimmt, welche mit dem Palästina-Aufbau in Verbindung stehen. Als Mitglied des englischen Parlaments hat James Rothschild mehrere Male offen und energisch das jüdische Recht auf Palästina verteidigt. Ueberaus interessant und erinnernswert ist die Rede, die er im englischen Unterhaus gelegentlich der erregten Debatte über das antizionistische „W e i ß b u c h" des Labour-Ministers Passfield hielt. „Ich fühle mich berechtigt, über diese Dinge zu sprechen," erklärte James Rothschild, „weil ich jetzt das Amt des Präsidenten der „PICA" innehabe, die eine Gesellschaft für Palästina-iKolonisation ist und von der im „Weißbuch" und auch im „Simson-Bericht" so viel gesprochen wird. „Während des Weltkrieges im Jahre 1918 wurde ich vom Chef der Orientarmee, General "A11 e n b y, beauftragt, die Werbeaktion für die jüdische Legion in Palästina durchzuführen. In jenem Teil Palästinas, der vom britischen Militär eingenommen wurde, lebten damals rund 20.000 Juden. Die Mehrzahl befand sich in Jerusalem und zum Teil auch in den Kolonien, die anderen waren von den Türken nach Nordsyrien und Damaskus verschickt worden. Doch geläng es mir, im Verlauf von zwei Wochen unter einer Bevölkerung von kaum 20.000 Menschen, von denen sehr viele weit über das militärische Alter hinaus waren und während des Krieges durch Hunger gelitten hatten, über tausend Mann für die jüdische Legion anzuwerben. „Diese tausend jüdischen Freiwilligen haben sich als glänzende Soldaten erwiesen und wurden in die vierzigste Legion der königlichen Armee eingegliedert. Diese Truppe hat in der britischen Armee gekämpft. Ich weiß, daß es bis zum heutigen Tage die einzigen Kämpfer in britischer Uniform waren, welche bisher keinen Boden für Kolonisation bekamen. „Zu gleicher Zeit, da die 20.000 Juden tausend Mann der britischen Armee zur Verfügung stellten, haben die 100.000 Araber bloß 165 Freiwillige für Feisals Armee (damaliger Verbündeter Englands) gestellt." Im wetteren Teil seiner Rede sprach Baron James Rothschild damals Über die PICA und ihre Kolonisationstätigkeit vor 50 Jahren und betonte, daß der Zionismus ihm in Fleisch und Blut'übergegangen sei. Im Jahre 1932 hielt auf einem Festbankett, das vom jüdischen Spital, in London veranstaltet wurde, James Rothschild eine nicht minder interessante Rede, in der er u. a. sagte: „Die Gesetze der jüdischen Religion sind die Grundlagen unseres Glaubens, unserer Tradition und unseres sittlichen Lebens. Die Juden haben sich in allen Ländern, in denen sie wohnten, Verdienste erworben und auch Anerkennung auf allen Gebieten und in allen Berufen, zu denen sie zugelassen wurden. Unabhängig von ihrem Schicksal .können die Juden sich einer Sache rühmen — der Fürsorge für ihre armen Brüder in der Welt, und das englische Judentum ist das deutlichste Symbol dafür." Wie wir bereits berichtet haben, wird der Sohn und Erbe des Barons das zionistische und philanthrppiache Werk seines großen Vaters weiterführen, Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs. B. O. G. XX. Donnerstag, den 29. November 1934, ab 20 Uhr abends, Kameradschaftsabend. Berichte, zwanglose Aussprache, Bekanntmachungen. Eintritt nur für Mitglieder! Legitimationen und Ordensdekrete zur Kontrolle mitnehmen! Legitimistischer jüdischer Frauenbund veranstaltet am Dienstag, den 27. November 1934, um 8 Uhr abends im Cafe* Colonnaden, I., Rathausplatz 4, die nächste Zusammenkunft der Mitglieder. Gleichgesinnte herzlich eingeladen! Auskünfte in allen Organisationsangelegenheitea erteilt die Kanzlei, I., Parkring 4; Tel. R-27-7-57. Statte, «*sss?jS s V25 ^^^^^•^'y'^90 srfÄ^ff •••,4» ^TÄ^ vr ,a. 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