Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 413 (13.11.1934)
- Date
- 1934-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE- WELT Nr. 413 Tragisches Juden§diiek§al im §aargebie< Schon seit mehr als einem Jahr setzte eine Abwanderung saarländischer Juden mit Rücksicht auf die S:; *r-Entscheidun{> vom Jänner 1935 ein. Anlaß hiezu geben nicht allein die von Hiüer-Deutsehland ausgegebenen Drehung?::, nach der Bc^t:-.?rgreifunsc des Saargeblots mit den Freimaurern, Marxisten und Juden abzurechnen, sondern auch die Schwierigkeiten der Existenz. Heute schon führen sich die saarländischen Nr.zis Juden gegenüber so av.. a!3 wäre das Sachgebiet dem Dritten Reich bereits anglicht. Wehr ab 5000 Juden blicken bangen Auges auf den Völkerbund. In der nro-deutschen Propaganda st?ht an erste- Stelle, die J u d c n hetz e. Trrtz aller Verordnungen der Regierungskommission •vcrclen „seitens untergeordneter und unverantwortlicher Elemente" die schamlosesten Angriffe gegen die völlig neutrale Judenheit des Saarlandes gerichtet. In schändlichster M eise versucht man, die Juden zu verleumden und sie hochverräterischer Beziehungen zu zeihen. »Der Rufer im Streit", ein von der Deutschen Front herausgegebenes Blatt, schreibt einen Artikel „Auszug der Kinder Israels aus dem Saargiebiet", der den Eindruck erwecken soll, duß unter der Leitung eines bekannten polltischen Führers die Juden das Saargebiet verlassen werden. „Der Wächter im Gau", ebenfalls ein Naziblatt, veröffentlicht wortwörtlich denselben Artikel. Das „Deutsche Kampfblatti( veröffentlich einen Aufsatz „Muß i denn zum Stiidtle hinaus", der >lnen unerhörten Angriff auf das gesamte saarländische Tudentum darstellt. Das Naehrichtenblatt der Synagogen- Gemeinde des' Saargebietes in Saarbrücken schreibt dazu: Zu dem schweren Schicksal, dar. den Juden an der Saar auferlegt ist, zu den Tragödien zerstörter Existenzen und zu der unsagbar schweren Entscheidung, wohin sich Menschen, die seit Jahrhunderten hier verwurzelt waren, wenden sollen, bringt dieses gewissenlose Presseerzeugnis auch noch den Hohn und den Spott. Aus der Tatsache, daß viele jüdische Kaufleute sich gezwungen sehen, ihre Geschäfte, die infolge des Boykotts nicht mehr zu halten sind, aufzugeben, versteigt sich dieser Schreiberling zu der verlorgenen Frage, wie es komme, „daß die Söhne Israels, die in den langen Jahren die sauer verdienten Groschen der Saar-Arbeiter und -Bauern eingeheimst haben, nun auf einmal ihr Geschäft aufgeben wollen"?... Wider besseres Wissen wird erklärt, daß nur diejenigen ihre Geschäfte aufgeben und sich zur Auswanderung entschlössen, „die nicht ganz stubenrein sind, die durch Schiebung, Wucher oder ihre politische Tätigkeit sich „eine I^aus in den Pelz gesetzt haben" . . . Wider besser Wissen wird behauptet: „Obwohl bis heute kein Jude hierorts belästigt wurde, der nicht, selbst den Anlaß dazu gegeben hat, schreien diese semitischen Jünglinge von einem zu erwartenden . Massaker, dem sie alle zum Opfer fielen." Weiter spricht dieses „Kampfblatt" von einer „separatistischjüdischen Presse", von „Parasiten am nationalen Volkskörper", von „Engrosschiebern und Halsabschneidern" . . . Wir sind leider verpflichtet, auch ein Blatt, das sich stolz Organ der „Deutschen Front" nennt, in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Das „S aarb rückener Abendblatt" veröffentlicht in seiner Ausgabe vom 29. Oktober 1934 einen Aufsatz mit einem Bild Unter der Ueberschrift „Ein Porträ t", in dem ausgeführt wird: „Das beigegebene Porträt kann einem Rassekundigen keine Rätsel aufgeben. Der .Typ ist unverkennbar . . . Jeder, der aus Physiognomien zu lesen vermag1, wird beim Anblick des obenstehenden Porträts die notwendigen Schlüsse ziehen können." Das Nachrichtenblatt schließt: „Auf die mit dieser angeblich rassenpsychologischen Untersuchung verknüpfte Niedertracht einzugehen, erübrigt sich für uns. Wir wollen sie nur niedriger hängen." Inzwischen gebt die. Judenhetze unvermindert weiter. Hionei darf nicht vergessen werden, daß die Juden, welche unier dem Druck des Naziterrors ins benachbarte Luxemburg auswandern, des auf eigene Gefahr tun, da eine Existenzgründung in Luxemburg derzeit so gut wie. aufgeschlossen ist. Für das Luxemburger Judentum bedeutet zwar, wie uns geschrieben wird, ein solcher Zuwachs einen Aktivposten denn die saarländischen Jüdischen Familien haben meistens in ihr?; bisherigen Heimat sich positiv jüdisch brtiitigt, teilweise im Saargebiet im jüdischen Leben eine führende Rolle eingenommen, die jüdisch-karitativen Bectrfbuvgen gefördert und sind somit in Luxemburg ebenso interessiert am jüdischen T.eb^n, nehmen an den Geschicken des hiesigen Judentums regen Anteil. Aber . die Luxemburger Regierung hat eine Verschärfung der Fremdengesetzgebung, die Einführung der Identitätskarte — nebenbei aus fiskalischen Gründen — auch aus der Erwägung vorgenommen, um eine starke Zuwanderung aus dem Saargeb'.et zu verhindern und um dann durch diese Karten eine genauere TTeherwachung der einwandernden Fremden zu haben und vor al'en Dingen diejenigen Kräfte vom Großherzogtum fernzuhalten, deren finanzielle Position nicht so ist, daß sie von dem mitgebrachten Vermögen als Rentner leben können. Darf man im Interesse der Einwandernden etwns sagen, dann das, daß es nicht immer klug ist, wenn aHe sich auf die Laudeshauptstadt Luxemburg konzentrieren, während von einer Emigration auf das Land so gut wie nichts zu merken ist. Die Niederlassung auf dem Lande ist zu empfehlen, weil es sich auf dem Lande weit'.".billiger und sicherlich ebenso angenehm leben läßt wie in der Hauptstadt. In einer Anzahl mittlerer Ortschaften des. Landes bestehen jüdische Gemeinden, die einen Zuwachs gut ertragen können. Diese Ausführungen unseres Luxemburger Mitarbeiters bezeugen, daß es sich bei einer Auswanderung nach Luxemburg nur um ein unbedeutendes Ventil handeln könnte. Die große Sorge um das Schicksal der 6000 Juden im Saargebiet bleibt nach wie vor bestehen. Palä§lina und das Auto T e 1 - A w i w (Palnews). .Die Transportkooperative „Egge d", welche den Automobilverkehr Tel-Awiw— Jerusalem—Haifa—Tiberias betreibt, gab in einer Generalversammlung durch ihren Generaldirektor, Herrn Ch. R s. s i 1 i, einen Ueberblick über die Entwicklung des palästinensischen Transportwesens. In seinen Ausführungen und einem anschließenden Interview durch den Vertreter von „Palnews" teilte Herr Rasiii folgendes mit: Die Zahl der jüdischen und arabischen Chauffeure in Palästina ist auf ungefähr 5000 zu schätzen, dazu kommen noch rund 5000 Mechaniker, Angestellte, Brennstoffverkäufer usw. Die Zahl der vom Transportwesen lebenden Familien beträgt also ungefähr 10.000, bezw. 40.000 Personen. Viele deutsche Juden haben als Chauffeure und in anderen Positionen' des Transportwesens Unterkunft gefunden. Die Angestellten und Arbeiter des Transportwesens beziehen jährlich 9 0 0.000 Pf. pal. an Gehältern, die Hälfte davon entfällt auf die Chauffeure. Die Fahrkosten in Palästina sind sehr billig, Palästina und Syrien haben die niedrigsten Fahrpreise der Welt. Jeder Autobus kostet 1000 Pf. pal., seine Lebensdauer beträgt"drei Jahre. 20 Prozent der Bruttoeinnahmen gehen für die Brennstoff Zölle an die Regierung ab. Die Regierung erhebt außerdem einen Zoll auf Automobile und Automobilteile in Höhe von 25 Prozent ad valorem. Wir würden uns diesem hohen Zoll vielleicht nicht widersetzen, wenn die Regierung die Einnahmen aus Äutomobilzöllen tatsächlich für Straßenbauten und -reparat u r e n verwenden würde. Die Regierungseinnahmen aus dem Automobilverkehr im Jahre 1933 belaufen sich auf Pf. pal. 460.000: Benzinzoll PI. pal. 305.467 (der Wert des eingeführten Benzins beträgt Pf. pal. 177.408!), Automobilzoll Pf. pal. 90.767, Autoreifenzoll Pf. pal. 18.914, Fette und Automobile. Pf. pal. 25.000, Lizenzgebühren Pf. pal. 20.000. Im Jahre 1934 werden sich die Rcgierungscinnahmen aus dem Automobilverkehr auf mindestens eine halbe Million Pf. pal. erhöhen. Aus einer Einnahme von schätzungsweise 500.000 Pf. pal. im Jahre 1934 setzt die Regierung für Straßen- und Brückenbau 90.000 Pf. pal. (gegenübe- 91.356 Pf. pal. zur Deckung des Eisenbahndefizits) und für Straßencrhaltung und -reparierung 105.000 Pf. pal. aus. Sie behält daher aus dem Automobilverkehr einen Ueberschuß ■■•on 300.000 Pf. pal. in der Klasse. Di? Ausgaben Tür Straßenbewachung durch Polizei und ähnliches werden durch Pcllzeirtrafen u. dgl. gedeckt * Der Bau der direkten Straße J a f f a—H a i f a durch Scharonebene würde 200.000 Pf. pal. kosten, die aus den Autoverkehrs-Einnahmeüberschüsse eines Jahres zu decken sind. Durch diese Straße würde der Weg zwischen Jaffa und Haifa von 175 auf 110 Kilometer verkürzt, die Autobusfahrt auf 21/i, die Privatautofahrt auf weniger als zwei Stunden. Sie würde den Haifaer Hafen dem Orangenzentrum annähern und viel zum Aufschluß der Scharonebene beitragen. 250 Automobile und Hilfswagen könnten im Laufe der Saison fünf Millionen Kisten Orangen geraden Weges zum Haifaer Hafen expedieren. Die Kosten wären nicht teurer als per Bahn, von der Scharonebene aus sogar billiger. Der Transport würde schneller erfolgen, die Frucht weniger leiden und das Umladen erspart. Die Verwirklichung dieses Straßenbaues, der das Verkehrswesen ungemein verbessern wird, ist ein unbedingtes Erfordernis. Die Oesterreichisch-palästincnsische Wirtschafts- und Handelskammer teilt mit: Nach einer uns zugekommenen Mitteilung besteht in Palästina dringender Bedarf nach folgenden Artikeln: Lebensmittelkonserven, Schlosserwaren- und Baubeschläge, Spengler- und Kupferschmiedewerkzeuge, Wasserarmaturen, Herrenhüte, Blusen und Kleider, Pullover und Bettjacken, Eisenbiegemaschinen für Betonbau mit Kraftbetrieb, Schneidemaschinen mit Kraftbetrieb, Handscheren bis 19 Millimeter. Interessenten wollen ihre Offerte in englischer Währung eif Jaffa an die Oesterreichisch-palästinensische Handelskammer, Wien, IX., Alserplatz 3, übersenden. 350.000 Pfund lüY außerordentliche Arbeiten der Stadt Tel-Awiw Aus Jerusalem: Die Stadt Tel-Awiw, deren normales Jahresbudget, über eine Viertelmilllon Pfund beträgt, hat von der Prudential Assurance Company of England eine Anleihe von über 350.000 Pfund (zu 31/.! Prozent Zinsen) zwecks Durchführung außerordentlicher öffentlicher Arbeiten aufgenommen. 90.000 Pfund davon sind für Erweiterung und Reorganisierung der Wasserleitung, 20.000 Pfund für eine neuej Filtrieranlage, 50.000 Pfund für Kanalisa« tions- und Drainageröhren, 60.000 Pfund für neue Schulgebäude, 100.000 Pfund für den Bau eines modernen Hospitals (hierzu soll die Palästina-Regierung 40.000 Pfund beisteuern), 25.000 Pfund für Errichtung einer neuen Stadthalle und 10.000 Pfund für eina städtische Garage bestimmt. Studentenklub der Judenstaatspartei In der e r s t e n. zionistischen Hochschülerversammlung des Wintersemesters 1934/35, welche die Juden* staatspartei einberufen hatte, wurde ein warm gehaltener Nachruf, der das Leben und die Arbeit Kremenezkys würdigte, gehalten. Hierauf hielt Oberbaurat Robert Stricker ein fast zweistündiges Referat über jüdische Politik im Galuth und in Palästina. Die Ausführungen des Referenten erweckten einen tiefen Eindruck und wurden von allen anwesenden Hochschülern mit großer Begeisterung aufgenommen. In den ersten Tagen der Tätigkeit des provisorischen Komitees des zu gründenden „Studentenklubs der Judenstaatspartei44 gaben über 50 Hochschüler ihre Bei-» trittserklärungen ab. Im Rahmen des zionistischen Informationskurses der Jung-Wizo Mirjam spricht am Donerstag, den 15. November 1934, Dr. Henriette Lichtenstein-Rappaport über „Einigendes und Trennendes der zionistischen Parteien" und „Einigendes und Trennendes der zionistischen Chaluziuth". Abfahrt des ersten Sonderzuges Wien—Haifa. Nach einer Mitteilung der Direktion des Oesterreichischen Verkehrsbüros wird die Abfahrt des ersten Sonderzugea Wien—Istanbul—Haydarpasa—Haifa wegen noch bestehender Devisenschwierigkeiten und aus technischen Gründen von Samstag, den 17. November d. J. auf Sonntag, den 6. Jänner 1935 verlegt. Der Gegenzug ab Haifa, wird Samstag, den 26. Jänner 1935, eingeleitet, Deutsches Volkstheater. — „Eltern und Kinder", Komödie von Bernhard Shaw. Shaws geistvoll-bissige Ironie lebt sich hier in dem ewig aktuellen Thema der Einstellung der Eltern zu den Kindern (und umgekehrt) aus. Eine einfach unübertreffliche Besetzung — besonders hervorzuheben sind die beiden Gäste Otto Wallburg und Hans Thimig — löst ununterbrochen Heiterkeit und Beifall aus. Nach mißglückten Versuchen konnte das. Theater jetzt einen durchschlagenden, andauernden Er* folg erzielen, c. kr, Sensafionstflm im KreunKino „Ein Unbekannter mordet" heißt ein amerikanischer Film, der zur Zeit im Kreuz-KinoJ (Wollzeile) lauft. Wer die Verbrecherfllme der großen Filmgesllschaften Metro-Göldwyn und Fox kennt, der weiß, daß hier mit den unerhörtesten technischen Mitteln gearbeitet wird. Das Atemraubende, an Herz und Sinn Rührende des neuen Films „Ein Unbekannter mordet'» entspringt nicht dem Kriminell-Irdischen ä la Wallace, sondern dem Phantastisch-Metaphysischen des Edgar Poe. Die Schauer, die das Publikum packen, greifen tiefer und nachhaltiger als bei den obligaten Gangsterfilmen. Dal Kreuz-Kino hat einen Schlager ersten Ranges. or. ßlgentüfaer, Verleger, Herausgeber, und yerant wörtlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. - IX., Universitätsstraße 6^-8, Druck: DrucKerei- und Verlags-A^G, Jgnaz Stetojnajjn, bfijde. Wigjjj T