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Die neue Welt · 1934-11-09 · Heft 412 (9.11.1934) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 412 (9.11.1934)
Date
1934-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 Groschen Jahrgang 8 Freitag/ den 9* November 1934 Nr, 412 V* b* b» "•^♦»ma: vom Verleger versendet par r^diteur" Tttl. U„i ^«faWWfofhefc H'ie«, i. E U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Hunderte Millionen jüdischen Volksgeldes verschoben In unserer Ausgabe vom 30. Oktober berichteten wir, daß anläßlich einer Tagung jüdischer Emigrationsgesellschaf ten in Warschau Protest dagegen erhoben wurde, daß die von Baron Hirsch dem jüdischen Volke hintcrlasscncn, für die jüdische Kolonisation bestimmten vielen Millionen von den Verwaltern der Stiftung ihrem Zwecke vorenthalten werden. Nunmehr veröffentlicht der bekannte alte russische Zionistenführer und jüdische Finanzpolitiker Doktor J. Brutzkus an Hand amtlicher Belege in der englisch-jüdischen Presse die heftigsten Anklagen gegen die J. C. A. (Jewish Colonization Association), welche das Erbe des Baron Hirsch verwaltet. Die J. C. A. entstand aus dem Vermögen des 1896 verstorbenen Baron Hirsch, der schon 1891 sein Vermögen in eine Aktiengesellschaft zum Landkauf und zur Ansicdlung von Juden umgewandelt hatte. Das Vermögen bestand ursprünglich aus zwei Millionen Pfund und wurde später auf zehn Millionen Pfund (zirka 300 Millionen Schilling) vergrößert. Hievon wurden in den Jahren 1892 bis 1897 5000 jüdische Familien aus Kußland in Arge ntinien angesiedelt. Seitdem hat die J. C. A. eigentlich keine eigene Kolonisation mehr vorgenommen. Man fragt sich, so schreibt Dr. Brutzkus, was die -T. C. A. eigentlich Jahr für Jahr mit ihrem Geld macht? Es ist sehr schwer, darüber wirklich ausreichende Informationen zu bekommen. Die veröffentlichten Jahresberichte besagen gar nichts. Das jüdische Volk, das der legitime Erbe des Vermögens des Baron Hirsch ist, hat in Wahrheit sehr wenig davon. . Nach dem Testament des Baron Hirsch sollten die Aktien in den Besitz der ..jüdischen Gemeinden Berlin, Frankfurt, Brüssel und der A n §1 o Jewish Association in London übergeben.' Jede dieser Körperschaften erhielt zirka 5000 Aktien (nur 3iebe:i Aktien waren in der Hand von Privatpersonen). Im Jahre 1921 wurde, wie Dr. Brutzkus durch Einsichtnahme in englischen Gesellschaitsregistern festgestellt hat, das Statut abgeändert, so daß sich über die Hälfte der Aktien in den Händen von Privatleuten befinden. Nach den bei der e n glischen Behörde ausgewiesenen Berichten war die Gesellschaft am 1. Jänner 1983 im Besitz von Wertpapieren im Betrage von 4,289.000 Pfund. Hiezu kamen 250.000 Pfund Bargeld und der Wert der Livndcrcicn in Argentinien und anderen Ländern von 3,379.000 Pfund. Die Verluste während des Weltkrieges iverden mit 661.000 Pfund angegeben. Baron Hirsch hat bestimmt, daß bis 50 Prozent des Kapitals in Boden kauf und die andere Hälfte für Kolonisationszwecke ausgegeben werden sollen. Niemals hat er sich gedacht, daß sein Geld in Wertpapieren angelegt bleiben wird. Er hat für die vorläufige Anlage ausdrücklich nur die Staatspapiere von England, Frankreich, Belgien, Holland, Schweiz, Deutschland und den Vereinigten Staaten zugelassen. Im gegenwärtigen Augenblick, wo einerseits die Sicherheit von Staatspapieren fraglich geworden ist, anderseits das jüdische Volk in so großer Not und im Bedarf nach Siedlungsland und Siedlungskrediten ist, müßte die J. C. A. sich veranlaßt sehen, eine andere Politik zu machen, die eine fruchtbarere Verwendung ihrer großen Gelder bedeutet. 40 Millionen den Bolschewiken geschenkt! Besonders heftig greift Brutzkus die J. C. A. wegen ihrer Tätigkeit in Kußlan d an. Sie habe im Jahre 1927 der russischen Regierung einen Betrag von vier Millionen Golddollar (zirka 10 Millionen Schilling) zur Verfügung gestellt, die die russische Regierung als Darlehen an jüdische Kreditgenossenschaften zu geben versprach. Diese Genossensehaften seien jedoch bald darauf liquidiert worden, die J. C. A. habe aber ihr Geld nie wieder gesehen. Die Verantwortung für diesen Verlust müsse der Verwaltung der J. C. A. zugeschoben werden. * Diese ganz ungeheuerlichen Anklagen werden von einem Manne erhoben, der seit vierzig Jahren im öffentlichen jüdischen Leben eine hervorragende Rolle spielt, ein Mann von lauterstem Charakter und größter Gewissenhaftigkeit. Wenn dieser Mann unter eigenem Namen die Anklage erhebt, daß hunderte Millionen jüdischen Volkgeldes verschoben und ihrem Zwecke entzogen wurden, dann ist es Pflicht aller Organisationen des jüdischen Volkes, hier einzugreifen. 5 pezialverkehr | nach Palästina Gütertransporte, Llftvans, Uebersied'ungen Ulimann, Rink & Co. Wien I, Kurrentgasse 12 / Tel. U-22-2-54 Von der Juden§f aal§partei ©e§*erreidis Versammlungskalender: Dienstag, den 13. November, halb 9 Uhr abends, Cafe" Lovrana, III., Löwengasse 3 6. Thema: Der Weg der Judenstaatspartei. Redner: Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Fritz Richter. Mittwoch, den 14. November, halb 9 Uhr abends, Judenstaatsheim, I., Werdertorgasse 14. Thema: Das jüdische Theater. Redner: Dr. Oskar Rosenfeld. Pater ÜBadilmai? ruft Chrfefen und Juden auf Die „Ueichspost", das Zontralorgan der österreichischen Katholiken, bringt in ihrer Dienstag-Nummer in größter Aufmachung den Vorabdruck eines Artikels „Christen und Juden", aus der neuen katholischen Zeitschrift „Die Erfüllung". Der Autor ist der in weitesten Kreisen bekannte Wiener Kanzelredner Jesuitenpater G. Bichlmai r. Die „Reichspost" hebt im Vor- und Nachwort die besondere Bedeutung des Artikels hervor. Sie stellt fest, daß der Artikel auch eine. Antwort auf die Anklage ist, daß man die jüdische Not- 23ct ftieietterfrattfimgen ober Snigüntangeii btMtwMttö reötauer läge in Oesterreich zu Zwangskäufen ausnützen will. Sie nimmt hiebei auf die Wiener Korrespondenz der Jüdischen Telegraphen-Agentur Bezug und beschuldigt diese, „ganz offensichtlich im Rahmen der sozialdemokratischen Stimmungsmache gegen Oesterreich die Befreiung Wiens vom Marxismus in eine Judenverfolgung" umgedeutet und behauptet zu haben, die „prekäre Lage der Judenschaft in Oesterreich werde für Zwangskonversionen ausgenützt". Dann stellt sie fest, daß der Artikel Pater Bichelmairs mit „Gruß und Segen des Erzbischofs von Wien", des Kardinals Innitzer, in die Welt hinausgeht. In seinen bedeutsamsten Stellen lautet der Artikel: „Wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr, steht heute die Judenfrage im Mittelpunkte öffentlicher Besprechungen und praktischer Maßnahmen. Man könnte geneigt sein, in dieser Tatsache nichts weiter als einen Ausschnitt aus dem Insgesamt der politischen Kämpfe in der Gegenwart zu erblicken. Aber die Judenfrage bedeutet mehr als ein Politikum. Ihre Wurzeln durchbohren die Öberschichte des rein Nationalen und Rassischen; sie reichen hinab zutiefst ins Religiöse, ins Ewige. Darum haben jene durchaus recht, die in der Judenfrage keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Ewigkeit sehen. Die Judenfrage wird im Grunde von keiner einzelnen Zeit, von keinem einzelnen Volk, von keiner einzelnen Nation, von keiner einzelnen Religion gestellt, sie stellt sich immer wieder von selbst, sie wird uns immer wieder neu aufgegeben, so wie uns andere heikle, für den Augenblick schwer lösbare Probleme im Laufe der Geschichte von der Vorsehung immer wieder neu aufgegeben werden. Die Judenfrage belastet in ihrer Ungelöstheit Christen und BESTE QUALITÄTEN! ANTHRACIT KOHLE KOKS BÄSCH IV, ARGENTINIERSTß. 22 - TEL. SERIE U.47.5.40 Juden zugleich. Man wird Hans Kandl durchaus recht geben müssen, wenn er im „Wiener jüdischen Familienblatt" schreibt: „Juden und Nichtjuden müssen beide gemeinsam die Verantwortung für das jüdische Schicksal tragen." Die Judenfrage läßt sich nicht verschweigen, sie läßt sich mit mechanischen Maßnahmen nicht lösen, weder auf offener Schaubühne noch versteckt hinter Kulissen. Mit halben, weil unauffälligeren und bequemeren Verfügungen wird ihr nicht gedient. Sie ist nun einmal von der Art, daß sie eine ganze und offene Entscheidung erheischt. Wer die Judenfrage heute so ernst nimmt, wie sie sich stellt, muß noch nicht des naiven Glaubens sein, sie in kurzer Zeit oder mit einem unfehlbar wirksamen Rezept lösen zu können. Man hat denn auch bekanntlich auf eine im geschichtlichen Augenblick mögliche „Lösung der Judenfrage" verzichtet und sich mit einer „Ordnung in der Judenfrage" begnügt. Ordnung darf hier wohl gedeutet werden als vorläufige Ordnung, als Ordnung auf Widerruf, d. h. bis andere politische, soziale, wirtschaftliche Verhältnisse eine andere Ordnung erheischen und ermöglichen. Ordnung in der Judenfrage stellt demnach ein Provisorium dar, einen Modus vivendi, einen Lösungsaufschub, vielleicht auch ein verstecktes Ausweichen vor einer peinlichen, unliebsamen Sache. Nun mag es vom politischen Standpunkt aus gewiß manchmal klug und geboten erscheinen, sich dort mit einem Modus vivendi zu begnügen, wo ein letzter Ausgleich der beiderseitigen berechtigten Ansprüche für den Augenblick nicht möglich ist. Aber auch für diesen Fall bleibt es wichtig und notwendig, daß unverzüglich an der Schaffung jener Voraussetzungen gearbeitet wird, die für eine endgültige Lösung der herrschenden Spannungen unerläßlich sind. Für die „Lösung der Judenfrage fehlen heute noch fast völlig die geistigen Voraussetzungen. Bisher sind' Christen und Juden in ihrem Verhältnis zueinander kaum sonderlich weit über gegenseitige Vorwürfe und Anschuldigungen hinausgekommen. Sie kämpfen gegeneinander. Sie suchen offen oder versteckt einander aus besetzten Stellungen zu verdrängen. Ueber diesen schleichenden Kriegszustand müssen beide hinauskommen, Christen wie Juden. Denn im Alten Testament mahnt Gott: „Trachte nach dem Frieden und jage ihm nicht nach!", im Neuen Testament steht das Wort Christi: „Ich will, daß alle eins seien." Ernste und notwendige Voraussetzung für eine wirkliche Lösung der Judenfrage ist der ernste Wille zu gegenseitige ,m Verstehen bei .Christen und Juden. Die Juden müssen sich einfür allemal klar machen, daß es zu wenig ist, in der Märtyrerrolle müßig darauf zu warten, daß die Christen in christlicher Nächstenliebe auf jeglichen Antisemitismus einfach verzichten. Den Christen darf es nicht aus dem Bewußtsein entschwinden, daß es für die Angehörigen eines Volkes schlechthin untragbar ist, als Menschen zweiter Klasse zu gelten. Einander verstehen, heißt nicht nur ein scharfes Pension Irma Meister. Meran Idealer ganzJShrlger Aufenthalt, letzter Komfort, gerühmte Küche, herrl. Park, niäülfre Preise Verla npen Sie Prospekte Mf? 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