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Die neue Welt · 1934-11-06 · Heft 411 (6.11.1934) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 411 (6.11.1934)
Date
1934-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 8 Diemfag/ den 6» K -»mbet» 1914 l8ß Nr« 4T1 Wkb» Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp€di6 par Tfediteur" E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30. vierteljährig S <$.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50. vierteljährig Zloty 4 50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Itumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire E.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, Tel, A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u, Freitag Der Baron ist gestorben In Bologne - sur - Mer, auf seinem Sommersitz, ist am 3. November 1934 der Pariser Baron Edmond de Rothschild neunzigjährig gestorben. 1 In den Tagen, da die jüdische Welt Moses Montefipres zu dessen 150. Geburtstag gedenkt, ist eine ähnliche legendäre Figur von der Bühne des Lebens abgetreten; legendär durch sein Mäzenatentum, durch seine Palästina-Liebe, durch sein biblisches Alter. Seit. einem halben Jahrhundert, unmittelbar nach dem Tode Montefiore3, sozusagen als sein Nachfolger, steht der Pariser Rothschild im Mittelpunkt eines fast mystischen Interesses der Juden der ganzen Welt — jener, die ihn als den freigebigen Philanthropen kennen, und jener, die seinen Namen mit dem jüdischen Palästina verknüpfen. Das Judentum hat innerhalb seiher tragischen Geschichte das .Glück, hie; Und da,: ein-J oder" zweimal", im Verlauf eines Jahrhunderts,' einen Mann hervorzubringen, inr dessen Charakter das. Beste des jüdischen Wesens sich kristallisiert. Edmond de Rothschild, kurz der „Baron" genannt, gehört zu diesen seltenen Exemplaren. Seine Biographie gibt nur die kleinen Linien seines reichen, für das nationale Judentum so wertvollen Lebens wieder:: ' . '■ Edmond Rothschild, der Sohn des Jakob James Meyer Freiherr von Rothschild, war der vierte Sohn des Begründers des Hauses Meyer Anselm Rothschild in Frankfurt. Den Gepflogenheiten der. Familie gemäß, heiratete er eine Angehörige der Rothschilds, seine Frankfurter Nichte Adelheid. Von seinen" beiden Söhnen lebt der jüpgere in Paris, der ältere in London. Der verstorbene Baron, der 90 Jahre alt geworden ist, war Mitglied der französischen Akademie der schönen Künste, Kunstsammler, Besitzer eines mit den kostbarsten Schätzen ausgestatteten Palais in. der Faubourg Saint- Honore\ Die letzten Jahre seines Lebens widmete er sich, nicht mehr Bankgeschäften, sondern ausschließlich der Fürsorge für Juden in der Galuth und für Palästina- Wanderer. Diese philanthropisch-religiöse Tätigkeit, wie edel und, umfassend sie auch gewesen sein mag, wird in den Hintergrund gedrängt durch den Enthusiasmus, mit dem der . Baron gleich bei Beginn der nationaljüdischen, zionistischen Bewegung die praktische Pionierarbeit in Palästina aufnahm. Zu einer Zeit, wo die Verbundenheit mit Erez Israel nicht mehr war als ein historisch angehauchtes Sentimcnt, gründete der Baron in Palästina die ers(te jüdische landwirtschaftliche Kolonie. Das war ke,in philanthropischer Akt mehr. Der Baron erkannte instinktiv, daß man den Menschen mit dem Boden, mit deiji j,üdi sehen Boden verwurzeln-müsse, wenn man einen dauernden Erfolg haben wolle. Während die Baron- Hirsch-Mjllionen einer — wie man heute sieht — „Ueber- Wovon sollen die Juden leben? Am 1. Dezember tritt in Oesterreich ein neues Gesetz in Kraft, welches die Freiheit auf dem Gebiete des Gewerbes und des Handels fast ganz aufhebt. Durch Konzessionszwang, Befähigungsnachweis, Nachweis des Bedarfes usw. wird die Eröffnung eines Geschäftes oder einer Werkstatt ungeheuer erschwert und der in den heutigen Zeiten der ständigen Krisen auf den meisten Wirtschaftsgebieten unausweichliche Berufswechsel fast unmöglich gemacht. Durch ungernein scharfe Bestimmungen wird der Wettbewerb eingeschränkt, die Unternehmungslust unterbunden. Ganz nach dem Muster des alten Zunftwesens wird den Zwangsgenossenschaften der Händler und Gewerbetreibenden weitreichende Macht verliehen. Die Genossenschaften, welche bis jetzt den staatlichen und kommunalen Behörden als beratende Körperschaften zur Seite standen, werden von nun ab im eigenen Wirkungskreise und bindend darüber entscheiden, ob eine neue Werkstatt oder ein neues Geschäft eröffnet, ob Betriebe erweitert oder umgestaltet v/erden dürfen, ob diese oder jene Art des Wettbewerbes erlaubt oder unerlaubt ist. Die wohltätige Wirkung dieses Gesetzes ist mehr als fraglich. Zunftzwang, aus Ratlosigkeit und Verzweiflung geboren, hat sich noch immer als wirkungslos erwiesen. Man kann durch ihn einzelne Monopolstellungen und diesem oder jenem einen unbequemen Konkurrenten vom Halse schaffen. Aber die Wirtschaft eines Staates kann durch Zunftzwang nicht verbessert, geschweige denn gerettet werden. Wie immer sich das neue Gesetz auf die Allgemeinheit auswirken wird, eines steht fest: Für die österreichischen Juden bedeutet es in der Gegenwart eine besondere Verschärfung der wirtschaftlichen Notlage und die Vernichtung einer gewaltigen Zahl von Erwerbsmöglichkeiten in der Zukunft. Die neue österreichische Gewerbeordnung gehört zur Kategorie jener Gesetze, die im Wortlaute I keinen Bezug auf Juden nehmen, aber durch die Begleitumstände einen vornehmlich gegen die Juden gerichteten Charakter erhalten. I Es sei hier auf wenige dieser Begleitumstände verwiesen. Wie soll ein junger jüdischer Mensch den an die Absolvierung einer mehrjährigen Lehrzeit als Angestellter oder Geselle gebundenen Befähigungsnachweis in einer Zeit erbringen, da die meisten Betriebe keine Juden einstellen? Nicht nur christliche Betriebe, sondern viele jüdische Unternehmen lehnen heute die Einstellung von Juden mit Hinweis auf die „Zeitströmung" und die Rücksicht auf eine nichtjüdische Kundschaft ab, welche nicht von. Juden bedient sein will. Bis jetzt suchten junge, jüdische Menschen den Ausweg in solche Berufe, die keine praktische Ausbildung im Betriebe, sondern nur Fleiß, Genügsamkeit, Intelligenz und Anpassungsfähigkeit erfordern, den Ausweg in sogenannte „freie" Berufe. Das neue Gesetz merzt alle „freien" Berufe aus, bindet alle an den Befähigungsnachweis, der für Juden unerbringlich wird. Der Ausweg ist gesperrt. Siedlung" von Juden gewidmet waren, bildete Rothschilds Werk, in das fast 70 Millionen Goldfrancs investiert wurden, den Grundstock zu der großen konstruktiven Kolonisation, die das zionistische Aufbauwerk in Palästina einleitete. Der Baron schuf die Basis für den mustergültigen palästinensischen Weinbau durch seine großzügigen Anlagen in Rischon le Zion. Die palästinensische Weinmarke „Rischon le Zion" oder Rothschild-Wein hat zum Prestige des jüdischen Aufbaues unendlich viel beigetragen. Im Jahre 1900 übergab Edmond Rothschild der J. C. A. (Jewish Colonisation Association) die Verwaltung aller von ihm subventionierten Kolonien. Der Baron unternahm zahlreiche Reisen nach Palästina. Noch in hohem Alter nahm er die Strapazen solch weiter „Ausflüge" auf sich. Vor neun Jahren begrüßte Die Entscheidung darüber, ob ein Mensch In Oesterreich ein Geschäft oder einen Betrieb eröffnen, erweitern oder umgestalten darf, ob „Bedarf" für einen neuen Betrieb vorliegt, ob die Gebarung eines Kaufmannes oder Gewerbetreibenden den „guten Sitten" entspricht oder nicht, ist von nun ab ganz in die Hand der Ständevertretungen und Fachgenossenschaften gegeben. Von der Zusammensetzung dieser nunmehr allmächtigen ständischen Körperschaften kann man sich bereits ein Bild machen. In die vor einigen Tagen gebildete höchste ständische Körperschaft, den Wirtschaftsrat, in seine Sektionen für Handel, Kredit- und Versicherungswesen, wurde nicht ein einziger Jude berufen. Wenn bei der Bildung der höchsten Körperschaft diese Tendenz maßgebend war, so wäre es gedankenloser Optimismus, anzunehmen, daß die Leitungen der Genossenschaften nach anderen Grundsätzen gebildet würden. Sie werden judenrein oder fast judenrein sein. Es erübrigt sich weiter zu erörtern, wie sich diese grundsätzliche und personelle Zusammensetzung auf das jüdische Gewerbe und die jüdische Kaufmannschaft auswirken wird. Nun noch der wichtigste Begleitumstand. Die neue Gewerbeordnung drosselt den Zugang zu einer großen Zahl von Berufen ab, ganz allgemein, auch für die Nichtjuden. Aber den Zustrom zu einem gewaltigen und immer größer werdenden Reservoir für berufstätige Menschen läßt sie frei. Der Staat, die Bundesländer und Gemeinden beschäftigen Hunderttausende in ihren Büros und Betrieben und nehmen jährlich viele tausend neue Menschen auf. Nur keine Juden! Seit Jahrzehnten ist kein Jude mehr in öffentliche Betriebe und Aemter eingestellt worden. Der aus früheren Zeiten verbliebene Rest jüdischer öffentlicher Angestellten verfällt der Pensionierung und dem Absterben. Vor einigen Wochen hat der Wiener Bürgermeister im Radio verkündet, daß die Bundeshauptstadt 5000 Beamte, Aspiranten und Arbeiter eingestellt hat, vor wenigen Tagen hat er mitgeteilt, daß 250 neue Lehrer die Angelobung geleistet haben. Kein Jude war unter diesen Tausenden! Von diesem Gesichtspunkte aus läßt sich die. Tragweite der neuen Gewerbeordnung so recht bemessen. Sie schränkt die Möglichkeiten der nichtjüdischen Bevölkerung auf einem Teilgebiete ihres Berufslebens ein, denn sie läßt das öffentliche Berufsleben frei. Für die österreichischen Juden aber bedeutet sie Sperre des ganzen, noch freigebliebenen Wirtschaftsgebietes. Was ist zu tun? Die Entwicklung zum Zunftzwang liegt in der Zeit und muß auslaufen. Jüdischer Widerstand wird daran nichts ändern. Jetzt ist der Kampf auf anderen Linien aufzunehmen. Wenn die österreichische Judenschaft nicht wirtschaftlich abgewürgt werden soll, muß eine Aktion in zwei Richtungen einsetzen: Oeffnung der öffentlichen Berufe für jüdische Angestellte und jüdische Arbeiter! Angemessene Vertretung der Juden er die Grundsteinlegung der Hebräischen Universität auf dem Skopus. Für die Juden der ganzen Welt, insbesondere die mit dem jüdischen Palästina verknüpften, war der alte Baron eine Hoffnung in allen Stunden wirtschaftlicher Verzweiflung. Bei Elementarkatastrophen, wenn es im Palästinabudget nicht klappte, war der Pariser Rothschild die Stelle, von der man Hilfe erwartete. Der fast Neunzigjährige verschloß niemals seine Hände. Heimgegangen zu seinen Vätern, verbleibt er den Juden der ganzen Welt in strahlender, niemals verlöschender Erinnerung. Dankbarkeit seinem' großen Herzen und Treue seinem großen Werk — das . sind die Gefühle, die an seiner Bahre das ganze Judentum umschließen. Große Woranzeige! SämStag, V. Dezember im Pestsaale des HOtel COlltiliental Festrede: Oberbaurat Ingenieur Robert Stricker 1 ■■ tßm cabaerfeier Reichhaltiges künstlerisches Festprogramm

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