Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 410 (2.11.1934)
- Date
- 1934-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 Groschen Jahrgang 8 Freitag/ den 2* November 1934 186 TitL Universitätsbibliothek Hu 410 V* b* b* Zeitung vom Verlege* versendet T"urnal expediö par l'editcur" Wien, I. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljiihrig S 4.—, ganzjährig S IG.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Itiimänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120. —; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; IlulKarlen monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Samstag, den 3. November, Vo9 Uhr abends, Festeaal <*§ ftft II, T b o r s t r /BalfourrGedenktag' // „Das Schicksal des Zionismus seil der Balfour* Deklaration 4 Redner: Rabb. Dr. I. Z. Kanner, Fritz Richter, Oberbaurat Robert Stricker, Dr. Sal. Wolf Worte zur BalfourffDefclaration i Am 2. November 1917 -erschien C * Balfour- Deklaration. Ihr Schöpfer, Lord Arthur iinlfour, ist am 19. Mürz 1930 in London im Alter von 82 Jahren gestorben. .' ' Wieder, wie so oft in den letzten 17 Jahren, ist die Frage des jüdischen Nationalheims in ihrer ganzen Breite aufgerollt: im Verhältnis zur britischen Mandatarmacht und im Verhältnis der zionistischen Parteien gegeneinander. Die wort- und sinngemäße Ausführung der Deklaration, die dem jüdischen Volk die Rückkehr in sein historisches Vaterland zusicherte, begegnet den größten, Schwierigkeiten. Das zionistische Aufbauwerk in Palästina leidet unter den retardierenden Momenten, die teils auf Kurzsichtigkeit, teils auf Engherzigkeit, teils auf Böswilligkeit zurückzuführen sind. Damals, als das brtische Imperium durch die B a 1 f o u r - D e k 1 ar a t i o n den Willen kundtat, dem jüdischen Volk die Wiederaufrichtung seiner alten Heimat zu ermöglichen, waren die zentripetalen Kräfte in der zionistischen Organisation, die klassenkämpferischen Methoden der Arbeiterchaluzim in Palästina, die zu Raub und Mord führenden Pietzereien der arabischen chauvinistischen Nationalisten, die schändlichen Maßnahmen der palästinensischen Administration nicht vorauszusehen. Aber gerade heute, wo diese schlimmen Erscheinungen das zionistische Werk gefährden, zumindest das Tempo seines Werdens einschränken, gibt die Besinnung auf die Deklaration, die den Namen ihres Urhebers Lord Arthur B a 1 f o u r trägt, unserem zionistischen Denken Halt und Festigkeit. Wir wissen, daß Lord Balfour tiefen Einblick in das jüdische Problem und seine zionistische Lösung besaß, als er am 2. November 1917 den inzwischen historisch gewordenen Brief an den englischen Baron Rothschild schrieb. Es ging ihm darin nicht um irgend einen der zahllosen politischen Akte, wie sie jeder Minister der britischen Macht in seinem Amtsverlauf in die Welt zu setzen hat. Für Balfour war ■— und das möge uns die Beurteilung der andere n britischen Politiker erleichtern die Lösung der Judenfragc in Herzl-zionisüschem Sinn ein Stück seiner Weltanschauung. „Für mich ist die Rückgabe Palästinas an die Juden kein Akt opportunistischer Gesinnung, sondern die Tilgung einer weltgeschichtlichen S c Ii u 1 d", antwortete Balfour im Unterhaus einem Abgeordneten, der Englands Interesse an Palästina damit motivierte, daß diesen für das britische Imperium notwendig sei. Die Balfour-Deklaration, von den britischen Administratoren Palästinas in deu Hintergrund gerückt, von den arabischen Mufti-Anhängern bekämpft, von einem Teil der zionistischen Organisation ihres Wirklichkeitsgehalts entkleidet, ragt immer noch aus den Hoffnungstrümmern der jüdischen Welt empor. Zusammen mit dem Mandat, dessen Voraussetzung sie bildete, bleibt sie, die vom britischen Imperium gegebene Zusicherung, das Fundament unseres völkerrechtlichen Anspruchs auf ein jüdisches Palästina. Hüten wir dieses Fundament und hüten wir uns davor, es zu bagatellisieren. Denn einem Volk, das über keine physischen Machtmittel verfügt, kann nur die Hochachtung des Rechts zum Recht vnsrden. Der erste Verhandlungstag. Während der ersten Verhandlung am 16. November 1933 wollten die wenigsten der Angeklagten die Verantwortung tatsächlich übernehmen. Die Vertreter der Klägerschaft beantragten, die „Geheimnisse der Weisen von Zion" oder die „Zionistischen Protokolle" grundlegend auf die Frage der Echtheit untersuchen zu lassen. Der Richter gab diesen Anträgen statt und ordnete eine Expertise durch ein Dreier-Kollegium an. In der Folge schlug die Klägerschaft als ihren Experten Mnbalessentett fßreblaiier ärjtndj immer tut et) er empfohlen tfr 6aueturumt Dr. M. HaUer, Professor der Theologie und Direktor an der Bernischen Universität, vor, die Angeschuldigten stellten Pastor Münchmeyer in Oldenburg als ihren Experten. Der Gerichtspräsident bestimmte als dritten Experten den Schriftsteller C. A. L o ß 1 i in Bern. Professor Dr. Haller aber trat als Experte zurück, da ihm als Semitisten und Hebraisten, wie er glaubt, die Kompetenz zu einem wirklich sachverständigen Urteil in der Frage der „Protokolle" abgehe. Prof. Dr. Haller betonte dabei, daß seine Demission keineswegs so aufgefaßt werden möge, daß ihm irgend welche Zweifel aufgestiegen wären an der Tatsache, daß die „Protokolle" eine Fälschung darstellen. Er sei im Gegenteil überzeugt, daß der Beweis der Fälschung der Protokolle geliefert werden könne und müsse. Die Klägerschaft bezeichnete daraufhin als ihren Experten den Professor an der juridischen Fakultät der Universität Basel, Dr. Artur Baugarten, der das Amt annahm. Hingegen konnte der von den Beklagten genannte Experte Pastor Münchineyer in Oldenburg durch die deutsche Post nicht aufgefunden werden. Trotz der Bemühungen des Gerichtspräsidenten konnte für die Angeklagten von Gerichts wegen kein Experte gefunden werden. Das Gericht wird in dem Prozeß als Zeigen vernehmen: Dr. Chaim Wcizmann; Graf A, M. du Chayla; Proi'osspr Swatikoff; W. Bunew; Nikolajewsky; Dr. H. Slioaberg; Sieber und Hermann Dietrich, die beim ersten Zionistenkongreß in Basel im Jahre 1897 als Stenographen fungiert haben; Zürcher Rechtsanwalt Dr. Z o 1 1 e r, der dem Zionistenkongreß 1897 als Zuhörer beigewohnt hat; Oberrabbiner von Stockholm Dr. Markus Ehrenpreis; ehemaligen rumänischen Deputierten und Senator Dr. Mayer Ebne r, die letztgenannten als Teilnehmer am ersten Zionistenkongreß; Dr. E. W e 1 t i und den bekannten Schokoladefabrikanten T o b 1 e r, die als Vertreter der Freimaurer aussagen werden; die Experten C. A. Loßll und Professor Baumearten. Darauf werden die Plaidoyers und schließlich das Urteil folgen. Ueber diese Zeugen ist ini einzelnen zu sagen: firat A, M. du Ch»ylft entstammt einer alteu fr»»« Herbst im sonnigen Meran Pension Irma Meister. Meran Idealer ganzjähriger Autenthalt, letzter Komfort, gerühmt* Küche, herrl. Fark, mäßige Preise. Verlangen Sie Prospekte zösischen Adelsfamilie, 1909 wanderte er nach Rußland aus und trat in die griechisch-orthodoxe Kirche über. Im Jahre 1909 lebte er zusammen mit S. A. N i 1 u s im Optina-Kloster. Nilus ist bekanntlich derjenige, der im Auftrage der Ochrana (zarisehe Geheimpolizei) zwecks Erregung antijüdischer Unruhen die „Protokolle" verfaßte, die, wie von Sachverständigen mehrfach bereits festgestellt wurde, nichts weiter sind als die teilweise verfälschte Uebersetzung eines vom französischen Arzt und Politiker J o 1 i seinerzeit herausgegebenen satirischen Pamphlets gegen Napoleon III. Justiz rat Dr. Max Bodenheime r, 6fl Jahre alt, ist der bekannte zionistische Politiker, der zum engsten Kreise Theodor H e r z 1 s gehörte und dem ersten Zionistenkongreß 1897 beiwohnte. Dr. Mayer Ebner, 61 Jahre, nahm am ersten Zionistenkongreß in Basel teil und wurde 1899 in das Aktionskomitee gewählt. Er ist Herausgeber der in Cernauti erscheinenden „Ostjüdischen Zeitung" und war wiederholt Mitglied der rumänischen Kammer oder des Senats. Dr. Markus Ehrenpreis, Oberrabbiner von Stockholm, ein hervorragender hebräischer, deutscher und schwedischer Schriftsteller, hat mit Theodor Herzl die Einladungen zum ersten Kongreß unterzeichnet und fungierte als Generalsekretär des Kongresses. Wladimir Burzew, 72 Jahre alt, unter dem Zarismus populärer Führer der demokratisch-revolutionären Bewegung, wurde durch seine Entlarvung des Provokateurs A s e w berühmt. Als Emigrant in Paris redigiert er die Zeitung ,,La Cause Commune". Professor Paul M i 1 j u k o w, 76 Jahre, ist ein berühmter russischer Historiker, Soziologe und Politiker, Begründer der russischen liberalen Partei (K a d e t t c n), in der einstigen russischen Duma Chef des liberalen Flügels, dann in der Kerenski-Regierung Minister des Auswärtigen. Als Emigrant in Paris, gibt er die russische Tageszeitung ..Poslednl Nowosti" heraus. Er gilt als der beste Kenner der politischen Lage Rußlands in der Zarenzeit. Advokat Henri Sliosberg, 71 Jahre, ist ein berühmter russischer Jurist und war Verteidiger des B e i 1 i 3 im Kiewer Ritualmordprozeß. Swatikoff ist ein bekannter russischer Historiker, einst Kommissar in der Kerenski-Regierung. — Nikolajewsky ist eine der führenden Persönlichkeiten der russischen Menschewiki und ein bekannter Historiker. Der Sinn des Prozesses Der gewerbsmäßige und scheinbar auch einträgliche Antisemitismus, begleitet von Amateuren, denen der Judenhaß ein mehr oder weniger angenehmer Zeitvertreib ist, hat sich niemals damit begnügt, die gesellschaftlich» Aechtung und Existenzverniehtung der Juden zu »rrdigrn. Es ging ihm darum, auch die geistigen und sittlichen Lehren des Judentums als verderblich und gefährlich hinzustellen. Um dies zu bewerkstelligen, bedienten sich die antisemitischen Propagatoren des Worts und der Schrift der gröbsten und sinnlosesten Fälschungen, von denen August Rohlings Talmudzitate („Talmudjude") und die sogenannten „Protokolle der Welsen von 7-ion" am bekanntesten sind. Diese schändlicheil Fälschungen wurden von vielen Gegnern des Judentunis als Grundlage ihrer au% jüdischen Exzsss« henutzt. Henry Ford hat sich in seln$9 — ■■^■■■MMIBBHMMWMM üa§ iüärdhen von der jüdi§dien WeEilieFf§dtafft In Bern hat am 29. Oktober ein Prozeß begonnen, der weit über die Grenzen der Schweiz Interesse erregt. Nicht die Prozeßinaterie allein, sondern auch die Z e u g e n als führende Persönlichkeiten auf dem Gebiete der Politik, der Publizistik und der Wissenschaftkönnen eine Teilnahme beanspruchen, wie sie sonst nur wenigen Proze^zeugen zuteil wird. Dem Prozeß liegt die Straiklage, des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und der Israelitischen Tvuit usgemeinde Bern gegen die Gauleitung des Bundes nationalsozialistischer Eidgenossen und gegen weitere Angeschuldigte zugrunde. Bereits am 16. November 1933 hat in Bern die erste Hauptverhandlung stattgefunden. Die oben genannten jüdischen Kläger hatten gegen die Beklagten Strafanzeige erstattet und sich hiebei auf eine Bestimmung des schweizerischen Gesetzes, betreffend Maßnahmen gegen Schundliteratur (d. a. Schriftwerke, deren Form und Inhalt geeignet sind, zur Begehung von Verbrechen anzuregen oder Anleitung zu geben usw.) gestützt. Gegenstand der Klage sind ein von den Beschuldigten verbreitetes Pamphlet, insbesondere aber die „Protokolle der Weisen von Zion", das berüchtigte Machwerk, das durch Mitglieder der „Nationalen Front" und durch Angehörige des Bundes nationalsozialistischer Eidgenossen (Landesleiter Theodor Fischer) verbreitet wurde.