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Die neue Welt · 1934-10-19 · Heft 406 (19.10.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 406 (19.10.1934)
Date
1934-10-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite S DIE NEUE WKLl Nr. 406 ie Sabbatbrecherin Von Israel Z a n g w i 11 Als Sohn eines nissischen Juden wurde Israel Zangwill im Jahre 1864 in London geboren (wäre also jetzt 70 Jahre alt, und ist inj Jahre 1926 gestorben. Zum Lehrerberuf bestimmt, wandte er sieh dem Schriftstellerberuf zu. Im Jahre 1892 erschien sein Novellenband „Kinder des Ghettos", später „Träumereien des Ghettos", „König der Schnorrer", „Die im Dunkeln wandern". Diesem Buch ist die untenstehende Erzählung „Die Sabbatbrecherlrt" entnommen. Auch als zionistischer Politiker snielto Israel Zangwill eine Zeitlang eine große Rolle. Er "war der Begründer und Pronagator der These, daß jedes für die Errichtung eines jüdischen Heims geeignete Territorium von den Zlonisten akzeptiert werden müsse, was man als Territorialismus bezeichnete. Diese Richtung erlitt bekanntlich Schiffbruch und Zangwill verschwand von der politischen Tribüne. Nichtsdestoweniger muß er als literarische Persönlichkeit und jüdischer Patriot hoch eingeschätzt werden. Endlich kam die Todesstunde der hundertjährigen polnischen Großmutter. Der Arzt meinte, daß sie kaum noch länger als eine Viertelstunde leben könne. Der Anfall war so plötzlich gekommen, daß keine Zeit blieb, ihre Enkel, die sie stets auszuschalten liebte, zu rufen. Das Schlimmste war bereits überstand, sie lag nun ruhig und schien friedvoll hinüberzuschlummern. Die Wärterinnen, die alle Mühe und alle schlaflosen Nächte, die die zänkische Alte ihnen verursacht, vergessen hatten, beugten sich ängstlich und liebevoll über das Bett, in dem das zusammengeschrumpfte alte Weibchen lag. Sie wußten nicht, daß die Sterbende im Geiste noch einmal die große Episode ihres Lebens durchlebte. Vor etwa 40 Jahren, sie war damals schon beinahe 70 alt und längst Witwe, lebte sie in einem polnischen Dorfe, das ihr die Welt bedeutete. Da erhielt sie plötzlich einen Brief. Dies geschah an einem regnerischen Sommertage, am Sabbatabend. Er kam von ihrem Jungen — ihrem einzigen Sohne — der 37 Meilen von ihrem Orte entfernt ein ländliches Wirtshaus besaß, längst verheiratet war und Familie hatte. In fieberhafter Erregung öffnete oie den Brief sogleich. Ihr Sohn — ihr Kaddisch — war ihr Augapfel. Die alte Frau las den in hebräischer Sprache geschriebenen Brief, von rechts nach links. Dann übermannte sie eine plötzliche Schwäche, sie fiel beinahe um. Wie zufällig, stieß sie in den vier Seiten des Briefes auf eine Stelle, die ihr wie mit Blut geschrieben schien. „Ich fühle mich in der letzten Zeit nicht recht wohl; das Wetter ist so furchtbar heiß, und'die Nächte sind so feucht und neblig. Aber es ist nichts Ernstes, meine Verdauung ist nur gestört, das ist alles." In dem Briefe lagen einige für sie bestimmte Rubel — sie fielen unbeachtet auf den Boden. Eine panische Furcht bemächtigte sich ihrer. Das Gerücht, das in jener Zeit schneller reiste wie die langsame Post, hatte schon die Nachricht gebracht, daß in dem von ihrem Sohne bewohnten Bezirke die Cholera ausgebrochen sei. Den ganzen Tag Über war sie von einer bangen Ahnung gequält gewesen; dieser Brief bestätigte ihre Befürchtungen. Selbst wenn er noch nicht von der verheerenden Seuche ergriffen sein sollte, so war er doch nach seinem eigenen Geständnisse in der Verfassung, in der man am meisten dazu disponiert ist, der unheilvollen Krankheit zum Opfer zu fallen. Er lag vielleicht jetzt schon auf dem Kranken- oder dem Sterbebette — vielleicht war er schon tot. Schon in jenen Tagen hatte die kleine Großmutter das gewöhnliche Lebensalter überschritten; sie hatte viele Menschen sterben sehen und wußte es, daß der Todesengel seine Opfer willkürlich heischt. Bei einer Epidemie hat er so viel Arbeit, daß er dem einzelnen Falle keine besondere Aufmerksamkeit widmet. Die Sehnsucht nach ihrem Jungen erwachte mit unwiderstehlicher Gewalt. Das Ende des Briefes schien ihr einen verborgenen Sinn zu haben: „Komm doch bald, recht bald, um mich zu besuchen, liebes Mütterchen. Denn ich werde dich jetzt so bald nicht aufsuchen können." Ja, sie mußte sofort zu ihm — wer weiß, ob sie ihn nicht zum letzten Male sehen würde? Dann aber zögerte sie plötzlich, ihr war ein schrecklicher Gedanke gekommen. Der Sabbat hatte gerade vor einem Augenblick begonen. Fahren, reiten, überhaupt jede Art des Reisens war für die nächsten 24 Stunden auf das strengste verboten. Verzweifelnd suchte sie sich'ihre Lage klarzumachen. Die Religion gestattete ihr nur unter einer Bedingung, den Sabbat zu brechen, das war, wenn ein Menschenleben dadurch gerettet werden konnte. Zu ihrem Sohne fahren konnte sie nicht, dann hätte sie jemand anderen in den Handel ziehen müssen und ihn verleitet, des Geldes wegen den Sabbat zu brechen. Sie mußte also gehen! Obgleich sie wußte, daß das Gesetz es für sündhaft erklärt, sich am Sabbat weiter als 2000 Schritte von dem Wohnorte zu entfernen — so konnte sie dies doch nicht ändern. Von allen Reisearten, war doch das Gehen immer noch am wenigsten sündhaft. Der Allerhejligste — gesegnet sei sein Name — wußte ja, daß sie damit keine Arbeit zu vollbringen gedachte. Vielleicht würde e r in seiner Gnade Barmherzigkeit mit einer alten Frau üben, die bisher noch niemals seinen heiligen Sabbat gebrochen hatte. Nachdem 3ie also rasch ein wenig gegessen, steckte die kleine Großmutter den Brief ihres Sohnes in den Busen, gürtete ihre Lehden und machte sich auf, um 37 Meilen zu Fuß zu wandern. Sie nahm keinen Stock mit, denn nach den Gesetzen des Talmuds wäre es wieder eine Sünde gewesen, am Sabbat etwas zu tragen. Ebensowenig durfte sie einen Regenschirm mitnehmen, obwohl es in der Regenzeit war. Meile für Meile schritt sie tapfer voran dem geliebten, bleichen Gesicht entgegen, das ihr am Ende ihrre Reise winkte und das .wie ein Stern vor ihr herzuziehen schien. „Ich komme, mein Lamm", flüsterte sie. „Dein Mütterchen ist auf dem Wege." Es war eine feuchte Nacht. Ein ungesunder, weißfarbener Dunst stieg auf, und der Himmel schien die Erde wie mit einem Leichentuche zu umhüllen. Die an dem Wege stehenden Bäume verschwanden in dem dichten Nebel. Um Mitternacht wurde der Dunst so dicht, daß Kein Stern mehr sichtbar war. Furchtlos wanderte sie die ganze Nacht durch den Wald; ihres Weges war die klehio Großmutter ganz sicher. Sie begegnete weder Ma; -:h noch Tier, obwohl in diesen Wäldern Wölfe und Bär.: Musen und es auch giftige Schlangen gibt. Es sprangen ihr aber nur ein paar unschuldige Eichhörnchen über den Weg. Als der Morgen kam, war sie sehr müde und beinahe lahm. Aber sie wanderte weiter. Die Hälfte ihrer Reise lag noch vor ihr. Sie hatte nichts zu essen mitgenommen; das wäre ja auch eine unerlaubte Bürde gewesen. Ebensowenig durfte sie an dem heiligen Tage etwas kaufen. V/ährend des Gehens sagte sie ihre Sabbatgebete und bat Gott inständig, ihr ihre Sünde zu vergeben. Ihr frommes Gebet stärkte sie und machte sii ihre Müdigkeit teilweise vergessen. Als sie dann durch ein Dorf kam, wurde ihr die Kunde von dem Auftreten der Cholera im Bezirke ihres Schnes bestätigt; für zehn Minuten beflügelte diese Kunde ihre Füße, dann aber Uberwältigte sie die körperliche Schwäche. Sie mußte sich an eine Hecke lehnen, um nicht umzusinken. E3 war beinahe Mittag; Ein vorübergehender Bettler gab ihr ein Stück Brot. Glücklicherweise war keine Butter darauf, so konnte sie es essen, ohne ihre Seele mit der Sünde zu beflecken, etwas Verbotenes über die Lippen gebracht zu haben. Sie nahm ihre Reise wieder auf, aber ihre müden, wunden Füße wollten sie kaum mehr tragen; nur sehr langsam kam sie weiter. Sie hätte gern die Füße im Bache gebadet, aber auch das war verboten. Sie zog ihren Brief aus dem Busen, las ihn wieder und wieder unc suchte ihre schwindende Kraft dadurch neuzuboleben. „Mut, Mut, mein Lamm, dein Mütterchen ist auf dem Wege." Dann fing es plötzlich an stark zu regnen: die schweren Tropfen, die ihr in das Gesicht schlugen, erfrischten sie in den ersten Augenblicken; bald aber war sie bis auf die Haut durchnäßt. Ihre triefenden Kleider schienen ihr unerträglich schwer zu sein, und der aufgeweichte Weg, der feuchte Schmutz, der r.ich an ihren Füßen festninf, waren ebenso sehr Hindernisse, die ihr Vorankommen hemmten. Aber trotz Regen und Wind verfolgte sie tapfer ihren Weg. Dann aber bemächtigte sich ihrer plötzlich eine neue Angst: Würde ihre Kraft ausreichen, das Ziel zu erreichen? Jeden Augenblick wurde ihr Schritt langsamer, sie kam wie eine Schnecke voran. Je langsamer sie ging, um so mehr sehnte sie sich nach ihrem Sohne, und um so deutlicher sah sie in bangem Vorgefühle das, was ihrer am Ende ihrer Rci3e harrte. Würde sie noch zur rechten Zeit kommen, seine letzten Worte zu hören? Vielleicht — schrecklicher Gedanke — war es schon zu spät, sie würde ihn nicht mehr lebend finden! Vielleicht wollte Gott sie dafür strafen, daß sie es gewagt habe, den Sabbat zu schänden! „Mut, Mut, mein Lamm", klagte sie leise, „stirb noch nicht. Dein Mütterchen kommt." Der Regen hörte auf. Leuchtend brach die Sonne hinter den Wolken hervor. Ihre warmen Strahlen trockneten ihre Hände und Gesicht und bedeckten sie dann bald genug mit Schweißtropfen. Jeder Schritt war eine Qual, aber die tapferen Füße gingen unaufhaltsam vorwärts. Ermüdet, geschwollen und wund, eilte sie dennoch weiter. Ihr war, als riefe in weiter, ach, immer v/eiter werdender Ferne die sterbende Stimme ihres Sohnes nach ihr. Sich tapfer vorwärtsschleppend, beantwortete sie den Ruf: „Ich komme, mein Lamm, ich komme. Mut, Mut! Dein Mütterchen ist auf dem Wege. Mut! Ich werde dein Antlitz wiedersehen, ich werde dich noch lebend finden!" Ein mit seinem Wagen vorüberziehender Fuhrmann bemerkte ihre Hinfälligkeit und bot ihr einen Sitz in seinem Gefährt an. aber sie schüttelte hartnäckig den Kopf. Der endlose Nachmittag neigte sich dem Abend zu — sie wankte den Waldweg entlang, manchmal stolperte sie, fiel vor Schwäche und verletzte sich die Hände und das Gesicht an den Dornen der am Wege stehenden Brombeerranken. Endlich ging die Sonne unter, wieder stieg aus den Pfützen im Walde der Nebel auf. Immer noch lag ein meilenweiter Weg vor ihr, und immer noch lief sie weiter, überangestrengt, fast automatisch, kaum mehr ihrer Sinne mächtig, den nächsten Schritt nur nehmend, weil sie den vorhergehenden gemacht. Von Zeit zu Zeit murmelten ihre Lippen: „Mut, mein Lamm. Ich komme.". Der Sabbat war gerade vorüber, als Großmütterchen endlich gebrochen, blutend und beinahe ohnmächtig an dem Wirtshause ihres Sohnes ankam, das am Rande des Waldes gelegen war. ihr Herz stand beinahe still vor Angst. Am Samstagabend pflegte sich sonst die ganze polnische Bevölkerung in und um das Wirtshaus zu versammeln. Heute jedoch war alles still. Nur der Klang hebräisch gemurmelter Hymnen drang durch die Tür. Ein Mann in einem Kaftan öffnete ihr, er legte den Finger an die Lippen, um ihr zu bedeuten, daß sie leise eintreten möge. Großmütterchen blickte in das Zimmer. Ihre Schwiegertochter und ihr Enkel saßen auf dem Fußboden — dem Platze derer, die einen Toten betrauern. „Gesegnet sei der gerechte Richter", sagte sie und zerriß den Rock ihres Kleides von oben bis unten. „Wann starb er?" „Gestern. Wir mußten ihn schnell begraben, ehe der Sabbat anbrach." Die kleine Großmutter erhob ihre zitternde Stimme und stimmte mit ein in die Hymne: „Ich will dir ein npues Loblied singen, o Gott, auf einer Harfe mit zehn Saiten will ich dein Lob singen."-- Die Pflegerinnen konnten nicht begreifen, woher die mumienhafte, sterbende, kleine Frau plötzlich d,ie Kraft nahm, eine sitzende Stellung einzunehmen. Die kleine Großmutter zog mit ihrer runzligen Hand einen zerdrückten Brief, der ebenso gelb und unansehnlich wie sie selbst war, aus ihrem verschrumpften Busen. Der Brief war mit seltsamen Hieroglyphen bedeckt, die längst verblichen waren. Sie hielt ihn dich vor die fast gebrochenen Augen — es war, als verkläre sich plötzlich das von tausend Runzeln durchfurchte, welke Gesicht. Ihre Lippen bewegten sich leise: „Ich komme, mein Lamm", flüsterte sie, „Mut, dein Mütterchen ist auf dem Wege! Ich werde dein Antlitz wiedersehen. Ich werde dich lebend finden.!" erlernen Sie rasch und gründlich bei staatl. diplom. Akademikerin 9X. 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