Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 406 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ist Preis 20 droschen lahrgang 8 Freitag/ den Ith Okfo^ ^i« 'T* 406 V* b* h* Hvereif.. "Mtung vom Verleger versendet ra*sb/„ „rnal expedie par Tediteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—! Rumänien-monatlich Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig' Liro 14.—i Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung : IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Wohin? — SdiulgheU© oder jü<3i's<he Sdiule? Wien, Mitte Oktober. Als am 16. September d. J. ein Erlaß des österreichischen Ministeriums erschien, wonach eine Absonderung der nichtkatholischen (jüdischen) Schulkinder von den katholischen in eigene jüdische Klassen zu erfolgen habe, bemächtigte sich der Wiener Judenschaft ganz spontan eine begreifliche Erregung. Denn sie sah in dieser Maßnahme der staatlichen Schulbehörde eine Art Diskriminierung der jüdischen Schulkinder, die mit der Verfassung im besonderen und mit dem sittlichen Empfinden im allgemeinen in Widerspruch stand. Die Wiener Judengemeinde hat in öffentlicher Sitzung zu dieser Frage Stellung genommen, das heißt, in einer Resolution verlangt, daß die aus „schulpraktischen Gründen" erfolgte Aufteilung der Schüler in Parallelklassen nach konfessionellen Gründen aufgehoben werde. In der Debatte hat Oberbaurat Robert Stricker über den Antrag des Präsidiums hinaus das positive Problem der jüdischen Erziehung angeschnitten. . , Das. war die erste Etappe, die Etappe der Klarstellung, der jüdischen Plattform. Von hier aus erfolgte nun' ein Schritt der Organisation der' nationalgesinnten österreichischen Judenschaft „Jüdischer Volksbund für Oesterreich"' (Jüdische Volkspartei), welcher anfangs Oktober der österreichischen Bundesregierung eine .Entschließung übermittelte, in welcher die Einführung jüdischer,Sonderklassen abgelehnt und. der Antrag auf Errichtung eines 'jüdischen Schul werk es in Oesterreich erstellt würde. .' - So war .das jüdische Schülproblem ins Rollen gekemmen. Gewisse. Schichten der Wiener Judenschaft, insbesondere, die der liberalistischen Ideologie anhängenden,' versuchten zu beweisen, daß der Status quo die vernünftigste Lösung sei. Aber der „Jüdische Volkses u n d f.ür Oesterreich" begnügte sich'nicht mit dem Pro t e s t, der, allzu oft angewendet, nur mehr als Gsste wirken kann, sondern rief die Judenschaft Wiens zu einer Massenversammlung auf, um in diesem Rahmen durch den Murid ihres Obmannes' Ing. Robert S t r i c k e r die Qeffentlichkeit. über alle mit der Klassenteilung verbundenen Erscheinungen und Probleme zu informieren. Während sonst derlei Stoffgrenzen möglichst eng gezogen werden, holte Ing: Stricker etwas weiter aus. Er stellte die jüdische Schulfrage in den Strom ■ dos politischen Geschehens in Oesterreich. Dadurch wurde das, was sonst in Polemik umbiegt, seines Angriffscharakters entkleidet. . Die Massenversammlung fand Dienstag, den ■16. Oktober, im Festsaal des Hotel Continental statt. Man sah Teilnehmer aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung,' vornehmlich Väter und Mütter, deren Kinder ja das Objekt der Diskussion, der Anregung und der Beschlüsse sind. ... , „Wir-müssen den Umstand zur Kenntnis nehmen", führte Oberbaurat Stricker aus, „daß Oesterreich sich in .einem Umbau seiner politischen, sozialen und kulturellen Formen befindet, wobei es um den national -religiös s c n Gedanken geht. Schon vor längerer Zeit hat die österreichische (damals christlichsoziale) Regierung die deutsch-christliche Tendenz als Richtschnur für ihr Staatsprogramm deklariert, und heute, da die Führung dieses Staates sich selbst als autoritäres Regime bezeichnet, ist für sie der Augenblick gekommen, den erwähnten Richtlinien Durchbruch zu verschaffen. Wir jüdische Bürger .dieses Staates verstehen die Zeichen der Zeit. Wir sind uns bewußt, daß der deutsch-christlichen Majorität, dieses Staates das Recht zusteht, für eine deutsch-christliche Erziehung ihrer Kinder zu sorgen. Damit ist nichts gegen: unsere Gleichberechtigung gesagt, so wie ich auch glaube, daß , weder der .Schulerlaß betreffs der Parallelklassen noch die sonstigen, dem deutsch-christlichen Gedanken dienenden Erlässe einer Diffamierung der jüdischen Bevölkerung oder einer Schmälerüng ihrer Rechte bewußt dienen. ' Aber so wie die national eingestellten Juden - Oesterreichs diesen Standpunkt der Regierung würdigen, so verlangen sie als'gleichberechtigte Staatsbürger für ihre Kinder die gleiche, d. h. ebenfalls eine national-religiöse Erziehung. Dieser Wunsch kann nur so in die Tat umgesetzt werden, wenn die Juden ein öffentliches jüdisches Schul werk mit staatlicher Förderung und öffentlichen Mitteln zugebilligt wird, worin die jüdischen Kinder unter Erziehung seitens , jüdischer Lehrer zu treuen Juden und treuen Oesterreichern herangebildet worden. Die volksbewußte Judenschaft Oesterreichs verlangt die jüdische Schule." Oberbaurat Stricker wendete sich an die Versammlung mit dem Hinweis, daß es sinnlos und töricht sei, sich einer mächtig einsetzenden Entwicklung entgegenstellen zu wollen; daß es vielmehr Aufgabe der Judenschaft sei, sich in den Strom dieser Entwicklung einzubetten und rechtzeitig — er verwies hiebei auf die tragische Lage der deutschen Juden, die erst unter I dem bitteren Zwang der Verhältnisse sich ihr eigenes jüdisches Schulwerk schufen — für die richtige Erziehung der jüdischen Schuljugend in religiösem, nationalem und moralischem Sinn Sorge zu tragen. Im Zusammenhang mit diesem Problem rechnete Robert Stricker mit all jenen ab, die aus ihrer engen assimilatorischen Einstellung heraus auch hier wieder der volksbewußten Judenheit entgegenarbeiten. „Es ist jetzt an der Regierung", schloß der Obmann des jüdischen Volksbundes seine mehrmals von zustimmendem Beifall unterbrochenen Ausführungen, „die Sachlage zu prüfen und so rasch als möglich eine gerechte, den Notwendigkeiten beider Teile (der deutsch-christlichen und der jüdischen Bevölkerung) entsprechende Lösung zu finden. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die österreichische Regierung die Forderung des Jüdischen Volksbundes als die der österreichischen Gesamtheit dienende erkennen wird." Am Schluß verlas der Versammlungsleiter Doktor Jakob Wein.er nach eingehender Beleuchtung der Sachlage folgende Resolution: „Die am 16. Oktober 1934 im Hotel Continental tagende jüdische Massenversammlung stimmt dem vom Jüdischen Volksbund für Oesterreich an die österreichische Regierung erstatteten Antrag . auf Errichtung eines öffentlichen, jüdischen Schul werk es einhellig zu." " Der Jüdische Volksbund wird seine Aufklärungspropaganda in bezug auf die Haltung der österreichischen Judenheit gegenüber allen Fragen des staatlichen Lebens Oesterreichs fortsetzen. Das bestbekannte 1V2 Restaurant Hotel Stefanie Wien il, Tabor straOe Nr. 12, Telephon R-46-5-57 empfiehlt seine reichhaltige Speisenauswahl Menü von S 1.60 an, Speisen am Rost, täglich frische Fische, erstklassige Bedienung af utein OJlagcntaiatrö u.ub loufttßcu Grftranftungen ber aSorüaminflsornane $reblmter Herbst im sonnigen Meran Pension Irma Meister. Meran Idealer ganzJHhrlger Autenthalt, letzter Komfort, gerühmt« Küche, herrl. 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Oktober, um % 9 Uhr E E abends Cafe „Patria", VI., Mariahilferstraße 127 5 E Ueber: E E „Judennot und Judenstaat" E sprechen Oberbaurat Robert Stricker und Fritz E E Richter. E illllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllillllllillllR im Frack" Gerade zu einer Zeit, da in zahlreichen Ländern das Verhältnis der Juden zu ihrer Umwelt einer mehr oder minder radikalen Revision unterzogen wird, ideologisch und praktisch, erregt jede diesbezügliche Äeußerung großen Widerhall. Der betroffene Teil, die Juden, sind ob des jahrhundertelang schweren Schicksals hier sehr empfindlich geworden und verfolgen mit Aufmerksamkeit jeden Gedanken und jedes Wort, das ihrer Stellung gegenüber den anderen Menschen, mit denen sie leben, gilt. Die Erkenntnis von den jüdischen Volksnotwendigkeiten ist bei den führenden Köpfen der Welt nicht groß. Darum kann jede solchem Mangel entstammende Äeußerung eine Atmosphäre schädlichen Mißtrauens erzeugen. Nehmen wir beispielsweise Amerika! Erst vor kurzem konnte man in europäischen Zeitungen (aus der Feder eines Kenners der amerikanischen Verhältnisse) lesen, daß in den Vereinigten Staaten der Kommunismus nicht von den breiten Massen des Proletariats, sondern von den sogenannten Intelligenzschichten geführt und propagiert werde — ein Erscheinung übrigens, welche die Erfahrung auch in bezug auf andere Länder bestätigt. Der Salonbolschewismus lebt noch immer fort. Er ist an keinen Staat, an kein Volk, an keine Kasse gebunden. Nichtsdestoweniger hat kürzlich der seinerzeitige Gesandte Amerikas In Deutschland, Mr. Qerard, seine Ansicht über den amerikanischen Kommunismus in engste Berührung mit den jüdischen Bürgern Amerikas gebracht, d. h. eine Verdächtigung ausgesprochen, für deren Berechtigung allerdings der äußere Schein sprechen dürfte. Herr Gerard benützte eine Conference Im Radio, um die Juden für die kommunistische Propaganda in den Vereinigten Staaten verantwortlich zu machen. Ja noch mehr. Er warf ihnen vor, daß ihre enge Verbindung mit dem Kommunismus staatsgefährlich sei, und verstieg sich schließlich zu der Drohung, daß in Amerika, würden die Juden nicht vom Kommunismus abrücken, ein Pogrom ausbrechen werde, gegen den dio Pogrome Im zaristischen Rußland ein Kinderspiel seien. Ob hier die Sucht, den amerikanischen Radiohörern etwas Sensationelles zu sagen, stärker war als die innere Ueberzeugung von der Wahrheit des Gesagten, erscheint belanglos für die Gesamtlage. Jedesfalls wurde den amerikanischen Bürgern, die für Nachrichten aus dem Munde von „Autoritäten" empfänglich sind, der Bolschewikenteufel in Form des Juden an die Wand gemalt und damit zugleich allen bösen Instinkten der Masse gefährliche Nahrung gegeben. Der englische Faschismus unter der Schwarzhemden-Führung des Sir Oswald Mosley, bisher dem italienischen Faschismus ähnlich, nähert sich in vielen Fragen dem deutschen Nationalsozialismus. Sir Oswald Mosley, der sich noch vor einigen Monaten gegen die Verwechslung seiner Weltanschauung mit dem Hakenkreuz wehrto und den hitleristischen Rassismus ablehnte, verkündet jetzt in seinem Organ „Black shirt", daß es seinen Schwarzhemden endlich gelungen sei, „die feindliche Front der organisierton jüdischen Finanz, verbündet mit Rowdies und Kommunlsten", zu durchbrechen. Bekanntlich werden Mosleys faschistische Massenversammlungen von jungen arbeitslosen Burschen (die man gemeiniglich „Mob" nennt), fanatischen Anhängern des kommunistischen Weltrevolutionsgedankens, gestört, scino Reden öfters niedergeschrien. Der Pfundmiüionär revanchiert sich für diese ihm unangenehmen Störungen, Indem er erzählt, daß der antifaschistische Straßenmob „unter jüdischer Führung" eine Gefahr für England sei. Wiederum wird hier die Judenheit für ein paar Desperados —• aus dem jüdischen Whitechapel — verantwortlich gemacht. (Eine Pikanterie sei hier vermerkt: Mosley, der im „jüdischen Kommunismus" die große Gefahr sieht, er*- klärte kürzlich in einer Rede in Manchester: „Die fremde