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Die neue Welt · 1934-10-16 · Heft 405 (16.10.1934) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 405 (16.10.1934)
Date
1934-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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is 10 Groschen Jahrgang 8 Dienstag/ den 16* Oklo*»?* 1934 Nr« 405 V*!•♦!>♦ Zeitung1 vom Verleger versendet „Journal exptdle par röditeur* REVUE HERAUSGEBER; ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertellährie Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3—- Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwei/, und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete An/eigen sind entgeltlich. Redaktion u,Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u, Freitag (Jüdische Volkspartei) ^^^^W GROSSE VERSAMMLUNG „Die jüdische Schulfrage in Oesterreich'6 Referent: Oberbaurat ROBERT STRICKER* Regiebeitrag Der Marseiller Köirig§mörder ist kein Jude Noch waren die Schüsse der Attentäter in Marseille nicht verhallt, noch kannte man nicht einmal die politischen oder psychologischen Hintergründe der blutigen Tat, als schon aus dem Dunkel der Geschehnisse ein Signal aufleuchtete: das Signal zur Judenhetze. Da und dort wurde sofort ein Zusammenhang zwischen dem Mord und dem Judentum hergestellt und sogar das jugoslawische Judentum, das — wie alle Welt weiß — harmonisch im südslawischen Staat verankert ist, der Schuld am Königsmord verdächtigt, ja beschuldigt. Schüsse fallen in Marseille — Fensterscheiben jüdischer Geschäftsinhaber in Jugoslawien werden eingeschlagen. Malkontentc kroatische Elemente machen sich unangenehm bemerkbar und stille Judengemeinden müssen es mit Angriffen auf Wohnhäuser und Geschäfte büßen. Wieder einmal bringt ein Ereignis des Tages die labile Lage des Judentums in der Galuth allen Klarsehenden zum Bewußtsein. Die Eigenart der jüdischen Situation in den Ländern der Zerstreuung ist hier wieder ins Blitzlicht der Geschichte gestellt worden. ' .: , . Die Weltpresse von Montag, den 15. Oktober, bringt die Meldung, daß der Attentäter von Marseille mit dem Mitglied der revolutionären Organisation Wlada Georgiew, genannt Cernowenski, identisch sei. Georgiew stammt aus Südbulgarien, hat einer kroatischen terroristischen Organisation als Instruktor angehört und ist Mohammedaner. Die J. T. A. meldet hiezu aus Belgrad unter dem 14. Oktober: Die von einer Nachrichten-Agentur in den ersten Stunden nach dem Mordattentat auf König Alexander II. von Jugoslawien und den französischen Außenminister Barthou in Marseille verbreitete Mitteilung, daß der Mörder, der sich Petrus Kelemen nannte, ein Jude war, was aus der Tatsache gefolgert wird, daß er beschnitten war, hat doch unangenehme Folgen für manche jüdische Gemeinden in Jugoslawien gehabt. In der Stadt üsijek (Esseg), dem Hauptort Slawoniens, kam es zu judenfeindlichen Ausschreitungen eines Teiles der Bevölkeirxing. Jüdische Geschäfte wurden angegriffen, die Fenster jüdischer Wohnungen wurden eingeschlagen. Die Belgrader Regierung hat sofort Order an die Polizei in Osijek erteilt, eine Wiederholung der antijüdischen Ausschreitungen um jeden Preis zu verhindern und nötigenfalls die Hilfe des Militärs in Anspruch zu nehmen. Auch in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, kam es zu antijüdischen Unruhen, die jedoch von der Polizei im Keim erstickt werden konnten. In Sarajevo, der Hauptstadt Bosniens, kam es zu Ausschreitungen' gegen Geschäftsinhaber, die einen antikatholischen, zum Teil aber auch einen antijüdischen Charakter trugen. Es sollen mehrere Geschäftsinhaber verabsäumt haben, zu Ehren König Alexanders Trauerfahneu aufzuhängen. Obwohl die jüdischen Geschäftsleute ihre Trauer um den Tod König Alexanders in angemessener Weise kundtaten, wurden auch sie zum Teil nicht geschont. Das Oberrabbinat Jugoslawiens erklärt in einer öffentlichen Kundgebung, daß Kelemen weder ein jugoslawischer noch ein ungarischer Jude war — wie dies seitens gewisser Kreise ausgestreut wurde —, sondern ea wird auf die behördliche Feststellung hingewiesen, daß der Mörder nach mohammedanischem Ritus beschnitten ist. (In Jugoslawien leben eineinhalb Millionen Mohammedaner und bilden rund 11 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Juden in Jugoslawien beträgt ungefähr 60.000 bis 70.000. D. Red.) * Die J. T. A. meldet aus Belgrad: Eine Anzahl Zeitungen des Auslandes teilte ohne besonderen Kommentar mit, daß bei der Untersuchung des Leichnams des von der Bevölkerung gelynchten Attentäters von Marseille, dessen Identität bis heute nicht feststeht, weil alle bei ihm vorgefundenen Dokumente sich als gefälscht herausstellten, festgestellt Werden konnte, daß er beachultttü 1«L Der Vertreter der J. T. A. erfährt von unterrichteter Stelle, daß es zwar richtig sei, daß der Attentäter .beschnitten sei, daß aber unzweifelhaft festgestellt wurde, daß seine Beschneidung nach mohammedanischem Ritus und der insbesondere bei den Mohammedanern in Mazedonien herrschenden Sitte erfolgt war. Ferner steht fest, daß der Attentäter der mazedonischen revolutionären Organisation „IMRO" angehört hat, wie dies aus einer Tätowierung an seinem Arm geschlossen werden muß. Die Organisation ,,IMRO" nimmt Juden als Mitglieder nicht auf. * Anmerkung: Die Unterscheidung zwischen einer Beschneidung nach jüdischem Ritus und einer solchen nach mohammedanischem ist leicht möglich. Die Beschneidung bei den Juden erfolgt in den ersten Lebenstagen, bei den Mohammedanern zur Zeit des Eintrittes in das mannbare Alter, um das 13. Lebensjahr. JÜPISCHE KLTEI&Nf Kauft Schulbücher . für Eure Kinder in der BudhhandBung ML Rath, Wien 11/ Tahor§*r* 20 A Telephon R-45-305 Lehrbücher für Voilts--, Haupt» und Mittelschulen in den vorgefchriebenen Aullagen auf Lager. Verzeichnifle kollenlos An einem Tag 1100 Palästina-Wanderer aus Polen Aus Warschau: Am 9. Oktober abends sind vom Warschauer Bahnhot zwei Züge mit insgesamt über 1100 jüdischen Palästina- Wandere in abgegangen. Der eine Zug mit etwa 700 Reisenden ging in die Richtung Rumänien, der zweite mit etwa 400 Reisenden in die Richtung Italien ab. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte für die Aufrechterhaltuiig der Ordnung. Mehrere tausend Personen waren auf dem Bahnhof versammelt, um von den Palästina-Reisenden Abschied zu nehmen. Es wurden hebräische Lieder gesungen. Die Waggont'enster waren mit, weiß-hlaucn Fahnen geschmückt. Judenfeindliche Unruhen in Tunis Aus Paris (J. T.-A.): In der Stadt Siliana in Tunesien griff eine arabische Bande anläßlich des Wochenmarktes die jüdischen Kaufleute an und plünderte die jüdischen Geschäfte. Der jüdische Kaufmann Kalifa Allouche wurde schwer verletzt. Die Polizei zerstreute die Bande und verhaftete eine größere Zahl von Plünderern. Zur jüdischen Sdiulfrage! Am 16. Oktober — große/ öffentliche Kundgebung Dienstag, am 16. Oktober, ist der österreichischen Judenschaft Gelegenheit gegeben, zur Frage der „Judenklassen" an den Wiener Schulen Stellung zu nehmen. Sie muß Stellung nehmen! Sie darf sich nicht auf wörtlichen und papierenen Protest gegen ein Schulghetto beschränken. Bloßer Protest hat noch niemals eine wichtige jüdische Frage gelöst und er wird ganz gewiß nicht die Frage der jüdischen Jugenderziehung lösen. Es genügt da nicht zu sagen, was man nicht will, die Juden müssen auch erklären, was sie wollen, wie sie als gleichberechtigte Minorität in Oesterreich ihre Jugend erzogen haben wollen. Die Juden müssen aussprechen, was sie vom Staate für die Erziehung ihrer Jugend zu treuen Juden und treuen Österreichern fordern. Diesem Zweck soll die Dienstag-Versammlung im Hotel Continental dienen. Deshalb soll kein Jude, der eine würdige Lösung der brennenden jüdischen Schulfrage fordert, in der Dienstag-Versamm» lung fehlen! „Angst vor dem Ghetto" Die Judenschaft Deutschlands ist durch eine Katastrophe von elementarer Wucht genötigt worden, die Erziehung ihrer Kinder selbst in die Hand zu nehmen. Die Entwicklung hat sie gezwungen, einen Weg zu gehen, den sie freiwillig nie beschreiten wollte. Sie hat jetzt ein jüdisches Schulwerk geschaffen. Die Angelegenheit der österreichischen „Judenklassen" hat verständlicherweise auch in der Judenschaft Deutschlands starkes Interesse hervorgerufen. Die Berliner „Jüdische Rundschau" behandelt unter dem Titel „Angst vor dem Ghetto" auch die österreichische Schulfrage wie folgt: „Zu denken gibt auch der Streit um das Wiener „Schulghetto". Es ist durchaus verständlich, daß die Wiener Juden nervös sind und jeden Akt praktischer Judenpolitik mißtrauisch betrachten. Denn die Vermutung liegt nahe, daß — womöglich unter Wahrung eines karmlosen Augenscheins — die Regierung dem wachsenden Antisemitismus Konzessionen machen will. Auch mögen sich — so muß man annehmen — bei der Durchführung dieses Wiener Schulerlasses im einzelnen peinliche Vorgänge ereignet haben, die als Demütigung der jüdischen Schulkinder gewirkt haben mögen. Aber wenn wir von solchen Erwägungen absehen, ergibt sich folgender Tatbestand: In Oesterreich ist das Schulwesen in zunehmendem Maße katholisch, sowohl in den äußeren Formen als auch im Geiste des Unterrichtes. Die jüdischen Schüler nehmen an diesem Unterricht teil. Es würde eigentlich naheliegen, daß jüdische Eltern, bzw. die verantwortliehen jüdischen Instanzen selbst die Forderung erheben, daß den jüdischen Schülern eine Sonderbehandlung zuteil wird. Denn innerhalb der katholischen Klassen werden sie entweder verführt, mitzutun oder aber sich in einer Weise, die weder pädagogisch noch menschlich förderlich ist, zu distanzieren. Wenn nun die Regierung die nichtkatholischen Schüler dort, wo die Zahl es möglich macht, in eigene Klassen zusammenfaßt, so ist nicht zu sehen, wieso dies eine Beleidigung der jüdischen Kinder sein muß. Daß es in der Praxis bei Taktlosigkeit von Lehrern solche Folgen haben kann, wurde schon erwähnt. Natürlich haben die zionistischen Protestredner recht, wenn sie sagen, daß eine negative Absonderung ohne jeden mit den vorzüglichen, großen falonichiffen dei direkten Eillinie TRIEST-JAFFA dei LLOYD TRIESTINO Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr Ferner: Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Cotombo, Singapore, Shanghai S: hnellste Schiffe Höchster Komlor Auskunft; " ~ yd Tricitino,Wien I,Kärntnerring 6,Tet.U-47-5 60

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