Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 404 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S DIB NEUE WELT Nr. 404 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bez., Seitenstetiengasse 2, || Samstag XL, Zeniralfriedhof, neb, d. 1. Tor. \ \ geschlossen Wochen-Kalender °f$er; 1 Cheschwan 5695 12 Freitag 3 Sabbateingang 5.10 13 Samstag 4 Sabbatausgang 6.10 ,~ip> <:-! ort ,-t: 14 Sonntag 5 15 Montag 6 16 Dienstag 7 17 Mittwoch 8 18 Donnerstag Empfeli!eii§werie Firmen Restaurants, Cafes etc. Hutcl-Kestuurant „Stephanie»", II., Taborstraße 12. Vorzügliche Wiener Küche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60. Täglich frische Fische. Kestaurant Bittet, vorzügliche streng orthodoxe Küche, II., Hammer-Furgstall-Gasse, bei Salztorbrücke. Cafe-Kcstaurant Edison (Inh. Fleischniann), VIII., Alserstraße l), Tel. B-43-0-47, B-13-0-S6. Cafe-Restaurant Espresso, l., Kotenturmstraße 1. internationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. Cafö Schottentor, I., Ring des 12. November 10, Telephon U-26-5-90, vis-ä-vis der Universität. 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Ich will nicht alle jene jüdischen Komponisten namentlich anführen, die eine Rolle im europäischen Kunstleben gespielt haben, sondern mich auf jene konzentrieren, welche einen dominierenden Einfluß auf das musikalische Leben ihrer Zeit hatten, wie z. B. Meyerbeer, der Schöpfer der heroischen Oper. Es ist nicht richtig, was Wagner über Meyerbeers Musik gesagt: daß sie jüdisch sei und nach Zwiebeln rieche. Meyerbeers Musik ist in Wirklichkeit rein italienisch und weist keinerlei jüdische Elemente auf. Wagner war das Wesen jüdischer Musik völlig fremd und es kränkte ihn, daß er, der echte Vollblut-Germane, von seinem jüdischen Konkurrenten stark beeinflußt sei: In Wagners ersten Opern finden sich Reminiszenzen an Meyerbeer; sogar bis zum Ende seiner Laufbahn konnte sich Wagner von Meyerbeers heroischem Opernstil nicht befreien. Einen ähnlichen Fall bildet Jacques Offenbach, der Schöpfer der leichten französischen Operette. Lange Zeit war Europa von ihm beeindruckt. Ich habe mich intensiv mit seinen Werken beschäftigt und bin zur Erkenntnis gelangt, daß sich auch bei ihm kein Funken jüdischer Melodik findet. Ebenso verhält es sich mit einer Reihe anderer jüdischer Komponisten. Nehmen wir beispielsweise Halevy und seine Oper „Die Jüdin", und zwar die Arie des Elieser „Recha, als Gott dich mir einst . . ." Könnt ihr euch vorstellen, daß ein Jude solch einen Gesang anstimmt? Halevy möge mir verzeihen — er hat niemals einen Juden singen gehört. Gehen wir weiter in der Reihe der klassischen jüdischen Komponisten. Der Umstand, daß unsere Komponisten sich der phrygischen Tonart bedienen (bezüglich derer man noch zweifelt, ob sie echt jüdisch ist, da fast alle östlichen Völker die phrygische Tonart anwenden), ist noch kein Beweis für den jüdischen Charakter und Stil der "betreffenden Komposition. Ein weiteres Beispiel: das Oratorium „Elias" von Felix von Mendelssohn. Ich sang und spielte einmal einem sogenannten „Fachmann für Jüdisch" das genannte Oratorium vor und bekam von diesem folgende Entgegnung: „Es ist eine ganz schöne Musik. Aber so hat unser Prophet Elias gewiß nicht gesungen. Dieser singt wie* ein waschechter Nichtjude." Und als ich ihm das in diesem Oratorium vorkommende Terzett der Engel vormachte, sagte er mir: „Entschuldigen Sie! So singen nicht jüdische Engel!" Wahrlich, der Fachmann für Jüdisch hat das Richtige getroffen. Ich will hier noch zweier moderner Komponisten, Arnold Schönbergs und Igor Strawinskys, Erwähnung tun: Beide sind jüdischer Abstammung und Mitbegründer der modernen Richtung in der Musik. Ich bitte alle meine Leser, die Werke dieser beiden Komponisten durchzuspielen und mir zu sagen, v/elche Beziehung sie zum Judentum haben. Unbeschadet der Rassentheorie, an welcher die „großen deutschen Forscher" sich die Zähne ausgebrochen haben, kann man diese Theoretiker dahin beruhigen, daß die genannten bedeutenden Musikschöpfer in ihrer Kunst absolut nicht jüdisch sind und daß man sie dreist in jede europäische Kultur, sogar in die deutsche, einschalten kann, ohne daß der rassische Gedanke darunter leiden wird. Wir Juden haben die Tugend (vielleicht ist dies ein Mangel), uns mit allen jenen großen Persönlichkeiten zu brüsten, die dem Volk Israel entstammen, aber was haben wir von ihnen, die auf fremdem Feld pflügen und säen, wobei schließlich die Völker ihnen nicht nur nicht dankbar sind, sondern sie oft mit Stumpf und Stengel ausrotten wollen? Wie ersichtlich, kann man die Entwicklung der jüdischen Musik leider nicht mit den jüdischen Meistern der Musik verknüpfen. Ist dies vielleicht im Rahmen der jüdischen synagogalen Musik möglich? . . . Es gab einmal eine Zeit, wo die Kultivierung des synagogalen Gesanges sehr groß war. Der Chasen und die Schul (der Vorbeter und die Betstube) ersetzte dem Juden das Konzertpodium und das Theater. Der Jude wünscht mit Liebe und Dankbarkeit, daß man ihm jedes Wort des Gebettextes durch eine melodische Deutung näherbringe, was besonders in den hohen Feiertagen eine große Rolle spielte. Der Chasen mußte die Gabe haben, mit der Kraft seines Gesanges die Zuhörer zu begeistern und zu Tränen zu rühren. Es gab einmal geniale Chasonim, um die sich allmählich Legenden woben. Von einem Chasen weiß die Legende zu sagen, er habe solch eine starke und weitreichende Stimme gehabt, daß, wenn er am Jörn Kippur das Wort „Schadai!" ausrief, die polnischen Reiter fern auf dem Marktplatz dies für ein Kommando hielten und hurtig ihre Pferde bestiegen. Von einem anderen wieder geht die Mär, daß zu Kol Nidre Fürsten und Prinzessinnen in den Tempel kamen, um den wunderbaren Gesang zu hören. Und ein dritter soll so schön gesungen haben, daß sich eine polnische Gräfin in ihn verliebte, was schließlich mit einer schrecklichen Tragödie endete. — Die Juden haben ihre Chasonim buchstäblich vergöttert. Jede Installierung eines neuen Chasen war mit Streit verbunden, der oft in Tätlichkeiten ausartete. Der echte chasonische Gesang bestand in freiem Singen und Sagen. Je größer das Talent im Singen war, desto mehr Phantasie konnte man im Gebetsang an den Tag legen. Selbstverständlich wurde die Lithurgie, welche für die ganze Welt galt, streng gewahrt; aber dort, wo man nicht streng daran gebunden war, konnte man sich frei entfalten. Allmählich wurde echte jüdische Musik geschaffen; und wenn wir heutzutage manche Gebetmelodien der einstigen Chasonim hören, so müssen wir wahrlich vor dem gewaltigen Verständnis für den jüdischen Stil staunen. Wäre die weitere Pflege dieser Richtung gefolgt, so würden wir schon lange eine festgeformte synagogale Form besitzen. Nun will man uns aber leider immer wieder mit Reformierung beglücken. In jeder Epoche tauchen Reformatoren für Außen und Innen auf und wollen ein „Licht von Zivilisation hineintrage n". Sie, die Kulturträger und Lichtbringer, wollen um jeden Preis unsere Bibel reformieren: Sie ist zu alt, sagen sie. Die Kunst, die Musik — sind zu primitiv..» Und eben den Reformatoren der jüdischen synagogalen Musik haben wir die fremden nichtjüdischen Elemente zu verdanken, die sich in unsere Betstube eingeschlichen haben. Es waren dies mittelmäßige Kantoren, die das jüdische Wesen nicht verstanden haben und sich, statt an die alten Traditionen anzuknüpfen, von der deutschen protestantischen Kirchenmusik beeinflussen ließen. Die Folge dieser Erscheinung, Stillosigkeit, herrscht nun allerorten. Als schlagender Beweis für die Stilvermischung, die jetzt in der Synagoge herrscht, kann die nachstehende Tatsache dienen: Von sechs Jahren ungefähr kam zu mir nach Warschau der bekannte italienische Komponist Ludovico Rocca mit der Absicht, sich von mir in die jüdische Musik einführen zu lassen. Er erzählte mir, er wolle zu Anskis „Dybuk" eine Musik schreiben, d. h. eine Oper komponieren. Ich blickte ihn zuerst wie einen Verrückten an, aber als er begann, mit mir über die musikalische Form der Oper zu sprechen, über die Art, wie er an das Werk herangehen wolle, fühlte ich, daß ich es mit einem ganz ernsten Komponisten zu tun habe. Er bat mich, ihn mit der jüdischen Musik bekanntzumachen. Ich besuchte mit ihm die Tlomazke-Synagoge (Warschau). Es war an einem Feiertag. Wir hörten das Mussaf-Gebet, , und als wir die Synagoge verließen, sagte Rocca zu mir: „Was? Das ist jüdischer Gesang? Das klingt doch wie deutscher Kirchensang!" Ich schämte mich sehr. Was mich anlangt, wußte ich das schon lange. Aber ich ahnte nicht, daß Rocca, der Katholik, es merken werde. Ich führte ihn später in eine Bet- und Lehrstube (Klojs), wo Chassidim beten. Es war Freitag-Abend. Wir standen eng beisammen in der dichtbesetzten Klojs, und im selben Augenblick, als der Chasen die ersten Takte des „Lechu dodi" gesungen hatte, gab mir Rocca einen Stoß in den Arm und sagte leise: „Das ist echt jüdisch, hat ein ganz anderes Kolorit! Ich möchte es gerne in meiner Oper verwenden." Und wir, der bekannte Interpret des jüdischen Volksliedes, Menachem K i p n i s, und ich, verschafften ihm alle chassidischen Melodien, die in der jiddischen Aufführung des „Dybuk" verwendet sind. Vornehmlich fand Rocca an dem jüdischen Motiv „Machmes wos" Gefallen, das er zum Leitmotiv seiner Oper „Dybuk" machte. Die Oper hatte bekanntlich einen großen Erfolg bei der Uraufführung in der Mailänder „Scala", und ich freute mich wahrlich, als ich die Uebertragung der Oper durch das Radio hörte. Eigentümlich, daß der Italiener Rocca eine feine Spürnase für den echten jüdischen Stil hatte und sich nicht von den gefährlichen Reformatoren der jüdischen Lithurgie verführen ließ. Tüchtiger hebräischer Lehrer (in fflr KONVERSATION gesucht. Zuschriften an die Verwaltung unteres Blattei unter „Hebräische Konversation". Dauerbrandöfen Kaminelnsäize für Holz-, Koks-, uud Kohlenfeuerung, auch auf Teilzahlung (eig. Teilzahlungssystenvj Verkaufsstelle IX, Aiserplatz 3 (Phönixhaus) - Tel. A-21-9-90 Ägentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. - IX* Universitätsstraße «-6. Druck: Druckerei« und Verlags-A.-G. Iguaa Steinmann, bejde Wien,