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Die neue Welt · 1934-09-21 · Heft 400 (21.9.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 400 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite & DIE NEUE WELT Nr. 100 An den Toren der Wüste Reisebilder vom H :dele Juden gibt es hier in Algier? l:n Konsistorium gab man mir eine präzise Ant'ih.rt. 6 J.W Aber man kann mit 100.000 bei einer Bevölkerung oon ~> Millionen Arabern und ~50.000 Europäern rechnen. Im Osten von Tunis überwiegt unter den Europäern das italienische Lienen!. Den I on im umbuchen und jüdischen Leben gibt Constuntinc an. Hier findet man die Eührcr der beiden arabischen Hauptparteien: der frommen lanaliker des Ben Budissa und der Reformisten des Dr. Ben Dschclil. Südipärts gibt es den ehemaligen Algierer Juden, der seiner Lebenshaltung, Kleidung und sonstigen Haltung treugeblieben ist. I eber dem ausgedehnten und wüsten Land wohnt er. in allen Städten und Dörfern und Oasen bis zur Sahara. Ihm bin ich hier begegnet und habe Einblick in eine bisher unbekannte jüdische Welt gewonnen. Die phantastische Landschaft Ich reise nach Biskra. das man das „Tor der II äste" nennt, und mein Weg ist auch weiterhin außerordentlich. Bis zum Morgen ist es noch weit und nn'r fahren aufwärts über die riesigen Berge, welche vor'die II äste gelagert sind; Berge, die in der Linslernis ivie phantastische Schiffe aussehen, die plötzlich versteinert worden sind im aufgc peitschten wilden Meer; hohe, zerklüftete Berge in fürchte, lic her Einsamkeit. Kein Vogel stört die Stüh, kein ivildes Tier, keine Llerde. Nur wir drei, der arabische Chauffeur, das Auto und ich. Der Araber murmelt sein ..Allah1"'-Gebet, und ich will die ganze stumme Einsamkeit der Morgendämmerung auf dem Weg nach Biskra in mich einsaugen, der Motor rattert und sein Geräusch tönt in der Stille der toten Berge, die bereit sind, den brennendheißen Atem des Tages zu empfangen. Bei den Salzseen Erst später, viel später, als die Sonne bereits hoch über uns stand, kamen wir zu zwei riesigen Einehen, die wie Silber glänzten. Es sind die Salzseen von Batnu. Der Weg läuft hoch zwischen den zwei Seezungen. Sie sind die Reste prähistorischer Meere, welche zum Teil ausgetrocknet, sind und ihre Setze an den Ufern ablagern. Da gibt es schon Menschen und ein paar Bahnschienen, auf denen das Salz waggonweise weggeführt und riesigen Kamelkarawanen anvertraut wird. Noch immer keine Juden II ir durchfuhren Batna und kamen in das arabische Städtchen El-Kan.tara. Der ganze Ort — nredrige Lehmhäuschen. Hohe Palmen. Araber vor de:; offenen Uiden und Hütten. Das Wasser ist nicht zu trinken. Es hat einen ledernen Beigeschmack. Wir essen frische Trauben. Europa ist hier bloß durch einen Postbeamten und durch eine Benzin-Tankstelle repräsentiert. Wir fahren weiter. Aac/i zehn Stunden Bergfahrt wird Biskra sichtbar, ein schüttere Stadt im Schatten von Palmen. Es ist Nachmittag und die Sonne brennt unbarmherzig. 42 Grad im Schatten. Herrliche Villen und Gärten. Die Gassen leer. Alle halten sich zu Hause auf. Mein LLotel heißt „Hotel de Sahara". Auf meiner Wanderung durch die Stadl kein jüdisches Gesicht. Ich forsche nach den Aufschriften vor den Geschäften. Aber alles oermacht. Es ist zu heiß. L'eberall Geschäfte mit Datteln und Trauben. Wo finden sich hier Juden? Der erste Jude in Bistra Plötzlich bleibe ich vor einem blaus stehen. Eine hebräische Aufschrift! Ein Bethaus! Ich klopfe an. Geschlossen. Memand antwortet. Ich weiß, daß mich drinnen niemand hört, hoffe aber, daß ein jüdischer Sachbar oder ein jüdischer Vorübergehender auf mich aufmerksam wird. Aber niemand geht vorbei. Nur ein paar Araber. Ich gehe unoerrichteter Dinge weg, schleppe mich durch die fürchterliche Hitze. Gegen Abend lese ich über einem offenen Geschäft einen Namen: „Abraham Zion!" Ich gehe hinein. Der Kaufmann kommt mir entgegen. ..Ich will nichts kaufen . . ." /:/• stellt mich an. Ich frage ihn: ..Ein Jude?' Daraufhin betrachtet er mich. Ich sehe nicht aus wie ein Algierer Jude. Einer erkennt den anderen. Ich sage ihm: „Ich bin ein Jude!" Er betrachtet mich fortwährend. „Ich bin aus Paris." Und um. sein Vertrauen zu vergrößern, füge ich hinzu: „Und jetzt komme ich aus Constantine.'i Er nähert sich mir. Ein älterer Mann. Beide Hände slreekl er mir entgegen: jüdischen Algier ..Ein Jude aus Paris? Dort geboren?" .Sein, iveiter .... in Warschau . . ." ..Oh ... aus Polen!" Er öffnet breit die Augen. Er beginnt in seinem Laden hin- und herzulaufen. .Setzen Sie sich. Hollen Sic ctivas trinken... oder vielleicht essen?" Ein Araberknabe, ein netter Junge, dreht sich da herum. Er sagt ihm: ..Bring Bier!"" Nachdem der Junge gebracht hat. schick! er ihn weg. ..Was machen Sie hier?" ..Ich will die Juden kennenlernen. Es gibt doch wohl eine Menge Juden hier . . ." . Gewiß . . . gewiß . . ." Und gleich macht er mir einen Vorschlag: „Ich werde das Geschäft sperren und mit ihnen zu unserem Präsidenten gehen. Er wird Ihnen über alles Auskunft geben. . . ." £r läßt sich oon mir beim Sperren des Ladens nicht helfen. ..Ein Jude von so weit her . . ." I nd er führt mich zum Präsidenten der Gemeinde von Biskra. Der liebenswürdige Gemeindevorstand In einem großen Lebensmittelgeschäft sitzt der Gemeindevorstand Abraham Mcsselati. Ebenfalls ein älterer Mann. Europäisch gekleidet. Kurzsichtig, beugt er «ich über einen Haufen von Rechnungen, heben ihm sitzt ein zweiter Jude, ein Diener, in weißen, arabischen Kleidern, mit einem Fes auf dem Kopf. Beide halten arabische Fächer in den Händen und vertreiben die Fliegen. Sobald der Ghef erfahren hat, woher und weshalb ich komme, erhebt er sich und streckt mir beide Hände entgegen. „Seien Sie mir gegrüßt . . . Seien Sie mein Gast . . .'' Mit großer Gastfreundlichkeit nimmt er mich auf. Schickt den arabischen Angestellten iveg, damit dieser nicht unser Gespräch höre, und ruft aus: „Bei Juden ist's wie bei Verwandten. Sic treffen einander entweder bei einem freudigen Anlaß oder bei einem schmerzlichen." t An allen Türen hängen Mesusoth. Sein IL aus ist groß und geräumig. Auf der Erde sitzt seine Frau in buntem Algierer Kleid und kocht auf einigen Steinen nach arabischer Art das Essen. Man sieht breite arabische Tassen blinken und im Winkel ein Klavier. „Meine Kinder spielen!" Eine große Familie. Einige Söhne studieren in Frankreich. Gebildete Menschen. Der alte Messelali erzählt mir von der Stadt: „In Biskra gibt es rund 500 Juden. Auf 585 französische Wähler sind wir 115 jüdische Wahlberechtigte. Wir halten zusammen und dabeisind wir eine Macht, mit der man rechnen muß." „Womit beschäftigen sich die Juden? Was sind sie?" ..Kaufleute und Beamte. Wir schicken Datteln in die ganze Welt. Die anderen Juden sind Schuster, Goldschmiede, Zimmermaler. Es gibt eine Menge reicher Juden, eine Menge armer Juden, die wie Araber wohnen, bloß arabisch sprechen, insbesondere jene aus den Dörfern. Der Genieindevorstand spricht zu mir und Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jali:e;,liericlilc Ii 33: Versicherung; i.bcstaml Prämien- und Zinsen- Einnahmen Garantienlittel Auszah'ungen an die Versicherten S 3.107,('00.((L* - „ 211,000.000- — „ G.'O.OOO.CCO--. 72,rX0.0C0.~ Tätighcitsgeblct: Ocstd reich, Pinaches Reich, Saargebiet, Cechoslovakische Ripublik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslavicn, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis, Abrukko, Irak und Aegypten, ich mache Aufzeichnungen. Er wirft einen Blic': hin und bemerkt, daß i<h von recht:; ir.'.ch links schreibe. „Sic schreiben Hebräisch?" „Sein. Das ist Jiddisch.'' „Aber hebräischc Dui-hslabcn! Ja." Alle blicken auf mein \otizhuch. Sic beginnen mit wahrer Begeisterung zu svreclien. „Hebräisch ..." ..Wie im Gebet buch . . „Sie nersteh.cn!Icbrüis< Ii?" ..Natürlich!" „Das i'unzc Gebetbuch?-' * Ju." Alle drei blicken einander an. Der Gemeindevorstand wird feierlich. „Gestatten Sie. daß wir Ihnen . . . das M incha-Gcbct zukommen lassen. Daß Sic für uns . . ." Ich bleibe erstaun! stehen. „Ich werde alle Juden rufen lassen." Auf alles war ich vorbereitet, nur darauf nicht, im fernen Biskra einen Kantor abgeben z.n müssen. Ich sagte zu, ins Hcthatis zu Mincha zu kommen, und dachte darüber nach, wie ich mich aus der Affäre zielten könnte. Es dauerte lungo, bis ich dem \Orstaud zu verstehen g,ab. daß ich lieber den Kantor oon Biskra hören möchte. Und ich hörte ihn wirklich beim Minc!iu-Go!tesdiensl, der für mich in der Beistube von Biskra veranstaltet wurde. J. llaniesky, Paris. DüdlBsdue KuSäaairsöeBHe 43&uBns!Ssfcfl!!e)t II., A&riernbrückengassc 2, Toi. R-48-2-01. Bürostunden: 9 bis 17 Uhr, Samstng 9 bis 13 Uhr. Den M i t g 1 i c cl e r u .stehen ermäHiglo Karten für alle Theater W i e n r> zur Vorfügung. ______ Eröffnung der Jüdisches: Bühuo in Wien. Am 2. Oktober 1934 eröffnet der „Wiener jüdische Schauspiclerverein" in eigener Regie die Jüdische Bühne, IT., Pratorstraße 60 (Theater Astor). Um das Theater auf hohci'i Niveau zu halten, hat die Leitung ein ausgesuchtes Ensemble engagiert, u. a. den bekannten hervorragenden Schauspieler und Regisseur der Wilnacr Truppe, Herrn Alex. Stein. zmmmrmaiiiBMWtwsBB BOXCALF - SCHWARZ MCROUPONSOHLE Helfet den jüdischen Studenten! Die Mensa academica judaica ohne Geldmittel! Der Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica, der sich zur Aufgabe gemacht hat, den Studenten in der Mensa academica judaica ein Mittagessen — oft die einzige Mahlzeit des Studenten — ohne jedes oder nur um ein sehr geringes, an die tatsächlichen Gestehungskosten nicht heranreichendes Entgelt zu bieten, ist zu Beginn des neuen Schuljahres aller Geldmittel bar. Um doch die Mensa academica judaica wieder eröffnen zu können, sieht sich der genannte Verein gezwungen, die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf diese Institution zu lenken und zur raschen und ausgiebigen Hilfe aufzurufen. Adresse für Geldsendungen: Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica jüdaica, IX., Zimmermannplatz 8, Postsparkassenkonto Nr. 30.372. BOXCALF- SCHWARZ M-El DECHS- IMIT- KOI* 81N tERJ^ ii tabor.stras.se 46 Eigentumer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlu^s-A.-U. jpjnaz üteinmuim, beide Wien, IX* Universitätsstraße a *

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