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Die neue Welt · 1934-09-18 · Heft 399 (18.9.1934) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 399 (18.9.1934)
Date
1934-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 8 Dienstag/ den 18« September 1934 Nr* 199 IMnb* Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp€di6 par TSditeur" T'«. Üi,iv ^tsbiWothck Wien, i. I REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährigr S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—. verteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.— : Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.— : Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14-—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Radaktion u. Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u, Freitag §chwere Anklage gegen die französische Regierung! Zum Judenpogrom in Constantine (Algier) Unser französischer Korrespondent schreibt: An die gräßliche Judenausschlachtung, welche am 5. August in Französisch-Nordafrika, in der Stadt Consta n t i n e stattgefunden hat, ist es merkwürdig still geworden. Wohl hat der Innenminister strengste Ahndung der Morde und Garantien für die Zukunft zugesagt, aber von irgendwelchen durchgreifenden Maßnahmen hat man nichts gehört. Es ist unverkennbar, daß von offizieller Seite die Parole ausgegeben wurde, zu schweigen, und die Parole wird allseits befolgt, auch von selten der offiziellen Vertretung der französischen Judenschaft, deren Pflicht es doch ist, zu reden und laut zu reden. Denn es wird von Tag zu Tag klarer, daß die Ereignisse iri Constantine nur möglich waren, weil die unter dem Befehl des Generralgouverneurs von Algier, Carde, stehende Zivil- und Militärverwaltung völlig versagt und nichts unternommen hat, die jüdischen Bürger vor den Folgen einer öffentlich und monatelang betriebenen, auch mit H i 11 o r - G c 1 d geförderten Mordhetze zu bewahren. Es ist nachgewiesen, daß seitens der Judenschaft, geraume Zeit vor dem Ausbruch, Schutz gefordert und daß dieser unter allen möglichen Vorwänden versagt wurde. Ale sich die Verwaltung endlich zu einem Eingreifen entschloß, tat sie dies in einer Art, die OelinsFeuerbe-- deutete. Sie kommandierte arabische Schützer in die Judenstadt gegen die arabischen Pogrornisten. Die Juden protestierten dagegen, weil es klar war, daß diese Truppen nie und nimmer gegen ihre Volksgenossen vorgehen würden. Sie forderten Entsendung neutraler Truppen, die Kommandierung der in Algier stationierten Singalesen und Fremdenlegionäre. Aber sie sprachen zu tauben Ohren. Was erwartet wurde, traf ein. Die arabischen „Schutztruppen" taten alles, um die Arbeit der Mörder zu schützen. Vor ihren Augen wurden Greise, Frauen und Kinder hingemordet und sie rührten nicht den Finger. Viele Soldaten taten mit. Nun regt es sich doch! Die Straß burger jüdische Leitung „La Tribüne Juiv'e" greift den Fall Con-, stantine auf und bringt einen „Offenen'Brief" des. Präsidenten der Liga für Menschenrechte in Algier und Stadtrates von Constantine Advokat A. Sultan an die Adresse der französischen QeffentUchkeit. In diesem Schreiben wird fürchterliche Anklage gegen die französi- " oclie Verwaltung erhoben und Sühne' verlangt. Es heißt da u. a.: „Ich bin seit einigen Tagen in Paris, um zu verhindern, daß man das fürchterliche Drama des 5. August ■■ in Constantine vergißt, um zu verhindern, daß „d i e Toten für immer tot bleiben s o 11 e n." Die Öffentliche Meinung Frankreichs muß sich erheben und Gerechtigkeit verlangen. Aber nicht nur Gerechtigkeit gegen Mörder und Verbrecher, sondern sofortiges Einschreiten gegen jene, denen die Erhaltung der Ordnung in Constantine anvertraut war, welche aber zugegeben haben, daß es zu folgender schrecklicher Bilanz gekommen ist: 25 Tote, darunter 5 Frauen und 4 Kinder im Alter von vier bis acht Jahren. Durchschnittene Kehlen, wie Schlachtvieh, ohne von anderen wilden Verstümmelungen zu sprechen. Zweihundert Geschäfte ausgeraubt und zerstört, ' über 30 Judenhäuser verwüstet. Uebcr 100 Millionen Franken Schaden! . . „Die ganze Welt soll es wissen, daß während acht* Stunden mörderischen Wütens die französische ... Verwaltung überhaupt nicht da war. Die - ganze . Bevölkerung einer Stadt war preisgegeben einer Bande .Tllm&CHK MIETERN! i£stuft Schulbücher für Eure Kinder in der Budihandltin's , Wien 11/ Taborsfr* 20 A Telephon R-45-305 Lehrbücher für Volks«/ Haupt» und Mittelsdiulen in den vorgelctiriebenen Auflagen auf La^er. Versteidmitte kollen-fos von gemeinen Verbrechern und Mördern. Alles geschah vor den Augen einer Sicherheitebehörde, welche den Befehl gegeben hatte, sich nicht einzumischen. Alle Welt hat gewußt, daß in Nordafrika über 20 Millionen Franken Geld aus Hitler-Deutschland gearbeitet hat. Pariser Zeitungen haben monatelang früher diese Hetze aufgedeckt und ständig darüber geschrieben. Alles umsonst!" „Wir fordern Einhaltung der Versprechungen, welche die Pariser Regierung nach dem 5. August feierlich gegeben hat. Wir sind französische Bürger und fordern Garantie für Sicherheit und Leben. Wir verlangen kber vor allem Einschreiten gegen die schuldigen, staatlichen Organe. Mit uns muß sich das Gewissen Frankreichs erheben, um die Entfernung und Bestrafung jener Beamten zu fordern, denen die Wahrung der Sicherheit anvertraut war, die aber in strafwürdiger Weise alles unterlassen haben, um die gräßlichen Mordtaten zu verhüten .. Man kann der derzeitigen französischen Regierung gewiß nicht zum Vorwurf machen, daß sie antisemitisch eingestellt ist und Gewalttaten gegen jüdische Bürger gutheißt. Aber im Falle Constantine hat sie, das muß mit Bedauern festgestellt werden, bis heute unterlassen, die Pflichtvergessenheit ihrer Beamten in Algier zu sühnen und der Judenschaft Genugtuung und Garantien für die Zukunft zu geben. Vor einer schweren PrUfun -Von Meir Großmann (Tel-Awiw) Die Frage der Einführung eines Gesetzgebenden Rates, einer Art Parlament, in Palästina, wird in der letzten Zeit immer intensiver behandelt. Sie verschwindet sozusagen nicht von der zionistischen Tagesordnung. Auch die arabische Presse widmet ihr größte Aufmerksamkeit. Nach den letzten Meldungen begibt sich Palästinas Oberkommissär Sir Artur Wau.chope nach London, um von der englischen Regierung, die entsprechenden Informationen zu erhalten. Unter solchen Umständen ist die jüdische Stellungnahme, wie sie von Meir Großmahn, dem Vorstand der Judenstaatspartei, im nachstehenden dargestellt wird, . von besonders aktuellem Interesse. Wir veröffentlichen Großmanns Ausführungen in ihren wesentlichen Teilen. Meiner Ansicht nach liegt der Schwerpunkt der Frage, die sich auf die Einführung eines Gesetzgebenden Rates bezieht, nicht in der' Entschlossenheit der Engländer, ihn zu schaffen. Eine dutzendfache Entschlossenheit reicht nicht aus, wenn ein Viertel der Bevölkerung, gestützt auf das ganze jüdische Volk, kategorisch die Ehre, in solch einem Parlament zu sitzen, ablehnt. Ohne Beteiligung der Juden ist der Gesetzgebende Rat nicht mehr als eine Karikatur. Sogar die Palästina-Administration wird sich einen solchen Witz nicht erlauben. Für jeden, der England und die Verhältnisse in Palästina kennt, muß es klar sein, daß eine energische, einheitliche, negative Stellungnahme seitens der jüdischen Bevölkerung das Parlament unmöglich macht. Möglicherweise kann eine -derartige Stellungnahme zu Schikanen führen. Wahrscheinlich werden die Beziehungen zur Palästina-Regierung noch schlechter werden,: aber der Plan eines Parlaments wird an der jüdischen Opposition zerbrechen. Das weiß man auch sehr' gut in London und Jerusalem. Deswegen hat man das Projekt einigemal beiseite gelegt. Deswegen spricht man jetzt mit uns zum Teil in gutem, zum Teil in schlechtem Ton. Daß der Schlüssel zu der Frage nicht bei den Engländern, sondern bei uns liegt — darin liegt die Tragik des Problems ... Formal geht für uns die Sache in Ordnung. Es liegt ein einstimmiger Beschluß des Zionistischen Aktionskomitees vor (der von der politischen Kommission des letzten Kongresses und der allerletzten Tagung des Aktionskomitees bestätigt wurde), daß die zionistische Organisation gegen jedwede Beteiligung an dqm Parlament in Palästina unter allen Umständen ist. Auch jiat der Waad Leumi (der Jüdische Nationalrät in Palästina, die Vertretung der palästinensischen Gesamtjudenschaft) der Regierung eine ähnliche Resolution züko'nimen lassen. Die ganze jüdische Presse (zumindest bis-jetzt) ist gegen den Plan des Generals Wauchop«. ■ Die ■ zionistische Exekutive " hat kürzlich dem Oberkommissär-klargomacht, daß die jüdische Bevölkerung ganz entßoliicden gegen ' die Einführung eines gesetzgebenden Rates ist. Also, würde man glauben, eine einheitliche Front, eine absolut einstimmige negative Stellungnahme! Woher also die Unruhe und Unsicherheit? Wo liegt also der Grund für die Angst, die Regierun gwerde diesmal auf Sicher gehen, das heißt, sie rechne damit, daß trotz der Proteste Juden, wenn auch nur ein Prozentsatz und wenn auch nur gewisse Juden, sich an dem „Rat" beteiligen werden? Das genügt der Regierung. Braucht Wauchope just repräsentative Juden? Unter den gegenwärtigen Umständen ist es für ihn wichtig, ins Parlament irgendwelche Juden zu bekommen, um unseren Widerstand zu brechen und den Eindruck zu erwecken, daß es hier auch solche Juden gibt, das heißt, gute Juden, die mit ihm gehen. Es ist hier kein Geheimnis, daß es wirklich solche gibt — unter den Plantagisten und Bauern, unter den' Extrem-Orthodoxen, unter der Intelligenz ä la Rektor Magnes und die Brith-Schalomisten, unter gewissen Gruppen der Linken, die keinen andere Ausweg sehen. Die Frage ist: Werden sie die Front halten? Werden sie nicht nachgeben, wenn sie vor eine fertige Tatsache. gestellt sind? ... Der eigentliche Kampf wird erst bei Schaffung des Parlaments beginnen, und zwar in zwei Richtungen: 1. Verbot der Teilnahme an den Wahlen. Hierher gehört bereits die Ablehnung durch nominierte Mitglieder, wenn es sich um Dizengoff und Smilahsky handeln sollte, und 2. gegen die Institution an sich, das heißt,.Nichtanerkennung der vom Parlament geschaffenen Gesetze. Wenn es zu diesem Stadium des Kampfes kommen sollte, werden die wirklichen inneren Gegensätze zum Vorschein kommen. Es ist etwas anderes, einer Protestresolution zuzustimmen, als sie in die Tat umzusetzen. Die Linken sind gegen das Parlament, ebenso auch die Allgemeinen und der Misrachi. Die Frage besteht, ob sie wirklich bereit sein werden, sich in den Schützengraben zu einem direkten, mit einer gewissen Gefahr verbundenen Kampf zu begeben. Und ohne solch einen Kampf haben doch all unsere Proteste und Wortgeplänkel keinen Funken Wert. Wenn es diesmal nicht gelingen sollte, das Parlament abzuwehren, so wird die Ursache hiefür nicht die unbegrenzte Macht der Mandatsregierung sein. Nein. Nicht vor ihr brauchen wir Angst zu haben; auch nicht vor ihrem Bund mit den Arabern, wenn auch beide Faktoren zusammen eine gewaltige Kraft darstellen. Den kommenden Kampf werden jene gewinnen, welche Ausdauer, gesunde Nerven und Entschlossenheit besitzen. Ich habe keine Angst vor den Engländern. Angst habe ich vor einem Teil der Judenschaft Palästinas, des Jischuw. Er steht vor einer schweren Prüfung. Hoffentlich wird er ihr gewachsen sein. * Anmerkung der Red. — Die Besorgnis vor einer Durchbrechung der Jüdischen Front kommt auch in einer vor kurzem gehaltenen Rede des politischen Referenten der Zionistischen Exekutive, Prof. Brodetzk\y, zum Ausruck. Auch er befürchtet, daß sich Juden in Palästina finden könnten, welche gegen die nationale Parole an Wahlen zum Legislative Council (Gesetzgebender Rat) teilnehmen würden, oder „prominente" Juden, die eine „Ernennung" zu Mitgliedern des Rates annehmen würden. Prof. Brodetzky sagte: „Ein Legislative Council werde von sämtlichen Mitgliedern der Zionistischen Exekutive entschieden abgelehnt. Die Araber seien in dieser Frage in eine Pro- und Kontra-Partei geteilt. Es würde eine a u ß e ro r deutliche Gefahr bedeuten, wenn auch nur ein kleiner Teil der Judenheit diesem Vor»

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