Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 397 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 397 DIE NEUE WELT Seite 9 Worüber Palästina lacht... Auf palästinensischem Boden ist ein neuer jüdischer Humor im Entstehen begriffen. Noch zeigt der palästinensische Witz Spuren der Ghetto-Mentalität, aber die Freiheit des Blickes und die Weite der Gesinnung läßt eine von der Emanzipation emanzipierte Betrachtung der Dinge erhoffen. Die nachstehenden „Witze" hat Josef F r ä n k e 1 Ubersetzt und gesammelt. Die von uns gemachte Begriffseinteilung wird die einzelnen Räume des Humors gegenständlich, aber nicht in der Pointe abgrenzen. (Die Red.) Politische Seitenblicke Ein Tourisienvisum Beim englischen Konsul in Wien spricht ein Jude in abgerissener, schäbiger Kleidung vor und ersucht um ein Touristenvisum nach Palästina. Der Konsul betrachtet den zerrissenen Anzug, die vertretenen Schuhe des Juden und meint: „Sagen Sie, haben Sie schon Wien besichtigt?" * Parteienkampf Nach einer Touristenrazzia berichtet der Wachmann dem Kommissär: „Ich habe 6 Revisionisten, lf Judenstaatsparteiler, 5 Polae-Zionisten, S Misrachisten und 2 Allgemeine verhaftet." „Wo sind sie?" „Sie stehen draußen ..." „Was, ohne Bewachung?" „Nicht notwendig, Herr Kommissär. Sie sind untereinander so verfeindet, daß einer auf den andern aufpaßt." * Englands Sorgen England hat zwei Sorgen: Das Fallen des Pfundes und das Fallen der jüdiscJien Einwandererzahl nach Palästina, * In 15 Trillionen Jahren Der Naturforscher Dr. Milikin behauptet, daß die Sonne noch 15 Trillionen Jahre scheinen wird. Fabelhaft. Unterdessen wird man die Arlosoroff- Mörder finden, die deutschen Flüchtlinge werden kolonisiert, der Frieden in der Zionistischen Organisation hergestellt werden und Jabotinsky wird die „U. Z. O" (unabhängige . zionistische Organisation) gegründet haben. » Englische Beamte Man erzählt, daß ein hoher englischer Beamter in Palästina schielende Augen habe: er schaut auf die Juden tmd sieht die Araber. # Versammlung der Allgemeinen Zionisten Folgeilde Annonce kündigt in Tel-Awiw eine Versammlung der Allgemeinen Zionisten an: Schlafen Sie nicht auf der Unken Seite, weil es gesundheitsschädlich ist. Schlafen Sie nicht auf der rechten, weil es unbequem ist. Schlafen Sie nicht auf der Bauchseite, denn der Magen muß frei liegen. Schlafen Sie nicht stehend, weil sie umfallen können. Schlafen Sie nicht sitzend, weil es ungesund ist. Schlafen Sie nicht im Park, weil Sie vom Wachmann träumen werden. Schlafen Sie nicht beim Fenster, denn es könnten Diebe sie stören. Kommen Sie in unsere Versammlung, da werden Sie gesund schlafen. Sokoloff wird sprechen. Gute und schlechte Geschäfte Tel-Awivrer Uhren Ein Tourist kauft in Tel-Awiw eine Uhr. Der Verkäufer versichert, daß die Uhr heimische Erzeugung und ein herrliches Werk sei. Nach zwei zwei Tagen erscheint der Tonrist ivieder: „Die Uhr steht." „Wie lange ging sie?" „Vierundzwanslg Stunden." „Ich bitte" — meint 'entrüstet der Verkäufer —, „wenn Sie 2lf Stunden gelven, ruhen Sie dann nicht auch aus?" * Im Cafe" Vienna, Jerusalem Folgende Aufschrift ist an der Eingangstüre zum Cafc~ Vienna angebracht: Mokka 2 Piaster Guter Mokka 3 Piaster Sehr guter Mokka h Piaster Erstklassiger Mokka 5 Piaster Pss, ist das ein Mokka! 6 Piaster. # Groschen oder Piaster Ein Wiener Gläubiger trifft nach Jahren in Jerusalem einen alten Schuldner: „Schalomt Wann zahlen Sie mir Ihre Schuld zurück?" „Wie wollen Sie das Geld haben, in Schilling oder Pfund?" „Was für Unterschied ist es denn?" „Wenn Schilling, so erhalten Sie keinen Groschen, wenn Pfund, so erhalten Sie keinen Piaster." * Milch und Wasser „Die Mutter schickt mich um Milch." „Gut, aber warum bringst du zwei Töpfe?" „Weil die Mutter die Milch separat und das Wasser separat haben will." * Fehler oder Unglück? Ein Kolonist aus Bnei-Brak kauft in Tel-Awiw einen Esel. Er erhält die Garantie, daß der Esel keine Fehler habe. Nach einigen Tagen kommt er mit dem Esel nach Tel-Awiw und verlangt das Geld zurück. „Mein Herr, der Esel ist auf einem Auge blind..." „Ich gab Ihnen", entgegnet der Verkäufer, „die Garantie, daß der Esel keinen Fehler hat. Ist denn Blindheit ein Fehler? Das ist ein Unglück." * Trinke Sodawasser! In einem Sodawassergeschäft in Tel-Awiw kann man folgende Reklame lesen: Wenn Sie auch leben können, ohne Sodawasser zu trinken, trinken Sie es trotzdem, damit ich leben kann. # Beim Friseur Ein Jude, der früher in Europa Fleischhauer war, eröffnete in Tel-Awiw ein Friseurgeschäft. Freitag vor Sabbateingang. Ein Mann kommt in die Friseurstube, wartet geduldig bis er dran kommt. Eine Stunde verstreicht. „Herr, ich kann nicht länger warten, vielleicht kann mich der Lehr junge rasieren?" „Nein, nein, unmöglich", antwortet der Geschäftsinhaber, „der Lehrjunge kann nicht rasieren, weil er nicht zusehen kann, wie Blut fließt. Sehen Sie, ich hingegen bin ein Mann mit eisernen Nerven, ein gewesener Fleisch- Jiauer, mich geniert das nicht..." Bankgeschäfte in Palästina Ein Palästinenser erscheint in einer Tcl-Awiwer Bank und sagt zum Bankdircktor: „Können Sin mir 100 Pfund für einen Tag borgen?" „Nein, das nicht, aber ich kann Ihnen t Pfund für 100 Tage borgen." Fragen und Antworten Ein Rabbiner in einer Kolonie In einer neuen Chaluzkolonie läßt sich ein Rabbiner nieder. Nach drei Monaten packt er seine Sachen und will weg. „Rabbi, warum verlassen Sic uns?" fragt ihn der Verwalter der Kolonie. „Weil das die erste Frage (Schale) ist, die mari hier an mich gerichtet hat." * Der Häuseragent Man fragt einen Tel-Awiwer, womit er handle. ,JMt Photographien." „Was?" „Ich bin Häuseragent." „????? " „In der Zeit, wo ich den Käufer zum Platz fülvre, wo das Haus steht, wird das Haus teurer. Deslialb zeige ich den Reflektanten eine Photographie des Hauses und verkaufe es nach der Photographie." * Erkennungszeichen Der Führer des Misrdchi, Rabbiner Meir Berlint sieht auf der Straße in Tel-Awiw zwei Poäle-Zionisten und ruft ihnen „Gut Schabbeä" zu. „Warum ,Gut Schabbese? Heute ist doch Mittwoch." „Ich sehe", antwortet der Rabbiner, „daß ihr Zigaretten raucht, da dachte ich, daß heute Schabbes ist." * Wie heißt er? Zwei Agenten begegnen einander. Der eine erzählt, daß er eben einem Einwanderer ein Stück Boden verkauft habe, nur könne er sich an den Namen des Käufers nicht mehr erinnern: „Du kannst dich wirklich nicht erinnern?" „Nein, ich weiß nur, daß sein Familienname an eine Palästina-Frucht erinnert." „Vielleicht heißt er Zitron?" „Nein." „Vielleicht Pomeranz?" „Nein." „So ähnlich zwischen Zitron und Pomeranz." „Aha, er heißt also Grape-fmit." * Der jüdische Wachmann Ein jüdischer Wachmann in Tel-Awiw hält einen Ghauffcxir an, weil er zu schnell gefahren ist. Der Wachmann ruft: „Steh, du mußt 20 Piaster Strafe für das Schnellfahren zahlen!" „Fält mir nicht ein." „Du mußt zahlen!" „Ha ha ha, lächerlich." „Was für ein Ha ha Iva!" schreit der Wachmann, „ich werde ein Protokoll machen." „In Gottes Namen." „Komm zum Kommissariat." „Ich gehe nicht!" „Im Namen des Gesetzes, du wirst gehen." „Dummheiten." „Höre, ich sage dir, du sollst gehen, du wirst gehen. Wir beide sollen so gesund sein, wie du gehen wirst. So sollst du mit deiner Frau und deinen Kindern glücklich sein, wie du gehen loirst." „Halt!" schreit der Chauffeur. „Wenn du Gewaltmittel anwendest, geh ich mit dir" tung, daß Spanien nur ein egoistisches Interesse an den spaniolischen Juden nehmen würde und daß es hinter der sentimentalen Propaganda für die Repatration eigentlich gar nicht so uneigennützige Absichten im Schilde führt. Denn auch Spanien hat eine Wirtschaftskrise durchzumachen, selbst wenn diese Krise dem mitteleuropäischen Beobachter im Vergleich mit der Not der mitteleuropäischen Staaten als eine sehr harmlose erscheint. In den vergangenen Monaten^ hatte ich wiederholt Gelegenheit, mich mit den führenden Männern Spaniens über die Frage der Repatriation zu unterhalten. Don Fernando de los Rios hat vor einigen Tagen eine Rede gehalten, in dem er sein Programm für das spanische Unterrichtswesen entworfen hatte. Darin kam auch der Ausdruck „Orient-Mission" vor und darunter war eine wissenschaftliche Expedition zum Studium der spaniolischen Juden zu verstehen. Nun habe ich in einer meiner Unterhaltungen mit dem Minister die Frage an Ihn gestellt, ob diese Mission irgendwie mit der „Repatriation" zusammenhänge. „Keineswegs", antwortete er. „Von einer Rückwanderung en masse kann keine Rede sein. Ich wiederhole es: Das ist ein Unsinn und nicht mehr als eine romantische Legende. Was hingegen feststeht", setzte er fort, „ist die große und geradezu rührende Liebe (!) der Sephardim für ihr geliebtes Spanien . , . Wir Spanier können an dieser Liebo niebt ohne Gewissensbisse und Rührung vorübergehen. Und wir wollen auch alles tun, um in diesen Abkömmlingen von Spaniern, um in diesen Spaniern — denn die meisten sind ebenso echte Spanier wie unsereiner — die Flamme der hispanischen Kultur zu pflegen und zu erhalten. Diesem Zwecke soll meine Orient-Mission dienen." Das Interesse des modernen Spanien für das Judentum ist also lediglich kultureller Art. Das bezeugt auch das Interesse, das die junge- Republik dem Unterricht der hebräischen Kultur entgegenbringt. An den neuerrichteten spanisch-marokkanischen Hochschulen wird auch der hebräischen Sprache und Literatur je ein Lehrstuhl eingeräumt; an den Universitäten Barcelona und Madrid besteht ja schon seit jeher ein solcher Lehrstuhl. Den in Barcelona hat der bekannte Professor Dr. Milllas inne, einer der Begründer und Herausgeber der interessanten Bücherreihe, die unter dem Titel „Biblioteca Hebraico-Catalana" alte jüdische Texte und ihre katalonische Uebersetzung herausbringt. Auch der Abgeordnete der Stadt Cordoba in den Cortes, Don Antonio Ja6n, hat vor kurzer Zeit einem Korrespondenten des „El Sol" (Madrid) erklärt, er wolle die Gründung einer Synagoge in Cordoba durchsetzen. Es handelte sich natürlich nicht um einen Tempel; vielmehr sollte unter dem Namen „Synagoge" eine Hochschule für hebräische Kultur verstanden werden. Aber auch diesem Projekt dürfen wir nicht so ganz kritiklos und vom offenbaren Philosemitismus des heutigen Spanien geblendet gegenüberstehen. Denn worauf ist dieser Gedanke zurückzuführen? Einfach auf die Tatsache, daß Granada aus dem Wohlwollen Minister de los Rios', der als Abgeordneter der Stadt Granada woM die Sympathie seiner Wähler behalten möchte, eine Hochschule für arabische Studien erhalten hatte. Die Stadt Cordoba fühlt sich dadurch natürlich zurückgestellt und möchte mit Granada wetteifern. Die üblichen lokalen Kämpfe zwischen Provinzstädten kennt man ja wohl überall. Nun, was liegt denn näher als die Idee einer ähnlichen Hochschule, die möglicherweise auch eine Anzahl ausländischer Studenten heranziehen würde? Die Stadt des großen Maimonides scheint dazu geradezu auserwählt zu sein. Ob aus dieser Hochschule wirklich bald etwas werden soll, weiß man heute noch nicht; es verlautet vorläufig noch nichts Konkretes. Und uns bleibt nichts anderes übrig, als die Wandlungen des spanischen Gemütes — und auch des spanischen Geschäftssinnes — auch weiterhin abzuwarten, um daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. So viel kann aber schon jetzt eindeutig festgestellt werden, daß die Repatriierungsbewegung heute als so gut wie erledigt betrachtet werden kann. Es war nicht vorauszusehen, daß diese romantische Bewegung, die öfter in eine heftige antizionistische Kampagne ausartete — allerdings nie seitens der Spanier, sondern seitens gewisser Juden —, so rasch und so sang- und klanglos verebben wird.