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Die neue Welt · 1934-09-07 · Heft 397 (7.9.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 397 (7.9.1934)
Date
1934-09-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite S DIE NEUE WELT Nr. 397 wird immer stiller und dunkler, und plötzlich leuchtet zwischen den Bäumen ein Fensterchen auf. Er läuft voller Freuden hin und klopft an: ,.Wohnt hier ein Jude?" ,.Ja, ein Jude!" Ein Mann tritt aus dem Hause und zeigt sich auf der Schwelle. „Friede mit Euch!" ..Auch mit Euch Friede!" antwortet der junge Mann. ..Kann ich bei Euch den Sabbat verbringen?" „Das könnt Ihr wohl," antwortet der Mann mit traurigem Lächeln, „aber ich habe nichts zum Essen . . ." „Ich habe genug zum Essen bei mir," sagt der junge Mann, „und auch zum Trinken. Kommt mit zu meinem Wagen. Ich habe genug vom Besten und vom Schönsten . . ." Eine Stunde später, nach dem Empfang des Sabbats und nach dem Kiddusch sitzen sie beide bei Tisch, singen Smires x) und essen ... Der junge Mann bemerkt, daß der Alte von jedem Gericht nur ein wenig kostet und den Rest vor die Türe hinausträgt. Er meint, daß es für ein Kalb oder für ein Huhn bestimmt ist . . . Also ist der Mann wohl doch Der zur Zeit in Wien weilende jüdische Komponist, dessen musikalische Untermalungen dramatischer Werke in der ganzen jüdischen Theaterwelt populär sind, hat uns die nachfolgenden, historisch bedeutsamen Ausführungen in liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt. Bei uns Juden ist die Entwicklung des Theaters um vieles schwerer als bei den anderen Völkern. Im Grunde genommen konnte, man wohl überhaupt nicht Theaterspielen, weil es vom religiösen Standpunkt aus unzulässig ist. Aus diesem Grunde hat sich unser Theater nur langsam entwickelt, da es sich längere Zeit hindurch auf Purimspiele und Verkleidungsscherze beschränken mußte. Hier ist nicht die Gelegenheit, einen Ueberblick über den Weg zu geben, den das jüdische Theater gegangen ist, aber beim Begriff „Jüdisches Theater" kann man nicht umhin, den Namen seines Initiators und Begründers, Abraham Goldfaden, zu erwähnen. Eines schönen Tages ist in einem kleinen rumänischen Städtchen eine sonderbare Figur erschienen, in einem seltsamen Aufzug, mit einem Zylinder auf dem Kopf, weiße Handschuhe an den Händen, und es gibt auch Menschen, welche behaupten, daß dieser seltsame Gast an einem gewöhnlichen Wochentag echte Lackschuhe an den Füßen getragen habe. Selbstverständlich war dies für den kleinen Ort eine unerhörte Sensation. Alt und jung kam dahergelaufen, wie um ein Wunder zu schauen. Man schüttelte die Köpfe, einer blickte den anderen erstaunt an und es ging die Frage durch die Runde, wozu denn dieser seltsame Mensch in Lackschuhen, Zylinder und weißen Handschuhen inmitten der Woche hiehergekommen sei. Dieser Mann suchte ein Einkehrhaus auf und begann, wie man erfuhr, Unterhandlungen mit den damaligen „Maskilim", den sogenannten aufgeklärten Kreisen. Man darf nicht vergessen, daß es jene Epoche war, in welcher der Geist der Aufklärung seinen Zug durch die Welt antrat. Man hielt unterirdische Beratungen ab und es kam dazu, daß Konflikte mit den konservativen Führern der Gemeinden ausbrachen. Damals erschien auch die erste „maskilische" Zeitung in Rumänien, welche sich zur Aufgabe setzte, die orthodoxen Elemente in der Judenheit des Ostens zu Paaren zu treiben. Ein langes Leben hatte dieses Blatt nicht. Nach kurzer Zeit ist es selig entschlafen. Aber den reformatorischen Kampf hat der Herausgeber des Blattes, der so sonderbar gekleidete Mensch, nicht aufgegeben. Er verstand, daß es hier noch ein anderes Mittel gab, gegen die finsteren Mächte aufzutreten: das Theater. Und wahrlich! Er rief ein paar gelungene Burschen zusammen, die ein wenig zu singen verstanden, während er selbst das Haupt des Theaters wurde — Autor, Komponist, Regisseur, Chef des ersten echten jüdischen Theaters, dessen Aufgabe darin bestand, das Publikum zu erziehen. Unbeschadet der Primitivität dieses ersten Theaters, dessen Gründer Abraham Goldfaden ist, hat es sich durchgesetzt und allmählich auch großen Einfluß auf die jüdische Gesellschaft gewonnen. Aber so wie viele andere Ideen mit der Zeit verbogen und von peripheren Spekulanten mißbraucht werden, so ist auch Goldfadens Theater, dessen Ursprung erzieherischen Charakter hatte, In die Hände gewissenloser Spekulanten und Abenteurer geraten, die das Theater für ihre eigenen egoistischen Zwecke benützten und es auf die Stufe von Schund und Schmutz herabdrängten. Man korrumpierte den Geschmack des Publikums durch eine schäbige Prosa und gemeine Couplets. Ich will hier nicht die Reihe der Autoren und Lieferanten anführen, die das jüdische Publikum mit dem niedrigsten Schund gefüttert haben. Aber nach der Flut von Schund und Schmutz, die sich über das jüdische Publikum ergoß, mußte eine gewisse Renaissance des jüdischen Theaters eintreten. Diese •*) Lobgesänge, hauptsächlich am Samstatf gesungen. nicht so arm; warum hat er dann nichts für den Sabbat angeschafft? . . . Und da er jung ist, fragt er den Alten ganz offen. Sagt der Alte: „Nein, ich bin nur ein armer Köhler und habe weder Kalb noch Geflügel . . . Ich habe nur ein liebes Töchterchen. Sie hat keine Schuhe und schämt sich, nebbich, mit bloßen Füßen in die Stube zu kommen . . . Sie sitzt vor der Türe und ißt draußen . . ." Holt der junge Mann mit Herzklopfen die goldenen Pantöffelchen aus dem Busen und gibt sie dem Alten: „Nehmt die Pantöffelchen, meßt sie Eurer Tochter an . . . Schaut, ob sie passen . . ." Und der Alte kommt zurück und sagt: „Sie passen . . ." TV. Beim reichen Pächter war Hochzeit. Mit dem Köhler hatte er sich verschwägert. Die Chuppe hatte man in der Stadt gestellt, und als man nach der Trauung heimging, erschien plötzlich eine seltsame Gestalt mit hoher Haube und türkischem Schal, mit einem alten Gesicht, doch jungen, freundlichen Augen. Und sie tanzte dem Brautpaare mit einem Hochzeitskuchen in der Hand entgegen . . . Nicht alle wußten, wer sie war . . . leitete der große jüdische Dichter Jehuda Leib P e r e z ein. Er scharte alle jüdischen Künstler in Warschau um sich und brachte sie dahin, die ersten Schritte zum wahren jüdischen Kunsttheater zu tun, wo die Musik selbst ein wichtiger Faktor sein mußte. Ich erinnere mich daran, daß Perez mit mir darüber sprach, gute Musik ins jüdische Theater einzuführen, mit der Bemerkung: „Wenn wir es nicht tun, werden Schmutz und Schund und ordinäre Coupletmusik auch weiterhin im jüdischen Theater herrschen, Ihnen obliegt es", wendete er sich damals zu mir, „es ist Ihre Pflicht!" Ueberaus interessant war das Gespräch, das er mit mir über den Aufführungsstil seines Schauspiels „B c i Nacht auf dem alten Markt" führte. Das war sein Lieblingsthema. Unter seinem Einfluß machte ich mich an die musikalische Untermalung semer Dichtung „Die goldene Kette", des erwähnten Werkes „Bei Nacht auf dem alten Markt", „Was in der Fiedel steckt". Perez schrieb für mich das Poem „An Edom", woraus ich ein Chorwerk schuf. Ich muß hier auch die ungeheuer interessanten Versuche erwähnen, welche die überaus begabte Schauspielerin Mirjam Israels zur gleichen Zeit auf dem Gebiete des jüdischen Theaters machte. Auch sie war mit der Perez-Epoche eng verbunden. Als Schauspielerin verkörperte sie Gestalten aus Perez-Dichtungen, wie „Nach dem Begräbnis", „Im Kellerloch", „Schwestern" u. a., in besonders origineller Auffassung. (Schalom Asch hat für Mirjam Israels in seinen dramatischen Werken mehrere Rollen geschrieben.) Leider dauerte die Perez- Epoche nicht lange. Der Krieg brach aus und wieder eroberten Schmutz und Schund das jüdische Theater. Das Schundtheater benötigte keine bessere Musik, genau t-X) wie es kein besseres Stück brauchte. Einen wirklichen Impuls gab wieder erst dem jüdischen Theater die „Wilnacr Truppe". Die Wilnaer wurden der Ausdruck der Percz-Ideen und führten sie auch weiter fort. Am besten überzeugte uns von der Notwendigkeit und der Bedeutung hochstehender jüdischer Musik die Aufführung von An-skis „Dybuk". Sowohl Jn der Aufführung der Habimah (Regie Wachtangow), wie der Wilnaer Truppe (Regie David Hermann), hat die Musik eine dominierende Rolle gespielt. Der unerhörte Erfolg der Dybuk-Aufführungen ist in erster Linie den chassidisch-volkstümlichen Melodien zu verdanken, welche sich durch das ganze Stück schlängeln. Anschließend an die Dybuk-Aera hat der bekannte Regisseur und Dramaturg Dr. Michael Weichert, mit dem ich fast zehn Jahre künstlerisch arbeite, begonnen, Musik als wichtiges Element im Theater einzuführen, insbesondere bei seinen Aufführungen mit der Wilnaer Truppe in den Bühnenwerken „Kidusch Haschern" von Schalom Asch, „Parnosse" von Gottesfeld, „Die Judenstadt" von Aron Zeitlin und „Herschelc Ostropoler" vor* M. Lifschütz. (In den beiden letzten Stücken hatte der auch in Wien bekannte Schauspieler Josef Kamen sein© größten Erfolge.) Außer für diese Stücke habe ich noch für Shakespeares „Kaufmann von Venedig", Büchners „Dantons Tod", Scholem Aleichems „Goldgräber" die Musik geschrieben. Von. mir stammt auch die Musik zu „Golem" von H. Levik, „200.000" von Scholem Aleichem, „Brülle, China" von Tretjakoff, „Das schwarze Ghetto'* von O'Neill und „Die Ludomirer Maid" von Malach. Durch diese musikalischen Schöpfungen habe ich versucht, die künstlerische Pflicht zu erfüllen, die mir mein genialer Lehrer Perez auferlegt hat. Zum Schluß will ich nur noch bemerken, daß der jüdische Musiker nicht die Möglichkeit hat, seine Werke in der Oper oder auf dem Konzertpodium aufgeführt zu sehen. Wenn man hie und da irgendeines seiner Werke als Jubiläumsgabe aufführt, so ist das bedeutungslos. Darum ist das jüdische Theater die einzige Stätte, wo der jüdische Komponist die Möglichkeit hat, zu wirken. Die judiidie Frage in Spanien Die „repatriaeiön" - eine verebbende Bewegung — Was zwei Minister sagen Von Dozent Dr. phil. Oliver Brachfeld (Barcelona) Es sind jetzt einundeinhalb Jahre her, seitdem der jetzige Unterrrichts- und damalige Justizminister Professor Don Fernando de losRosin der Diskussion der religiösen Frage Spaniens die unvergeßlichen Worte sprach: „In dieser ernsten Stunde, in der wir in den Cortes vom religiösen Problem sprechen, kann ich nicht umhin, dem jüdischen Volk unseren Tribut des Respekts und unsere Entschuldigung entgegenzubringen." Worte, nach denen im Parlamentstagebuch noch folgendes zu lesen ist: (Stürmischer und langer Applaus, der die letzten Worte des Redners verschlingt.) Was hat nun diese Episode, die mit einem so glänzenden Anfangsakkord begann, für das Judentum gebracht? Wir sind schon in der Lage, die Bilanz aufzustellen. Heute vor einundeinhalb Jahren hat man noch sehr viel von der Repatriation der spaniolischen Juden gesprochen. Der bulgarische Generalkonsul hat diesbezüglich eine offiziöse Instanz eingerichtet, von der man dann nichts mehr zu hören bekam. Bulgarische Blätter brachten sensationelle Erklärungen des damaligen Zivilgouverneurs von Barcelona, Anguera de Sojo, und in Madrid versuchte es der vielleicht nicht ganz makellose Ritter der Idee, der Schriftsteller Gimenez Caballero, für den Gedanken der Rückwanderung der Juden nach Spanien Propaganda zu machen. Die Rechtspresse ließ die Alarmglocken läuten, besonders als zu Weihnachten vorigen Jahres der bereits erwähnte Minister de los Rios im Casino Israelita zu Tetuan folgende Worte sprach: „Juden von Tetuan! Ich komme in euer Haus, wie man in sein eigenes Heim zurückkehrt! ^Ich fühle mich unter euch wie zu Hause . . ." Nun ergossen sich Fluten von Artikeln über das Judentum, für und wider, je nach Parteieinstellung und Weltanschauung der Verfasser und der Zeitungen. Heute aber herrscht wieder Ruhe, der Sturm hat sich gelegt. Niemand kümmert sich mehr um das jüdische Problem. Der Sanjuro-Putsch, die Enteignung der großen Landgüter, die Lösung der katalonischen Frage und andere aktuellere und lebenswichtigere Probleme drängten unsere Frage in den Hintergrund zurück. Die Bücher, in der die Schuld an der spanischen Revolution dem Judentum in die Schuhe geschoben wurde — „die Rache der Juden für ihre Vertreibung aus Spanien im Jahre 1 4 92!" —, werden nicht mehr verlangt, die wiederholten Neuausgaben der „Protokolle der Weisen von Zion" (eine wohlbekannte Waffe) verstauben in den Bücherstuben. Und die Juden selber, die wenigen Juden, die heute in Spanien leben, schweigen, wie sie auch bisher geschwiegen haben. Es stört sie niemand in ihrem stillen Gottesdienst, in ihrem geschäftigen Kampf ums Dasein; es kümmert sich niemand um sie, und auch sie wollen es nicht, daß man sich um sie kümmert. Wir haben vor rund einem Jahr an dieser Stelle über die Repatriationsbewegung berichtet und darauf aufmerksam gemacht, daß diese ganze Bewegung nur dazu dient, den Karren des spanischen Nationalismus und der spanischen Interessen zu schieben. Gestern fiel mir der glänzendste Beweis für meine damalige Behauptung in die Hände. „Das Kommen der Scphardim soll organisiert werden!" verlangt der Titel eines Zeitungsartikels im „Heraldo de Madrid" (ich Ubersetze diese Ueberschrift eben wörtlich, um seine Zweideutigkeit hervorzukehren). Ich nahm den Artikel zur Hand; ich glaubte natürlich: „Sieh da! Eine Zeitung, die noch von der Rückkehr der spanischen Juden spricht?! Seltsam . . ." Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich den Artikel zu lesen begann! Es handelte sich nämlich um nicht mehr und nicht weniger als — eine geschäftlich zweifellos originelle Idee. Der offiziöse Patronado Nacional del Turismo — so hieß es in dem Artikel — sollte unter den spaniolischen Juden eine Propaganda organisieren, daß sie nach Spanien kommen. Natürlich keineswegs als Rückwanderer, sondern vielmehr um den spanischen Fremdenverkehr zu fördern! Die Zahl der Nachkommen ehemaliger spanischer Juden beläuft sich auf viele Hunderttausende. Wo könnte man eine so günstige Gelegenheit finden, als eben unier ihnen, die wahrscheinlich ganz gern ein bißchen Geld spendieren würden, um das freundliche Land, wo ihre Urahnen einst soviel zu leiden hatten, zu sehen und näher kennenzulernen? Dies sollten sie womöglich mittels Luxusdampfer spanischer Kompagnien tun, in den erstklassigen Hotels sollten sie absteigen und die Taschen der guten Spanier mit klingenden Peseten füllen . . . Trotz der eigennützigen Einstellung muß wenigstenis die Offenheit und Aufrichtigkeit dieses Artikels gerühmt werden. Ein Beweis mehr für unsere Behaug* Jüdisches Theater/ fuadBsche Musik Von Henoch Kon (Warschau)

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