Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 397 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 397 DIE NEUE WELT Seite 5 Die wi'rfsdiaftli'die Lage des jüdischen Volkes Lestschinskis Referat in Genf In seinem Referat auf der III. Jüdischen Weltkonferenz in Genf über „Die ökonomische Lage des jüdischen Volkes" führte der als Autorität bekannte Wirtschaftsstatistiker Jakob Lestschins k i aus: So wie zur Blütezeit des Kapitalismus die objektiven Bedingungen und die subjektiven Eigenschaften der Juden für die Judenheit günstig waren, so hat sich zu unserer Zeit alles gegen das Judentum gewendet. Die europäischen Agrarvölker, vor allem Deutschland, benötigten zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Element- Ferment, um die veralteten patriarchalischen Lebensformen zu überwinden, internationale Beziehungen anzuknüpfen, die Bedürfnisse der breiten Konsumentenmassen zu wecken, in schnellem Tempo die Knotenorgane, wie Banken und Eisenbahnen, zu schaffen, welche die naturale Dorfwirtschaft in eine nationale Wirtschaft verwandeln sollen. Aus verschiedenen historischen Ursachen waren die Juden die Berufensten, diese „Antreiber" der kapitalistischen Entwicklung zu werden. Sie haben diese Mission, hauptsächlich in Deutschland, sehr gut erfüllt. , . Jetzt aber haben sich die gebundene Wirtschaft, alle Formen der Zwangswirtschaft, die Verstaatlichung ganzer Wirtschaftszweige, das Aufleben der mittelalterlichen Zünfte, der ökonomische Nationalismus, für die Juden als katastrophal herausgestellt. Der ökonomische Nationalismus trägt in den Nationalstaaten einen Charakter der Autarkie und in den Nationalitätenstaaten hat er eine Tendenz von ökonomischer Expansion der nationalen Mehrheit auf Kosten der nationalen Minderheiten. In allen neu entstandenen Staaten war die nationale Mehrheit sozial rückständig gegenüber den nationalen Minderheiten. Als herrschende Mehrheiten nützen sie jetzt den Staatskapitalismus und die Zwangswirtschaft aus, um den Kreditapparat für ihre eigenen nationalen Interessen zu gebrauchen. Der Klassenkampf hat derzeit kapituliert vor dem nationalen Kampf. Die Mittelstandsideologie von nationaler Klassenharmonie bei. Interessen-Antagonismen hat nun über die internationale Klassensolidarität gesiegt. In dem Knäuel von sozialen und nationalen Kämpfen hat sich die jüdische landlose und staatenlose Minderheit als die schwächste, unwiderstandsfähigste und tragischeste erwiesen. Alle organischen Prozesse des 19. Jahrhunderts, das Hineinwachsen in das ökonomische Leben, die Produktivierung der Massen, das Zunehmen des Bauernstandes und der Industriearbeiter — all das würde unterbrochen und machte einem organisierten Verdrängen der Juden aus allen Wirtschaftszweigen Platz. Die ausgesprochenste Form dieses organisierten Verdrängens zeigt uns das heutige Deutschland. Mit einem Federstrich wurde zirka 25.000 jüdischen Intellektuellen das Brot weggenommen (Professoren, Richtern, Notaren, Rechtsanwälten, Schauspielern, Journalisten usw.). Mit den Familienmitgliedern wurden zirka 60.000 bis 70.000 Menschen zum Hunger, zur Emigration, zur Suche nach neuen Existenzmöglichkeiten in fremden Ländern verurteilt; so mancher mußte im Alter den Universitätslehrstuhl gegen eine Schusterwerkstatt oder den Kleinhandel vertauschen. Schreckliche Formen hat der Boykott besonders in der Provinz angenommen, wo fast alle Juden auswandern müssen. ■Man hat große jüdische Firmen, wie z. B. Tietz (Warenhäuser), Salamander und Leiser (Schuhfabriken usw.) gezwungen, ihre Geschäfte Nationalsozialisten zu übergeben. Ungefähr 20.000 jüdische'Angestellte in Deutschland sind allein im letzten Jahre entlassen worden. Den Versuchen, sich der landwirtschaftlichen Arbeit anzupassen, hat die Hitler-Partei entgegengewirkt.;: Wenn die politisch,"e Lage in den neuentstandenen Staaten Osteuropas auch besser als in Deutschland ist, so ist die ökonomische Lage schlimmer- Der Staatskapitalismus, der in diesen Ländern am stärksten entwickelt ist, hat bis zu 20 bis 30 Prozent des Handel- und Industrieumsatzes der Privatwirtschaft abgenommen. Da 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung dort in Handel und Industrie tätig sind und da Juden weder als Beamte noch als Angestellte oder Arbeiter in den s.t a a 11 i c h e n und kommunalen Unternehmungen .beschäftigt werden, bedeutet dies ein absolutes Verdrängen der Juden aus den verstaatlichten Wirtschaftszweigen. Auch die Genossenschaften, die von den Regierungen subsidüert und gestützt werden, haben zirka 10 bis 15 Prozent des Privathandels abgenommen. Die Regierungen all dieser Länder, welche direkt an der Verdrängung der jüdischen Händler teilnehmen, halten sich von jeder Pflicht frei, für diese deklassierten Elemente zu sorgen. Die in den freien Berufen beschäftigten Juden sind konzentriert: in der Medizin und in der Advokatur. Kein jüdischer Ingenieur, kein jüdischer Chemiker, kein jüdischer Architekt bekommt mmmmmmmmmmmmmmmmmmmm Zu den Hohen Feiertagen . Ing, Robert Stricker und Frau entbieten biemit allen Verwandten, Freunde» und Gesinnungsgenossen dte herzlichsten Glückwünsche zum Jahreswechsel 569.5. mmmmmmmmmmmmmmmmmmmm Arbeit, weder beim Staat noch an der Stadt und auch nicht in der vertrusteten Großindustrie. Aber auch gegen die genannten zwei „jüdischen" Zweige wird eine Attacke geführt. In den Universitäten wird faktisch der Numerus clausus angewendet. Der Prozentsatz der jüdischen Studenten sank in Ungarn und Lettland auf mehr als die Hälfte, in Polen auf ein Drittel gegen früher. Nachstehend einige Daten bezüglich Lettlands, die auch für alle anderen Länder typisch sind: Nach der Volkszählung im Jahre 1925 befanden sich unter Jüdisches Theater in Wien Wie wir erfahren, wird in der nächsten Zeit das Theater Reklame „Jüdische Künstlerspiele", II., Praterstraße 34, wieder eröffnet. Nach längerer Pause wird das jüdische Wien Gelegenheit haben, die ältere und neuere dramatische Literatur in gediegenen Aufführungen kennenzulernen. Auch das leichtere Genre wie Singspiel, Lebensbild und Operette wird in den jüdischen Künstlerspielen in gewohnt stilvoller Weise gepflegt werden. Die Direktion unterhandelt u. a. auch mit dem in Wien weilenden Leiter der Wilnaer Truppe Alex Stein, der als Schauspieler und Regisseur für die neue Spielzeit gewonnen werden soll. Die Vorbereitungen für die Eröffnung sind in vollem Gang, so daß noch im Monat September, wahrscheinlich am 20., die diesjährige Spielzeit einsetzen wird. Oberkantor Sirota im Radio Die polnische Radiogesellschaft in Warschau hat mit Amerika einen Vertrag abgeschlossen, wonach der bekannte Oberkantor Gerson Sirota einige Ritualgesänge für Amerika zu Gehör bringen wird. Die Uebertragung dieses Konzerts wurde endgültig für den 8. September, 11 Uhr 46 abends, festgesetzt. Die späte Stunde wurde deshalb gewählt, weil sie — das ist 6 Uhr für Amerika — die günstigste Zeit für amerikanische Radiohörer ist. Das Konzert wird auch auf alle Radiostationen in Polen übertragen. In Amerika selbst wird das Konzert von 90 Radiostationen übernommen. Budier und Zeitschriften Hugo Herrmann: Palästina-Kunde. I. und II. Fiba-Verlag, Wien. — Palästina, Zeitschrift für den Aufbau Palästinas, August/September 1934. — Rabbiner Dr. Zemach Rabbiner: „Die Sukka als Wegweiser Israels im Exil." Sofia, Hamischpat. — Jüdischer A1 m a n a c h 5695, Heraugeber „Selbstwehr", Prag. — Erich Gottgetreu: „Das Land der Söhne." Palästina 5291 Staatsbeamten in Lettland nur 21 Juden oder 0,4 Prozent, das heißt ein Zwölftel des Anteils der Juden an der Bevölkerung. Auf 1682 im Justizdienst Angestellte kam kein einziger Jude. Bei den Post- und Telegraphenämtern waren zwei Juden angestellt. Bei den Eisen- und Straßenbahnen im ganzen 33 Juden. Unter 385 Professoren und Studenten der Rigaer Universität ist ein einziger Jude. Die Pauperisierung der Massen hat einen katastrophalen Umfang angenommen. 55 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Warschau, Wilna, Lemberg usw. sind nicht imstande, 5 Zloty jährlich Steuer zu leisten. Da es außer Palästina keine Auswanderungsländer gibt, ist auch die Möglichkeit einer Rettung durch Emigration nicht vorhanden. nahegrückt. Verlag Richard Lanyi, Wien. — Werner S o mbart: „Deutscher Sozialismus." Buchholz & Weißwange, Charlottenburg 2. —■ Tagblatt-Bibliothek: Die neue Bundesverfassung für Oesterreich samt Uebergangsverfassung (Nr. 838/840); Das österreichische Insolvenzrecht (Nr. 1050/1055). Steyrermühl-Verlag, Wien. Deutsches Volkstheater. „Krach um J o- 1 a n t h e". Für Volksstücke scheint jetzt eine günstige Zeit gekommen zu sein. So konnte das „Deutsche Volkstheater" mit seinem Eröffnungsstück, dem lustig-derben „Krach um Jolanthe" von Hindrichs (von Hans Saßmann ins österreichische transponiert) einen großen Erfolg buchen. Das Stück ist handfestes, wirksamstes Theater und bringt eine Reihe gut gesehener Typen auf die Szene. Gespielt wurde unter der Regie Eduard Köcks vorbildlich, in erster Linie sind Hans Olden, Hans H o m m a, Elisabeth Markus und Friedl Faulhaber zu nennen. Die übrigen Darsteller verdienen ein Gesamtlob. e. kr. Die englischen Faschisten tind das jüdische Neujahrsfest Einige Londoner Zeitungen hatten gemeldet, daß die Schwarzhemden Sir Oswald Mosleys, die am Sonntag, den 9. September, ein Massenmeeting im Hyde Park abhalten, Ueberfälle auf Londoner Synagogen am Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes planen. Demgegenüber ersucht der Propagandachef der Union of British Fascists, William Joyce, die Jüdische Telegraphen-Agentur, mitzuteilen, daß diese Nachrichten unzutreffend sind. Es würden anläßlich R o s c h Haschanah keinerlei judenfeindliche Kundgebungen veranstaltet werden. „Jeder Teil der Bevölkerung", heißt es in der Zuschrift, „hat das Recht zur Ausübung seiner Religion. Ein Ueberfall auf die Synagogen wäre ein wahnsinniges Beginnen, denn es wäre gesetzwidrig, und unsere Organisation beabsichtigt durchaus nicht, irgend etwas zu unternehmen, was den Gesetzen widerspricht." (J. T. A.) ie können Ihren Verwandten, Bekannten und Freunden in der OWJET-UN durch TCÜ D G 51 Itl * (Warenhäuser in allen Städten d. UdSSR) alle gewünschten Lebensmittel, 9 ■ Bekleidungsgegenstände und Bedarfsartikel spesenfrei ausfolgen lassen IAn Orte ohne Torgsin-Filialen erfolgt die Zustellung per Post Bestellungen, Auskünfte und Preislisten in der Handelsvertretung der UdSSR, Wien I, Wallnerstrane Nr. 9, Telephon U - 21 - 5 55 Einige Preise (umgerechnet in österreichische» Schillingen zum uegenwärtiuen Kurs): Mehl, I Kilogramm von S 0 19 bis 1.19; Reis, l Kilogramm von S 0.47 bis 0.85; Würfelzucker, 1 Kilogramm S 1.32; Honig in Dosen, 1 Kilogramm S 1 66- ■ Teebutter in Dosen, 1 Kilogramm von S 213 bis 3.50; Herrensocken, 1 Paar S 0.47 bis 4.75; Damenscliuhe. 1 Paar S 17.75 bis ■ '.G.10; Herrenschuhe, 1 Paar S 19.70 bis 24.90. ' r das reine Kunerol... Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Milchspeisen ganz besonders geeignet. 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