Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 397 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Universitätsbibliothek Rosch Haschana-Nummer IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIH Preis 20 Groschen Jahrgang 8 Freitag, den 7* September 1934 Nr« 397 V. b, b* Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedlß par redlteur" REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.—; T hechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14,—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: IX, Universitätsstr,8, Tel. A-20-2-78 ~ Erscheint Dienstag u.Freitag Neues Jahr — Neue Hoffnung Wo bleiben die Chaluzim? Von Meir Großmann (TeI*Awiw) In mächtigem Rhythmus die ewige Wiederkehr: Ein Jahr ist um, ein neues Jahr hebt an. Dieser Wandel ist tief im Bewußtsein des jüdischen Menschen eingegraben; instinktiv erfühlt er, wenn Rosch Haschana naht, mit nieversiegender Intensität sein Judesein, das ihn emporhebt über die Geschicke des Alltags, über die Leiden und Schmerzen des Jahres. Es reißt ihn empor zu Höhen, von denen er Zion erkennen kann: „AI kar gawohah ali lieh miwaßereth zion!" Aus den engen Grenzen der Tiefe hin auf die Gipfel. So ruft der Prophet Jesaja, dessen Worte am 2. Neujahrstag zu hören sind. Wende der Zeit — Wende des Schicksals! Rosch Haschana, die seelische Einkehr mit ihrer tiefwühlenden Erschütterung, die der Jude seit Jahrtausenden erlebt, der Schauer eines höheren Lebens, der auch den im Profanen Schreitenden berührt, das sich Hingeben an ein Gebet, dessen Worte so vielen Betenden nicht verständlich sind — dieses Fest erinnert daran, daß sich, der Einzelne und die Gemeinschaft der ge- ' schichtlichen Matiht unserer ReMgiosität bewußt werden kann. Es sind Stunden, die den Zusammenhang mit' den gewesenen und kommenden Geschlechtern ahnen lasseh; Stunden, welche die Kontinuität unseres Volksgeistes bezeugen. Und wenn wir aus der Galuth nach Zion streben, aus den Ländern der Zerstreuung ins Land der Verheißung, wenn wir nationale Juden, Zionisten, sind, dann bekräftigen wir jene Kontinuität durch die Tat. Wie immer man unsere Zionssehnsucht erklären und definieren mag — immer beweist sie die Kraft, die uns für den Kampf im Leben mitgegeben wurde. Sollen wir das, was im vergangenen Jahr der Judenheit zugestoßen ist, an unserem Auge vorüberziehen lassen? Die Spüren nachziehen, welche die Weltgeschichte für uns gezogen hat? Wiederum schmerzlichem Erinnern begegnen und Zukünftiges schon als gegenwärtig empfinden? Groß war das Leid, das die Judenheit im vergangenen Jahr erlitten hat. Blut ist geflossen. An den Rändern des Mittelmeeres, in Türkisch-Thrazien und in Algier, haben Juden Verfolgung, Peinigung, Zerstörung, Tod erlebt. Schreck und Verzweiflung herrschte dort in der jüdischen Gasse. Es war, als hätte die unsinnige Legende vom verfluchten Ahasver am hellichten Tag ihre Glaubwürdigkeit dokumentiert; als wäre c'ie Sage vom Ewigen Juden Wirklichkeit geworden. Gespenster des Mittelalters huschten durch die jüdischen Heime der Galuth. Ehre und Würde des jüdischen Volkes waren brutalen Hieben ausgesetzt. Aber es ist uns gegeben, die uns von Gott her tiberantwortete Stellung innerhalb der Völker nicht nur äußerlich zu sehen, uns nicht nur als Objekt der Geschichte zu betrachten. Das Gefühl des Verlassen- und Verlorenseins würde uns übermannen, gäbe es nicht etwas, das uns über alle Zweifel und Aengste erhebt: Der Glaube an die Unzerstörbarkeit des jüdischen Wesens, an die Ewigkeit des Judentums und seiner sittlichen Lehre. Dieser Glaube ist es, der Immer an der Wende eines neuen Jahres mit intensiver Deutlichkeit in uns rege wird. Er gibt Sinn unserer Geschichte. Er wird zum Instrument unseres Kampfes gegen den inneren und äußeren Feind. Wir nationale Juden besitzen das tröstende Bewußtsein, daß wir die Güter, die der jüdische Genius geschaffen ,hat, in Treue zu wahren und zu vermehren bestrebt sind. Uns sind die Worte des Propheten, der zu Rosch Haschana gelesen wird, nicht papierene Literatur, sondern tägliches kämpferisches Leben. So gibt uns jenes Bewußtsein die Kraft, immer wieder mit neuer Hoffnung ans Werk zu gehen, an die Wiederkehr in die Heimat, die uns keine irdische Macht streitig machen kann. Meir Großmann, besucht Wiener Cchaluzim in der Judenstaatslcwuzah in Herzlia Ich muß gestehen: Noch vor einem Jahr .hielt ich dafür, daß die Epoche des heroischen Chaluzismus schon vorbei sei. Es schien, als ob wir in Palästina genug stark verwurzelt wären, um uns von nun ab. ohne „Auserwählte" zu begehen, die auf Schritt und Tritt * bezeugen, daß sie „die Bringer der Erlösung" sind; als ob die Zeit gekommen wäre, wo jeder Jude — nicht gerade ein Chaluz, sondern der Jude von der Gasse — nach Palästina fährt und dort das tut, was er will. Mit anderen Worten: Freiheit der Einwanderung nach Qualität und Quantität; freies Spiel der Kräfte im Land selbst; weiteste Möglichkeit für jeden, sich am Aufbau des Landes nach seiner eigenen Fasson zu beteiligen. Natürlich begriff ich, daß der Prozeß der „Eroberung"' ein dauernder ist und ein besonders ausgewähltes Menschenmaterial verlangt, in geistigem wie in physischem Sinn. Aber der Prozeß, so legte ich es mir zurecht, werde jetzt um vieles leichter und ruhiger vonstatten gehen. Die Avantgarde werde sich jetzt auf den Jischuw stützen und aus ihm die Nährkräfte ziehen können. Möglicherweise kam diese Auffassung als Reaktion auf die übertriebenen Lobreden zugunsten des Chaluz zustande. Unwillen erregte das immer wiederkehrende Betonen, daß der Chaluz und nur dieser das Land baue; alle anderen Faktoren hat man zur Seite geschoben; die Rolle des Mittelstandes und des einfachen Juden herabgesetzt, die in ihrer besonderen Weise eine wichtige chaluzische Aufgabe erfüllt haben. Und so wie das Chaluztum im Vei-lauf von Jahren mit dem Sozialismus und Klassenkampf verbunden war, hat der Instinkt diktiert, alles zu tun, um das verlorene Gleichgewicht zurückzugewinnen. Wie kam das? Durch Ueberspannen der Dinge auf der anderen Seite und dadurch, daß man einen Strom von gewöhnlichen Juden ins Land fließen ließ, von Juden, die nichts wissen von Kwuzoth und Plugoth, keine Pekudoth und kein Budget haben und nicht unterworfen sind dem Kommando irgend eines chaluzischen Zentrums. Von einfachen, gesunden, arbeitenden Juden. Nicht ein einziges Mal fiel mir ein, zu betonen: Der Chaluz hat seine Aufgabe erfüllt. Es ist schon Zeit, den feiertäglichen Schleier herunterzunehmen und dem alltäglichen Leben seinen normalen Lauf zu lassen. Notwendig ist, einen freien Weg für jeden zu bauen, eine größere Möglichkeit für Privatinitiative, ua.9 wird genügen. Man braucht bloß eine gewisse Regulierung dieses großen Stromes. So wie eine Menge anderer Zionisten habe auch ich aufrichtig geglaubt, daß wir schon ein Stück Weg;-, zurückgelegt haben in diesem halbwilden Land, ein Fundament gelegt, Brücken geschlagen und, was die Hauptsache ist, dem jüdischen Manschen die Liebe zur Arbeit eingepflanzt, den gewesenen Städter mit der Mutter Erde in innige Berührung gebracht haben, so daß er jetzt nur mehr seine großen Talente fruchtbar machen kann. So dachte ich vor einem Jahr, aber so*sehe ich die Sache heute nicht. Ich sehe, daß ich mich irrte, ein wenig voreilig war, zu früh die Rolle des Chaluz als beendet angesehen habe; vergessen habe, daß wir es mit einem Volk zu tun haben, das noch nicht von jenen Sentiments durchdrungen ist, welche zur Erorberung von Land notwendig sind, mit einem Volk, das es nach der Stadt zieht. # Ich halte mich in Erez Israel bereits acht Monate auf, beobachte mit Aufmerksamkeit den neuen Lebensstil und das Menschenmaterial. Es ist eine ständige Umwertung und Umwandlung, ein wenig zu schnell sogar für amerikanisches Tempo. Ich war im Jahre 1923, dann; wieder 1925, ferner einige Monate im Zeitraum 1931 unoj 1932 im Land und jetzt bin iCh wieder da. Der materielle Fortschritt ist gewaltig. Alles nimmt an Umfang zu, hauptsächlich die Betriebe in den Städten. Die hohe Konjunktur beeinflußt stark den Jischuw, der jetzt eine stürmische Prosperität mitmacht. Kein Wunder, daß die Straßen von Tel-Awiw, Jerusalem und Haifa immer schöner werden und daii pogar Petach Tikwah und Rechoboth ein schmuckes Aussehen bekommen. Es ist auch natürlich, daß der Strom der neuen Einwanderer aus Westeuropa eine Verfeinerung der Hotels, Cafes und Läden mit sich gebracht hat. Vielleicht ein wenig zu früh und zu äußerlich. Es irritiert auch den Stil, aber man kann es nicht bedauern. Diese materielle Wandlung ist verständlich. Aber verändert hat sich nicht nur das Aussehen der Städte und Dörfer, sondern auch das Aussehen der Menschen selbst: Ihre äußere Erscheinung, ihre Haltung, ihre Beziehung zu Dingen und Problemen — und hier gibt es schon einige traurige Momente zu verzeichnen. Man ist besser gekleidet, satter, zufriedener, auch Iebensfreudlcrer und amüsementgeneigter. In die Augen springend ist das größere Interesse für sich und die eigenen Angelegenheiten als für die Gesamtheit und die zionistische Idee. Der heilige Egoismus hat sowohl bei den alten wie bei den neuen Elementen die Oberhand gewonnen. Die Interessen der Gesamtheiten sind zur Seite geschoben, der Zionismus ist in Palästina realer "nd weniger romantisch. Auch die Verbindung mit der Partei geht durch den Magen — durch das Arbeitsamt. Wer mich mit Arbeit versorgt, der ist besser und steht mir näher. * Vielleicht ist all das natürlich und den Realitäten des Lebens entsprechend. Und dennoch, wenn man sieht, daß der größte Teil der neuen Einwanderer nicht daran geht, sich in die Kolonien zu begeben, wenn man ringsum Der Sieneszuq eines Romans! „HEIMWEH NACH WIEN" von Leopold HICHLER erscheint als Volksausgabe in 16. bis 25. Auflage R. LÖWIT- VERLAG, WIEN Preis S 2*75. -In allen Buchhandlungen