Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 396 (4.9.1934)
- Date
- 1934-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE VVEL1 Nr. 396 Die Getaufte Erzählung von Efraim K o g a n o w s k y (Warschau). Der bekannte Warschauer Novellist gibt ein Stimmungsbild aus einem ostjüdischen Städtchen, das eine. Getaufte beherbergt, bis zu deren Tod, der irgendwohin führt . , . Im jüdischen Gäßchen, am Rand der Stadt, kannten feile die Getaufte. Sie wohnte in einem kleinen „goischen" Gehöft, das von einem unscheinbaren Garten eingeschlossen war, zusammen mit ihrer Tochter Soschke, einem Mädel, von 12 Jahren. Die Getaufte war eine angegraute Frau von vierzig Jahren, hochgewachsen, mit schwarzen jüdischen Augen. Sie war eine Hebamme. Man erzählte unter den Juden, daß ihr Mann ein russischer Polkownik war, weshalb sie noch heute zu russischen Offiziersfrauen gerufen werde . . . Die armen jüdischen Frauen der umliegenden Gegend, die einmal in der Wohnung der Getauften waren, erzählten, daß sie mit ihnen jiddisch spreche; aber an der Wand seien Heiligenbilder und das Porträt eines ,.Generals" gehangen. Obwohl niemand wußte, ob sie jemals Jüdin gewesen sei, machte man ihr stets Vorwürfe; sie mußte immer herhalten und man hatte mit ihr Mitleid, da Gott Bie gestraft habe und sie eine „Goje" sei . . . Frauen lamentierten über sie: Entsetzlich schon daran zu denken, daß sie hinunter kommt in jene Welt . . . Man soll nur einen Blick tun in ihre Wohnung . . . Die Blumentöpfe in den Fenstern . . . mit den Blumen geht sie um, genau so wie die Gojim . . . Die Tochter Soschke spielte in der Gasse mit allen jüdischen Kindern. Sie war ein temperamentvolles Mädchen. Sie schlug sich mit allen Judenburschen und Gassenjungen herum. Sie konnte inmitten der Gasse tanzen, und wenn man das Klirren einer Fensterscheibe hörte, wußte man, daß das Mädel der Getauften schuld daran sei. Die kleine Soschke redete, wie alle gojischen Kinder von der Gasse, jiddisch. Die jungen Burschen legten einen Finger über den andern und zeigten ihr das so gebildete Kreuz. Die Kleine begann zu schreien und zu schimpfen, auf polnisch oder russisch, und nach rechts und links auszuschlagen, während die Burschen sie umzingelten und ihr ins Gesicht brüllten: „Warum hast du dich taufen lassen?" Die Kleine blickte sie mit einem Paar heller grauer Augen an, nicht wissend, was das eigentlich bedeuten soll , . . Mit einemmal war Soschke kaum mehr auf der Gasse zu sehen. Einigemal ward Frühling und sie wuchs heran, schlank und stolz, mit einem sonderbaren Glanz in den Augen und mit feiner Rundheit der Beine. Und die Jungen, mit denen sie kürzlich noch Allotria getrieben hatte, erblickten plötzlich eine fremde, junge Prinzessin. Und sie zogen instinktiv den Hut. Keinem fiel mehr ein, mit ihr jiddisch zu sprechen, und die Weiber tuschelten untereinander: „Ein Wunder, wie sie aufgeschossen ist ..." „Schön; wie die Welt ..." „Eine Grafentochter ..." ' Nun begann man sie „die schöne Soschke" zu nennen und man sah sie wenig. -' Eines Tages erschien sie mit einem hohen russischen Offizier, dessen Sporen die Gäßchen vollklirrten. Sie schritt in ihrer ganzen Pracht daher, wie eine helle frische Rose, sich auf ihren hohen schlanken Beinen wiegend, und allen wurde es plötzlich klar, daß es so sein müsse. " "' Seit damals zogen Offiziere verschiedenen Ranges, in verschiedenen Uniformen, zu Fuß, in Wagen und zu Pferd, durch die Gassen. Die drei kleinen Fensterchen der Getauften leuchteten Nacht um Nacht mit starkem rötlichem Licht, , und dutzende bange Blicke der jungen Leute im Städtchen blieben an diesen Fenstern haften. Es kamen Nächte, wo sich von der Getauften Fenster Musik und Tanzgeräusch hertrug. Und wenn das Gäßchen sich frühmorgens an die Arbeit machte, sah man vom Gehöft her betrunkene Offiziere, und im Fenster stand Soschke mit wirrem Haar, müd, schön wie eine, die „nicht gut" tut ... Im Ort dachte man bereits daran, Soschke um Gefälligkeiten zu bitten — wegen Freigabe von Militär, wegen .Patenten und Konzessionen. Aber es kam ein Tag, wo es in den Fenstern der Getauften finster wurde. Ein schwacher Lichtschein einer herabgedrehten Lampe blickte aus ihnen und eine stille Trauer wehte von dorther. Man sah Soschke mit einem Tuch über dem Kopf in die Apotheke laufen und mit Fläschchen zurückkommen, und man sah auch sehr oft bekannte Aerzte aus ihrem Haus treten. Dem Gäßchen Schien, daß es um die Getaufte schlecht stehe . . . Immer stiller wurde es hinter den Fenstern der Getauften und jede Stunde erzählte man andere Neuigkeiten über sie. Die einen wollten wissen, daß die Getaufte Reue bekommen habe und vor dem Tod zum Judentum zurückkehren wolle. Andere wieder erzählten, daß sie vom Geistlichen „bereits den letzten Trost erhalten habe. Plötzlich zeigte sich im Gäßchen ein älterer Jude mit grauem Bart, in Begleitung einer hochgewachsenen Frau, die der Getauften überaus ähnlich sah. Der Mann hielt eine Tasche mit Papieren unterm Arm. Er stieg die Wohnung hinab, wo die Getaufte hauste. Einige Minuten später wußte die Gasse bereits, daß der Mann der Vater der Getauften sei, und ließ nicht ab von ihm". Alles kam aus den dunklen Löchern herausgekrochen und belagerte das stille Gehöft. Wenn der Mann sich vom niedrigen Haustor entfernte, unterbrach er seine Schritte und sein Blick bekam den Ausdruck von Verwirrung. Das Gemurmel der Kinder, der Jungen und der'Frauen verwirrte ihn. Nur das Weib, das die Schwester der Getauften war, schrie mit flatterndem Haar und mit roten Flecken auf dem Gesicht wie mit fremder Stimme: „Vater, komm'! Die? Menge geriet in Erregung. Aber wenn es ans Haustor ging, zpgon sich alle zurück. Neben der dunklen Treppe standen .einige Männer und Frauen des Ortes. Sie standen mit bloßen Köpfen und sprachen leise miteinander und blickten geheimnisvoll zur Treppe hin. Mit einemmal zeigte sich, 4ie. Treppe hinabgehend, ein beleibter Mann in einem längen schwarzen Kock. Er ging breit daher, mit den Hunden gestikulierend. Das Klingen einer Glocke wurde vernehmbar, und gleich darauf zeigte sich ein Priester in einem weißen bestickten Hemd. Die Leute verbeugten sich, und der Priester ging raschen Schrittes aus dem Hof heraus. Ein stilles, langanhaltendes Gemurmel erhob sich. Man sah, wie der Priester das Hemd-Ornat auszog und der dicke Mann im langen Rock es zusammenlegte, worauf Bie beide verschv/anden. Der Jude mit dem grauen Bart stand gebeugt da. Er hielt den Kopf zwischen den Händen und wiegte sich auf seinem Platz. Kaum hatte er sich zur Getauften begeben, begann die Monge wieder zu tuscheln. Man wartete auf ein großes Ereignis. Auch die Gojim begannen sich über das, was hier vorkam, Gedanken zu machen. Und als man ihnen erzählte, daß dies der Vater und die Schwester der Getauften seien, kratzten sie sich hinter den Ohren und fragten, ob da nicht irgend eine falsche Sache dahinter stecke, und rückten zusammen mit den andern zur Treppe. Einer unter ihnen, ein älterer Mensch, schrie in einemfort, daß jeder Mensch seine Religion haben müsse. Die „Gojim" stießen einander an und schworen einander, sie hätten nicht gewußt, daß die „Katholische" von „Alttestamentariern", von Juden, stamme. Plötzlich hörte man ein Geräusch vom obersten Stock. Das Geräusch war diesmal lauter. Und in einem Augenblick war das ganze Haus voll. Man hörte die Stimme von Soschke, die hochklingende Stimme einer Frau. Sie schrie: „Mamma!" Die Hausbesorgerin, eine kleine Frau mit gelbem, zerfurchtem Gesicht wie ein gebratener Apfel, riß die Hände auf und rief: „Menschen, kaum daß sie geseufzt hat . . ., eine Minute hat's gedauert . . ." Und die Menge drängte gegen die Treppe. Hier sah man „gojische" Männer und Frauen. Unter ihnen stand auch Soschke. Sie war blaß, zwei unruhig flackernde Augen im Gesicht. Vor ihr stand der grauhaarige Jude und seine Tochter, und Soschke schrie: „Da, der Teufel hol's, ich werde niemand einlassen, nicht die Tante und nicht die andern . . . Immer ist man vor uns davongelaufen . . . Die Mutter ist gestorben,-aber ich lebe noch . . . Man hat sich unser geschämt . . ." Man vernahm die alte zitternde Stimme des Juden, so wie man sie am Ausgang des Jörn Kippur hört: „Menschen . . . Juden! Das ist mein Kind . . . Mein Stamm . . . Ich will ... sie kann noch zu uns zurück .. . Ich will sie fragen . . ." Es entstand ein Geschrei und Gejohle im schmalen Durchgang der Treppe, als hätte man eine Hundemeute losgelassen. Man stritt und schrie. Und der Haus Wächter mit dem langen Besen warf die Kinder von der Treppe herab. Auf einmal kam von irgendher .Nuchemel Zazke" mit ein paar jungen Leuten aus dem Gäßchen. Es waren das fünf bis sechs bekannte Burschen, Draufgänger, mit roten rasierten Gesichtern und Lackstiefeln. Den Anführer machte „Nuchemel Zazke", der erst vor kurzem aus Buenos Aires zurückgekehrt war. Er fragte mit heiserer Stimme: „Wer sagt, daß man den Vater nicht zulassen darf?" . Die Leute ließen die Köpfe hängen und antworteten: „Ano nivi . . . otjec to ma pravo . . ." (Nun,'eigentlich . . . hat der Vater das Recht.) ' Und ein Geschrei brach los: „Puschtjit oteja . . ." (Zulassen den Vater.) Die Menge drängte sich in die Wohnung der Getauften. Seither stand diese, bisher ein Rätsel für die Gasse, offen und frei für alle. Drei Tage lag die Gestorbene im Sarg auf dem Tisch, und über ihr, in der wilden Unheimlichkeit der flackernden Flammen, 'rauschte das Gerede der, „Gojim", die sie sahen, und der Juden der Gasse, die sie begraben wollten wie ein Kind jüdischer Eltern. Am ersten Tag kämpfte Soschke verzweifelt. Sie rief sogar Polizei herbei und sprach lange mit einem älteren Polizisten. Aber am zweiten Tag saß sio bereits in einem Winkel, mit aufgelöstem Haar, mit matten starren Augen und herabgelassenen Händen. Ihre wertvollen Kleider und Geschenke, die sie für die tollen Nächte bekommen hatte, lagen durcheinander auf dem Boden, und die Jungen und Mädels betappten sie mit ihren Händen. Tag und Nacht kamen jüdische Burschen mit spitzer, unverschämter Vertraulichkeit. Sie redeten jiddisch zu ihr, stellten ihr Forderungen und Befehle. Unter ihrer Einwirkung verschwand Soschkes Willen. Sie machte sich keine eigenen Gedanken mehr. Sie. wollte nur mehr ein bürgerliches Begräbnis, ein feines Begräbnis mit Blumen, wie sie es immer geträumt hatte. Soschke stand auf den Knien, eingehüllt in da3 lange Tuch, das immer von dem gewöhnlichen braunen Kasten herunterhing. Sie preßte die Augen zu, wollte niemand sehen. Ach, wenn sie jetzt aufstehen und von ihren wilden jungen Beinen dorthin getragen werden könnte, wo es hell ist! Wo sie von den vielen Männern umringt werden und sie mit blitzenden Augen und weißen Zähnen verwirren könnte! Mit einemmal sprang sie auf, streckte sich in ihrer ganzen Schlankheit hoch, und ein paar Minuten später stand sie schon, in Seide eingehüllt, da, und in dem Spätsommerabend schlich sie aus dem Gäßchen in die Stadt hinauf, wo eine große Helle rauschte und lockte ... So vergingen drei Tage. Am dritten Tag, bei Nachteinbruch, wenn die Menge schon müde war, den Hof zu blagern, erschienen von irgendwo zwei Nonnen. Ihre weißflatternden Hüte, wie große phantastische Vögel, trugen in den Hof ein Gefühl von strenger Frömmigkeit. Man sah von ferne, wie Soschke mit aufgelöstem Haar in ihren Armen lag. Gleich darauf kam ein Totenwagen angefahren. Vier Männer mit hohen Kerzen in den Händen gingen zu beiden Seiten. Jetzt näherten sich die Juden nicht mehr der Behausung der Getauften, nur von der Ferne wagten einzelne hinzublicken. Die Schlacht war verloren. Man erzählte sich bloß von ihrem Vater, den Herzleid und Schande krank gemacht hatten. Plötzlich setzte sich der Leichenzug in Bewegung, die Kerzen flammten in dem finstern Gäßchen. Eine kleine Schar von Menschen begleitete den Sarg. Die zwei Nonnen schaukelten ihre weißen Flügel über dem Dunkel des Sarges, der hoch mit Blumen bedeckt war. Soschke ging langsamen Schrittes, geführt von den. Nonnen. Nach einigen Minuten war der Trauerzug verschwunden, der Hof blieb einsam und traurig. In allen judischen Häusern, unter de~n Licht schwelender Lampen, sprach man den ganzen Abend über das Ende der Getauften. Das jüdische Gäßchen fühlte, daß irgend eine Kraft sie zu sich genommen habe, wohin man schwer gelangen kann. Die Weiber sprachen von der Hölle, die auf sie warte, und in der Nacht, es war schon spät, konnten die Kinder nicht einschlafen. Sie, sahen und hörten, wie die Getaufte über das Gäßchen geht, sich die grauen Haare rauft und weint und fleht, män möge sie den goischen Händen entwinden ... WSSSBB Dis Dos $erifttoetter eingefroren unD Die öetbftfoifon im Dollen ®ange ift fflorfifttige Samen Befolgen fcDon Jefct Vmu neuen SwbManief, Das fleiDfmne mo&erne Äoftiim unD Dos zeitgemäße flleiD su&efonbetB niedrigen 2torfaifon»$reifen im Dolmliwen „Sarenljaus Der Sjiarfamen", bei Sftiffmann, 2» iBejirl, Saborftraftc 48 #ufierttt8*!»HinteI, Zxcnd)'Z'd\\on, mobeiue ftarGeu, S 24.-, 19.80......., 12.90 SWtmMel flcmui'tcrt, euflül'd) S mit <Sattetfutter 9teimuoü=$erbftmättteI, ßanj K.*8eibe gefüttert, fefd)e $affon S Kngorette*$oucles9OTihtte!, m l'fobcfnt&cn, K.=<Sctbc gefüttert S GngL gem. 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