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Die neue Welt · 1934-08-31 · Heft 395 (31.8.1934) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 395 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 395 DIE NEUE WELT Seite 5 absolute Zustand geschlossener Einigkeit und Eintracht, sondern bloß ein Friede in bezug auf die Formen des politischen Kampfes. Noch mehr: ein Friede, der geradezu täglich den Kampf für die Ideen und Anschauungen möglich machen kann. Der Sinn des Friedensrufes besteht darin, daß man offen und öffentlich seine Meinung heraussagen könne. Niemand soll mehr Angst haben, auf der Gasse mit einem Knüttel oder Messer überfallen zu werden. Gebäude sollen nicht mehr «erstört, Funktionäre unserer Fonds und Institutionen nicht überfallen werden. JMe Keren-Kajemeth-BUchsen müssen als nationales Eigentum behandelt werden, politische Gegner dürfen einander nicht mit ,,Mörder", „Gauner", „Gewalttäter", „Dieb", „bestochenes Subjekt", „Zuhälter" und mit ähnlichen Feinheiten der beiden extremparteilichen Sprachen angeschrien werden. Man soll nicht mehr Zeitungsverkäufer, die einem nicht lieb sind, mörderisch verprügeln; man soll nicht Versammlungen sprengen, in fremde Lokale eindringen, man soll nicht Schimpflieder vor den Fenstern gegnerischer Klubs singen; man soll nicht bei jeder Gelegenheit mit Austritt und mit Sprengung drohen. Man soll zusammen an einem Tisch sitzen und eine Sache von verschiedenen Gesichtspunkten behandeln können. Darum und nur darum handelt es sich. Darin und in nichts anderem beruht der Sinn vom Frieden. Ist das viel verlangt? Ist das Utopie? Kann man das erzielen? Die Antwort ist positiv: es ist möglich und es ist wünschenswert. Schließlich sind es doch die einfachsten Bedingungen eines normalen, gemeinsamen gesellschaftlichen Lebens. Es ist bestimmt nicht das Maximum, sondern ein Minimum. Gegenwärtig kann man von einem ^politischen Kampf" in der zionistischen Gasse nicht reden. Solch ein Kampf ist nicht vorhanden. Schlägereien und Beleidigungen sind kein Kampf, sondern Banditismus. Es ist eine schreckliche Sphäre von Ueberfällen, Gemeinheiten und Verleumdungen. Heute bekommt jener das Wort, der schriller schreit und stärker schlägt. Heutzutage machen sich der „Cham" (der Bornierte) und der Zyniker breit, deren erstes Gebot darin besteht, die Konjunktur auszunützen, und eben diese Bande hat die Legende geschaffen, daß es bloß ein „Recht s" und ein „L i n k s" gibt. Die Gasse, heißt es, hört die sogenannten „Starken", alle übrigen, in Wirklichkeit die Mehrheit, sind nicht mehr als eine verwirrte Herde, und zwar darum, weil sie sich nicht herumschlagen und ehrlich gegen sich sind. Das Wort müssen jene ergreifen, welche letztens zufolge verschiedener Umstände geschwiegen haben. Sie wollen den Frieden, dessen Sinn ist: vor allem den äußeren Frieden, die Aenderung der Methoden, die Möglichkeit, einen echten politischen Kampf zu führen. Die Faktoren des Friedens Drei Faktoren sind imstande, eine Aenderung der Situation, von der wir alle träumen, zu bringen: die Presse, die sogenannte Mitte, die breite Masse. Ich will nicht leugnen, daß auch die sogenannten Flügel, wenn sie nur wollten, ihre skandalösen Handlungen abstellen oder zumindest eindämmen könnten, aber sie selbst sind nicht entscheidend, genau so, wie der Schauspieler nicht ohne Publikum spielen und atmen kann. Der entscheidende Faktor sind gerade jene, welche am meisten leiden und die man für nichts achtet. Wenn die jüdische Presse ablehnt, Berichte Uber Skandale zu veröffentlichen und der Polemik, Zirkularen und Erklärungen der kämpfenden Gruppen Raum zu geben, wird es allmählich stiller werden. Ohne Applaus können die Schauspieler nicht leben. Schwelgen und Totschweigen ist manchmal eine starke Waffe. Die „schlagenden" Elemente müssen von der Szene abtreten. Die Mitte — wahrlich ein sehr breiter Begriff — muß aufhören, ein Spielzeug fremder Leidenschaften zu sein. Das ständige Kokettieren mit Links oder Rechts schwächt ihre klarbetonte Position. Die Mittelparteien müssen mehr Courage und Entschlossenheit in der Durchsetzung ihres Willens gegenüber den Flügeln an den Tag legen. Es muß klarwerden, daß sie nötigenfalls allein ihren eigenen Weg gehen. Das ist kein Traum. Es müssen sich nur einige starke Menschen finden, die die „Chasit Moleded", die patriotische Front ins Leben rufen. Die breite, aber bisher passive Masse muß aktiviert werden. Man muß ihr zu verstehen geben, daß gerade in ihr eine große Kraft schlummert. Diejenige Partei, die es der jüdischen Gasse beweist, wird der entscheidende Faktor in unserem Leben werden. Wie oft müßte man ausrufen: Jüdischer Patriot, wo bist du? Ehrlicher Zionist, weshalb läßt du nicht deine Stimme hören? Man hat dir eingeredet, daß du an sich gar nichts wert bist, sondern daß bloß die großen Schreier und die frechen Fausthelden über dein Schicksal entscheiden. Wenn man will, daß der Friede, wenn auch in mildester Form, Wirklichkeit wird, müssen die drei genannten Faktoren zu wirken beginnen. Als Vorbedingung für den Frieden, ohne daß wir die Dinge der Vergangenheit berühren, müssen die Parteien und ihre Nebengruppen gewisse Verpflichtungen auf sich nehmen: 1. Ausschluß eines jeden, der Gewalttaten, Schimpf reden und Verleumdungen anwendet; 2. Bestrafung aller Schuldigen durch Entzug des Rechtes auf Alijah, Niederlassung oder Anleihe bei nationalen Institutionen; 8. Ausschaltung von allen Waiden und von der Beteiligung an zionistischen Institutionen derjenigen Personen, welche im politischen Kampf Angeberel, Verleumdung und Diffamierung anwenden. Es gibt ein Kongreßgericht. Aber das genügt nicht. Die Parteien selbst müssen ihre Mitglieder richten. Sonst werden wir an ihre Aufrichtigkeit nicht glauben. In eben den kleinen, einfachen Präventivmaßnahmen liegt der Sinn des großen Wortes „Schalom". Selbstschutz gegen verantwortungsloses Rowdytum im eigenen Haus. Ordnung und Ruhe, eine anständige Beziehung zum Gegner, zu den Institutionen, zu den verantwortlichen Menschen, zu den Grundlagen unseres eigenen nationalen Lebens. Man möge nur den ersten Schritt tun, das andere wird schon nach und nach kommen. Unsere Wünsche sind WirKliCh begehend««. Wird die Konjunktur in Palästina andauern? In unserer Ausgabe vom 17. August d. J. wurden die außerordentlich anregenden Ausführungen Über die Aussichten der palästinensischen Konjunktur wiedergegeben, die der ehemalige Unterstaatssekretär der syrischen Mandatsregierung für wirtschaftliche Angelegenheiten, Rechtsanwalt Gabriel M e n a s s a, Beirut, im „Commerce du Levant" veröffentlichte. Menassa legte zunächst die verschiedenartigen Symptome der wirtschaftlichen Prosperität Palästinas („das Land, wo man keine Krise und keine Arbeitslosigkeit kennt") dar und bezeichnet die ökonomische Struktur Palästinas als gut basiert und gesund. Zwei Krisenfaktoren sieht Herr Menassa jedoch im Hintergrunde lauern, die die konjunkturelle Entwicklung Palästinas bedrohen: 1. Die Gefahr der agrarischen Monokultur. 2. Die Gefahr der hohen Löhne. Zu den von Herrn Menassa berührten Problemen, die in wirtschaftlichen Kreisen Palästinas lebhaftem Interesse begegneten, legt ein palästinensischer Wirtschaftskenner in führender Stellung dem „PALNEWS"-Vertrcter gegenüber nachstehendes dar. Was die Gefahr der agrarischen Monokultur anbetrifft, so fragt Herr Menassa unter Hinweis auf das Beispiel des brasilianischen Kaffees und der ägyptischen Baumwolle: „Was soll aus einem Palästina werden, das in 10 Jahren 15 bis 20 Millionen Kisten Orangen zu exportieren hat?" Die Frage ist nicht unberechtigt. Die Orange trägt erst nach 7 Jahren Früchte. Man kann also 7 Jahre hindurch den Orangenbau in stürmischem Tempo erweitern, ohne daß eine Mehrproduktion auf den Markt kommt — erst vom 7. Jahre ab wird der Markt wachsenden Belastungsproben ausgesetzt, die vom 14. Jahre ab den Höhepunkt erreichen. Die Ernte 1933/34 basierte auf einer fruchttragenden Fläche von nur 70.000 Dunam, inzwischen dürften bis Ende 1934 bereits 200.000 bis 225.000 Dunam angepflanzt sein. Im Verlaufe der nächeinzusehen, inwiefern die weitgehende Durchführung des Prinzips der jüdischen Arbeit in der Industrie die Kaufkraft der Bevölkerung und damit den industriellen Absatz schwächt. Wenn, wie es den Intentionen von Menassa entspricht, höher bezahlte jüdische Arbeit durch geringer bezahlte arabische Arbeit verdrängt und das Gesamtlohnniveau gedrückt wird, so würde daraus doch nur eine Schwächung der Binnenkaufkraft und Verengung des Inlandsabsatzes der Industrie resultieren. Gerade die hohen jüdischen Löhne stärken den inneren Markt außerordentlich — so problematisch es auch sein mag, ob sie auf die Dauer aufrechterhalten werden können. Die palästinensische Industrie befindet sich vorerst noch in einem sehr jungen Entwicklungsses bieg t <b O ■ O daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Speisen verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S, Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt. 100% REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! sten 7 Jahre muß sich also das Exportquantum von 5% Millionen Kisten in der letzten Saison reichlich verdreifachen. So sicher auch ist, daß die Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes für Jaffa-Orangen noch erheblich steigerungsfähig ist, so ungewiß ist es jedoch, ob und zu welchen Preisen ein verdreifachtes Exportquantum abgesetzt werden kann. Dieser Krisengefahr von der agrarischen Seite her steht aber gegenüber, daß andererseits die landwirtschaftliche Produktion noch außerordentlich große Absatzreserven hat und in ihrem heutigen Entwicklungsgrad weder den Getreidebedarf des Landes noch den Fleisch-, Milch-, Butter-, Eier-, Käse-, Kartoffel-, Oelfrucht-, Obstbedarf auch nur annähernd deckt. Das Problem der Lohnhöhe und arabischen Arbeit In der Höhe der industriellen Löhne und der Aufrechterhaltung des Prinzips der jüdischen Arbeit in der Industrie sieht Menassa eine schwere latente Gefahr für die Konjunkturentwicklung. Das durch die Lohnhöhe bedingte hohe Produktionskostenniveau behindere den Export, der Ausschluß der Araber von der Industriearbeit habe die Niedrighaltung ihrer Kaufkraft und Einengung des Inlandsabsatzes der Industrie zur Folge. Was zunächst die Höhe der industriellen Löhne anbetrifft, so ist es allerdings außerordentlich fraglich, ob das gegenwärtige Lohnniveau auf die Dauer aufrechtzuerhalten ist. Sobald der von Menassa befürchtete Mangel an Absatzmärkten akut werden sollte und der industriellen Produktion Einschränkungstendenzen auferlegt, wird sich automatisch auch ein Druck auf das Lohnniveau ergeben. Aehnlich liegt es mit der Frage des Prinzips der jüdischen Arbeit. Man kann darüber vom jüdischen und arabischen Standpunkt aus sprechen. Vom jüdischen Standpunkt aus ist festzustellen, daß der Sinn der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina gerade darin besteht, ein normal strukturisches jüdisches Volksleben entstehen zu lassen, das auf einer möglichst breiten Basis von Bauern und Arbeitern beruht. Das Prinzip der jüdischen Arbeit ist daher conditio sine qua non des palästinensischen Wirtschaftsaufbaues. Aber auch unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist nicht s t a d i u m, d. h. sie deckt noch nicht entfernt den Bedarf des inneren Marktes und ist daher noch gar nicht in dem Grade auf den Export angewiesen, in dem das bei Herrn Menassa der Fall zu sein scheint. Palästina importiert noch den bei weitem größten Teil (schätzungsweise etwa zwei Drittel) seines Bedarfes an industriellen Erzeugnissen. Ein großer Teil dieses Importes kann zweifellos nach und nach im Inland produziert werden. Mit der wachsenden Bevölkerung wächst der Verbrauch industrieller Erzeugnisse in starkem Tempo. Die Entwicklungsrichtung der palästinensischen Industrie geht naturgemäß vorerst dahin, bisherige Importartikel zu fabrizieren und in Anlehnung an den wachsenden Inlandskonsum zu expandieren. In dieser Richtung hat sie noch einen erheblichen Entwicklungsspielraum vor sich, der eine entsprechende Konjunkturbasis bildet. Beim Export handelt es sich vorerst nicht um die Hauptsubstanz der Produktion, sondern um Produktionsspitzen und einzelne Industrieunternehmungen, die stärker für den Export produzieren. Es wird allerdings in mehr oder weniger ferner Zeit sich einmal die Situation ergeben, daß die palästinensische Industrie sich so stark entwickelt, daß sie stärker auf Exportspitzen angewiesen ist. In diesem Augenblick wird auch das Problem der hohen Löhne akut werden, da Palästina von Ländern mit besonders tiefem Lohnniveau umgeben ist, angesichts deren es überhaupt fraglich ist, ob die palästinensische Industrie jemals zu einer ausgesprochenen Exportindustrie werden kann. Wenn Herr Menassa betont, daß der Absatz der palästinensischen Industrie zu 75 Prozent auf die jüdische Bevölkerung beschränkt ist, so besteht gerade darin zumindest zur Zeit ihre gesunde Basis. Einwanderung Wenn Herr Menassa schließlich die Konjunktur in Abhängigkeit von der Einwanderung zieht, so beruht das stürmische Entwicklungstempo der beiden letzten Jahre jn der Tat auf der »starken Einwanderung. Es darf dabei aber nicht vergessen werden, daß der stabile innere Konsum der ansässigen Bevölkerung nach und nach ein immer stärkeres Eigengewicht bekommt und der Wirtschaft Rückhalt gibt. Wenn Menassa zur Vermeidung der Krise eine jährliche Einwanderung von

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