Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 394 (28.8.1934)
- Date
- 1934-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 8 Diemfaq, den 28« August 1934 Vtl. v, . Nr* 394 V* b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par rediteur" REVU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER S7/.I ■. - . —— BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 1.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty f.-* vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. lit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion u,VerwaUung: IX, Universitätsstr. 8, Tel.A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Skandal rings um die deutsche Fluditlingshilfe Aus Paris wird uns geschrieben: Von Tag zu Tag steigert sich in hiesigen jüdischen Kreisen die Aufregung über Manipulationen im Rahmen des Kommissariats für die deutschen Flüchtlinge, das bekanntlich unter der Leitung des amerikanischen Oberkommissärs Sir Macdonald und Norman Bentwich steht. Man kann sagen, daß die Aufregung bereits der Empörung Platz gemacht hat. Allmählich werden immer mehr skandalöse Einzelheiten bekannt, welche mit der Verwendung der Gelder seitens des Oberkommissariats in Zusammenhang stehen. Wie man weiß, stammt der größte Teil des Hilfsfonds für die deutschen Flüchtlinge, ja fast 100 Prozent desselben, aus jüdischen Taschen. In der deutschen, in Paris erscheinenden Tageszeitung „Pariser Tageblatt" sind in der letzten Zeit mehrere Proteste angesehener deutscher Flüchtlinge erschienen, welche die alarmierende Mitteilung enthalten, daß das Oberkommissariat für die deutsche Flüchtlings hilf e große, aus jüdischen Kreisen stammende Summen für die Unterstützung derjenigen Flüchtlinge verwendet, welche kürzlich nach dem blutigen 30. Juni nach Frankreich gekommen sind. Diese Flüchtlinge gehören bekanntlich der S. A.. des Röehm- Kreisos an, der an den zahlreichen Judenmorden in Deutschland genau so beteiligt ist wie der engere Hitler- Kreis. Durch die Beteilung dieser Hakenkreuzler hat der Oberkommissär sie in dieselbe Kategorie eingereiht wie die jüdischen Flüchtlinge, die der deutschen Hölle entronnen sind. Das „Pariser Tageblatt" greift im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit den Oberkommissär Macdonald und seinen Mitarbeiter Norman Bentwich aufs heftigste an und verlangt Aufklärung. In Pariser politischen Kreisen hat man die Ausführungen des „Pariser Tageblattes" mit um so größerer Verwunderung aufgenommen, als bereits anfangs August das Sekretariat des Hilfskomitees erklärte, seine Tätigkeit wegen Gold mang eis einstellen zu müssen. Der iinamerikani§che Antisemitismus Der bekannte Führer der republikanischen Partei Amerikas, Sena£ör~D.'Ä. Hee d, veröffentlicht gegenüber Pressemeldungen, ' die" ihn in" einen Zusammenhang mit Bestrebungen eines antisemitischen Mitglieds des amerikanischen Kongresses bringen wollten, eine -Erklärung, in der* es u. a. heißt: Ich verurteile es entschieden, daß in die ^Politik irgend welche Rassen- oder Religionsvorurteile hineingetragen werden. Es ist unamerikanisch, gegen irgend eine besondere rassische oder religiöse Gruppe einseitige Maßnahmen zu treffen. Niemandem ist es mehr bewußt als mir, wie wertvoil die Beiträge sind, die von Juden zur Förderung des Fortschritts in der Welt und zur Entwicklung unseres Landes geleistet wurden. ' Wir haberi "in unserer Ausgabe vom 17. August 1. J. einen Bericht unseres New-Yorker Korrespondenten veröffentlicht, der das Mitgliedder Republikanischen Partei L. T. MacFadden als eine Art angelsächsischen Hakenkreuzlers kennzeichnete, gleichzeitig aber die Feststellung machte, daß die Republikanische Partei als solche für das Verhalten eines einzelnen Mitgliedes nicht verantwortlich gemacht werden könne. Die Erklärung des. Senators Dr. A. R e e d .ist gewiß beachtenswert. Sie hilft aber nicht. über die Tatsache hinweg, daß gewisse Kreise der amerikanischen Gesellschaft von der nationalsozialistischen Propaganda ergriffen wordo/i sind. Zu den Vorgangeil in Nordafrika Gefahr antijüdischer Exzesse in Tunis Die. jüdischen Zeitungen in Tunesien erheben scharfe Anklagen gegen die Behörden in Algerien, deren Nachlässigkeit an der Ausdehnung der antijüdischen Unruhen in Nordafrika die Schuld trägt. Die Zeitungen fordern diefranzösische Regierung auf, die schuldigen Beamten zu bestrafen,' und weisen darauf hin, daß infolge der fortdauernden antisemitischen Propaganda in zahlreichen Städten Tunesiens auch hier die Gefahr antijüdischer Unruhen akut geworden ist. In vielen Ortschaften rechriet die jüdische Bevölkerung mit der Möglichkeit von Exzessen; die Panik ist groß. (J. T.-A.) Protestversammlung in Paris Eine von mehr als 2000 Personen besuchte Versammlung der Liga z u r Bekämpfung des A n t isemitismus in Paris faßte eine Resolution, in der der R ü c k t r i 11 des Gouverneurs von Algerien C a r d e und des Bürgermeisters von Constantine Morinau, sowie die Abberufung und Bestrafung .aller anderen für die ähtijUdischen Ausschreitungen in Constantine und in anderen algerischen Städten verantwortlichen Beamten gefordert wird. Gegen Morinau wurde eingewendet, 'daß er schon zur Zeit der Dreyfus-Affäre eine an t i-v semitische Politik betrieb. Die französische Regierung wurde aufgefordert, mitzuteilen, ob es wahr sei, daß die Garnison von Constantine während der Unruhen in den Kasernen kortsigniert blieb, weil das Constantiner 2 u a'v c n - R e g i m e n t den bedrängten Juden zu Hilfe kommen wollte. Forner solle die Regierung bekanntgeben, warum die antisemitische Hetze zugelassen und militärische Hilfe nicht sofort in Anspruch genommen wurde. Schließlich wurde die Regierung gefragt, warum die Zensur die Nachrichten über die Ausschreitungen zurückgehalten hat. (J. T.-A.) „Temps" und die Hitler-Propaganda in Marokko Die Pariser Zeitung „T e mp s" berichtet aus Marokko, daß dort die Gefahr heftiger antisemitischer Ausbrüche aküt ist. Die Zeitung führt dies auf die Wirtschaftskrise, die jüdischen Bereicherungsansprüche und nicht zuletzt auf die Propaganda von deutschen Nazi-Agenten zurück und meint, die Juden erleichtern insofern die Hitler-Propaganda, als sie mit sozialistischen und kommunistischen Tendenzen sympathisieren (!). (J. T.-A.) Zum Judenpogrom in Algier In einem soeben in Paris eingetroffenen offiziellen Bericht des jüdischen Konsistoriums aus Constantine wird mit aller Entschiedenheit in Abrede gestellt, daß ein jüdischer Soldat sich in der Moschee von Constantine in einer die religiösen Gefühle der Mohammedaner verletzenden Weise betragen und damit die Unruhen provoziert hat. Es wird festgestellt, daß es sich um einen wohlvorbereitet n Plan zur Plünderung.des jüdischen Viertels gehandelt hat. Gegen die Behörden werden schwere . Vorwürfe wegen ihrer Duldung der Vorbereitungen zu diesen Ausschreitungen erhoben. Aus Bone (Algerien), wird mitgeteilt, daß es dort wiederum zu einem Angriff von Arabern auf Juden gekommen ist und daß ernstere Zwischenfälle nur durch das schnelle Dazwischentreten - der Polizei verhindert worden sind. Die Atmosphäre dort ist sehr gespannt. Wie endgültig festgestellt wurde, sind bei den Pogromen in Algier 46 Juden umgekommen., (J. T.-A.); RUNDSCHAU Ein zionistischer Diplomat Die Zionistische Organisation hat durch das Ableben Viktor Jacobsons, der am 23. August im Alter von 65 Jahren in Bern (Schweiz) starb, einen schweren Verlust erlitten. Der Mann, der seit seiner Jugend im Dienst der zionistischen Idee stand, ist verhältnismäßig wenig vor die Oeffentlichkeit getreten. Von Herzls Idee erfaßt, daß der Zionismus eine Frage der Welt- und Völkerpolitik sei und das Wohlwollen aller Kulturstaaten genießen müsse, trat Jacobson schon vor dem Weltkrieg und vor der Balfour-Deklaration mit türkischen und arabischen Kreisen in Berührung. Als Mitglied des Engeren Aktionskomitees (wie anfänglich die Zionistische Exekutive hieß) vertrat er jahrelang die zionistischen Interessen. Im Jahre 1918 erließ er als Leiter des Kopenhagener Büros der Zionistischen Organisation das sogenannte „Kopenhagener Manifest", das die Forderungen des jüdischen Volkes an den kommenden Völkerbund enthält. 1925 war Jacobson Vertreter der Zionistischen Weltorganisation in Genf, dem Sitz des Völkerbundes, wo er, der geborene Diplomat, politische Arbeit leistete. Seinem publizistischen Drang hat er durch die Gründung und Installierung der Zeitschriften „Der Jude" (Berlin), „Revue Juive" und „La Palestine" (Paris) Genüge getan. Hinter der Tribüne der zionistischen Politik tätig, wurde er auf dem Prager Kongreß wieder in die. Zionistische Exekutive gewählt. Der Tod entriß ihn uns, nachdem er gerade an der Züricher Sitzung der erweiterten Agency (Zionisten und .Nichtzionisteri)' teilgenommen hatte, ganz unerwartet. Als der : kultivierte Typ des aktiven Zionisten, als Mann von Welt, vornehmlich aber als - Vertreter der zionistisehen Diplomatie, wird Doktor Viktor Jacobson von der zionistischen Welt betrauert. Ehre seinem Andenken! Die sterblichen Reste des in Bern verstorbenen zionistischen Führers und Mitglieds der Exekutive der Jewish Agency, Dr. Victor Jacobson, sind Sonntag, den 26. Juni, dem Wunsche des Verstorbenen gemäß, in Genf, der Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit für Zionismus und Judentum, beigesetzt worden. Das moralische Anrecht Die Palästina-Regierung, mit Argwohn auf jeden chaluzischen Touristen blickend, der ins Land kommt, unterstützt noch von den jugendlichen Arabern, die die Jagd nach den „Illegalen" organisieren, hat sich eine neue Spezialität zurechtgelegt: eine scharfe Kontrolle der sogenannten ,,K a p i ta 1 i s t e n - Einwanderer. Das ist jene Kategorie jüdischer Immigranten, die sich mit einem Kapital von 1000 Pfund ausweisen können. Ein Vorfall wird uns gemeldet: Vor dem Jaffaer Gericht hatte sich kürzlich ein Einwanderer zu verantworten, der als Tourist ins Land gekommen und dann um die Erlaubnis eingekommen war, als „K a p i t a 1 i s t" im Lande zu bleiben. Die Behörden hatten sein Bankkonto an zwei Stichtagen untersucht,. einmal auch die erforderliche Summe von 1000 Pfund vorgefunden, beim zweiten Male aber festgestellt, daß das Geld bereits abgehoben war. Beim dritten Male fand sich jedoch — wie der Richter in seiner Urteilsbegründung annahm, auf Gruqd irgend welcher warnender Informationen — die Summe wieder vor. Der Richter verurteilte den Einwanderer zu zwei Monaten Gefängnis und empfahl ihn der Regierung zur Ausweisftng, mit der Begründung, hier liege offensichtlich eine Fälschung vor. Der Mann hätte sich die erforderliche Summe für eine kurze Zeit geliehen, um so seinen Aufenthalt im Lande zu sichern. Der Fall zeigt eine Tendenz der Behörde, auch in der „Kapitalisteneinwanderung" eine etwas genauere Kontrolle, als ■ bisher auszuüben. Zweifellos ist diese Manipulation nicht korrekt. Sie ist aber begreiflich. Was ist das für ein Mensch, der diese — Fälschung begangen hat? Irgend ein Schwindler, der jemanden schädigen will? Keine Spur. Dieser Mann dürfte zu jener Kategorie von Juden gehören, die weder jung sind, dah*i?? keine Anwartschaft auf ein Chaluz-Zertifikat haben,