Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 391 (17.8.1934)
- Date
- 1934-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 20 Groschen Jahrgang 8 Freitag, den 17« August 1034 m Nr* 30f V. bb* Zeitung vom Verleger versendet •.Journal expMI6 par l'e<Iiteur" DIE NEUE REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Ko 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel« jährig Dinar 40.—; Bnmänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Dentschland monaUich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.~, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—i Schwei» und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion ^Verwaltung: IX, Universitätsstr.8,TeLA-20'2-78 - Erscheint Dienstag u.Freitag Vom Pogrom in €on§tanfine Aus Paris: Dank der energischen behördlichen Maßnahmen ist in Algerien in den letzten Tagen die •Ruhe wieder hergestellt, so daß der Belagerungszustand nunmehr aufgehoben werden konnte. Der algerische Generalgouverneur Garde hat an das Innenministerium in Paris einen ausführlichen Bericht über Entstehung und Vorlauf der antisemitischen Ausschreitungen gesandt. Darin wird mitgeteilt, daß bei den Verhandlungen mit dem «ibiieralgouverneur der Führer der Mohammedaner eine Erklärung abgegeben habe, in der die schärfste Mißh i i 1 i g u n g der Ausschreitungen zum Ausdruck gebracht und versichert wurde, daß von seiten der Muselmanen alles geschehen weide, um die Wiederkehr solcher Ereignisse zu verhüten. Der Gcncralgouverneur nahm die Erklärung entgegen und forderte energisch, daß diesen Worten auch die Taten folgen sollen. Der Abordnung der jüdischen Gemeinde hat der Genenilgouverncur die Versicherung gegeben, daß alle Schuldigen unnachsichtlich zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Von den Führern der Judcnßcliaft verlange er, daß sie Maßnahmen zur Beruhigung der Bevölkerung treffen. Der Generalgouverneur schließt Beinen Bericht mit der Ueberzeugung, daß beide Parteien die feierlich eingegangenen Verpflichtungen halten werden. Der Bürgermeister von Constantine hat beim Generalgouverneur Gardedie Eröffnung einer administra- *ivon Untersuchung betreffs der Ausschreitungen beantragt, nachdem jetzt schon erwiesen ist, daß der Zwischenfall in der Moschee (Ein betrunkener jüdischer Soldat soll den Gottesdienst gestört haben) nur den Vorwand für die schon von langer Hand vorbereiteten antisemitischen Ausschreitungen abgegeben hat. Wie „Daily Herald" berichtet, wird der sozialistische „Populaire" ein sensationelles Dokument veröffentlichen, das beweisen wird, daß der algerische antijüdische Aufruhr viel früher vorbereitet war. Es handelt sieh um einen Brief, den eine sozialistische Familie von Verwandten aus der algerischen Stadt S e t i f, etwa 70 Meilen südlich Constantine, erhielt. Der Brief trägt Datum und Poststempel „S o n nabend, 4. A u g u s t", d. h. einen Tag bevor laut offizieller Version der Ausbruch der Ausschreitungen in Constantine stattfand. In diesem Schreiben wird berichtet, daß drei Tage vorher, also schon am Dienstag, ein antijüdischer Pogrom begonnen hätte, in dem viele Juden getötet und jüdische Geschäfte geplündert wurden, * Aus Jerusalem (J. T. A.): Unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas herrscht große Entrüstung über die von verschiedenen Kreisen verbreiteten Andeutungen, daß die Unruhen in Constantine und anderen Ortschaften Algeriens auf die Tätigkeit jüdischer Geldlei h e r und Kaufleute zurückzuführen sei, die eine überragende Position im lokalen Handel erlangt haben. Die hebräische Presse weist auf die Aehnllchkeiten zwischen dem Massaker der Juden in Hebron im Jahre 1 D 2 9 und dem gegenwärtigen Massaker in Constantine hin und bemerkt, daß auch in Hebron nachträglich ähnliche gänzlich unbegründete Beschuldigungen gegen die Juden erhoben waren. Namens des Jüdischen Nationalrats sprach Herr E 1 m a 1 a h beim französischen Generalkonsul in Jerusalom vor und brachte ihm gegenüber die von der Judenheit Palästinas über die Lage in Algerien empfundene Bf sorgnis zum Ausdruck. Der Generalkonsul versicherte Herrn Elmalah, daß laut offizieller Information, die Ihm aus Paris zugegangen ist, die französischen Behörden in Algerien Herr der Lage sind. Wöbs einem Augenzeugen In der Pariser Presse ist der Bericht eines Augenzeugen Uber die fürchterlichen Vorfälle in Constantine <r-vöffentlieht worden. Aus ihm geht hervor, daß der gegen die französische Zivil- und Militärverwaltung erhobene Vorwurf der Lässigkeit und Duldsamkeit gegenüber den arabischen Pogromisten nicht unberechtigt ist, aber auch, daß den Versicherungen des Gouverneurs Carde, daß keine Gefahr mehr besteht, kein absoluter Glauben geschenkt werden kann. Der Bericht lautet: Constantine, 11. August. Am Samstag, den 4. August, brach die schon seit langem unter den Arabern beobachtete Unruhe plötzlich voll aus. Ein jüdischer Soldat soll sich angeblich betrunken haben — ob das wirklich wahr ist, konnte bis jetzt nicht festgestellt werden — und soll einen Zusammenstoß mit einem Eingeborenen gehabt haben. Am Vormittag rottete sich eine große Menschenmenge im Fichtenwalde von Mansourah zusammen, die auf die Nachricht von dem Zwischenfall plötzlich gegen die Stadt zog. Da und dort bildeten sich kleine Trupps von Arabern, die zuerst einzelne Juden überfielen, sie mit Knütteln blutig schlugen oder mit Messern stachen. Vergebens suchten die Ueberfallenen bei der Polizei Schutz. Auf der Place de la Breche wurde eine jüdische Frau von einer Rotte heulender Araber gehetzt. Vor Angst und vor Erschöpfung brach die Verfolgte mitten auf dem Platze zusammen und nur dem Dazwischentreten eines Franzosen hatte sie ihr Leben zu verdanken. Militär ohne Munition Ueberfälle solcher Art mehrten sich und verbreiteten sich über die ganze Stadt. Militär und Polizei waren Kaufst Du Käs', dann kauf den besten: fl BERNA machtlos. Denn die aufgehetzte Menge hatte sehr bald erkannt, daß die Soldaten keine Munition hatten und daher nichts gegen sie unternehmen konnten. Nun drangen die Araber in die jüdischen Läden ein, vernichteten, was ihnen in die Hände fiel und warfen die verwüsteten Waren und Einrichtungsgegenstände auf die Straßen. Ganze Familien abgeschlachtet Die Exzesse hatten auf der Place des Channeaux ihren Anfang genommen, wo die meisten jüdischen Geschäftslokale liegen. Hier ereignete sich auch die erste Bluttat: Der Uhrmacher Jakob B e n t a t a wurde in den Trümmern seines Ladens mit durchschnittener Kehle tot aufgefunden. In der Hand hielt er eine Wasserflasche. Offenbar wollte er das Feuer löschen, das die Angreifer gelegt hatten. Vorher hatte er noch um Hilfe zu telephonieren versucht. In diesem Augenblick waren aber die Araber eingedrungen und hatten ihn niedergemacht. Nebenan hatte der Kaufmann Alfons Halima seinen Laden und seine Wohnung. Man schlug Fenster und Türen ein und durchschnitt Halima die Kehle. In der Wohnung befanden sich auch die Frau und die drei Kinder des Kaufmannes. Sie waren Augenzeugen des Grauenhaften. Händeringend bat die Frau um ihr und ihrer Kinder Leben. Mit einem einzigen Schnitt durch den Hals wurde sie neben der Leiche ihres Mannes getötet. Dann stürzten sich die Bestien auf die a r m e n Kinder, die sich schreiend vor Entsetzen in eine Ecke zusammengedrängt hatten. Sie flehten um Schonung. Zwei von ihnen wurden grauenhaft abgeschlachtet, nur das dritte kam wie durch ein Wunder davon. Man fand es weinend an der Leiche seiner Mutter, immerfort „Mama, Mama!" rufend. In einer anderen Wohnung lag die Leiche einer jungen Frau. Sie wies 23 Stiche und Schnitte auf. Neben ihr lagen die Leichen ihres Vaters und ihres Bruders. Nach dem Blutbad Brandstiftung Das städtische Spital von Constantine bietet einen Pension Irma Meister, Heran idealer ganzjähriger Aufenthalt, letzter Komfort, gerühmte Kitche, hwl. Park, mäßige PreUe. Verlangen Sie Prospekt Aeufierst billige Gesellschaflsreise nach Abfahrt: 6. September 1934, Rückkunft: 4. Oktober 1934 Preis«: Wien-Krakau-Wien $ Wien-Uow-Wien S 74.- Fahrpreis« nach Zwischenstatlonen entsprechend ermäßigt POIEN 1 AD D IC* Wien KärntnersT. 41 1 jWa%UB*e* Telephon R-26-I-43^ erschütternden Anblick. Dicht nebeneinander liegen hier die Opfer des Massakers, viele in den letzten Zügen, Todesangst in den Gesichtern. Nach dem Gemetzel kam das Feuer. Zuerst brach in der Rue Nationale ein Brand aus, dann folgten zahlreiche Brände in der ganzen Stadt. In alle Orte der Umgebung der Stadt wurden verzweifelte Hilferufe geschickt. Am Nachmittag erschienen zwei Panzerautos, doch griffen sie nicht ein, sondern begnügten sich damit, durch die Stadt zu fahren, während das Gemetzel fortdauerte. Bis 4 Uhr nachmittags waren die Pogromisten die Herren der Stadt. Erst dann gelang es dem Militär, die Straßen zu räumen. Letzte Nachrichten über Constantine Siebzig Teilnehmer an dem Pogrom in Constantine wurden zu Gefängnisstrafen von zwei bia drei Jahren verurteilt. Eine bei dem Pogrom schwer verletzte jüdische Frau namens Zerbin ist im Hospital gestorben. Der Generalgouverneur von Algerien, Herr Carde, hat dem französischen Kabinett über die von den lokalen Behörden zur Unterdrückung des Pogroms ergriffenen Maßnahmen berichtet. Der sozialistische „Populair e" fährt mit seinen Angriffen gegen Herrn Carde fort und fordert seinen Rücktritt, da er den Aufruhr nicht abwenden konnte, was seine Pflicht gewesen wäre. Er greift die Regierung an, daß sie die Oeffentlichkeit hinsichtlich der algerischen Unruhen irreführe. Die ganze Angelegenheit werde, verkleinert. Die Zahl der Toten betrage 60, also über das Doppelte der in den öffentlichen Feststellungen wiedergegebenen Ziffer. Die Behörden hätten nicht die geeigneten Maßnahmen ergriffen, um den gut vorbereiteten und organisierten Ausbruch zu unterdrücken. Der Pogrom begann drei Tage früher, als die Behörden zugaben und sie versuchten, ihn zu verschweigen und gaben dio Massakers erst zu, als diese nicht länger verborgen werden konnten. Das angebliche Eindringen eines jüdischen Soldaten in eine Moschee, das der Ausgangspunkt des Aus- I HERANQ PE^fu\fc">yw?^l unmittelbare;.Näfae der Kürpromenade ithct WÄmtäffifäfi Höchster Komfort '/ Butterküohe /; .jCWty bruchs gewesen sein soll, soll sich am Sonnabend ereignet haben, und das Massaker begann — laut „Populaire" — am Donnerstag vorher. Die Lage in Algerien ist immer noch nicht befriedet. Die Behörden haben den Wochenmarkt in Bone an der Mittelmeerküste verboten, da sie fürchten, daß er zu neuerlichen Unruhen führen könnte. Die jüdischen Geschäfte in der Stadt sind geschlossen, die moslemitischen Truppen werden in den Kasernen gehalten und europäisches Militär bewacht die Stadt, verstärkt durch Matrosen von den Kreuzern „Matelot" und „Leblanc". Es wird berichtet, daß am 10. August ein Auto von Arabern angehalten und der Führer, ein jüdischer Barbier namens Henry, ermordet wurde. 4300 jüdische Geschäfte sind im Laufe der Unruhen demoliert worden. Die Judenstaatspavtei und das Palästinas Parlament Aus Warschau: Die Judenstaatspartei Polens hat alle zionistischen Organisationen in Polen für den 14. August zu einer Tagung geladen, deren Zweck es ist, ein Zentrales Aktionskomitee zu schaffen, das der Bewegung zur Errichtung eines Legislative Council (Parlament) in Palästina entgegenwirken soll. Die Versammlung wird zu entscheiden haben, ob die Minderheit nichtzionistischer Organisationen auf diesem Gc* biete anzustreben ist.