Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-08-10 · Heft 389 (10.8.1934) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 389 (10.8.1934)
Date
1934-08-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712012--4534-2718028
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE NEUE WELT j*. m ■R.» Rfendale Rfloidier §furim§ //Die Mahre" Vor zehn Jahren erschienen im Jüdischen Verlag, Berlin, die gesammelten Werke des Mendale Moicher S f n r i in (Schülern Jaankew Abramowitsch) in deutscher Uebersetzung. Damals begann die jüdische und nußerjüdische Leser-weit sieh mit diesem einzigartigen Schriftsteller zu beschäftigen und seinem Wesen näherzukommen. Die Literaturkritik nannte ihn den „jüdischen Balzac", denn sie fühlte, daß hier ein ungekannter Quell jüdischen Volkstums sprudelte, dessen Fülle und Klarheit überraschend war und geeignet, den sogenannten „jüdischen Osten" in neuer Art sehen zu lassen. Mendale Moicher Sfuriin, der „Großvater der jüdischen Literatur", scheint uns fast vergessen. Wir halten es für wertvoll, die unsterblichen Schätze der jüdischen Literatur unseren Lesern zu vermitteln, und hoffen, ihnen öfters wichtige Abschnitte derselben durch Wiederabdruck lebendig zu machen. In unserer heutigen Kummer bringen wir aus Mendale Moicher Sfurims berühmter Erzählung „Die Mähre" jenen Teil, wo der Held Jißruul, der auf seiner Reise ins Hexenreich des Asmodai gerät, von diesem bestimmt wird, die Kolle des dahingegangenen Wohltäters im Städtel zu übernehmen. — Das Jüdisch-Akademische Theater des Alexis Granowsky hat diesen Stoff unter dem Titel „Die Keise Binjamins III." (auch auf seinem Wiener Gastspiel) zur Aufführung gebracht. Die Mähre 23. Kapitel Szruul wird zum Wohltäter gekrönt und rittlings auf die Mähre geseti1- „Klage und weine, Szrulik!"' sagte Asmodai mit trauriger Stimme zu mir. ,,Dcine Stadt hat einen großen Verlust erlitten, deine Gemeinde hat einen großen Erbarmer, ihren Sehmuck verloren! Jammert, klagt, ihr Teufel und Dämonen! Ich, euer König, habe meinen besten Ratgeber verloren, ohne ihn bin ich tvie ohne meine Rechte!" In der ganzen Höhle, im ganzen Tale brach ein furchtbarer Jammer in ivildcn Tönen los. Das war ein Heulen, so wie die Hunde manchmal bei Nacht schrecklich vor dem Fenster heulen, ein Miauen, ein Weinen, so wie Katzen. In der Brunstzeit auf den Dächern weinen ■.. Asmodai brachte den Lärm nur mit großer Mühe zum Verstummen, haschte die Seele mit seiner Hand, so v;ie man eine Fliege fängt, und begrub sie mit folgenden Worten tief in der Erde: ..Was hilft das Weinen, der Mensch muß sterben! Früher oder später, der Teufel mußte dich holen. So liege nun also ganz tief im Loch und geh zu allen Höllen! Ich werde ohne dich auskommen müssen und gewiß einen Teufelsbraten an deiner Statt finden... Szrulik, mein liebster!" iccndte er sich nach dieser Grabrede an mich, .„es wird dir gar nichts helfen, die wirst mir in deiner Stadt an seiner Stelle Wohltäter werden müssen." „Ich vsill, ich ka?in kein Wohltäter sein!" schrie ich mit fürchterlicher Stimme. „Erbarme dich, schicke einen näem an seine Stelle. Es gibt viel Interessenten, viel Kandidaten für eine Wohltäterstelle. Schicke, wen du willst und befreie mich von einem solchen Amt!" „Erteile mir, bitte, keine Ratschläge", antvjortete er, „ich werde wohl wissen, was ich tue." „Was hast du denn an mir gefunden?" rief ich. „Ich bin wahrhaftig ein Unglücksvogel und bin für solclie Dinge nicht tauglich. Ich werde dir klügere, bessere und geschicktere als mich empfehlen. Schick Lejbale Rebb Abbales, Moischale Rebb Binems, Tratel Rebb Jossales, Fischke Rebb Nissales oder jemanden aus ihrer Bande, jeder der Leute, nach seinem Stande, versteht sein Geschäft und tut seine Sache meisterlich. Wie könnte ich mich mit ihnen vergleichen?" „Alle diese Leute sind schon beschäftigt, jeder von ihnen hat eine Stelle. Es wird dir gar nichts helfen, Szrulik, sage ich, Asmodai, dir r.och einmal. Schweig lieber und sei nicht eigensinnig, wenn du gerne leben möchtest und nicht verlangst, daß ich dir den Eigensinn mit Gewalt austreibe. Kein Wort mehr! Still! Sonst..." Er machte eine furchtbare Miene und drohte mir mit dem Finger, so daß mir ein Grausen über den Leib lief und ich vor Schreck stumm wie die Wand wurde. „So mag ich dich, Szrulik, wenn du schweigst", sagte er und jetzt lächelte er herzlich und streichelte mir die Wange. „Ach ja, du bist ganz hübsch klug, Szrulik! Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst. Ich fühle, daß du, passen und mir mit der Zeit ein tonnderbares Instrument abgeben wirst. Aber bevor ich dir die herrliche Stelle eines Wohltäters gebe, muß ich dir ein vjenig Aufklärung im Geschäft geben und dich instruieren, wie du dich zu verhalten hast. Höre zu, mein teurer Szrulik! Die Stadt — das ist man selbst! Do-h bedeutet höchst einfach: Tu alles, was duwillst, und sage: So will es die Gemeinde. Die ganze Gemeinde ist so, als wäre sie nicht auf der Wvlt, bloß du uliein bist da. Das ist mein erstes Gebot. Mein zweites Gebot ist ein gottesfürchtiges Gesicht. Frömmigkeit ist für einen klugen Menschen eine gute Kuh, die ihm viel Milch und Butter gibt, als vmre es die beste Holländerin. Eine solche Kapitalkuh muß man darum gut pflegen, man muß ihr öfters ein paar Doppel-Zizzes vorsetzen, sie mit Rabbcjne-Taams-Twillen füttern, ihr einen großen Talles- Back mit verschiedenen Blättern und Buchseiten vormischen, daß sie jeden Tag ein paar Stunden an der Krippe steht; man muß sie Mesises lecken lassen und sie mit Mezize, Chewwre-Kedische-Met, Jahrzeits-Branntwein und ähnlichen Dingen tränken. So ist die Frömmigkeit bei meinen Agenten der frommen Schichten. Meine Agenten der heutigen Welt setzen auch eine gottesfürchtige Miene auf, aber auf andere Art. Sie stellen sich gewöhnlich einfältig, leben mit jedermann gut, lächeln süß, drehen ihre Zünglein dahin und dorthin, tragen Kleidung, die weder kurz noch lang ist, ihr Bart ist weder ganz noch abgeschoren, sie drehen sich nach allen Seiten und ivollen es mit jedermann halten. Einige gibt es unter dieser Gesellschaft, die nicht viel Frömmigkeit haben, sondern deren Weisheit bloß in Kraft, in Stärke, in der Faust besteht. Doch sind es aber 'wirklich nur wenige. Aber solche Erzfrechlinge können kein Beispiel abgeben. Nicht jeder Mensch kann diese Stufe erreichen. — Afein drittes Gebot ist: Barmherzigkeit! Das bedeutet, daß man jede Niedertracht tue, Toten und Lebendigen die Haut vom Leibe schinde und dabei immer sage: „Es ist zum Erbarmen!" In der Stille muß man kneifen und beißen, aber vor den Leuten besorgt tun, ächzen und sich das Wohl des Ganzen angelegen sein fassen. — Mein vieretes Gebot ist: Gemeinsame Sache! Das heißt, immer mit dem Starken unter einer Decke stecken. Man muß zum Beispiel mit dem Fleischsteuerpächter verknüpft und verbunden sein, denn er ist die Ursache aller Ursachen, der Quell aller Woliltaten, er ist die Wohltat selbst. Er ist Fleisch von euerm Fleische, Bein von euerm Beine; darum verlasse ein kluger Mann Vater und Mutter und hange dem Fleischsteuerpächter an und sei mit ihm ein Leib und eine Seele! Vernichte deirien Willen vor seinem Willen, damit er manchmal seinen Willen dem deinen unterwerfe, dann könnt ihr beide Lust und Freude haben. — Afein fünftes Gebot ist: Ansprüche! Das heißt, soviel man auch heimlich nehme, soviel man schinde und verdiene, vor den Leuten klage man immer, sei unzufrieden und erhebe fortwährend gegen die Stadt Vorwürfe, daß man Verluste habe, daß man Geld zusetze, daß es sich nicht lohne, sich so zum Wohle der Allgemeinheit zu quälen. — Afein sechstes Gebot ist: Lulle ein! Das bedeutet höchst einfach, daß man die Leute in den Schlaf zu wiegen und ihnen Schlummerlieder zu singen hat. Das Publikum ist ein Kind, wenn man ihm ein Liedlein singt und ein Märlein erzählt, dann macht es die Auge?i zu und schläft; wenn man ,Buh' schreit, hält es einen für einen Bären; prügelt man es, so küßt es die Rute. Das beste Schlaflied ist das alte von dem Kästlein, dann kommt das Lied ,Die Thora ist die beste Ware', die alte Geschichte vom ,Rabbi mit seiner Frau', von den % Wundermännern, und ähnliche Dinge. — Afein siebenies Gebot ist: Bah und Tja! Die einfache Bedeutung dieser halben Worte ist: Wenn es sich einmal ereignen sollte, daß die Leute — das dumme Kind — Zeter zu schreien beginnen, dann ist es besser, in dem Augenblick gar nichts zu tun, das Kind hat dann sicherlich Bauchgrimmen, es tut dem armen Wurm wohl scJion gehörig weh. Dann soll man unartikulierete Bah und Tja von sich geben. Ach, das Kind wird sich ausschreien und wieder einschlummern, noch süßer als früher. — Afein achtes Gebot heißt: Unterdrücke! Das heißt: Wenn einer -plötzlich Fragen aufwerfen will, er fände hier einen Haken und fände dort einen Haken, so muß man ihn einfach zunichte machen: Er wäre ein Ketzer, ein Lump, ein Nichts, es wäre gar ein Unrecht, mit ihm zu sprechen. — Afein neuntes Gebot ist: Hetzen! Wenn ein armer Teufel einmal unter bitteren Tränen jammert und klagt und zetert, daß man ihn kneife und klemme und es ihm weh tue, dann muß man die Kinder, das vMde Volk, das man hat, auf ihn hetzen, daß sie schreien: „Pfui, pfui, so ein feiner Bursch! Er schwatzt aus der Schule!" — Afein zehntes Gebot ist: Altweiber- Mittel! Wenn das Kind erkrankt, ganz herunterkommt und die Seole aufgeben will, dann soll man keinen Arzt holen lassen, man soll lieber die Altweiber-Mittel benutzen, zu Besprechest, Zigeunern, Wahrsagern fahren. Diese zehn Gebote sollst du erfüllen! Dann wirst du mir gefallen, wirst glücklich und in Freuden leben, du und deine Frau und deine Kinder, und wirst dir das Diesseits erwerben. Das Jenseits kannst du andern sclienken. Versprich ihnen Fleisch und Wein im Jenseits, nach dem Tode. Du aber iß Fleisch und trink Wein auf dieser Welt!" I Mmtauvemt ROTH n»?J!Ä?f£o55 1 r*i«phon R>47-0-fn g empfiehlt seine reichhaltigen Menüs: §j Ü Suppe, Eroten, Gemüse, Mehlspeise............$1.30 §§ H Suppe, Braten oder '/, Huhn, Gemüse, Kompott, Mehlspeise S 1.60 H H Kalbs* und Rindsbraten ä la carte.........90 Groschen Ü §§ 10 dkg. gebraten«] Gansl..............40 Groschen H :,iiiiiiiiiiiiiii!iiiiiiiiiiiiiiii!iiii:iiiiii!h^ Gefängnisstrafen für die antisemitischen Rädelsführer in Thrazien Aus Saloniki: Der zweite Prozeß gegen die Rädelsführer der letzten antisemitischen Exzesse in Türkisch-Thrazien hat soeben stattgefunden. Sechs Angeklagte, Moustafa, Tchaouch, Souarip, Halim, Bayram und Yachar Aga, wurden zu Gefängnisstrafen von drei bis sechs Monaten verurteilt. Die drei höheren Beamten von Kirklisse. Chevket Bey (Präsident der Handelskammer), Kahraman Eey (Direktor der Polizei) und Nail Ney (Bürgermeister) wurden freigesprochen. Deutscher antisemitischer Hetzer in Holland verhaftet Aus Amsterdam: Auf Befehl des holländischen Justizministers wurde der deutsche antisemitische Führer und Hitler-Spion Sehne ekloth, der in Amsterdam lebt, aus Holland ausgewiesen. Herr Schneekloth, ier der Herausgeber der holländischen antisemitischen Zeitung „De S t o r m e r", einer holländischen Uebersetzung von Julius Streichers Wochenblatt „Der Stürmer", war, kehrte jedoch nach Amsterdam zurück; nunmehr wurde er verhaftet. Soeben erschienen: „Theodor HerzI, des Schöpfers erstes Wollen". Von Josef F r ä n k e 1. Hier wird an Hand bisher unbekannter Briefe und Dokumente Herzig Leidensweg als Dramatiker geschildert, ein Weg, der den ehemaligen Couleurstudenten der deutschen Burschenschaft „Albia" zwangsläufig zum Schöpfer des Judenstaatea werden ließ. Eleganter Leinenband mit reichem Bilderschmuck S 5.25; FIBA, Versandbuchhandlung, Wien, VLf Gumpendorf er straße 10, Telephon B-24-9-78. „Haganah" Jüdischer Wehrsport- und Schützenverein, Wien, IX., Nußdorferstraße 16 Uebungsabende finden auch in den Sommermonaten Montag und Donnerstag von 8 bis 10 Uhr abends statt. Erste-Hilfe-Kurs (Vortragender Herr Dr. Rechnitzer) jeden Montag um 9 Uhr abends. Ab September finden, wie im Vorjahr, Hebräischkurse statt und sind Anmeldungen hiezu womöglich jetzt schon im Heim. Nußdorferstraße 16, Montag und Donnerstag, wo auch Auskünfte erteilt werden, vorzunehmen. — Die Boxkurse werden auch wieder im September aufgenommen und gilt für die Anmeldungen dasselbe wie für die Hebräischkurse. Bücher- und Zcitschriften-Emlauf Palästina-Kunde, I. u. II., von Hugo Hermann, Fiba-Verlag, Wien. — Die Tat, Monatsschrift. Heft 4. Eugen Dicderichs Verlag, Jena. — Die Zeit, Halbmonatsschrift. Hgb. Max Ermers. Stelicnsnarktf Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, I., Kohlmessergasse 4 (Tel. U-27-0-65), sucht dringend: a) Stellen für Kontoristinnen, Buchhalter, Handelshilfsarbeiter, Geschäftsdiener, Packer, Manipulanten, Inkassanten, Lageristen; b) Arbeit für gewerbliche Fachkräfte aller Art (darunter auch Bäcker, Bauingenieure, Anstreicher) sowie ungelernte Arbeiter; c) handwerkliche Lehrstellen für Knaben und Mädchen. Gottesdienst. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien veranstaltet anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage im Großen Musikvereinssaal. I., Dumbagasse 3, sowie im Sofiensaal, III., Marxergasse 13, feierliche Gottesdienste. Jene Parteien, welche auf die im Vorjahr benützten Sitzplätze reflektieren, können die neuen Karten gegen Vorweisung der vorjanrigen an der Kartenkasse der Israelitischen Kultusgem'einde, Wien, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock, in der Zeit vom 22. August bis 30. August d. J. während der Amtsstunden von 8 bis 1 Uhr mittags beheben. — Der allgemeine Verkauf beginnt am 31. August d. J. Predigt in der Gemeinde-Synagoge I., Seitenstettengasse 4. Freitag, den 10. August 1934, v/ird Herr Überrabbiner Dr. David Feuchtwang bei dem um Y um* 10 Minuten beginnenden Abendgottesdienste in der Gemeinde-Synagoge, I., Seitenstettengasse 4, eine Predigt halten. Saisoneröffnung im Schweden-Kino. Morgen, Samstag, den 11. August, eröffnet das Schweden-Kino mit dem großen Stan-Laurel- und Oliver-Hardy-Lustspiel „Total verrückt", seine diesjährige Saison. Beginnzeiten der Vorstellungen: 144., y.Q, y,E und %10 Uhr. Eine Neueinführung des Kinos sind die kleinen Preise, die täglich für die ^4-Uhr-Vorstellung gelten. E ————————■ mmi.m..nnmmrm^rrmmmt Verbreifet »©ie Neue Welt« Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Igna« Steinmann, beide Wie«, IX., Univeraitätsstraße 0—8.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.