Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 389 (10.8.1934)
- Date
- 1934-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Jährgang 8 Freitag/ den 10* August 1934 Nr« 389 V« b< b« ^. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expetliö par rediteur" V, »II *-*<s REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—. vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—. vierteljährig Lewa 120.—: Italien monatlich Lire 6.—, vierteljährig Lire 14.—J Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätssir, 8, TeL A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Pogrome m Nordafrika — eine Wehgefahr Die Nacht zum Montag, den 5. August, der Beginn pogromartiger Ausschreitungen arabischen Mobs gegen die jüdische Bevölkerung in Constantino signalisiert eine Gefahr, deren Ausmaß heute noch nicht überblickt werden kann. Jedenfalls ist es notwendig, sich nicht mit der Tatsache zu begnügen, daß die Niederhaltung der aufgewühlten mohammedanischen Bevölkerung Constantines gelungen ist, sondern alle Triebkräfte in Augenschelu sa nehmen, die hier am Werke sind. Die algerische Stadt Constantine, wo kürzlich inohammedanische Horden das jüdische Viertel überfielen, 27 Juden töteten und zahlreiche jüdische Häuser und Kaufläden durch Brand vernichteten. Die Meldungen, die aus Constantine Uber Paris eintreffen, lassen erkennen, daß der Ueberfall der mohammedanischen Araber auf1 die Juden ein viel: ernsterer Vor- > fall ist, als im ersten-,Augenblick angenommen, wurde. Die Zahl der Toten reicht an 30 heran, darunter viele Frauen., und Kinder, die in den Wohnungen niedergemetzelt, ja abgeschlachtet wurden. Das Erscheinen der französischen Truppen machte Eindruck auf die mordenden und plündernden Araber, die .Buhe ist wiederhergestellt, aber, der, beigelegte „lokale Zwischenfall" kann die Sorge um die Zukunft nicht verscheuchen. Der äußere Anlaß,' über den wir im nachstehenden berichten, war einer jener Zufälle, die von Haus aus mit einer politischen Bewegung nichts zu tun haben. Er war die Folge bloßer Gerüchte. Aber der Hintergrund des Auf ruhrs, der Impuls zum Pogrom hängt — das ist für die eingeweihton Kreise feststehende Tatsache —. mit einer systematischen Propaganda unter der mohammedanischen Bevölkerung in Französisch-Nordafrika zusammen. Die Symptome dieser Propaganda wiesen von allem Anfang auf den deutschen Nationalsozialismus hin, der gleich nach seinem Sieg mit einer. weltumspannenden Agitationsarbeit einsetzte. Man wird.sich erinnern, daß bereits im Soramet und Herbst vorigen Jahres Teile der palästinensischen Araber eine feindselige Haltung gegenüber den Juden ohne ersichtlichen aktuellen Anlaß einnahmen. Ein wenig später tauchten unter den Arabern der Küstenstädte Palästinas Naziflugblätterjudcnfeindlichen Inhalts in französischer Sprache auf, die von einem reichsdeutschen Offizier des Dampfers „Smyrna" der deutschen Levante-Linie stammten. Gleichzeitig setzte in Oran (Tunis) eine antijüdische Hetze ein. Antisemitische Flugschriften in französischer und arabschcr Sprache. wurden unter die Bevölkerung verteilt, und als die Menge zu Gewalttaten gegen die jüdischen Einwohner schritt, war es der deutsche Konsul in Tunis, der die von der französischen Behörde gesuchten Mörder und Mordbrenner beherbergte und ein wirksames Einschreiten verhinderte. In Beirut (Syrien) und in Bagdad (IraKj drucken die arabischen Zeitungen Hitlers „Mein Kampf" unbeanstandet ab. Die arabische Presse Aegyptens erhält nachgewiesenermaßen Zuwendungen aus Hitler- Deutschland. Geradezu grotesk wirkt die Tatsache, daß Goebbels In Kairo eine Nazl-Propagaudastelle errichtet hat und daß arabische Agenten eine spezielle Ausbildung im Berliner Iieichspropagandaministerium erhalten. Der Palästina-Besuch des deutschen Reichsinnenminlsters Dr. Frich im heurigen Frühjahr hatte, wie wir bereits in unserer Ausgabe vom 17. Juli gemeldet haben, den Zweck, der arabischen Exekutive, der Führerin der arabischen extremen Nationalisten, Instruktionen zur Verschärfung der arabischen Kampagne gegen die Juden zu geben, wobei Frick dem berüchtigten Großmufti von Jerusalem einen Scheck von 120.000 Pfund Sterling auf eine ägyptische Bank hinterließ. Die judenfeindllcho Propaganda in Smyrna PENSION MERAK (kleinasiatische Türkei), welche auf die antisemitischen Exzesse im türkischen Thrazien folgte, geht zweifellos ■ auf die vom Hakenkreuz inszenierte Hetze zurück. Der Londoner „Daily «Expreß" weiß ' aus Istanbul (Konstantinopel) zu * berichten, daß deutsche Ingenieure und Techniker, die ' . von der, türkischen Regierung in der europäischen und . in der asiatischen Türkei beschäftigt werden und . die sich nebenbei, zum Teil sogar-im Hauptberuf, als deutsche nationalsozialistische Propag a n d ist e n betätigen, es verstanden haben, die . lokalen türkischen Beamten zu der antisemitischen . Aktion der Austreibung zu bewegen. Türkische Beamte -wurden direkt zu dem Zwecke bestochen, um - antijüdische Aktionen bei der. Bevölkerung auszulösen. Die angeführten Vorfälle bezeugen einwandfrei, daß das Hakenkreuz — in Constantine wurden beim arabischen Mob Kisten mit Hakenkreuzabzeichen gefunden — seine Propagandatätigkeit auf die Länder rings um das Mittelmeer ausgedehnt und es in erster Linie auf das Entstehen antijüdischer Exzesse abgesehen hat. Hausfrauen erprobet den delikaten RNA-Käse Deutsches Haus unmittelbare Nähe der Kurpromenade und des Kurhauses Höchster Komfort / Botterküobt / Lire 25 Die Aufpeitschung der Mohammedaner, die schließlich zu blutigen Revolten führt, ist ein Teil des nationalsozialistischen Auslandspropagandaprogramms. Es Ist die natürlichste Folge, daß es bei den blutigen Ueberfallen auf Juden nicht bleibt. Der Unruheherd läßt sich mit den gewöhnlichen Mitteln des Standrechts nur für kurze Zeit eindämmen. Hier droht eine Gefahr, deren man sich rechtzeitig bewußt werden muß. Ist doch durch zahlreiche Erscheinungen festgestellt, daß die antisemitische Propaganda Hitler-Deutschlands in den mohammedanischen Ländern gleichzeitig gegen die Mandatarmächte Frankreich, bezw. England gerichtet ist und somit einen feindseligen Akt gegen Europa als Verwalterin dieser Gebiete darstellt. Unter diesem Aspekt ist die Feststellung des französischen Generalgouverneurs C a r d e in bezug auf den Hintergrund der algerischen Revolte ungerechtfertigt optimistisch, ja geradezu leichtfertig. Monsieur Carde will vielleicht seiner vorgesetzten Behörde und den interessierten Kreisen zu verstehen geben, daß seine Verwaltungstätigkeit zu keinerlei Besorgnis Anlaß gebe und man sich auf ihn verlassen könne. Das ist sein gutes Recht. Er darf aber lücht die Welt glauben machen, daß die mohammedanische Bevölkerung Algeriens und der anderen nordafrikanischen Gebiete, nachdem ihr Blutdurst gestillt ist, wieder friedlich zum Alltag zurückkehren und vielleicht gar die französische Verwaltung lobpreisen werde. Der Generalgouverneur erklärte nämlich nach einer Havas- Meldung aus Algier: „Ich lege Wert darauf, den rein antisemitischen C harakte r der Unruhen in Constantino zu betonen, der durch die Tatsache bewiesen ist, daß in den Vierteln, in denen die Zusammenstöße stattfaanden, die Häuser der .Christen' gesohont wurden." Der „rein antisemitische Charakter der Unruhen" im französischen Verwaltungsgebiet bietet keinerlei Gewähr dafür, daß hier nicht die Stimmungins Allgemelnpolitlsche umschlägt, wie dies beispielsweise in Fez der Fall war, wo es gegen den von Frankreich eingesetzten Sultan von Marokko zu Demonstrationen seitens arabischer Chauvinisten kam. Die nationalsozialistische Propaganda hat sich die mohammedanischen, von England und Frankreich verwalteten Gebiete am Mittelländischen Meer zum Angriffspunkt gewählt. Die erste Etappe dieses Angriffs, die Hetze gegen die Juden, die bis zu blutigen Pogromen geführt hat, darf nicht bagatellisiert werden. Revolten» welcher Art immer, können sich zu einer Weltgefahr auswachsen. Nachstehend bringen wir die wichtigsten Meldungen über die Exzesse in Constantine. Bekanntlich verbreiteten die Mohammedaner das Gerücht, ein jüdischer Soldat sei in trunkenem Zustand in eine Moschee eingedrungen und hätte den Gottesdienst gestört. 7. August. (Tel.-Comp.) Ein Sonderberichterstatter des „M a t i n" meldet aus Constantine, daß die Eingeborenen, die in die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser eingedrungen seien, Benzinkannen mit sich geführt hätten, um die Gebäude schnell in Brand stecken zu können. Sie hätten zunächst alles ausgeplündert, die jüdischen Bewohner und Geschäftsleute verletzt oder getötet und dann Feuer angelegt, so daß zahlreiche Verletzte in den Flammen den Tod fanden. Zeitweise habe , man befürchten müssen, daß die ganze Stadt in Flammen aufgehe, da es der Feuerwehr infolge des Wassermangels unmöglich gewesen sei, die zahlreichen Brandherde zu löschen. Ueber die Stadt Constantine ist der Belagerung»-. zustand verhängt worden. Fortgesetzt treffen in Sonderzügen neue Kolonnen von Truppen und Polizeiverstärkungen aus anderen Städten Algeriens ein. Flugzeuge überfliegen die Stadt und schwerbewaffnete Patrouillen durchziehen die Straßen, in denen noch große Blutlachen von den vorangegangenen schweren Kämpfen Zeugnis geben; Die Juden flüchten in Scharen aus der Stadt. Man befürchtet, daß sich die judenfeindliche. Bewegung auf das ganze Land ausdehnen wird. Aus mehreren Dörfern der Umgebung werden bereits Ausschreitungen gemeldet, bei denen eine Anzahl Juden ums Leben gekommen ist. Im Laufe des Montags ist es trotz den aus allen Nachbarstädten herangezogenen Verstärkungen, erneut zu schweren.Zusammenstößen gekommen, in deren Verlauf wieder zahlreiche Personen verletzt wurden und auch mehrere Tote zu beklagen sind. Nach Berichten eines Augenzeugen, die vom „M at i n" wiedergegeben werden, haben die Einwohner zahlreiche in den Hauptstraßen der Stadt gelegene jüdische Geschäftshäuser vollständig zerstört. Im Laufe der Unruhen sei es wiederholt zu schweren Schießereien gekommen, die zahlreiche Opfer gefordert und die ganze Stadt in Schrecken versetzt hätten. Paris, 7. August. (Havas.? Die über die Lage in Constantine hier eingelangten Nachrichten zeigen, daß das Einlangen von Truppenverstärkungen dazu beigetragen -hat, die Ruhe wiederherzustellen, und daß der Tag ohne Zwischenfälle verlaufen ist. Man zählt 25 Todesopfer, darunter 22 Juden, welche im allgemeinen in ihren Häusern ermordet wurden, und 30 Verletzte. Unter den Juden waren mehrere als Geschäftsagenten und Geldverleiher bekannt und sie wurden wahrscheinlich Opfer privater Rache. Nach einer Mitteilung des Generalgouverneurs Carde ist die Ruhe vollständig wiederhergestellt. Erst die nächsten Tage werden die Bestätigung dieser Nachricht bringen. Paris, 8. August. (T. C.) In Constantine fand am Mittwoch morgens die Beisetzung der 27 Opfer der .iudenfeindlichen Ausschreitungen statt. Die judenfeindliche Bewegung droht sich nunmehr auf das flache Land auszudehnen. Aus mehreren Ortschaften wird berichtet, daß die Eingebornen jüdische Geschäfte und Wohnhliuser geplündert und in Brand gesteckt haben. Todesopfer werden bisher nicht gemeldet. Die Zahl der verhafteten Araber hat sich auf dreihundert erhöht. Es handelt sich dabei meist um Eingeborne, die beim Plündern oder bei Brandstiftungen angetroffen wurden. Dagegen ist es nur in zwei Fällen gelungen, der Mörder von Juden habhaft zu werden. Die Haltung der Truppen während der Unruhen hat scharfe Proteste der algerischen Presse ausgelöst. Nach den Darstellungen der Blätter hat das Militär die Ausschreitungen gegen die Juden stillschweigend geduldet. So wird berichtet, daß mehrere Lastwagen mit Militär die Hauptstraße der Stadt durchfuhren, als gerade jüdische Geschäfte in Brand gesteckt und die Familien der Besitzer getötet wurden. Die Soldaten hätten sich das Schauspie! sehr interessiert angesehen und seien dann weitergefahren, ohne einzugreifen. Die „Depeche Algert o n n e" schreibt, die Plünderer hätten ihre Arbeit straflos unter den Augen der Truppen verrichten können. Alles habe sich so abgespielt, als ob die Hüter der Ordnung nur als Zeugen aufgestellt gewesen wären. Pension *rma Meister Mk^n Idealer nanzjähriger Aufenthalt, letzter Komfort, leaihmtt Küche, herrl. Park, mäßige Preise. Verlangen Sie Prospekt