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Die neue Welt · 1934-07-31 · Heft 386 (31.7.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 386 (31.7.1934)
Date
1934-07-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3«« DIE N?UE WELT Seite 3 Kann der deutsche Jude existieren t RUNDSCHAU Nervosität im Zionismus Tm palästinensischen Organ der Judenstaatspartei „Hon Mejuchod"" lesen wir: „Aus sicherer Quelle erfährt man. daß die Histadruth-K reise den 19. Kongreß um ein Jahr verschieben wollen, das heißt auf das Jahr 1936. Sic motivieren ihr Verlangen damit, daß in verschiedenen Ländern, in Deutschland, Oesterreich, und Lettland, die sozialdemokratische Partei als illegal erklärt wurde und die Linken daher keine Wahlliste zum Kongreß aufstellen können. AU zweites Motiv wird die allgemeine Nervosität, die jetzt im Zionismus herrsche, angegeben. Bekanntlich hat der 18. Kongreß in Prag beschlossen, daß das Aktionskomitee mit. einer 7*ffieidrittel-Majorität den Kongreß vertagen könne. Die Linken wollen jetzt diese Majorität zusammenbekommen." Es ist klar, daß der Linken (den Histudruth- Leuten und der Poale Zion) ein Kongreß-Wahlkampf im Schatten des Arlosoroff-Prozesses, beziehungsweise des Freispruches der drei Angeklagten, nicht gerade angenehm wäre. Das böse Gewissen der Linken, ihre Angst vor der Abrechnung — das ist die Nervosität, die jetzt im Zionismus herrsch. Besinnung in Sicht? Die Allgemeinen Zionisten versuchen in letzter Zeit, sich von der Linke n zu distanzieren. Es wird ihnen vor der Kameradschaft mit den Klassenkampf em bange. Insbesondere seit der Beendigung des Slawskij-Prozesses sind sie auf die Machthaber der Eistadruth nicht gut zu sprechen. Die Exekutive der zionistischen Landesorganisation für Westgalizien und Schlesien (Krakau) sendet eine Erklärung aus, die lautet: „Die Angelegenheit Stawsky hat in das innere Leben unserer zionistischen Weltorganisation ein ungewöhnlich zersetzendes Element hineingetragen und den Parteikampf sehr verschärft. Das Urteil des palästinensischen Gerichtes hat alle Angeklagten von der Ermordung Arlosoroff s freigesprochen und deren Unschuld festgestellt. Wir atmeten nun alle frei auf. Nicht nur deswegen, daß Unschuldige r>om Vorwurfe eines Mordes an einem Führer der zionistischen Bewegung befreit wurden, sondern auch deswegen, weil dieses Urteil in uns die langersehnte Hoffnung auf die Einstellung des inneren Kampfes zwischen den radikalen Lagern unserer Bewegung ivachgerufen hatte. Wir erwarteten, daß nunmehr mit den Vorwürfen gegenüber Stawsky und Genossen aufgeräumt werden wird, und daß von nun ab alle schöpferische Energie unserer Bewegung, dem Wohle der Idee und der geeinten verdoppelten Arbeit in der so schweren Zeit, die das jüdische Volk durchlebt, zugewendet, werden wird. Deshalb haben wir mit liefer Entrüstung die letzerschienene Deklaration der im ,.M a p a j" organisierten jüdischen Arbeiterschaft Palästinas gelesen. Diese Organisation erachtet es weiter für angezeigt, die Anklage gegenüber Stawsky und Genossen, trotz des sie befreienden UHeiles, weiter aufrecht zu erhalten, und zum weiteren unbeugsamen Kampfe aufzurufen. Der Haß soll nach wie vor Orgien feiern. Mit aller Macht und aller Kraft stellen wir uns diesen haßerfüllten Tendenzen entgegen, woher immer sie kommen mögen. Wir verdammen die Deklär aiio n des M u p a j, die eines jeden politischen und nationalen Verantivortlichkeitsgefühles beraubt i <■* ist . . . Diese Erklärung sieht wie ein Zeichen der Be- . sinnung aus. Hoffentlich trügt es nicht. Lächerliche Vereinsmeierei Eine kleine Gruppe von Assimilanten in Jugoslawien versucht von sich reden zu machen. Sie null etivas schaffen, was in anderen Ländern der Gallith bereits schmählichen Schiffbruch gelitten hat: Die Bildung eines Vereins, der den nationalen Charakter der Juden leugnet, beziehungsweise verbirgt und den „religiösen" als einziges Attribut gelten lassen will. In unserem Fall soll ein Verein der „J u go s l a v e n mosaischen Glaubens" gegründet werden, etwa nach dem Muster des Zenlralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Deutschland oder der Union österreichischer Juden in Wien. Es erübrigt sich, die Methoden aufzuzeigen, mit denen diese Vereinigungen gegen die nationalen, nicht assimilatorischen Juden arbeilen. Nun haben sich die Juden Jugoslawiens stets nls tapfere Hüter der nationalen und religiösen Tradition und in voller Harmonie mit dieser Tugend auch als erstklassige jugoslawische Patrioten be- Die J. f. A. meldet aus Frankfurt a. M.: Die „Frankfurter Zeitung" bespricht in einem ,,Z u r Situation der N ich tarier" überschriebenen Artikel die Schwierigkeiten, denen die von der Reichsregierung grundsätzlich gewünschte Gleichstellung von Ariern und Nichtariern auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens in der Praxis vielfach begegnet. In dem Artikel wird ausgeführt: Der nichtarische Firmeninhaber hat heute unbestritten die gleiche Aufgabe wie der arische: seinen Teil zum Auftrieb des Wirtschaftslebens und zum Kampf gegen die Arbeitslosigkeit beizutragen. Um produzieren, um Angestellte und Arbeiter beschäftigen zu können, muß er Verkäufen. Wohin soll es also führe«, wenn von so manchen Stellen lokal Immer erneut Aufrufe und Aufforderungen ah alle, die arischer Abstimmung sind, ergehen, jüdische Firmen und jüdische Geschäfte zu meiden. Die Formen, die dafür gefunden werden, durchlaufen alle Grade der Deutlichkeit, von der kommcntarlosen Veröffentlichung langer „J u d e n 11 s t c n" an, in denen 4000 jüdiscfie Aerzte brotlos geworden London, 27. Juli. (J. T. A.) Sir Henry Brackenbury teilte in einer Versammlung des britischen Aerztebundes mit: Vor der Machtergreifung durch Hitler gab es in Deutachland 9000 Aerzte. Etwa 4000 von ihnen verloren ihre Stellungen oder Lehrstühle. Rund 2000 konnten weiterexistieren, von den übrigen 2000 haben 1500 Deutschland verlassen. Die meisten von diesen gingen nach Palästina, nur 180 nach England. Letztere können nach einjährigem Studium an einer schottischen Universität und Ablegung der Schlußprüfung die Befugnis zur Praxis erwerben. Von einer neuen Bücherverbrennung Prag, 23. .Tuli. (J. T. A.) Die Ausschaltung jüdischer Künstler und Schriftsteller schreitet unter dem Terror der Nazi-Presse fort. In einer Mitteilung der Künstlorhilfe der Berliner Jüdischen Gemeinde heißt es: Kaum ein Berufsstand, der von den Juden stark besetzt war, sei so sehr von der Umwälzung betroffen worden wie der der jüdischen Künstler. Während es bis vor einigen Monaten noch in einzelnen Ausnahmen Juden gestattet war, an öffentlichen Bühnen zu wirken, sei das Jetzt kaum mehr möglich. In großen Scharen drängen die in Berlin ansässigen wie die aus der Provinz nach Berlin geströmten Künstler in die Gemeinde, um S a o P a u 1 o, im Juni 1934. Vor kurzem fand hier die konstituierende Generalversammlung eines neuen jüdischen Vereines statt, der sich „Socledade Israelita Paulista" nennt. Laut Statuten werden als Mitglieder alle anständigen Juden von 17 Jahren aufwärts, Judenstämmlinge und die nichtjüdischen Ehegatten von Mitgliedern aufgenommen. Vorläufig besteht der Verein zu 95 Prozent aus den jüngst eingewanderten jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland. Der Verein, allem Anscheine nach nur als Geselligkeitsverein gegründet, verfolgt weder politische noch religiöse Ziele. Nach langwieriger Debatte wurde der Antrag angenommen, daß er berechtigt sei, auch „jüdische Probleme" zu erörtern. Nebst Vorträgen sind Sport und Erziehung der Jugend geplant; von nationalen Problemen vorläufig noch keine Spur. Zürn Präsidenten wurde der Gründer Dr. Walter Treuherz gewählt, ein hiesiger Arzt, der sich bisher um das Judentum sehr wenig gekümmert hat. Der Verein verfügt über elegante, vollkommen neu und modern eingerichtete Räume mit Barbetrieb in einem Hochhaus im Zentrum und ist von 9 Uhr früh bis 11 Uhr nachts geöffnet. währt. In Krieg und Frieden haben die Juden Jugoslawiens ihrem Vaterland die treuesten Dienste geleistet und die moralische und staatsrechtliche Position errungen, die sie heule besitzen. Diese Jugoslawen sind treue Staatsbürger und treue Juden. Die führenden Männer des Landes, mit dem König an der Spitze, haben oft genug diese Eigenschaften der jüdischen Staatsbürger anerkannt. Zionistische Tagungen wurden von der S.-H.-S.-Regierung in zahlreichen Fällen begrüßt, jugoslawische Persönlichkeiten besuchten Palästina, um die Errichtung der Jüdischen Heimstätte, die Bausteine des Judenstaats, in Augenschein zu nehmen. Und nun plötzlich ein — Verein der Jugoslawen mosaischen Glaubens! Wen eigentlich wollen die Initiatoren dieses Humbugs bluffen? Die Juden Jugoslawiens oder die jugoslawische Oeffentlichkeit? Schon der Versuch muß scheitern. Der Verband d e r J ü d i 8 c h e n G e m e i n d e n J u g oslawiens hat eine Konferenz einberufen, die sich unter anderem auch mit dieser Mißgeburt beschäftigt hat. Die J. T. A. gibt hierüber einen Bericht aus, der im wesentlichen besagt: „Die Tätigkeit der neuen G r u p p e, die die patriotische Gesinnung eines Teiles der jüdischen Bevölkerung grundlos verdächtigt und desalle nichtarischen Firmen der Gegend aufgeführt werden, bis zu der Drohung, daß die Namen all derer, die bei Juden kauften oder bei ihnen kaufen ließen, künftig veröffentlicht würden. Soeben erst ist, wie berichtet, bei einer großen Tagung die Formulierung gewählt worden, wer bei einem Juden kaufe, einen jüdischen Arzt oder einen jüdischen Anwalt zu Rate ziehe, beschmütze die deutsche Ehre. ) Sieht man ganz davon ab, daß die Folgen einer solchen Einstellung für die deutsche Wirtschaft schwerlich günstig sein können, so bleibt auch noch das Problem, daß die N i c h t a r i e r in Deutschland ja nach dem Willen der Reichsregierung nicht vernichtet werden sollen, sondern daß ihnen wie allen anderen Menschen die Aufgabe bleibt, zu leben und zu arbeiten. Es müßte also einmal die Zeit kommen, in der den Nichtariern ein Wirkungsbereich gesichert wird, in welchem sieinihrerBetätigungfrei sind und in dem sie auch nach der Anschauung des Volkes nicht als „Feind e" hingestellt werden. Dies dürfte auch dem Willen der Reichsregierung entsprechen. Unterstützungen und die Möglichkeit zur Fortsetzung ihres künstlerischen Daseins zu erbitten. Unter dem Eindruck der Hetze des „Augriff" und anderer Nazi-Zeitungen verschwinden immer mehr Bücher jüdischer Autoren aus den Schaufenstern der Buchhandlungen. Unter der Ueberschrift „Juden sehen dich an" brachte der „Angriff" in den letzten Tagen Photographien von Büchern jüdischer Autoren, die noch in den Schaufenstern ausgestellt sind, und appellierte an die Buchhändler, mitzuhelfen an der „endgültigen Säuberung des deutschen Schrifttums". Der Terror hatte den gewünschten Erfolg. „Angriff" erinnert an die Bücherverbrennungen im Mai 1933, stellt fest, daß „ein ansehnlicher Teil der volksfremden Literatur dem Scheiterhaufen entgangen ist", und deutet an, daß ein neues Bücher-Autodafe" ihm nicht unerwünscht, käme. Ein weiteres jüdisches Opfer Aus Bayreuth wird berichtet, daß SA.-Leute den jüdischen Kaufmann Reinhaus (Inhaber der angesehendsten Bayreuther Textilfirma) in seiner Wohnung überfallen, furchtbar mißhandelt und dann im Auto entführt haben. Seiner Frau wird die Auskunft, ob er noch lebt, verweigert. In den nächsten Tagen findet der erste Vortrag statt. Dr. Lorch wird über — „Persönliche Hygiene in Brasilien" sprechen. Wohltätigkeitsverein „Ezra" Dieser zur Unterstützung von Emigranten ins Leben gerufene Verein, der unter der Leitung des nationalen Juden Abramowitsch (aus Konstantinopel) steht, befaßt sich mit dem Ankauf eines Landgutes — in der Nähe des Kurortes Pogos de Caldas — behufs Unterbringung mittelloser tuberkulosekranker Volksgenossen. Er erhält Subventionen von großen jüdischen philanthropischen Weltorganisationen des Auslandes. Allerlei Kuriositäten Der auf der ganzen Welt verbreitete große S a 1 esianerorden feiert die jetzt erfolgte Heiligsprechung seines Gründers Pater Don Bosco. Auch hier finden zahlreiche Festlichkeiten in bekannt pompöser Aufmachung statt, u. a. auch ein Riesenkonzert. Der erste Punkt des Programms ist ein Musikstück von — Felix Mendelssohn-Bartholdy . . . Ein Grüppchen von gleichgeschalteten Oesterreichern, die sich zuerst „heimattreu" nannten, dann „deutsch-treu" heißen, wirbt in einem „K ampfrin g" gegen seine Heimat. Es muß Propagandamaterial vervielhalb in den weitesten Kreisen der jugoslawischen Judenheit stärkstes Mißfallen, erregt hat, wurde auch von der Konferenz iles jugoslawischen Gemeindebundes aufs schärfste verurteilt. Es wurde festgestellt, daß die Gruppe unter den. jugoslawischen Juden keinerlei Anhang hat und mit ihren Zielen offene Türen einrennt, du die jugoslawischen Juden mit tiefer Liebe an ihrem Vaterland hängen, vaterländischen Organisationen angehören und auch in deren Leitungen vertreten sind. Die Konferenz faßte mehrere Resolutionen, von denen die auf den Verein der „Jugoslaven mosaischen Glaubens'* bezügliche lautet: Die Konferenz stellt fest, daß die jugoslawische Judenheit ihre Vertretung im V e r b a n d e der Jüdischen Gerne i n d e n J u # o s l awiens besitzt, der das einzige legitime Organ der jüdi sc h en Gesa in t h e i t J ugoslawiens darstellt. Das selbständige Hervortreten von Einzelheiten oder von Gruppen mit dem Anspruch, die staatsbürgerliche Korrektheit für sich zu monopolisieren, wird als schädlich erachtet." Diese Stellungnahme genügt. Der Verein der assimilatorischen Juden Jugoslawiens wird zweifellos genau so vegetieren wie seine Brüdervereine in den anderen Ländern, % Brä§ili®fti£§dbep Bilderbogen Originalbericht unseres S. W.-Korrespondenten Sociedade Israelita Paulista t.

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