Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 386 (31.7.1934)
- Date
- 1934-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Pre« 10 Groschen 4<bm ^^iM^iiiii ' y«wr?!WM!eger verscnafet »Journal expeäle par rediteur" 186 Titl. Universitätsbibliothek Wien, 1. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, .vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bnmänüm monatlich Lei 40.—, vierteHährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, viertetJShi-fe Mark 3.—; Baisarien monatlich Lewa 40.—y vierteljährrg Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 6.—, vierteljährig- Lire 14.— Schwele und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer;Franes «160. Redaktion u,Verwaltung: IX,Universitätsstr.8, Tel. A-20-2-78 — ErscheintIXensiiigu.FreitGg Jüdische Frauen Am Gefängnis zu Bethlehem Die J. T. A. meldet aus Jerusalem: 32 jüdische Frauen, die der illegalen Einwanderung beschuldigt werden, schmachten im Frauengefangnis zu Bethlehem. Sie klagen, daß sie gezwungen sind, auf steinernem Fußboden zu schlafen, die ihnen gereichte Nahrung ist ungenießbar. In dem für 60 Gefangene eingerichteten Gefängnis sind jetzt über 100 Frauenhäftlinge untergebracht. Die „Palästina-Presse" beklagt das Schicksal der jüdischen Frauen, deren einziges Verbrechen darin besteht, daß sie zu ihren Familien in Palästina wollten. Aus Haifa meldet die J.T. A.: Herzzerreißende Szenen haben sich vor dem Haifaer Gericht abgespielt, als durch den Richter Corrie der Prozeß gegen 32 jüdische Mädchen und 4 junge Leute aus Polen durchgeführt wurde, welche angeklagt waren, Illegal Ins Land hereingekommen zu sein. Alle Beschuldigten wurden vom Richter zu je vier Monaten Gefängnis verurteilt, außerdem werden die Verurteilten nach Verbüßung der Strafe unverzüglich abgeschoben werden. Das schwere Urteil hat auf alle einem niederschmetternden Eindruck gemacht. Die meisten Frauen brachen zusammen und fielen in Ohnmacht. Die Polizei umstellte gleich die Verurteilten und führte sie aus dem Gerichtssaal. Dem anwesenden Publikum, wurde nicht erlaubt, sich den Verurteilten zu nähern. Erschreckend ist die Tatsache, daß die verurteilten jüdischen Mädchen vor der Verhandlung bereits sechs Wochen in Untersuchungs haft saßen. Aus Warschau meldet die J. T. A.: Im Zusammenhang mit der Nachricht von der Verurteilung der sogenannten illegalen Einwanderer, welche im Gefängnis von Bethlehem sitzen, wird bekannt, daß das polnische Konsulat Schritte unternehmen wird, um das Schicksal der 36 verurteilten polnischen Bürger zu mildern. mdmal Faulhaber besitzt eine Toftenlistfe Die J. T. A. meldet aus Paris: „Paris Soir" schreibt, daß neue Sorgen dem „Dritten Reich" durch den Hl. Stuhl verursacht würden. Der Kardinal Faulhaber, so werde behauptet, besäße eine nahezu vollkommene Liste aller derjenigen, die zu den Opfern des 30. Juni zu rechnen seien. Auf dieser Liste seien die Namen einer großen Zahl Katholiken und Juden verzeichnet, die weder mit Politik noch mit dem „Komplott" des 30. Juni etwas zu tun hätten. Dieses Dokument sei bereits in den Händen des Vatikans. Aber seine Veröffentlichung hieße den Kardinal Faulhaber den schrecklichsten Rachegefühlen der deutschen Kcgicrung.ausliefern. Die Gehelmpolizei, die Gestapo, habe dem Kardinal bereits mitgeteilt, daß er, sofern von diesen Dingen etwas in die Öffentlichkeit komme, wegen Landesverrats verfolgt werden würde. dem Arlo^roffffProzeß Aus Lemberg wird gemeldet: Die Exekutive der Allgemein-zionistischen Organisation hat eine Sitzung abgehalten, in welcher das freisprechende Urteil gegen Stawsky mit großer Genugtuung aufgenommen wurde. Hiebei wurde aufs schärfste die Hetze der Linken verurteilt, welche sich nicht beruhigen will und sich ohne Rücksicht auf den Freispruch nicht schämt, weiterhin öffentlich mit ihrem sinnlosen Gestammel herauszutreten, wonach die Mörder Arlosoroffs unter den Juden zu suchen seien. Durch diese aufreizenden Behauptungen werde die jüdische Gasse aufs neue beunruhigt. Aus Brisk (Brcst-Litowsk) wird gemeldet: In einer Depesche, welche Abraham Stawsky einem Freund nach Brisk geschickt hatte, teilt er mit, daß nach seinem Freispruch der Polizist Arieli, welcher seinerzeit gegen ihn vor Gericht ausgesagt hat, jetzt an ihn mit der Erklärung herangetreten sei, er habe gegen ihn deswegen als Zeuge ausgesagt, weil er sich unter dem Einfluß der Histadruth befunden habe. Er, Arieli, bedaure heute aufs tiefste seine damalige Tat und bitte Stawsky um Verzeihung. « Die J. T. A. meldet aus London: Im Unterhaus fragte Abg. Wedgwood den Kolonienminister, ob die Verhandlungen im Stawsky-Prozeß einschließlich des' Urteils des Obersten Gerichts durch den Rechtskonsulenten des Colonial Office geprüft werden würden. Der Minister antwortet, er habe zu seiner am 14. Juni erteilten Antwort (in der er mitteilte, daß der Prozeßbericht nach seinem Eintreffen von den Rechtsberatern des Colonial Office durchgesehen werden würde, jedoch nicht zum Zweck einer Revision der gerichtlichen Entscheidung, zu der der Minister nicht befugt sei) nichts hinzuzufügen. Abg. Wedgwood fragte weiter, ob nicht mit Rücksicht darauf, daß der Vorsitzende bemerkte, vor einem englischen Gericht wäre Stawsky schuldig befunden worden, die Durchsicht des Falles durch den Rechtsberater des Ministers angezeigt wäre. Sir Philipp Cunclifc- L i s t e r erwiderte, er habe in der erwähnten Antwort auseinandergesetzt, welche Funktionen dem Colonial Office zu.stünden. Er sei vollkommen überzeugt, daß es für Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durah ein beigefügtes E bezeichnet. ihn höchst unangebracht wäre, das Urteil irgendwie zu kommentieren, Abg. Wedgwood: „Wenn es auch für den Minister unangebracht sein sollte, einen Kommentar zu dem Fall zu geben, wäre es nicht wünschenswert, daß der Fall von einem juristisch geschulten, in der englischen Rechtspraxis geschulten Kopf überprüft wird?" Der Kolonienminister: „Das ist wohl eine tadelnde Bemerkung gegen den Oberrichter, der den Vorsitz in dem Prozeß führte." Der jüdisdie Fotlsdiri« in Palästina Aus London meldet die J. T. A.: Englische Parlamentarier, die vor kurzem die Verhältnisse in Palästina an Ort und Stelle studiert haben, berichteten in einer Londoner zionistischen Versammlung über ihre Eindrücke. Der Abgeordnete Captain Strickland erklärte mit Nachdruck, von der jüdischen Einwanderung und Ansiedlung in Palästina habe niemand mehr Nutzen gehabt als die Araber. Abgeordneter Major Proctor sagte, die vom jüdischen Volke in Palästina vollbrachten Leistungen verdienen die Bewunderung der ganzen Welt. Gemeinsam mit seinen Freunden aus den Reihen der Liberalen und der Arbeiterpartei wolle er dafür eintreten, daß den Juden Gerechtigkeit werde. Die Regierung lasse sich in ihrer Politik von Furcht vor den Arabern xind der mohammedanischen Welt leiten. „Wir führen", sagte der Redner, „das Mandat weder nach seinem Buchstaben noch nach seinem Geiste aus. Wenn Ihr aber nicht allzu ungeduldig seid, so wird Euer Fortschritt in Palästina unaufhaltbar sein. Wenn freilich Uneinigkeit in Euren Reihen herrscht, dann werden Herzls Bemühungen nutzlos gewesen sein." Es sprachen noch die Abgeordneten Barnett Janner und C. H. Summersby, die auf die Notwendigkeit einigen Vorgehens der verschiedenen jüdischen Gruppen hinwiesen; in gleichem Sinne sprach das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency Prof. S. Brodetsky, der insbesondere an den zionistischen Arbeiterflügel den Appell richtete, Uneinigkeit in den zionistischen Reihen zu vermeiden, Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. (!) Die große jüdische Sache in Palästina dürfe an dem inneren Kampf nicht scheitern. Oesterretdiisdie Sducksalstage Die Ermordung des Bundeskanzlers als der „Weisheit letzter Schluß" des terroristischen Hakenkreuzes hat eine Reihe innenösterreichischer und weltpolitischer Fragen wieder einmal ins Blickfeld gebracht. Ein reger Gedankenaustausch der europäischen Kabinette hat eingesetzt und entscheidende Deklarationen österreichischer Führer sind abgegeben worden. Im Rahmen dieser Geschehnisse gab es zwei T a t e n: die aktive Abwehr des nationalsozialistischen Putsches durch das Oesterreichertum, vertreten durch die wehrfähigen Mitglieder der Vaterländischen Front (Heimatschutz usw.) und das Auftreten italienischer Truppen an der Südgrenze unseres Staates. Die eine Tat bekundete klar den Willen Oesterreichs, in ihrem Vaterland einzig und allein die autoritäre Führung als legitim anzuerkennen, die andere bewies die Existenz einer Freundschaft, die weit über den Rahmen einer wohlwollenden Loyalität hinausgeht. Diese beiden Erscheinungen, gaben Europa die Ruhe wieder. Und Europa bezeugte hier auch gesunden Blick, feste Nerven und eine feine Spürnase: das zivilisierte Europa erkannte und erfühlte also gleich, daß die „österreichischeAff ä*e " vom hitleristischen Deutschland inspiriert und inszeniert wurde. Hiefür gab es nicht bloß psychologische Beweise, sondern auch substanzielle. Man erkannte auch, daß das hitleristische Deutschland zur Ueberzeugung gelangt war, auf keine andere Weise als durch blutigen Terror in Oesterreich die Hakenkreuzfahne hissen zu können. Die Beseitigung des Führers des österreichischen Gedankens sollte den Auftakt zur Machtergreifung bilden. Die Revolte scheiterte. München und Berlin verloren den Kopf. Die Entsendung des Vizekanzlers von Papen sollte eine Albkehr von den bisherigen Methoden vortäuschen und gleichzeitig als moralisches Alibi dienen. Auch dieses Manöver mißglückte. Die Weltmeinung reagierte darauf mit gesundem Instinkt. Insbesondere die italienische Presse vom „Lavoro Fascista" bis zum „Popolo d'Italia" zeichnete das: blutbesudelte Gesicht des Dritten Reiches. Sie konstatierte, daß ein Land, unter dessen Regime Mord und Päderastie die Norm sind, keinerlei Vertrauen verdiene. Und das englische Weltblatt „Manchester. Guardian" sprach im Zusammenhange mit den österreichischen Ereignissen von einem Bluthund Hitler. Der Nazisturm ist auch im moralischen Sinne abgewehrt. Sollte unter der jüdischen Bevölkerung die Befürchtung aufgetaucht sein, daß der bisherige Kurs der autoritären Regierung einer Wendung unterliegen könnte, so finden sie, die Befürchtungen, ihre Widerlegung in den Erklärungen, die von Seiten führender Persönlichkeiten nach der Ermordung des Kanzlers Dollfuß gegeben wurden. Die jüdischen Staatsbürger haben im vollen Vertrauen auf Recht und Gesetz die jüngsten Erklärungen entgegengenommen, wonach es in keinem Belang ein Kompromiß mit dem Hitlertum gibt. Es besteht nicht die geringste Spur eines Verdachtes, daß Oesterreich der kleinen Gruppe politischer Desperados irgend eine innerpolitische Konzession zu Lasten der Juden machen könnte. Oesterreich, stark genug und mit guten Freunden in der Kulturwelt ausgestattet, hat sich selbst befreit, weil es frei sein wollte. Die jüdischen Staatsbürger stehen opferbereit für ihr Vaterland da. Sie erfüllen ihre Pflicht in der Ueberzeugung, daß man sie als hundertprozentige Bürger achtet, die ihrem Vaterland nicht weniger dienen, wenn sie sich zum jüdischen Volk bekennen. Als ein Glied des jüdischen Volkes wollen die Juden Oesterreichs nach dem Zusammenbruch des Hitler-Putsch es wie bisher für Oesterreichs glückliche Zukunft arbeiten. Sie erwarten, daß die Grundsätze, die unter dem bisherigen Oberhaupt der österreichischen Regierung Geltung hatten, weiterhin als Richtschnur in allen Fragen des österreichischen Lebens verbleiben werden. Sie erwarten somit, daift