Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 384 (24.7.1934)
- Date
- 1934-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2711952-2712007--4494-2717983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■ fO Groschen Jahrgang S lKen9^rden W.«Mfrm4 Nr* 334 r, ty m T>tl ünivcrsi*«sMbli„t(ld[ Wien, j. Vi^WK Zeitung yoira'Werleger versendet; „Journal expediö par Eeditear* REVUE BeRA?GS&E'BER; ROBERT STWCKER BEZUGSBEDINGUNGEN? Oesterreich monatlich S.,1.30, vierteljährig' S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—* vierteljährig' Zloty 6.—: Tschechoslowakei monatlich' Kc 6.—, vierteljährig Ko 16.—Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel-» jährig Dinar 40.—r Bam&nlen monatlich Lei 40.—vierteljährig1 Lei 320.—; .Deutschland monatlich Mark 1__, Yterteü5hrte Mark 3.—; Bulgarien manaOteh Lewa 40-—, rkrtetJShtfg Lewa 12)V-r Italien monatlich IA» 5.—-, vterttä351a^ .£,ir& H*—S SclnwizKtma^Te^1^gett^Xandflg«m Jggeogy^BOL Redaktion^a}VerwaUang:I2CiUniverdtäfs^r*8^eLAr20'2--7^—Erscheint Dienstag*u Freitag Stawsky freigesprochen Freitag, den 20. Juli, zur Mittagsstunde, verkündete der Vorsitzende des Appellationsgerichthof es, pberrichter MacDonell, daß Abraham Stawsky, von der Anklage der Teilnahme am Morde an i)r. Arlosoroff freigesprochen wird. Wir geben im nachstehenden den Bericht über den Verlauf des Prozesses wieder: Am 18. Juli setzte der .Verteidiger Dr. Horace S'-aimuel die Begründung der 54 Maschinenschriftseiten umfassenden Berufungsschrift fort. Auf den ersten 43 Seiten dieser Schrift werden die Zeugenaussagen und das Beweisverfahren im vorangegagenen Prozeß analysiert, auf den restlichen 11 Seiten werden die Berufungsgründe aufgezählt und dargestellt. Die Berufung gipfelt in der Forderung, entweder Stawsky freizusprechen oder den Fall an das Assisen-Strafgericht zu nochmaliger Verhandlung zurückzuweisen. Samuel beschuldigte die Histadruth und die J e w i s h - A g e u c y, mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet zu haben, um die Verurteilung der Angeklagten herbeizuführen. Die Histadruth habe den. Mord politisch ausgenützt, wodurch die Situation der Revisionisten bei den Wahlen zum Kongreß im Jahre 1933 beeinträchtigt worden sei. Demgegenüber erklärte der .Vorsitzende, Oberlichter MacDonell, seiner Meinung nach habe die Trauer der Histadruth über den Tod ihres Führers einen •ausreichenden, normalen Grund für die von ihr entwickelte Tätigkeit zur Feststelking der Schuldigen gebildet. Das Assisen-Gericht habe daher mit Recht die Entgegennahme des von Rechtsanwalt Samuel angebotenen Zeugenbeweises wegen der in ihm enthaltenen Unterstellung dunkler politischer Motive für die Haltung der Histadruth abgelehnt. Richter Baker fügte hinzu, infolge der Freisprechung Achi-Meirs sei dieser Punkt unerheblich geworden. Hierauf setzte Horace Samuel seine Verteidigungsrede fort und legte die Gründe, die für das Alibi Stawskys sprechen, eingehend dar. Nach Beendigung seiner Rede wurde eine Mittagspause eingeschaltet. In der Nachmittagsverhandlung verteidigte der Staatsanwalt MusaEffendi elAlami das Urteil des Erstgerichtes. Der Brennpunkt des Prozesses Die Rede des arabischen Prokurors (Staatsanwalts) dauerte drei Stunden. Inmitten der Rede bekam dieser einen Schwächeanfall und die Verhandlung mußte aiuf zehn Minuten unterbrochen werden. Hierauf beendete der Prokuror seine Rede, in welcher er die Argumente der Verteidigung kritisch beleuchtete und die Zurückweisung des Appellationsansuchens forderte. Horace Samuel befaßte sich ausführlich, müt der Zeugenaussage von Mosche Weiser, indem er betonte, daß laut den Erklärungen des Zeugen, dieser Stawsky bloß nach der Silhouette, nicht nach den Gesichtszügen erkannt habe, da Weiser das Gesicht der Person nicht gesehen habe. „Dies ist der Brennpunkt deaganzen Prozesses", rief Samuel aus, ,,weil Weiser der einzige Zeuge ist, der Stawskys angebliche Mitschuld bestätige, die sich bekanntlich bloß auf die Erklärungen einer einzigen Person stützt, und zwar auf die Person Frau Siima Arlosoroff s. Begründung des Urteils Das Befreiungsurteil über Abraham Stawsky las der Vorsitzende des Gerichtshofes Richter Sir M. Mac- Do n e 11 vor, wobei er das Urteil auf folgende Weise motivierte: „Ich kann nicht der Meinung zustimmen, daß Irrtümer in den einzelnen Details des Gcrichtsverhörs in der ersten Instanz vorgekommen sind und daß diese Details zur Venkrüppelung des Urteils geführt haben, wenn auch bedauerlicherweise gewisso Einzelheiten nicht berücksichtigt worden sind. Ich kann auch nicht der Meinung zustimmen, daß die Zeugenaussage der Frau Sima Arlosoroff, welche In Stawsky die Person erkannt haben will, die sich an der Ausführung des Mordes beteiligt hat, durch den Polizeichef Stafford beeinflußt worden ist, wenn dies auch eine bedauernswerte Unterstützung dargestellt haben sollte. Unter vollem Respekt .für das1 Minderheitsvotum des Richters deValero gebe ich meiner Meinung «Ausdruck, daß der Standpunkt, eshabe sieb; <Mer uro ein sexuelles Verbrechen gebändelt, eine1 leerewHypothese ist, In England würde diö Zeugenaussage der Frau Arlosoroff ein genügender Grund zu einem; Schuldspruch; gewesen sein. Laub den Gesetzen, welche hier im Lande gelten, ist aber eine Kollaboration! eines weiteren; Zeugen notwendig, was hier nicht der Fall war» Die Zeugenaussagen der Fuß spuren kenn er sind nicht euf riedenstellend in dem Sinne, daß sie im Gegensatz zu den Erklärungen betreffs der zerkratzten. Hand des Angeklagten Stawsky stehen. Auch die Zeugenaussage von Mosche Weiser ist nicht beweiskräftig und kann nicht als Substanz für den vom Gesetz geforderten zweiten Hauptbeweis dienen. Man; kann nicht damit einverstanden sein, daß ein flüchtiger Blick auf den Beschuldigten bei 'Nachtschein nach, drei Wochen als genügender Beweis diene« kann, der die Zeugenaussage der Frau Arlosoroff bekräftigt. Unter Bedachtnahime des Umstandes, daß die vom Gesetz geforderten zwei einwandfreien Belastungsbeweise fehlen, wird das Urteil der ersten; Instanz annulliert, dem Appellaftionsansucheu wird Folge gegetoeni und der Beschuldigte wird von den Mordschuld freigesprochen. Nach der Verlesung des Urteils ergriffen die zwei gerichtlichen Beisitzer das Wort. Sie gaben die Erklärung; ab, daß sie mit den Ausführungen des Gerichtavorsitzenden vollinhaltlich einverstanden sind, Befriedigung über den Freispruch Der Freispruch wurde mit enthusiastischer Freude von der riesigen Menschenmasse entgegengenommen, welche auf den Gassen und Plätzen der Stadt versammelt war und durch einen verstärkten; Polizeikordon vom Gerichtsgebäude abgetrennt vwirde. Die E jet ra a u s gadbi-e ni der hebräischen Zeitungen waren sofort vergriffen« Stawsücy, welcher kurz nach Bekanntgabe des Urteils aus der Haft befreit wiurde, erschien auf dem Balkon; eines Hauses und hielt an die versammelte Menge eine kurze Ansprache. Neben ihm erschienen! die (Verteidiger Jawnieli und Horace Samuel, welche sich mit dem Freigesprochenen küßten und umarmten. Im einem Gespräch mit dem Ita-Vertreter äußerte sich Stawsky folgendermaßen: „In dem Moment meiner Befreiung wünsche ich volle Erlösung und volles Aufatmen meinen schwergeprüften jüdischen Brüdern^ Ich danke ihnen allen für die mir bewiesene Sympathie und Unterstützung in meinem opfervollen; Kampf, Ich lebe zu stark unter dem Eindruck des jetzigen Augenblicks, um noch mehr spreche« zu können." Stawsky sieht frisch und munter .aus und man, sieht auf seinem Gesicht nicht die Spuren; der Leider» in«« folge der dreizehnmonutlgen! Haft, * Gleich nach», der Bekanntgabe des- Freisprachst! . Wien wurde unser Blatt von unzähligen Lesen* und Freunden angerufen Und 5m dem Kampf beglückwünscht, den es ein Jahr lang für die gerechte Sache geführt hat. Auch viele schriftliche Zustimmungserklärungen; langten bei uns ein. — In der nächsten Ausgabe unseres Blattes werden wir eine ausführliche Darstellung des sensationellen Mordprozesses bringen. Der Gipfel der §diamIo§igkeit Die politische Organisation der jüdischen Arbeiter-» partei Palästinas (Mapai)! hat im Zusammenhang mit dem Urteilsspruch im Prozeß gegen Abraham Stawsky eine Erklärung veröffentlicht, die in ihrer brutalen und lügnerischen Art, in ihrer Scheinheiligkeit v und bewußten Verleumdung all das übertrifft, was die Histadruth und. ihre Nachläufer in den letzten 13 Monaten der jüdischen und zionistischen Welt vorgespiegelt haben. Die Dreistigkeit, mit der In der Erklärungdie:.Wahrheit auf den Kopf ge- ^tenfe4nid-^le>'^chanilosigkeit, irtf&«Jer das -englische» Ges rJchtv umschmeichelt; wird, steht einzig da in der politi- schen>Geschichte* Es war klar, daß die linken politischen' Machthaberin Palästina nach dem von der ganzen Welt ensartetentFreisprucbi noch ein letztesmaj versuchen jwerden, die? Scheußlichkeit ihres 13monatlichen Tuns in eine Anklage gegen das freisprechende Urteil zu verwandeln; daß sieraber entgegen dem Gefühl der ganzen jüdischen Welt nochmals die Freigesprochenen mit Blutschuld belegen und Frau Sima Arlosoroff, ihr politisches Mitglied, als wahrhafte Zeugin anführen, obwohl sich deren Aussagen als lügnerisch erwiesen haben, das hätte wohl niemand erwartet. Aber auch dieses Manöver wird der Mapaf und der Histradruth nichts nützen. Es wird als das erkannt werden, was es ist: Als Rückzugsgefecht nach einer verlorenen Schlacht, Im Nachstehenden geben wir das schändlichste Dokument, das die Geschichte der jüdischen Renaissancebewegung kennt, wieder, das nach der J. T. A. folgenden Inhalt hat: „Rosenblatt und Stawsky, welche von jedweder Schuld freigesprochen wurden, weil noch ein zweiter Zeuge fehlte, der bei der Ausführung der Mordtat anwesend war, wie es das verpflichtende türkische Gesetz in Palästina vorschreibt, damit man zu einer Verurteüung schreiten könne, sind auch vom höchsten Gericht als die Mörder von .Chaim Arlosoroff bestätigt worden. Beide Instanzen —. das Kreisgericht in Jerusalm und das höchste Gericht in Palästina — haben die Zeugenaussage der Frau Sima Arlosoroff als richtig angenommen. Das höchste Gericht in Palästina hat anerkannt, daß die Aussagen von Abdul Medschid falsche Aussagen zugunsten der Verteidigung sind, mit der Absicht, den Weg der Gerechtigkeit zu verstellen- Die Konzeption von Horace Samuel bezüglich eines sexuellen Verbrechens hat das Gericht als phantastisch bezeichnet. Das Gerichtsurteil, das die Mörder von jeder Strafe befreit, bestätigt noch* mals die gleichen schweren Beschuldigungen gegen sie .. Wir haben nicht nach Rache gestrebt, wir haben gewußt, daß die Mörder von Arlosoroff Opfer der Birjonim-Hetzer sind. Unser Kampf für die Aufdeckung der Wahrheit wird auch jetzt nicht aufhören, weil Stawsky und Rosenblatt bei ihrer Tat vom 16. Juni Verbündete hatten Am Schluß dieser lächerlichen und wahnwitzigen Erklärung sprechen die Terroristen der Histadruth davon» daß sie sich gegen „alle Terrormethoden in der zionistisehen Bewegung wenden und den Bürgerkrieg beseitigen werden, iden die Birjonim in das Leben Palästinas hereingetragen hätten* Schließlich versteigen sich die linken« Machthaber nach der ungeheuren Welle von Terror, Streiks, Häuserdemolierung und Organisierung des arabichen Proletariats gegen die zionistischen Bourgeois zu der Erklärung, daß sie „die zionistischen Reihen zu ihrer frühren Reinheit zurückführen werden". Dreizehn Monate Stawsky; ist befreit. Nach 13 Monaten schweren Bangens und namenloser Leiden kann dieser jüdische Jüngling wieder heimkehren zu seinen Eltern und zu seinen Freunden, rein in Ehren und frei von Schuld« Die Freude über dieses Faktum drängt zunächst alle Bitternis und alle Empörung über das zurück, was in diesen 13 Monaten geschehen ist. Nach Achi Meir und Zwi Rosenblatt wurde nun auch Abraham Stawsky, von der, Blutschuld freigesprochen. Was die ganze jüdische Welt wußte ■—■ nur die linke Meute wollte es nicht wahe halben ist durch den Spruch des englischen Gerichtes erhärtet; des Gerichtes, von dessen' Autorität* Objektivität und Gerechtigkeitssinn dies Herren der Histadruth und der Poale Zion die ganzei Zeit über den Hut zogen und das allein sie als maß-1 gebend deklarierten. Nun hat dieses Gericht ge* sprochen^ Es hat die Schuld Stawskys, an die kein gerechter und unvoreingenommener Mensch geglaubt hat, nicht bestätigt. Wie schwer wurde es der jüdischen Welt ge« macht, an die Schuldlosigkeit der drei „Gefangenen Zions" zu glauben! Von den Führern der Hista-1 druth und Poale Zion bis hinunter zu den nachkläffenden allgemein-zionistischen Philistern, von der* großen einflußreichen Linkspresse bis hinunter zu der Wiener ».Stimme" wurde durch Reden und Pamphlete die Legende verbeitet, zwei junge patriotische Zionisten hätten unter dem Diktat einer Mordparole den Mord an dem Arbeiterführer und Exekutivemitglied Dr. Chaim Arlosoroff begangen. Und flugs nahm die britische Polizeibehörde diese „Spur" auf, Alle Jmf redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sjnd durch eia beigefügtes E bezeichnet« ' ► Ii -