Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 382 (17.7.1934)
- Date
- 1934-07-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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<^M*^ DIE NEUE WELT Nr. 382 '!RSW Bi§ zum Walin§inn Die Judencmorde und Verhaftungen in Deutschland Die in Saarbrücken erscheinende „I>entsehe Freilieft" erhielt aus Schlesien Berichte von Xieh'juden, die die bereits yerneldcten Juden n: o r d e in einer Reihe, Bchlesischer Städte bestätigen. IVIou erfährt, daß außer in Hirschberg und in Glogau auch in Laudshut in Schlesien Judenverfolgungen stattgefunden haben, bei denen der angesehene Jude Rechtsanwalt Dr. Schiftan ermordet wurde. In Glogau ist der Jude Dr. Liniicmann vermißt. Dr. Charig in X-iirschberg wurde am 30. Juni „zur Vernehmung" bestellt. Am 1. Juli naclimUtags wurde seine Frau angerufen, die Leiche sei zur Beerdigung freigegeben worden. Die gesamte deutsche Presse bringt judenhetzerische Artikel, die offenbar das Ziel verfolgen, die allgemeine Erregung auf die Juden abzulenken. Der ,,V ölkische Beobachter" und die übrige Nazipresse beschuldigt die »luden, die ungünstigen Nachrichten über Deutschland im Auslände verbreitet zu haben. In der Berliner Stadtbahn wurden zwei Juden verhaftet, weil sie die jüngsten Ereignisse unter dem Gesichtswinkel der weiteren Tolitik der Regierung gegenüber den Juden erörterten. Sie sind bereits acht Tage in Haft, ohne daß sie verhört wurden. In Berlin wurde der bekannte Obermagistratsrat Dr. Hans Oppenh e i ru e r, ein führendes Mitglied des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, von der Geheimen Staatspolizei noch am 30. Juni verhaftet. Bis zum 5. Juli konnte man nichts über seinen Verbleib erfahren. Am 6. Juli erhielt seine Familie die Mitteilung, daß er sich im Columbia-Haus befindet und unter der Anklage steht, seine Pflichten als Beamter vernachlässigt zu haben. Die Hinausstoßung der Juden aus Aemtern und Berufen geht weiter. Laut Beschluß des Hannoverschen Landesgerichtes dürfen jüdische An w ä! t e, auch wenn sie Frontsoldaten waren, nicht mehr als Schiedsrichter fungieren. Als Grund wird angegeben, daß das Gesetz des nationalsozialistischen Staates auf völligen Ausschluß der Juden aus dem Staatsieben wie aus dem Rechtsleben des Staates abzielt. Die Berliner Anwaltskammer hat verfügt, daß Notare, auch Juden, während ihres Urlaubs sich nur durch Arier, die mit Arierinnen verheiratet sind, vertraten lassen dürfen. „Pariser Tageblatt" bringt einen ausführlichen Bericht über die unmenschlichen Folterungen, denen in Hamburg die 29jährige jüdische Jugendpflegerin Annemarie Jakobs ausgesetzt war. Mitte Mai 1933 wurde sie verhaftet und dreizehn Monate lang in Einzelhaft gehalten, täglich verhört und ständig mißhandelt, so daß sie heute nicht mehr gehen kann. Man wollte von ihr Geständnisse erpressen, die den Kommunistenführer Ernst Thälmann belasten sollten. Sie ist jetzt am Bande des Wahnsinns. Erfidt Muhsams Tod ■ Das Amtliche Deutsche Nachrichtenbüro meldet, daß der Schriftstelier Erich Mühsam, der sich seit Februar 1933 in Schutzhaft befand, seinem Leben durch Erhängen in der Zelle ein Ende gemacht hat. Erich Mühsam war einer der ersten Mitarbeiter Gustav Landauers im „Sozialistischen Bund", veröffentlichte zahlreiche Gedichts- und Essaybände, sowie eine Reihe Bühnerstücke. Wegen Teilnahme an der Münchner R ä t c r e p ur b 1 i k wurde er 1919 zu fünfzehn Jahren Festung verurteilt, aber Ende 1924 amnestiert. In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er aus dem Bett heraus verhaftet, zuerst nach dem Konzentrationslager Sonnenburg und dann in das Berliner Gefängnis gebracht. Augenzeugen berichteten, daß Mühsam, weil er Jude war, grauenvoll mißhandelt wurde. Seine Zähne waren sämtlich ausgeschlagen, seine Sehkraft war beinahe verloren, sein Herz vollkommen geschwächt. Seine Freunde hofften nicht mehr, daß er das Gefängnis lebend verlassen wird. Viele Erzählungen von Augenzeugen über seine Marterungen entziehen sich überhaupt der öffentlichen Wiedergabe. Blutige Terrorakte In Humen, Provinz Hessen, brachen SS.-Lcute in der Nacht des 1. Juli in ein jüdisches Haus ein und schössen vier Mitglieder einer jüdischen Familie nieder. Ein Familienmitglied ist seinen Verletzungen erlegen, ein zweites ringt mit dem Tode, der Zustand der beiden anderen ist ernst. Die gleiche Gruppe SS.-Huligans brach dann in ein zweites jüdisches Haus ein, in dem sich jüdische Besucher von auswärts befanden. Die Schwarzhemden erklärten, es handle sich um eine Geheimversammlung, und verhafteten alle Insassen. Inzwischen war Polizei eingelangt, die das . Vorgehen der Schwarzhemden als einen Eingriff in die Polizeirechte erklärte und die Uebergabe der Verhafteten in die Hände der Palizei forderte. Die Schwarzhemden leisteten Widerstand. Die Polizei holte Verstärkungen heran, überwältigte die Schwarzhemden und brachte sie nach Gießen. In Hirschberg sind noch fünf jüdische Bürger in Haft. Die Berliner Staatspolizei erklärte den Angehörigen, die um das Leben der Inhaftierten fürchten, sie übernehme die Garantie, daß den Verhafteten nichts geschieht. Die reichsdeutsche Presse durfte bis heute nicht über die Judenmorde in Hirschberg, Glogau und in anderen Orten Schlesiens berichten. In Glogau wurde der Jude Dr. Lindemann, als er in seinem Garten Tennis spielte, von vorbeiziehenden SA.-Leuten ergriffen und fortgeführt. Seine Frau fragte später telephoniach im Braunen Haus an, ob sie ihrem Mann, der im Tennishemd fortgeführt worden war, eine Jacke bringen dürfe. Man erwiderte ihr: „Er braucht nichts mehr. Wir haben ihn erledig t." Zum Fall des Sohnes von Dr. Maximilian Stein in Berlin erfährt man jetzt, daß der Zwanzigjährige nicht im Hause seiner Eltern, sondern auf der Straße verhaftet wurde, wo ein Angriff auf jüdische Passanten stattfand und auch er angegriffen wurde. Keiner glaubt der Version, daß er Selbstmord begangen hat, man glaubt vielmehr, daß er an den Folgen der Mißhandlungen auf der Straße und später im Polizeihof starb. Zum erstenmal ein Jude in die kanadische Regierung berufen Der Bürgermeister von Windsor in der Frovfaz Ontario, David A. C r o 11, ein Jude, ist zum Minister für das Städte- und Wohl£fihrtswe£jen in der Regierung von Ontnrio ernannt worden. Es ist dies das erstemal, daß in Kanada ein Jude als Kronsminißter vereidigt wird. Minister Croll steht im 34. Lebensjahr. Heitere Stunden in der Versovgungs-Anstalt. Montag, den 9. Juli, veranstaltete Herr Bertold Schreiber, wie schon öfters, im Garten der israelitischen Ver» sorgungs-Anstalt einen heiteren Nachmittag. Der bekannte Conferencier Erwin Engel, die Vortragskünstlerin Flora Engel, die Herren Kurt Karsten, Oskar Kanitz und die Pianisten Schwarz un-d Stricker trugen durch ihre lustigen Vorträge ihr Bestes zum Gelingen des Festes bei, das den alten Leuten viel Freude bereitete. Die Generalversammlung der Gesellschaft fand am 12. Juli d. J. statt. Die Prämieneinnahme pro 1933 erreichte S 53,718.968,64, die Schäden (bezahlte und reservierte) erforderten S 29,522.163,05. Der Reingewinn beträgt S 695.272,91 und wird nach Zuweisung von S 100.000 an die Reserve für Pehsionsansprüche an die Angestellten und vonn S 400.000 an eine neuzubildend'" Entwertungsreserve mit S 195.272,91 auf neue Rechnung vorge tragen. E Eine Swemliqe Sensation! Montag begann die berühmte „Sommer-Sensation" in Schiffmanns „Warenhaus der Sparsamen", mit weit über 100 Sensationsangeboten in allen Abteilungen. 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