Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 379 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711952-2712002--4453-2717937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Herzl Preis 20 Groschen lahrgang 8 f reflagr den 6**IwH*1Sfr4 m;vx> IMKMk» ii*V^.u^w* 187 JaÜ^Ü** \]n^e;n i. m i REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.-, ganzjährig S 16.-; Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty*6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar. 40.—: Rumänien, .mo»""*"'" Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark ° - ----•-*««-«- ...±~>*3 Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwelz-und die übr igei jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion it. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — ErscheintDiensta&untäweMag ö.—; voien monatitcn Moiy vierteuanrig ^loty^o.— 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rnmanlen .mona-tUch c 3.-; Bulgarien monatlich *Lew^ AO;—^vfefteHämjrg :n Länder"monatlich Sctiwelzer-Francs^liW^vfcrtel- ÜP5 Chaim Nachman Bialik | Nach einem an Stürmen und Kämpfen, an Enttäuschungen und Hoffnungen, aber auch an Erfolgen und Ehrungen reichen Leben ist Ch. N. Bialik Mittwoch, den 4. Juli, 62 Jahre alt, in einem Wiener Sanatorium gestorben. Eine Persönlichkeit seines Banges braucht man der jüdischen Welt nicht erst nahezubringen. Der Reflex seines Wesens und Wirkens hat sich in alle geistigen Bereiche des jüdischen Volkstums eingegraben, und wie immer man zu dem stand, was gemeiniglich als Jüdische Renaissance bezeichnet wird, mußte man wohl dem Mann Respekt bezeugen, der ganz unversehens der ungekrönte König des neuen jüdischen Lebens, des jüdisch-hebräischen Klassizismus unserer Zeit wurde. In Rußland geboren, schon frühzeitig von inneren Trieben und dem elementaren Drang nach der unendlichen Welt des Geistes heimgesucht, durchbrach der Stürmer und Dränger Bialik die starren Wände des östlichen Ghettos, und wie alle genialen Menschen, sich des gefahrvollen Wandeins am Rand eines metaphysischen Bezirkes nicht bewußt, durchmaß er Raum und Zeit im Fluge. Und in diesem Flug schuf er sich die Form, das Wort. Seit Jahrhunderten wieder hat sich der jüdische Genius im Gefäß eines Menschen konzentriert. Verse und freie Rhythmik, Legende und Realität, kurzum: Himmel und Hölle hat Bialik, der hebräische Dichter, eingefangen. Sein Zeugnis für die Möglichkeit hebräischer Formung ist stilbildend für eine Generation hebräisch schreibender Menschen geworden. Von den blutigen Pogromtagen in der Ukraine vor 30 Jahren bis zu den sonnigen Aufbautagen in Palästina ist Bialik, der sofort nach dem Weltkrieg seine Heimstätte in Erez Israel errichtete, der Wortführer einer hebräisch fühlenden (imaginären und substanziellen) Gesellschaft, Gemeinschaft geworden. In Tel-Awiw ward sein Oneg Schabbath das Zentrum geistig-geselligen Tuns. In dem von ihm gegründeten und geleiteten hebräischen Verlag „Dvir" fand Bialik das Instrument zur Zusammen!asung alles dessen, was der schöpferische jüdische Mensch seit „Bereschit" — symbolisch gedacht — an gültigen Werten hervorgebracht hat. Dichter, Maliner, geistiger Führer, Gewissen einer zu geistiger Disziplin verpflichteten Generation, geht Ch. N. Bialik in die Geschichte des jüdschen Volkes ein. Sein großes Herz schlägt nicht mehr. Aber ihm neigt sich ein ganzes Volk in Erschütterung und Verehrung zu und hält den Atem an, bis sein Sterbliches nach Palästina hüiübergeführt und im Land der Väter bestattet wird, jyaJHn o. r. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde erhielt von der Tcl-Awiwcr Stadtverwaltung ein Telegramm, worin um sofortige Ueberführung der Leiche nach Tel-Awiw gebeten wird. In der Antwort erklärt die Kultusgemeinde, daß Bialiks sterbliche Reste Mittwoch, den 11. Juli, mit der „Italia" nach Palästina überführt werden. Wie wir erfahren, fühlte sich Bialik am 4. Juli, 6 Uhr abends, wohl und las im Tanach. Um ifal Uhr trat plötzlich der Tod ein. — Doz. Dr. Theodor Bauer hat die Einbalsamierung der Leiche Bialiks übernommen. Bei Blattschluß erfahren wir, daß außer der Gattin der Jugendfreund Bialiks, Dr. Wilensky, am Totenbett Weilte. Zionistische Akademiker und Jugendbünde halten die Ehrenwache. Alle im redaktionellen, Teü befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet, Der Fuhr er d<*i iWic eine Wundergeseluchte iwared^ Menschen. Mütter werden sie ihren Kindern erzählen an den ^Vorabenden,., von-Geschlecht zu Geschlecht wird sie überliefert werden. Wie plötzlich sein Kommentar,-so-plötzlich war sein (Verlöschen. So wird eine Legende! Eine gute Fee stand an seiner Wiege. Und alle physischen und geistigen Gaben, die sie sonst Tausenden zusammen gibt, gab sie diesem Einzelnen: Zauberaugen. Und Schönheit der Gestalt, Süße des Wortes, Weichheit und Adel, Kühnheit des Gedankens und Naivität eines Kindes, einen logischen Kopf und ein heldisches Herz. Die Neigung zur Träumerei und den starken Willen, große Dinge zu tun, solche, die ein anderer nicht tun kann. Sein Lachen gab sie ihm und seine Träne, die Fähigkeit, zu herrschen und zu siegen, und den starken Willen gab sie ihm und Gnade in den Augen der mächtigen Ueberirdischen. LTnd für die Augen der Menschen — mit allen physischen und geistigen Gaben hat sie ihn beschenkt. Und den Tod gab sie ihm — den Tod, der plötzlich kommt und ihn mit dem Zauber einer Wundergeschichte umweht, um das Bild des Helden ganz und vollkommen zu gestalten. Denn sie sprach; Was sei^ JLeben nicht bewirken konnte, sein Tod wird es tun. David Frischmann.