Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 377 (29.6.1934)
- Date
- 1934-06-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S DIE, NEUE WELT Nr. 377 Der letzte pidasdie Herrscher im Orient Ein weltgeschichtliches Drama Volkstümliche Napoleonbiographion berichten, daß die kleine Festung Akko dem Marsch Na p o 1 e o n s nach Indien ein Ende setzte. Wenn man aber den ernsteren Historikern folgt, so ist das Mißlingen der Einnahme dieser alten, drittrangigen Festung wirklich das Ende vom Traum eines östlichen Imperiums des großen Franzosen gewesen, Der Marsch des modernen Alexander wurde vom britischen Admiral Sir Sidney Smith aufgehalten, einem Admiral, den zu dieser Aufgabe lange vorher ein . .. Jude vorbereitet hatte, ein wenig bekannter Jude, den die zeitgenössischen hebräischen Poeten als den neuen Salomo besangen und dessen richtiger Name H a i m M u' a 11 i m Farchy war. Napoleon erließ „einen Aufruf an die asiatischen und afrikanischen Juden", unter seinem Banner zu marschieren, und versprach ihnen, das Heilige Land zu übergeben, es wiederherzustellen, das alte Jerusalem in seinem einstigen Glanz wieder erstehen zu lassen und wollte damit Farchy für seine Sache gewinnen. Die Juden aber reagierten auf Bonaparte nicht, Farchy wurde nicht gewonnen. Nach kurzer Belagerung mußte Napoleon abziehen, und Djezzar, „der Schlächter", der Herrscher von Akko, saß am Eingang seines Palastes und teilte allen jenen Geld, die Köpfe der geschlagenen Franzosen brachten. Haim Farchy, der Jude, spielte in diesem weltgeschichtlichen Drama eine nahezu legendenhafte Rolle. Er war in Damaskus gegen 1750 geboren, zu einer Zeit also, da es in Syrien noch keine Zeitungen gab und es den Reisenden freistand, Wundergeschichten über den Orient zu erfinden. Farchy war ein Sohn des Saul Farchy, eines Abkömmlings einer alten und wohlhabenden Familie aus Damaskus, die in der hebräischen Literatur, in der Finanzwelt und im Staatsdienst eine große Rolle spielte. Saul hatte noch vier Söhne und eine Tochter; er selbst war Minister und Schatzmeister des Pascha von Damaskus und tat viel dazu, seinen Söhnen die gleiche Karriere zu ermöglichen. Jeder Gesandte und jeder diplomatische Besucher von Damaskus im 19. Jahrhundert stand oder trat in geschäftliche Verbindung mit dem Hause Farchy. Die Farchys lebten in einem palastartigen Haus, dessen sichtbare Außenfront Wall und Graben hatte, und der grwöhnliche Türke oder Fremde mußte, wenn er vorüberging, Ehrenbezeugung leisten. Hier befand sich auch die Bank der Farchys, dieser Rothschilds des mittleren Ostens. Hairn Farchy hatte eine ausnehmend gute Erziehung genossen — darüber besteht kein Zweifel. Er war zum Rabbiner bestimmt, geriet aber schon in der Jugend in einige politische Affären, wurde nach Konstantinopel zur Rechtfertigung beordert und, da er die Summe nicht aufbrachte, die ihm als Buße auferlegt wurde, geriet er dort in große Gefahr. Deshalb eilte seine Schwester von Syrien nach Konstantinopel. Am ersten Freitag nach ihrer Ankunft tat sie es dem Sultan gleich, indem sie genau nach Art des „Schattengottes auf Erden", umgeben von einer glänzenden Reiterschar, die übliche Selamlik-Prozession zur Sophia-Moschee antrat. Diese Methode hatte Erfolg, und die Schwester konnte ihren Bruder im Triumph nach Damaskus zurückbringen. Diese Eskapade erregte die Aufmerksamkeit Djezzars des „Schlächters", des Kommandanten von Akko und S i d o ri, des Kcrrn über den Libanon, einige Zeit hindurch auch Pascha von Damaskus, der zugleich über Jerusalem herrschte, also wirklicher Herrscher Palästinas war. Haim Farchy wurde Schreiber, Bankhalter, Schatzhalter und Vertrauensmann des Paschas. Djezzar „der. Schlächter" war ein Mann von großen Fähigkeiten. Er erbaute aus den Marmorruinen von Cäsarea eine Moschee, war sein eigener Architekt und Ingenieur. Auch Haim Farchy muß in diesen Dingen einige Kenntnisse besessen haben, denn C3 wird überliefert, daß er sich mit Djezzar darüber fachmännisch auseinandergesetzt habe. Djezzar wurde im Jahre 1775 eingesetzt. Wir erhalten ein Zeugnis von seinen „Qualitäten" durch einen Brief aus dem Jahre 1783, in dem sich die lateinische Kirche in Jerusalem darüber beklagt, daß der Pascha zum regulären Jahrestribut von 14.000 Piastern eine Zugabe von 25.000 Piastern, zahlbar innerhalb sieben Jahren, fordere. Djezzar, der der Geburt nach ein bosnischer Mameluk war, kultivierte in einer Zeit, da das Emblem der Macht Grausamkeit war, herodianischc Verwaltungsmethoden. Da er fand, daß die g-uten Fähigkeiten seiner Beamten mehr Aufmerksamkeit fanden als seine eigene Person, so ordnete er an, daß man Haim Farchy eines Auges und eines Ohres beraube und ihm die Nasenspitze abschneide. ■.v Als Djezzar starb, verstand es Haim, auf dessen Posten Suleiman Pascha zu bi-ingen. Da kamen Haims Glanzzeiten. Suleiman liebte die Bequemlichkeit und seinen Harem. Er übertrugalle Autorität auf den vollbeschäftigten Haim, der Palästina eine Blütezeit wiederzubringen begann. Der „Schlächter" hatte die Hälfte der Bevölkerung aus Palästina entfernt, Haim brachte sie zurück, führte neue Landwirtschaftsmethoden ein und erleichterte die Position der Juden in allen Teilen des Landes. Es besteht die Vermutung, daß Haim messianisehe Absichten hatte. Die jüdische Bevölkerung in Tiberias, Safed und Jerusalem wuchs an Zahl. Akko wurde wieder ein Geschäftszentrum, und Jaffa erlebte eine seiner zahlreichen Renaissanceepochen. Palästina blühte, und ein Jude war sein faktischer Herrscher. Aber Haim bereitete sich hier sein eigenes Schicksal. Ali Pascha von Tripolis starb 1815 in Akko, und Haim ermutigte dessen Sohn Abdullah, sich für die Aufgabe der Nachfolgerschaft Suleimans vorzubereiten. In der Tat folgte Abdullah dem Suleiman als Pascha von Akko, Sidon und der übrigen Ländereien und beließ Haim in all seinen Machtpositionen. Eines Tages schlug Abdullah, der seine eigenen außenpolitischen Ideen hatte, vor, die Befestigungen von Akko wieder aufzurichten. Haim opponierte diesem Vorschlag, weil er ihn als gegen den Willen der Pforte gerichtet ansah, und gab trotz Warnungen seiner Freunde den Widerstand nicht auf. Dadurch brachte er sich und das ganze Judentum Kleinasiens in Gefahr. Abdullah hätte seinen alten Beamten und Erzieher gerne geschont, konnte aber nicht des Gedankens Herr werden, daß Haim, und nicht er der wirkliche Beherrscher Akkos sei. Er rief seinen Polizeischef zu sich und ordnete die Tötung Haims an. Der Polizeichef, so erzählt man sich, weigerte sich anfangs, betrat aber auf einen nochmaligen Befehl hin den Raum Haims und warf ihn nach .einer Debatte zum Fenster hinaus, wo er mit gebrochenem Genick liegen blieb. Der Polizeichef schleifte dann gemäß dem Befehl seines Auftraggebers das Opfer zur Küste und warf es ins Meer. Das geschah am 20. August 1820. Drei Tage später wurde die Leiche an die Küste gespült. Abdullah verweigerte den Juden von Akko die Erlaubnis, den toten Farchy zu bestatten. Er ließ den Leichnam in einen Sack stecken, den er mit Steinen belud, und im Meer versenkte. Er konfiszierte auch Farchys Hab und Gut. So endete die Herrschaft eines Juden, der zum ersten Mal seit Bar Kochbas Zeit Palästina regierte. Äks der Filmwell Heute „Die Canaille" Heute findet im Gartenbau-, Kärntner-, Busch-, Haydn-, Kolosseum- und Votivpark-Kino die Premiere des großen französischen Filmwerkes „Die Canaille" statt, das um eine seltsame Liebesgeschichte, deren Hauptfiguren ein Pariser millionenreicher Arzt und ein Mädel vom Rummelplatz sind, ein interessantes psychologisches Problem gestaltet. Das Werk zeigt alle charakteristischen Merkmale das französischen Films und ist von Künstlern geschaffen, deren Namen internationalen Klang genießen, wie Anatol Litvak als Regisseur, Curt Courant als Kameramann, Andrej Andrejev als Architekt und Harry Baur, Alice Field und Pierre Blanchard als Hauptdarsteller. Der Film, der in Berlin und anderen Großstädten Europas ein ganz großer Erfolg war, erscheint in Wien in der Originalfassung mit deutscher Beschriftung. der Wien: „Die gelbe Lilie"; Theater Stephanie, II., Tacorstraße 12: Ab Freitag, den 29. Juni, kurzes Gastspiel Alex Stein in „Rabbi Silber". Karten von S 1 bis 3.50. Tanzvorführung Jehudith Berg. Samstag, den 30. Juni, 4 Uhr nachmittags findet im Palais Ratibor, I., Singerstraße 16, eine einmalige Tanzvorführung der Warachauer jüdischen Tänzerin Jehudith Berg vor einem geladenen Publikum statt. Auf dem Programm stehen palästinensische, chassidische und groteske Tänze. Die Musik stammt von dem bekannten Komponisten Hcnoch K<ohn, der die pianistische Begleitung übernommen hat. Jüdische Kunststelle II., Aspernbrückengasse 2, Telephon Ii-48-2-yi. Den Mitgliedern stehen ermäßigte Karten für folgende Theater zur Verfügung: Bundestheater; Scala: „Die Wildente'; Deutsches Volkstheater: „Das kleine Cafe"; Raimund-Theater: „Straßenmusik"; Theater an Hotel-Restaurant Srnetana-Luhacovice 60 Zimmer mit kaltem und warmem fließendem Wasser. — Erstklassiges Restaurant und Cafö. — Streng rituelle Küche. — Befchaus im Hause. — Angemessene Preise! „Bund jüdischer Frontsoldaten Oestearc sdfis' Am 21. Juni fand in Eisenstadt die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel für die im Weltkrieg Gefal lenen der jüdischen Gerneind e statt. Auf einer .schlichten schwarzen Marniortafel an der Tempelmauer .stehen '20 Namen der Blutopfer, welche diese kleine Gemeinde dem Vaterlande brachte. Die Feier fand unter militärischer Assistenz einer TChrenkompagnie des Feldjägerbataillons Nr. 1 (ehemals I. lt. 76) mit Fahne und Musik, einer Khrcnkompagnie des Bundes jüdischer Frontsoldaten mit Fahne und eines Zuges der ßurgenländischen Landesschützen im Beisein zahlreicher Persönlichkeiten statt. Landeshauptmann Ing. Sylvester hielt eine Ansprache. Er erklärte, seine Anwesenheit bei dieser Feier entspringe hauptsächlich der Freude darüber, daß es gerade die jüdische Gemeinde sei, die clic Toten des Weltkrieges ehre. In einer Zeit, die viele Vorurteile gegen die Juden hege, ist diese Tafel ein Zeugnis dafür, daß die Juden das Verständnis haben für das größte Opfer, das Blutopfer der Vaterlandsliebe. Es hielten Ansprachen: der Landeiführer der burgenlandischnn Landesschützen Landesrat Ing. S t r o b e I, Direktor Schuirfit Alois D e r f 1 e r in Vertretung des Kameradschaftsverbandes der 70er, der BundesfülircrstellVertreter des B. .1. F. Diplornkmifmunn S t i a ß n y und von .leiten der Eisenstädter Gemeinde der Bürgermeister Gabriel, der Oberrabbiner S c Ii 1 c s i n g e r, Dr. Franz R e i c h. der Präsident der Kultusgeiucinde, S n Ii n o id e r, und der Führer der Ortsgruppe des B. J. F. Oberlehrer Ger ö. Der Jüdisch-akadeniiKche Techniker-Verbund führl :nir)\ heuer wieder sein bekanntes Ferienlager in llvar (Dalmatien) durch. Dauer drei Wochen, Abfahrt am 29. Juli. Im Preis von S 135.— sind inbegriffen: Fahrt hin und zurück, Verköstigung, Wohnung, Kurtaxe usw. Nähere Auskünfte jeden Dienstag und Donnerstag von 6 bis 7 Uhr, Wien, IX., Älscrstraße 26. An die Freunde und Leser des Blattes! 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Anfragen und Wünsche, welche diese Rubrik betreffen sind an die Verwaltung des Blattes, IX., Universitätsstraße 8, Telephon A-20-2-78, zu richten. Israelitischer Jugendgottesdienst. Feierlicher Schluß-Jugendgottesdienst für Volks-, Haupt- und Mittelschüler (Schülerinnen). Samstag, den 30. Juni 1934, um 3 Uhr nachm. findet in allen Gemeinde- und Bezirks- Synagogen der feierliche Schluß-Jugendgottesdienst für die Schüler und Schülerinnen der Volks-, Haupt- und Mittelschulen statt. >äe «jjM$e alte Zeit kommt wieder. Immer mehr verfertigt sich heute schon wieder der Backfisch, das Fräulein und die Dame und die Mutter überdies für ihr Kind das Kleid, besonders aus Seiden- oder Wasch-Stoffen, selbst wieder. Diesen Rückkehr zum Familiensinn beobachtet man immer mehr bei Schiffmann, im Warenhaus Aller, die sparen wollen oder müssen. Jeder Leser unseres Blattes kann sich selbst von der großen Bewegung speziell in der Sommerstoff- Abteilung überzeugen. Was dort aber auch alles um Spottpreise zu haben ist, geht über Ihre Vorstellung. Haben Sie zum Beispiel schon gehört, daß man einen Seiden-Woll-Rips in Schwarz, für Paletots, 110 cm breit, um nur S 2.98 bekommt? Schiff mann beweist es Ihnen, daß auch das möglich ist. Das ist nur 1 Beispiel und hunderte andere Gelegenheitskäufe finden Sie noch. Natürlich gibt es noch Bade- und Weekendartikel, Herren- und Damen-Wäsche, Kleider, Mäntel, Schuhe, Hüte, Strümpfe für Damen, Herren und Kinder in so großer Auswahl, daß jeder Anspruchsvolle das Gewünschte finden muß. Beeilen Sie sich, kommen Sie womöglich gleich heute, Samstag, früh, solange Sie noch im „Vollen" wühlen können. Also, Ihr erster Weg heute zu Schiffmann, IL, Taborstraße 48. SfUekecUt t/oit gtwaUdl VERWENDET EURE LEIHE FOR EINE Eigentümer "vcrlwr Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Vcrlags-A.-G. Ignaz Steinmaiin, beide Wien, *" ' ° yaiversitätsatraße 0—8,