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Die neue Welt · 1934-05-31 · Heft 369 (31.5.1934) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 369 (31.5.1934)
Date
1934-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 369 Litauen — das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ♦ 4 ♦ Ein Rekord sondergleichen — Prosperity und Geist vom Parteihaß niedergeboxt — Die fünf Masken der neuen Prosperity und Geist vom Parteihaß niedergeboxt ■ Zivilisation — Zionshaß, Marxistenhaß, Klassenhaß (Von unserem Korrespondenten) Kowno, Mitte Mai 1934. Was kein Mensch für möglich hielt, ist eingetreten: das litauische Judentum unterhält — sage und schreibe —• fünf Tageszeitungen; eine allgemein-zionistische, eine volksparteiliche, eine poale-zionistische, eine revisionistische und eine Abendausgabe der allgemein-zionistischen Morgenzeitung ... Es sei bemerkt, daß das gesamte litauische Judentum insgesamt zirka 180.000 Seelen oder ungefähr 30.000 Familien zählt. Das ist ein „Kulturrekord", der seinesgleichen sucht. Sogar Palästina muß sich vor diesem Rekord beugen, denn dort gibt es gegenwärtig fünf Tageszeitungen auf eine Bevölkerung von 250.000 Seelen. Mancher wird sagen, der litauische Rekord sei auf Konto der hohen Kultur des litauischen Judentums zu buchen. Nun möchten wir keineswegs die Kultur des litauischen Judentums bezweifeln. Die kulturellen Bedürfnisse des national und menschlich hochentwickelten jüdischen Gemeinwesens Litauens sind zweifelsohne hoch. Bs würde aber zu weit führen, das Kulturniveau des litauischen Judentums als Hauptursache der genannten Presseflut hinzustellen. Denn vor fünf und zehn Jahren war das hiesige Judentum ebenso kulturell und national wie heute und trotzdem sind damals sämtliche Versuche der Begründung einer zweiten, geschweige denn einer dritten jüdischen Tageszeitung gescheitert, obwohl die Juden damals viel besser situiert waren, als sie es heute sind. Warum? Warum gibt's heute, in diesen schweren Zeiten, Platz für fünf jüdische Tageszeitungen, dort, wo früher, in viel besseren Zeiten, keine zwei Zeitungen existieren konnten? Die Antwort lautet: Parteihaß. Diesem ist der große Wurf gelungen, der nicht einmal der Prosperity gelungen ist. Die hiesigen jüdischen Zeitungen sind keine Produkte der gesteigerten nationalen Zivilisation, sondern eines exaltierten, mörderischen, bestialischen, jüdischen Parteihasses. Leute sind bereit, beliebige Opfer zu bringen, aber nicht so sehr im Interesse der eigenen Idee, als vielmehr zur Niedermetzelung der gegnerischen. So kommt es, daß jedes Blatt sich mehr mit dem Gegner als mit den eigenen Anschauungen befaßt. Als erste haben sich gegen die bis dahin einzige jüdische Tageszeitung des Landes die a n t i - z i o n is t i s c h eingestellten Jiddischisten aufgelehnt. Dies geschah vor vier Jahren. „Die Jüdische Stimme", die bis dahin vor keiner Konkurrenz scheute, war ein allgemein-jüdisches Organ mit einer gewissen Schwäche für den Weizmannismus. Sie hatte Gegner unter den oppositionellen Zionisten. Da sagten sich die hiesigen Anti- Zionisten: „Was scheren uns überhaupt die Zionisten und der Machlojkess? Wir, die bodenständigen litauischen Juden, haben weder an Weizmann noch an seinen zionistischen Widersachern ein Interesse. Wir müssen ein eigenes Organ haben, das sein Hauptaugenmerk dem litauischen Geburts- und Wohnlande und dessen Juden widmen soll." Nebenbei bemerkt rekrutieren sich diese „bodenständigen Juden, die ihr Hauptaugenmerk dem litauischen Geburts¬ und Wohnlande zuwenden wollen", aus den Kreisen des nach dem Kriege zugewanderten Elements .... So ist das „V o 1 k s b 1 a 11" entstanden. Für seine materielle Basis sorgen einige langhaarige Intelligenzler des 1905- Typus, denen Jiddisch das allerwirksamste Heilmittel gegen alle Uebel der gegenwärtigen jüdischen Existenz ist, ferner die radikal-zionistische Beamtenschaft der hiesigen jüdischen Kredit- und Gesellschaftsinstitutionen, die ihre Aemter bezeichnenderweise den seinerzeitigen zionistischen Autonomieministern verdanken, und schließlich ein paar Geldsäcke, die „herangezogen" wurden, um mit den Revolutionären der zweiten Kategorie in Reih und Glied zu marschieren ... Es ist wirklich interessant, zu betrachten, wie erwachsene Leute in der jetzigen kritischen Zeit davon leben, daß sie die alten, längst verschiedenen Ideen des Jiddischismus, Anti¬ Zionismus und der lokalen Wichtigtuerei mit allen Kräften zu galvanisieren suchen. Ein historischer Anachronismus wurde hier zum Programm erhoben. Das Leben ist manchmal grausam in seiner Ironie: man kann zum Beispiel des öfteren auf der ersten Seite des „Volksblattes" eine Annonce lesen, in der „Genossen" zur Abreise nach Palästina beglückwünscht und aufgefordert werden, dort für die Rechte der jiddischen Sprache zu kämpfen, wogegen auf der zweiten Seite derselben Ausgabe ein Leitartikel über die Schädlichkeit und die Illusion der Palästina-Bewegung zu lesen ist ... . Und doch wird der starrköpfige Zionshaß die Zeitung weiterhin pflegen, mit Ergebenheit, Eifer und Opferfreudigkeit. Denn, wo Haß Platz greift, müssen Tatsachen zurücktreten. Der Kampf der „Jüdischen Stimme", dem Organ des hiesigen „linken Zentrums", mit ihrem antizionistischen Gegner, dem „Volksblatt", dauerte vier Jahre. Freunde des einen und des anderen Blattes warteten mit Sehnsucht auf den Tag, an dem einer der beiden Rivalen der Konkurrenz erliegen wird, weil alle der Ueberzeugung waren, daß es in Litauen nur eine jüdische Tageszeitung geben könne. Natürlich waren die Zionisten dessen sicher, daß diese eine die zionistische sein wird, da Litauen nie tfem Anti-ßionismus die Waffen ausliefern wejtfe; ebenso. klar war es, den Anti-Zionisten, daß die Zukunft ihnen gehöre, da der litauische Jude viel zu gescheit sei, um nach dem Pogrom von 1929 und dem darauffolgenden Passfieldschen Weißbuch dem Zionismus Vertrauen entgegenzubringen . . . Wie so oft, wurden auch diesmal beider Erwartungen getäuscht. Statt daß eine der beiden Zeitungen unterginge, ist — eine dritte erschienen . . . Diesmal eine revisionistische, der „Moment". Seither sind vier Monate verstrichen. Es waren aber vier lehrreiche Monate. Sie lehrten,' daß zur Herausgabe einer Zeitschrift gar kein Können gehört. Bisher pflegte man zu glauben, daß der Begriff Presse mit Wissen und Elementarbildung immerhin etwas zu tun habe. Der „Moment" zeigte, daß dies keineswegs der Fall ist. Letzterer Umstand lockte auch die litauische Poale-Zion (hier Z. S. genannt). Sie sagten sich: ja, wenn sich eine Zeitung auch ohne Kultur machen läßt, wo sind w i r denn eigentlich? . . . Und kaum war diese Frage aufgetaucht, war auch die Antwort da: seit Mitte März hat in Kowno das vierte jüdische Tagblatt, das poale-zionistische „Neue Wort", zu erscheinen begonnen. Ein anderer Titel, zum Beispiel „Das alte Wort", würde dem Inhalte dieses sozialistischen Blattes eher entsprechen. Was die Redakteure dieses „Alt-Neu-Wortes" anbetrifft, so sind sie jetzt Gegenstand einer heißen Debatte: die Journalisten betrachten sie als ganz hervorragende Lehrkräfte, wogegen ihnen die Lehrerschaft faszinierende journalistische Fähigkeiten zuspricht. Inzwischen ist ein fünftes Blatt erschienen: eine Abendausgabe der „Jüdischen Stimme". Gleichzeitig wird die Herausgabe einer sechsten jüdischen Tageszeitung in Aussicht gestellt. Wovon leben all diese neuen Schöpfungen? Vom Haß. Das „Volksblatt lebt vom Zionshaß; der „Moment" vom Marxistenhaß; das „Neue Wort" vom Klassenhaß. Und die ehrwürdige „Jüdische Stimme"? Vorläufig von der Gewohnheit des Leserpublikums, ich glaube aber, daß sich diese als unzureichend erweisen wird. Auch die „Jüdische Stimme" wird sich im Laufe der Zeit nach einem passenden Haß umschauen müssen, falls sie darauf Wert legt, mit der „neuen Zivilisation" Schritt zu halten. Somit ist Litauen mit seinen fünf (demnächst sechs) jüdischen Tageszeitungen in den Kreis der „Länderder unbeschränkten Möglichkeiten" getreten, Was den vereinigten Bemühungen aller jüdischen Kulturträger des Landes — darunter Mapu, Baal Machschowess, dem hebräischen Schulwesen usw. — nicht gelingen wollte, ist seiner Majestät dem parteipolitischen Haß gelungen. Es ist dies ein „Kulturaufschwung", der dem „Stimmungsaufschwung" nach einer reichlichen Dosis Kokain verdammt ähnlich sieht: ein kranker Aufschwung mit kranken Folgen . . . Unsere politische Therapie sollte diesem Problem ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, damit mindestens ein Teil der bösen, kranken Folgen unschädlich gemacht werde. Merkwürdige Übereinstimmung In der vorwöchigen Nummer des Blattes der „Radikalen" Zionisten „Der jüdische Weg" und des Blattes der antizionistischen Union „Die Wahrheit" findet sich folgende gleichlautende „Antwort der Redaktion": „S. S., Döbling. Wir sind leider nicht in der Lage, Ihnen das Ergebnis der Generalversammlung der .Jüdischen Volkspartei' bekanntzugeben. Auch wir haben von Differenzen im Präsidium dieses Vereines gehört. Die beiden Publikationsorgane desselben haben in ihren letzten Ausgaben über die Generalversammlung nichts berichtet. Wenn Sie Vereinsmitglied sind, dann können Sie sich direkt an die Leitung wenden." Wohlgemerkt: Derselbe S. S. aus Döbling wendet sich mit der gleichen Anfrage an ein „radikales" zionistisches und ein antizionistisches Blatt und erhält von beiden gleichzeitig die auf Wort und Beistrich gleichlautende Antwort. Seltener Gleichlaut edler Regungen! Welche der beiden Redaktionen den mysteriösen „S. S. aus Döbling" entdeckt, welche von der anderen abgeschrieben hat, ist für einen Dritten schwer festzustellen. Oder hat der gemeinsame Haß ein Wunder bewirkt? Wir sind in der Lage, dem Herrn S. S. aus Döbling eine erschöpfendere Antwort zu geben. Die Generalversammlung hatte, wie in unserem Blatte bereits mitgeteilt wurde, nur einen Punkt zum Gegenstand: In Berücksichtigung der veränderten organisatorischen Verhältnisse in Oesterreich wird die Bezeichnung „Volkspartei" in „Volksbund" umgewandelt. Der Antrag wurde verlesen, kurz begründet und ohne Debatte einstimmig angenommen. Dann war Schluß. Also eine wenig aufregende Sache. Was aber „Differenzen" in der Leitung betrifft, um welche der radikal-zionistische „Jüdische Weg" und die antizionistische „Wahrheit" so besorgt und geheimnisvoll tun, sei gesagt: Gewiß gibt es fallweise Differenzen, was bekanntlich auch in anderen Organisationen vorzukommen pflegt. Wir sind nicht nur bereit, Vereinsmitgliedern, sondern auch den Radikalzionisten und Antizionisten vom „Weg" und von der „Wahrheit" Rede und Antwort zu stehen, wenn es sich um Dinge handeln sollte, die politische Interessen der jüdischen Oeffentlichkeit tangieren. Die Volkspartei hat nichts zu verbergen* Sie ist Kein Gebeimbuod, " - Juden auf Haiti Von B. Z. Goldberg Haiti, die größte unter dm Antillen-Inseln östlich von Mexiko, ist ein Schutzstaat Amerikas mit französischer Umgangssprache. Dia Einwohner sind zum größten Teil Schwarze. Ich wollte einen Landstrich kennenlernen, wo es keine Juden gibt —■ vergeblich. Ich fuhr nach Haiti mit. dem festen Vorsatz, mich schriftstellerisch nicht zu betätigen, niemanden zu interviewen, kein journalistisches Material zu suchen, keine Studien zu machen. Ich fuhr drauflos, sozusagen ins Blaue, aber , . » Aber kann ein jüdischer Schriftsteller ein fremdes Land betreten, ohne sich darum zu kümmern, was es da mit den Juden gibt? Und so machte ich mich auf, schlenderte durch die Hauptstadt Porte-au-Prince. Die Einwohner, die ich fragte, wußten nichts von Juden und darum wendete ich eint Mittel an: Ich nahm ein Taxi und ließ mich langsam durch das Geschäftsviertel der Stadt fahren, jüdische Namen auf den Ladenschildern suchend. Denn wenn Juden hier leben sollten, würden sie doch nicht mit verschränkten Armen dastehen, sondern — Handel treiben. Ich fuhr also drauflos; immer weiter und tiefer in die Gegend der ärmlichen Geschäfte, der Kramläden für das arme Volk, und erblickte plötzlich ein Schild: Dajan & Mosche Safra. Ich betrat den Laden und grüßte — meine jiddischen Freunde mögen mir darob nicht gram sein — just mit S c h a 1 o m! „Schalom, schalom! Jehudi? Ken?" Weiter istfs mit dem Hebräisch nicht gegangen. Man hätte eigentlich auf eine verständliche Sprache übergehen sollen — auf Französisch etwa. Aber wir verstanden uns. Die Pointe war, daß es in ganz Haiti bloß 25 jüdi« sehe Familien gibt, durchwegs S p a ni o 1 e n. Sie kommen aus Syrien, aus Aegypten, und sie, leben im syrischen Viertel und haben alle die gleiche Branche: Kleidergeschäfte. „Aber wir leben besser als die Syrer", sagte mit! einer voll Stolz, „wir leben in besseren Häusern, in bes* seren Wohnungen, auf einem höheren Niveau." „Und wie kämet ihr her?" fragte ich. „Wir hörten, daß Amerika sich für Haiti inter-« essiert, und glaubten daraus zu schließen, daß das Land sich entwickeln werde. Erst vor acht Jahren sind wir hergekommen, mit der Absicht, uns ein kleines Kapital zu erwerben und wieder wegzugehen — und jetzt sind wir stecken geblieben. Denn wohin sollen wir uns von, hier wenden?" „Wie schaut es mit den Geschäften aus?" In den Jahren 1926 und 1927 war es gut. Seltne]* Wird es immer schlechter." „Und wie steht?s mit dem Judentum?" „Wir haben eine Sefer-Thora und auch Minjan",, aber wir halten nur am Rosch-Haschana und am Jord Kippur Gottesdienst. Eine Synagoge haben wir nicht, Wir: beten in einem Privathaus." „Und Pessach?" „Mazzot essen wir. Wir beziehen sie von New York, aber beten — nein. Unsere Geschäfte sind am PessacÜ offen. Wir müssen es leider", und der Jude senkte hie« bei seine Augen. „Habt ihr einen eigenen Friedhof?" „Nein, den haben wir nicht." „Und wenn ein Jude stirbt?" „Begräbt man ihn." „Auf dem christlichen Friedhof?" „Wir haben keinen jüdischen." „Und Mischehen gibt e3 unter euch?" „Das nicht, absolut nicht. Wir halten uns abseits." Sonderbare Juden, die eine Mischehe fast wie eine Taufe ansehen, wie Juden leben wollen und auf dem christlichen Friedhof begraben werden, fern von den anderen Juden in der Welt.,» Vereinigung jüdischer Aerzte und Vaterländische Front. Die Generalversammlung der Vereinigung hat mit einmütiger Zustimmung die Mitteilung der Leitung entgegengenommen, daß die Vereinigung im Februar 1. J. den Beitritt zur Vaterländischen Front vollzogen hat. Der Vorstand hat in der anschließenden Sitzung folgende Resolution angenommen: „Dio Vereinigung jüdischer Aerzte hat mit Befriedigung von der neuen Ver^ fassung Kenntnis genommen, in welcher die Gleichheit aller Bundesbürger verankert ist. Die Vereinigung jüdischer Aerzte gibt der zuversichtlichen Erwartung Ausdruck, als Vertreterin eines numerisch großen Teils der öesterreichischen vaterlandstreuen Aerzte, nunmehr zum berufsständischen Aufbau ihrea Standes mit herangezogen zu werden." Pension .Austria' Kinderheim Vöslau (OLGA KAOISCH) JägormayerstraQe 15 Telephon Nr. 141 Für Dauer- und Erholungsau/enthalt Jeder Unterricht im Hause, auch Nachhilfe für öffentl. Schulen besuchende Kinder. Pädagogisch einwandfrei« Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin. Erstklassig! Verköstigung. Mütterlich« Pflege. HHOlfl« Preiief

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