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Die neue Welt · 1934-05-15 · Heft 365 (15.5.1934) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 365 (15.5.1934)
Date
1934-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DBB NETTE WELT Nr. 365 Nationaljuden. Die meisten Gesetze haben diese vier Stufen durchlaufen. Viele Fassungen ein und desselben Inhalts lassen sich nur durch diesen Umstand erklären. Selbstverständlich haben auch die Fteiertage diese Entwicklung durchgemacht: Der Naturfeiertag, der Hirtenfeiertag, der Bauernfeiertag und schließlich der Nationalfeiertag. Es ist daher unstatthaft, in einigen Gebräuchen wegen ihrer verschiedenartigen Gestalt heidnischen Ursprung sehen zu wollen. Sie sind Rückstände einer Weiterbildung innerhalb des Judentums selbst. Es galt z. B. Schewuoth dem Naturjuden der Beginn der heißesten Jahreszeit, dem Hirten der Anfang der Schafschur, dem Bauern der Beginn der Weizenernte, dem Nationaljuden aber als Anfang der Gesetzgebung. So wird, was zuerst nur Dingen des Alltags diente, zu etwas Ehrwürdigem. Und doch bilden die vier grundverschiedenen Ausgangspunkte eine Einheit: Ordnung, Gesetz. Unterscheidung der Jahreszeiten, hygienische Behandlung des Viehbestandes, rechtzeitiges Einbringen des Getreides und schließlich Ordnung und Gesetz auch in nationalen Belangen: Eine gesunde und rechtzeitige Stellungnahme zum eigenen Volkstum. Im alten Israel unterstützten einander bei Verrichtung des Gottesdienstes der Laie, der Levite, der Kohen und der König. Ursprünglich wird es aber wohl anders gewesen sein. Der Naturmensch opferte selbst, war selbst Priester. Der Hirte übertrug das Priesteramt einer besonderen Familie, den Leviten. Diese durften daher keinen Besitz haben, um durch keine häusliche Sorge vom göttlichen Dienst abgehalten zu werden. Der Zehent, den sie erhielten, war wicht ausreichend. Daher gaben die Bauern dem Kohen bereits eine beträchtliche Hebe. Das aus den zwölf Bauernstämmen zusammengeschweißte Volk übertrug schließlich den Bau des Gotteshauses seinem König. Laie, Levite, Kohen und König, die in den jeweiligen Epochen die einzigen Gottesdiener waren, verrichten nun den Gottesdienst nebeneinander, in ihren Funktionen geteilt. So hat das jüdische Volk in seinem Gesetzbuch alte Erinnerungen miteinander verbunden. Und da mit der Entwicklung dieser Gesetze sich auch das jüdische Volk entwickelte, ist aus diesem Gesetzbuch — der einzige Fall in der Literaturgeschichte — auch ein Geschichtsbuch geworden. Ein Gesetz ■ ein Volk. Vaterländische Fron* — „Weisen von Zion" Die „Vaterländische Front" ist in Oesterreich zur politischen Organisation aller staatstreuen Bürger ausgestaltet und mit Vorrechten vor allen anderen Körperschaften ausgestattet worden. Sie umfaßt heute auch jüdische Korporationen und viele jüdische Einzelpersonen, welche ihr, dem Rufe der Regierung folgend, beigetreten sind. Nun finden sich in der letzten Mainummer des offiziellen Mitteilungsblattes der „V. F." Auslassungen, an welchen man nicht achtlos vorbeigehen darf. Unter „Buchbesprechungen" wird vorerst für das radikal-antisemitische Buch „Judaismus, der weltgeschichtliche Gegensatz zum Christentum" von Anton Orel Stimmung gemacht, dann aber eine Besprechung gebracht, welche eine Anpreisung der schändlichen „Protokolle der Weisen von Zion" darstellt. Sie lautet: „Das Judentum und der Schatten des Antichrist" von Pfarrer Gaston Ritter. Pfarrer Ritter wagt sich an das Thema der bekannten und immer noch zu wenig bekannten „Protokolle der Weisen von Zio n", von deren Entstehung, Leugnung und Gegenbeweis er berichtet. Nun bringt er an Hand der Tatsachen und in ständiger Parallelbetrachtung zu den Plänen der „Protokolle" den Beweis der praktischen Durchführung der Pläne, so daß es für jeden Klardenkenden unmöglich wird, die „Prototokolle der Weisen von Zion", dieses von staatsmännischer Klugheit und tiefer Kenntnis der menschlichen Natur zeugende Dokument, als „Erfindung eines verrückten Antisemiten", „Ausgeburt eines wahnsinnigen Hirnes", „Völkische Verbrechermethode" usw. zu bezeichnen, wie dies von den Interessenten der Verheimlichung sowie trägen und naiven Nicht- Juden getan wurde, die an die Apokalypse nicht glauben noch denken wollen. Die Schlußfolgerung, die Pfarrer Ritter aus dem Thema dieses Büchleins zieht, ist die einzig mögliche: Anzuerkennen den großen Weltkampf Satans gegen Christus, der von Menschen ausgefochten wird, und bewußt einzugreifen durch Anziehen der Waffen des Glaubens... ,Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich', spricht Christus selbst!" Es erübrigt sich wohl, über den Eindruck eines solchen Mitteilungsblattes (welches allen Mitgliedern der „V. F." übermittelt wird) auf die Stimmung der nichtjüdischen und auf die Gefühle der jüdifißhen Mitglieder viel zu sag$j, Ofene ägn - Führern der „V. F." die Verantwortung für die Urheberschaft an diesen „literarischen" Mitteilungen anlasten zu wollen, muß erklärt werden, daß solche Ausfälle untragbar sind. Das Verhältnis der „V. F." zu den jüdischen Staatsbürgern muß restlos geklärt, seine Gestaltung darf nicht anonymen Organen Überlassen werden. Nicht umsonst hat die Organisation der volksbewußten Judenschaft, die „Jüdische Volkspartei Oesterreichs", von allem Anfang an rückhaltlose Klärung durch autoritative Stellen gefordert. Hilters Krieg gegen Kinder und Jugendliebe Für die unglaubliche Barberei, mit welcher in Hitler-Deutschland gegen die Juden vorgegangen wird, legen wohl insbesondere die Verfügungen ein Zeugnis ab, welche sich gegen jüdische Blinde, Krüppel, Taube und vor allem — gegen kleine Kinder richten. Mit Schaudern vernahm einst die Welt die Kunde, daß bei Judenpogromen in der Ukraine betrunkene Kosaken Säuglinge ermordeten. Vielleicht schämten sich die Kosaken, wenn sie nüchtern wurden. In Hitler-Deutschland aber sitzen sehr nUchterne und gelehrte Beamte an Schreibtischen und fabrizieren Erlässe, welche dahin gehen, kleine, hilflose und kranke Judenkinder verhungern und verkommen zu lassen. Wir haben von den Verfügungen berichtet, mit welchen arme und kranke Judenkinder in den Volksschulen von der Ausspeisung und Krankenh i 1 f e ausgeschlossen werden. Jetzt können wir mit einem neuen Erlaß dienen. »iiiiiiiiiiiiiiiiiii ii[iiuiiiiimim[»|i[[i)i[im[imiiiiiiiiiiii)iii8 ALLE ZIONISTEN kaufen oder bestellen Gludcs*KIassenIo$e beim GLUCKSBAUER Wien IV, Favoritenstr. 4, Tel. U-47-5-20 Filiale: II, Leopoldsgasse 25, T. A-46-6-81 m__ Ziehung schon am 23. Mal g\-0cksb^ Aus, Berlin wird gemeldet: Die Stadt Berlin hat die städtische Vormundschaft für niehtarische Kinder niedergelegt and die Zuschüsse für die Er- Ziehung und Erhaltung verlassener jüdischer Kinder, so auch der unehelich geborenen, eingestellt. Die Stadt forderte die Jüdische Gemeinde auf, die Vormundschaften zu übernehmen, andernfalls man die Kinder einfach ihrem Schieksal überlassen würde. Es wird angenommen, daß dieses Beispiel der Stadt Berlin sehr bald von allen anderen deutsehen Gemeinden nachgeahmt werden wird. * Neben den Kindern werden auch die jüdischen Jugendlichen unbarmherzig verfolgt, wenn sie in härtester Arbeit für ihr Leben und ihre Zukunft sorgen wollen. Die Berliner „Jüdische Rundschau" schreibt hiezu': Wie uns mitgeteilt wird, hat die Landesbauernschaft Thüringen des Deutschen Reichsnährstandes eine Verfügung erlassen, die sich gegen die Beschäftigung jüdischer Jugendlicher auf Bauerngütern wendet. Demgemäß wurden eine Reihe von jungen Juden, die bei Bauern arbeiteten, entlassen. Es handelt sich dabei meist um junge Leute, die körperliche und landwirtschaftliche Arbeit lernen wollen, um später in Palästina landwirtschaftlich tätig zu sein. Es ist eine bekannte Tatsache, daß in der jüdischen Jugend das Streben, zur Landwirtschaft überzugehen, sehr stark ist..Leider müssen wir die Erfahrung machen, daß man den Juden vorwirft, nur zum Hand e 1 hinzuneigen, aber wenn ernsthafte Versuche gemacht werden, diese Schichtung zu überwinden, zur Arbeit überzugehen, finden wir wenig Verständnis. In diesem Sinne iat auch ein Artikel des „K o 11ouser Anzeiger" vom 3. Mai zu verzeichnen, der sich heftig gegen die jüdische Siedlung in Gaglow wendet und erklärt, „der interessierten deutschen Bevölkerung haben sich Besorgnis und eine gewisse Unruhe bemächtigt"; weil die „Gaglower Si edel-Juden" die Lausitzer Gartenwirtschaft zu „monopolisieren" streben, und überdies mit Praktikanten arbeiten, die nicht bezahlt werden, sondern seibat noch für die Ausbildung Geld zuzahlen; dagegen müsse man gesetzliche Mittel ergreifen. Amerikanischer Boykott gegen Hitler*Deut$dhIand Große Aktion gegen die Kur- und .Badeorte. — Listen für Ersatz. — Oesterreich fehlt. Von unserem New-Yorker Berichterstatter New York, Anfang Mai. Je konsequenter in Hitler-Deutschland die Verfolgung jüdischer, katholischer und sonstiger dem Regime unbequemer Elemente betrieben wird, je intensiver die tausende Hitler-Agenten unter dem Schutze der reichsdeutschen Botschaft und Konsulate in Amerika hetzen und wühlen, um so stärker schwillt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykottbewegung gegen Hitler-Deutschland an. Sie hat von der Organisation der nationalen Judenschaft, dem von dem Zionistenführer Rabb. Dr. Stefen Wise gegründeten und jetzt von ihm und Präsidenten Bernhard Deutsch geführten „Amerikanisch-jüdischen Kongreß", ihren Ausgang genommen. N_ach Ueberwindung vieler Widerstände, die nicht zuletzt von aeiten der mit Deutschland sympathisierenden und antinational eingestellten jüdischen „Finanzaristokratie" ausgingen, kam es zur Bildung des großen interkonfessionellen Boykott-Ausschusses, welchem neben dem jüdisch-amerikanischen Kongreß die größten Handelskammern, Industrieverbände und Gewerkschaften angehören. Der Tätigkeit dieses Ausschusses ist es zuzuschreiben, daß die »größten, amerikanischen Warenhaus-Konzerne sich genötigt sahen, den Bezug von Waren aus Deutschland einzustellen und ihre Einkaufsbüros in Berlin, Hamburg, Leipzig usw. zu liquidieren. Nunmehr hat Uber Betreiben eines der rührigsten Initiatoren der Boykottbewegung, des^ bekannten New- Yorker Arztes Dr. Josef Tenenbaum, eines gebürtigen Oesterreichers, eine neue Aktion eingesetzt. Sie richtet sich gegen den Besuch reichsdeutscher Kur- und Badeorte. Die Bedeutung dieser Aktion erhellt daraus, daß nach vorliegenden Schätzungen alljährlich über 50.000 reiche und gutbemittelte Staatsbürger zu Kur- und Erholungszwecken nach Deutschland gefahren sind und wohl über 30 Millionen Dollar auf diese Weise ins Land gebracht haben. Der Boykott-Ausschuß gibt Wegweiser für Kur- und Erholungsbedürftige herauB, welche für jeden reichsdeutschen Kur- und Badeort den vollwertigen Ersatz außerhalb Deutschlands angeben. Die unter Leitung Dr. Tenenbaums von ärztlichen Spezialisten verfaßten „Wegweiser" enthalten Beschreibungen der Ersatzorte, medizinisch-chemische Analysen ihrer Quellen und Bäder usw., und werden in vielen zehntausenden Exemplaren verbreitet. Natürlich sind viele amerikanische Ersatzorte angegeben. Aber die Wegweiser beschränken sich nicht darauf, sondern enthalten ein ganz großes Verzeichnis empfehlenswerter Kur- und Badeorte In Europa, deren Einrichtungen mit ebenso großer Sorgfalt geschildert und empfohlen. w^rdejQ. yeber 200 solcher Ersatzorte in Frank«. reich, der Tschechoslowakei, England, Schweiz, Italien, Belgien und Ungarn werden namentlich empfohlen. Als gebürtiger Oesterreicher habe ich zu meinem Leidwesen ein Land in den Verzeichnissen vermißt, nämlich Oesterreich, das doch so viele und so schöne, hochqualifizierte Kur- und Badeorte und Erholungsstätten in herrlichster Umgebung besitzt. Das ist keinesfalls auf eine feindselige Absicht zurückzuführen, denn Oesterreich erfreut sich sonst hier großer Beliebtheit. Eher ist dies auf mangelnde Rührigkeit Oesterreichs im Vergleiche zu anderen Ländern, deren Vertreter und Zeltungen hier eifrig werben, zurückzuführen. Hier scheint ein lohnendes Betätigungsfeld geboten. //Wo bleibt hier die jüdische Kultur?" Diese Frage warf nicht etwa ein nationaler Jude auf, ein Jude, dem es um das Ganze des jüdischen Volkstums geht, sondern der Besucher eines Abends, der vom „Jüdischen Kulturbund in Bayern" veranstaltet wurde. Die Sache war nämlich die: Der Abend des Kulturbundes hatte ein Programm, das aus Schlagerliedern, Tangos, Operettenfragmenten und einer Vorkriegsgroteske bestand. Das Publikum, das gekommen war, um in einem jüdischen Kreis von jüdischen Künstlern jüdische Kunstwerte zu empfangen, sah sich getäuscht; denn auf abgestandene Operettenlieder und sogar auf ausschließlich aus Chopin, Gounod usw. zusammengesetzte ernste Musik war dieses Publikum nicht neugierig. Unter dem Druck der Verhältnisse sahen sich bekanntlich die deutschen Juden gezwungen, Einkehr zu halten, ihrem Assimilationswahn abzuschwören und zum Judentum auch sozial und kulturell zurückzukehren. Und siehe! Der jüdische Kulturbund versuchte, ihnen wieder das „alte Programm" vorzusetzen* So fand sich auf dem Programm: „Guck doch nicht immer auf den Tangogelger hinl" „Ist das nicht romantisch?" Kitschtango. „Für dich, mein Schatz....." Wie man sieht, hat der Jüdische Kulturbund seinen Hörern allerlei zugemutet. Zahlreiche Besucher des Abends haben zweifellos das Erlebnis des nationalen Judentums bereits erfahren. Denn sie unterbrachen, wie aus München berichtet wird, das Programm mit dem spontanen Ruf: „Wo bleibt hier die jüdische Kultur?" Dieser Ruf ist hoffentlich erst der Anfang und wird in den Schluß „Wo bleibt hier das jüdische Volk?* ausklingen.

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