Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 358 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Im Heime der Histadruth, IL, Kleine Mohrengasse 8. Referenten: Dr. Ch. Tartakower, J. Meilen; Gesang: Halpern. Verein für jüdische Geschichte and Literatur in Wien. Montag, den 23. April 1934. im Klubsaal der „Hakoah". L, Wiesingerstraße 11 (Caf6 Atlashof, eigener Eingang. Souterrain), Vortrag des Herrn Obermedizinalrates Dr. Heinrich Haase: „Das Gesetz der Vererbung und erblichen Belastung in der Bibel." Beginn 48 Uhr abends. Eintritt frei. Gäste willkommen; Absehiedsfeler. Anläßlich der A 1 i j a h der zionistischen Jugendführerln und Chaluzah Fella Tüchmann findet am Samstag, den 21. April, um %8 Uhr abends im Saale der Volksbtbliothek „Zion", IL, Kleine Mohrengasse 3, eine Abschiedafeler statt, zu welcher alle Chawerim und Chaweroth des'Bekanntenkrelses herzlichst eingeladen werden. Knltnramt des Jüdischen Hocksehulansschnsses, IX., AUerstraSe S<5. Donnerstag, den 19. d. M.. 8 Uhr abends, spricht Chefredakteur Paul Haller über ..Das geistige Antlitz R« Judentums der Gegenwart". Ort: Chajes-Saal der „Judäa", IX., Alserstraße 26. Gäste willkommen! Der Vortrag des Herrn Dr. Welsl entfällt.__■ Amtliche Verla«tkamn«jcn 4tw Urael* Kulfuggcfneinde Wien« Predigt und Schrifterklärungen in den Gemelndetind Bezirkssynagogen. Freitag, den 20. April 1934, wird Herr Rabbiner Dr. B. Murmelstein bei dem um 6 Uhr 45 Minuten beginnenden Abendgottesdienst in der Vereinasynagoge, XX., Kluckygasse 11, eine Predigt ho2ten. Samstag, den 21. April 1934, beim Hauptgottesdibaste Schrifterklärungen in den Synagogen: XX., , Kluckygasse 11 (Rabbiner Dr.'B. Murmelatein); XXI., Holzmeiatergasse 12 (Rabbiner Dr. M. Roaenmann). Israelitische Jugendgottesdienste. 1. Jugendgottesdienst für Volks-, Haupt- und Mitte 1schüier(innen): Samstag den 21. April d. J., um 3 Uhr nachmittags in allen Gemeinde- und Vereinssynagogen. 2. Besondere Jugendgottesdienste für Mittelschüler u n d -s c h ü 1 erinn en der Unterklassen im II. und IX. Bezirk: Samstag, den 21. April d. J., um yt5 Uhr nachmittags im Leqpoldstädter Tempel, IL, Tempelgasse 5, und in der Vereinssynagoge, IX., MUllnergasse 21. Die Kleiderstelle der FUrsorgezentrale bittet dringendst um Zuweisung von brauchbaren Bekleidungsgegenständen jeder Art, Wäsche, Schuhe usw. für Männer, Frauen und Kinder. Telephonische öder schriftliche Benachrichtigung erbeten an die Fürsorgezentrale der isr.'Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 2, Telephon U-2Q-5-85, welche die Abholung veranlaßt. Rezept für Eheglück I Es ist für viele Frauen meist nicht leicht, mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Hauiahaltungsbudget das Auslangen zu finden. Aber das muß gelernt werden. Denn, wenn die Frau mehr Geld braucht, als' ihr der Mann geben kann,- entstehen Differenzen, die das harmonische Zusammenleben stören. K^uge und erfahrene Frauen wissen sich zu helfen, sie "sparen durch günstigen Einkauf und sichern so den Frieden und das Glück ihrer Ehe. 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Mit Erwartung und Spannung nähert sich der von Warschau kommende jüdische Reisende nach acht- bis neunstündiger Nachtreise der berühmten Stadt. In Wilna wurde schon im Jahre 1487 jenseits des Wiliaflusses ein jüdischer Friedhof angelegt, woraus zu schließen ist, daß damals schon eine ansehnliche Judengemeinde bestand. Im Jahre 1527 erließ deY Polenkönig Sigismund I. für die Juden das Verbot, in Wilna zu wohnen und Handel zu treiben. Die Juden mußten nach anderen Städten übersiedeln. Mitte des XVI. Jahrhunderts bauten einige polnische Adelige Häuser in der Stadt, die der Ratsprechung der städtischen Behörden nicht unterworfen waren: Juden in Wilna konnten sich dort wieder niederlassen. Im Jahre 1573 wurde die berühmte große Synagoge auf dem Schulhof erbaut, 1592 zerstörte der Pöbel das Judenviertel und die Synagoge. Im Jahre 1633 legte man die Rechte der Juden in Wilna fest, es wurde ihnen gestattet, mit Edelmetall, Mänufakturwaren, Vieh und Fleisch zu handeln und das Handwerk auszuüben. Im Jahre 1635 brach ein Pogrom aus, der die Judengemeinde fast vernichtete, im Jahre 1655 kamen die Kosaken unter Hetman Chmielnicki, der aus der Ukraine über Lemberg, Lublin sengend, mordend, brennend hereinbrach: Die Juden mußten flüchten. Im nordischen Krieg 1700 bis 1721 hat Wilna durch Russen und Schweden viel gelitten, besonders durch eine alles verheerende und vernichtende Feuersbrunst und Hunger. Bis 1915 war Wilna die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements Wilna, des russischen Nordweatgebietes, wurde am 5. September 1915 von den Deutschen besetzt und bis Ende 1918 okkupiert. Es kam beim Friedensschluß an Litauen (dessen zeitweilige Hauptstadt es geworden ist, wie einst im späten Mittelalter) und 1920 an Polen. Im heutigen Wilna leben unter 197.000 Einwohnern 56.000 Juden. Der Rest besteht aus Polen, Litauern, Russen und einer kleinen Zahl von Karaimen, die in Luck und Halicz kleinere Gemeinden bilden und im Städtchen Troki bei Wilna ihr geistiges Zentrum haben. . * Unmittelbar nach Verlassen des Bahnhofes in Wilna merkt man, daß die Juden in Jeder Hinsicht der Stadt das Gepräge geben. Am Bahnhof unzählige jüdische Droschkenkutscher und jüdische Gepäckträger, die in einem schönen litauischen Jiddisch ihre Dienste anbieten. Die meisten Hotels sind in jüdischen Händen, auf Hebräisch und Jiddisch werden auf Geschäftskarten die Vorzüge der Hotels angepriesen. Die meisten Geschäfte, Cafes, Restaurants, Friseurläden sind in jüdischem Besitz. Ueberau sind nebst polnischen hebräische Aufschriften, in den Kiosken sind fast 80 Prozent aller Zeitungen jiddisch, und manchen Augenblick glaubt man, sich in Jerusalem zu befinden. Die Stadt liefert den Beweis hoher jüdischer Kultur. ' Nun eine Schilderung der wissenschaftlichen Institute. Zunächst das „Ivo" (das jüdische wissenschaftliche Institut). Hier laufen täglich fast 90 Prozent aller in jiddischer Sprache und 70 Prozent in hebräischer und anderen Sprachen erscheinenden Tageszeitungen, Wochenschriften, Monatsschriften und Zeitschriften ein. Die wichtigsten Artikel werden ausgeschnitten und in spezielle Albums eingeklebt. Im Mu s e um sind Dokumente aus dem Jahre 1860 vorhanden, die die Anfänge des jiddischen Theaters unter Goldfaden und der berühmten jiddischen Schauspielerin Esther Kaminska beleuchten, ferner 138 Briefe vom hebräischen Schriftsteller A. M a p u, die sein Leben und seinen Leidensweg widerspiegeln. Ganz sorgfältig ist ein Tagebuch von Theodor Herzl aus den Jahren 1881 bis 1889, also aus einer Zeit, da Herzl Universitätsstudent war und dem nationalen Judentum noch fernstand. Dieses Tagebuch erwarb ein Freund des „Ivo" in London aus dem Nachlaß von Hans Herzl. Das Tagebuch ist bis heute nicht veröffentlicht. Erschüttert steht der Zionist vor diesem Dokument, in dem der unsterbliche Führer schon als blutjunger. Student über Menschen und Dinge so sichere und reife Urteile fällt. (Das Tagebuch wurde vom Publizisten Salmen Reisen unter nicht ganz geklärten Umständen für Wilna erworben. Wir haben seinerzeit über diese Angelegenheit berichtet. Anm. d. Red.) In Wilna, der Stadt der jüdischen Bücher, wo der „Schass" (Talmud) der Brüder Rom gedruckt wurde, gibt es die berühmte Straszun-Blbllothek, etwa 40.000 kostbare jiddische Bücher, darunter mehrere alte Schassexemplare und Inkunabeln. Die Bibliothek befindet sich auf den Schulhof, in der unmittelbaren Nachbarschaft der alten Schul, und wird vom hebräischen Schriftsteller Ch. Lunsky geleitet. Der Privatgelehrte Straszun, ein streng religiöser Jude, schenkte dem jiddischen Wilna seine kostbare Büchersammlung. Es gibt hier fünf Tageszeitungen in jiddischer Sprache, zwei von ihnen, wie die „Zeit" und „Der Tug", stehen auf einem hohen Niveau. „Zeit" ist ein unparteiisches zionistisches Organ, die älteste, bedeutendste jiddische Zeitung in Wilna, und wird von Lewin Clncinatus und Swerdlln in streng objektiver Art redigiert. „Der Tug" ist ein Organ des jüdisch-sozialistischen, antizionistischen „Bund", von Salmen Reisen redigiert, es folgen „Abendkurier", ein Blatt der jiddischen Masse, „Radjo" und der revisionistische „Frimorgen". Die Richtung der Aguda vertritt das Wochenblatt „Dus Wort". Alles liest jiddische Zeitungen: der Intellektuelle, der Kaufmann, der Handwerker, der „Bai Agule", der Wasserträger, die Marktfrau. In Wilna gibt es ein jiddisches Technikum, das einzige in Europa, zwei jüdische Gymnasien, und zwar eines mit jiddischer und eines mit hebräischer Unterrichtssprache, ein jüdisches Lehrerseminar und eine Anzahl jüdischer Kindergärten. Es gibt ein Anski-Museum, ein Arbeitsinstitut, wo die deklassierte jüdische Jugend beiderlei Geschlechts, Malerei, Tischlerei, Weberei, Schneiderei, Schlosserei und andere Fächer erlernen kann. Wilna hat zwei jiddische Theater, und zwar eines für Drama und eines für Operette. Die berühmte „Wilnaer Truppe", die im Jahre 1919 in Berlin erfolgreich auftrat und dann in der ganzen Welt Triumphe feierte, hat in Wilna zur Zeit der deutschen Okkupation zu spielen begonnen. Herz Großbart, der Rezitator, lebte längere Zeit in Wilna, Abraham Morewski, der bedeutende Schauspieler, stammt aus Wilna. In Wilna gibt es 105 Synagogen, darunter die Schul des Wilner Gaon und die berühmte große Schul am Schulhof aus dem 16. Jahrhundert, ein Kunstwerk der Architektur. In der Schul des Gaon wird der Platz gezeigt, wo der Gaon fünfzig Jahre lang Tag und Nacht Thora studierte und ein auf Wahrheit und Gerechtigkeit aufgebautes Leben führte. Der Platz, auf dem der Gaon saß, ist hellig. Niemand darf ihn benützen. Die Synagogen sind von jung und alt, reich und arm Überfüllt, auch Frauen nehmen mit Interesse an den Gottesdiensten teil. Die religiöse Jugendorganisation „Tifereth-Bachurim", von Herrn Scharafan, dem Mitarbeiter der „Zeit", mitbegründet, die geschaffen wurde, um die jüdische Jugend religiös und kulturell zu erziehen, hat in vielen Städten Polen« Ortsgruppen, versammelt sich jeden Freitagabend In ihrer eigenen Synagoge, um den Vorträgen ihrer Führer über den Wochenabschnitt zu lauschen. Mit dem Gesang ihrer für sie komponierten Lieder schließt der Freitagabend. Man muß unter dieser herrlichen Jugend geweilt haben, um ihre unvergeßliche Begeisterung mitzuempfinden. Ein Charakteristikum für das jüdische Wilna besteht darin, daß jede Zunft itire eigene Synagoge besitzt. Es gibt eine Schneider-, Schuster-, Tischler-, Schlosser-, Töpfer-, Weber-; Gerber-, Kutscher- und Markthändlerschul. Man findet unter den einfachen armen Menschen, die physisch schwer arbeiten, Talmudkenner, deren Wissen manchem Rabbiner aus Westeuropa zur Ehre gereichen würde. Ein Ereignis ist ein Besuch auf dem altehrwürdigen jüdischen Friedhof: Die Gräber des Gaon, um den Legenden gesponnen werden, die der hebräische Schriftsteller Ch. Lunsky liebevoll gesammelt hat, seine Ahnen und Lehrer, das Grab des „Ger Zedek" Graf Potocki, der vor 184 Jahren zum Judentum übertrat und am Scheiterhaufen verbrannt worden ist. In Wilna-lebten hervorragende jüdische Persönlichkeiten. Das religiöse Judentum hatte den Gaon und andere Thoragrößen. Dem weltlichen Judentum gab das jiddische Wilna I. L. Gordon, Mark Antokolski und andere. Mapu und Schneur wohnten zeitweise in Wilna. Im jüdischen Ghetto, den schmalen Gäßchen, wo so viel Not und Elend zu sehen ist — berühmt sind das sogenannte Kohlengäßchen und das Gäßchen, wo mit alten Sachen gehandelt wird —, gibt es Gassen, die jüdische Namen tragen, u. a. eine Gaongasse. Es ist bewunderungswürdig, wieviel Interesse diese Menschen trotz Hunger und Elend für Bildung und Wissen haben und wie gastfreundlich sie sind. Die Orthodoxie Wilnas repräsentiert der Gaon Raw Oser Chaim Grodzenski, eine vornehme Patriarchengestalt, der nach dem „Chofez Chaim" als die größte Talmudautorität jn der ganzen Welt gilt. Die zionistische Organisation repräsentiert die stärkste Partei im Wilnaer Judentum. Die größte Fraktion sind die Allgemeinen Zionisten, es folgen die Poale-Zion- Hitachduth, die Revisionisten, der Misrachi und die Judenstaatspartei. Entsprechend stark sind die Jugendorganisationen dieser Parteien. Der Führer des Misrachi ist der gewesene Senator Raw Rubinstein, der Führer det Allgemeinen Zionisten ist Dr. Wygodzki. Der „Bund" und die jiddischistlsche Bewegung, von Salmen Reisen geführt, sind ziemlich stark. Die Folkisten werden von Dr. Schabad geführt, stellen aber nur eine kleine Gruppe dar. Die Aguda zählt zu ihren geistigen Führern den Gaon Raw Grodzenski, Raw Schub ist Leiter von 38 kleinen und 22 großen Jeschiwoth in ganz Polen, darunter von Radom, wo der „Chofez Chaim" lebte und wirkte, und die weltberühmte Jeschlwah von Mir. Mit Wehmut verläßt man diese zwar arme, aber geistig hochstehende, stolze, kulturell vornehme, gastfreundliche Patrizierstadt, die Stadt, die ein Recht darauf; hat, sich das litauische Jerusalem zu nennen. j LESET UND VERBREITET //DIE NEUE WELT"! 1—3 Zimmer unmöbliert, sofort zu vermieten. III* Bezirk/ Anfragen 2—3 Uhr. Tel.B-54-7-40. Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 1932: Versicherungsbestand S 2.728,000.000,—• Prämien- und Zinsen- Einnahmen .»»»»„ 179,000.000.— Garantiemittel . . . . „ ß2T,000.000,— Auszahlungen an die Versicherten » , . . „ €0,000.000,—. Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslovakiflche Repubjlk, Belgien, Holland, Frankreich« Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslawen, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, TUrkei, Tunis und Aegypten. Eigentümer, Verlegen Herausgeber, und perantwortUcher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckeroi- und Verlago-A.-G, Inas SUinmiuui, beide Wien. XX„ UnlvereltÄtsstraße 0—8,