Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 355 (10.4.1934)
- Date
- 1934-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis tO Groschen lahrgang 8 Dienstag* den 10« Af*. Nr+ 355 V. b. b. Zdtnng vom Verleget versende* Journal expediö par renitent*. DIE NEUE WELT REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50. vierteljährig S4.20, RanzjähriR;S 16.-; Polen monatlich Zloty-2.-, vierteljährig Zloty 0.- Tiffi^BkeläichKe 6.-, vierteljährig Kc 15-; Jugoslawien monatlich Dinar 1^eljährig Dinar 40 Ramsen mon«tüch i ei 40 — vierteljährig Lei 120.—: Dentecbland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteliähric iSvtti^tSximmii^l^hn ".-^vierteljährig Lire 14.-: Schweiz und die ü%r igen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, viertel, iähriff Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IXtUniversitat&str.6-8t Tel, B-48-504—ErsdieintDienstag und freilag Wer wird die Juden Oesterreichs vertretein? In kurzer Zeit wird die neue Verfassung Oesterreichs bekanntgegeben und gleichzeitig auch die Frage entschieden werden, welche Personen in die neugeschaffenen gesetzgebenden und verwaltenden Körperschaften zu berufen sind. Es steht schon jetzt fest, daß für den Bundesstaat ein Staatsrat und ein Kulturrat, für die Gemeinde Wien ein Bürgerschaftsrat eingerichtet wird. Die Ernennung der Vertreter wird erstmalig autoritär erfolgen, aber es wird wohl allseits, auch von Seiten der Bundesregierung, als notwendig erachtet, daß vor der Ernennung mit den wirtschaftlichen, ständischen und sonstigen wichtigen Interessengruppen Fühlung genommen wird. Es erscheinen auch seit geraumer Zeit Berichte über diese Fühlungnahme in der Presse. Es ist daher notwendig, die Frage zu behandein, wie die Vertretung der Interessengruppe der Juden organisatorisch, zahlenmäßig und personell beschaffen sein wird. Werden Vertreter der .ludenschaf£ in den Staats- und Kulturrat berufen? Werden jüdische Vertreter in die maßgebenden Körperschaften der Bundeshauptstadt Wien — welche mehr als 80 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung einschließt —, in die „Bürgerschaft" und in die Bezirksvertretungen einbezogen werden? Wieviele werden es sein und wie wird ihre Auswahl erfolgen? Es kann keinen Zweifel über die Notwendigkeit einer jüdischen Interessenvertretung geben. Vom jüdischen Standpunkte aus kann schon in Ansehung der vielfach in der Gesellschaft herrschenden antijIi diseben Tendenzen die Notwendigkeit nicht bestritten werden. Anderseits kann die Regierung, wenn sie vollständige Ruhe und Ordnung schaffen will, nicht darauf verzichten, eine so wichtige Gruppe wie die österreichische Judenschaft in ständiger Fühlung mit den für das Leben im Staate maßgebenden Stellen zu halten. Es wäre töricht und schädlich, leugnen zu wollen, daß in Oesterreich eine Judenfrage existiert und sich a\is ihr große Schwierigkeiten ergeben und in absehbarer Zeit häufig ergeben werden. Eine möglichst gedeihliche Lösung solcher Schwierigkeiten kann nur im Rahmen der verfassungsmäßigen und unter Kontrolle der Regierung stehenden Körperschaften erfolgen. Außerhalb dieses Rahmens, in Versammlungen allein xind gar auf der Straße kann eine gedeihliche Lösung nicht erzielt werden. Es läge auch gewiß nicht im Interesse des Staates, auf die positive Mitarbeit der auf vielen wichtigen Gebieten des Staatslebens bedeutsamen Gruppe der österreichischen Juden, auf ihre positive Mitarbeit in den neugeschaffenen Vertretungskörpern zu verzichten. Für Staat und Judenschaft ist es daher gleich wichtig, für eine den wahren Verhältnissen entsprechende jüdische Vertretung zu sorgen. Aus all diesen Gründen muß das Verlangen nach Anhörung derzuständigen Organisationen der österreichischen Judenschaft vor der endgültigen Erledigung der Frage ihrer organisatorischen und personellen Vertretung im Rahmen der neuen Verfassung erhoben werden. In ihrer letzten Leitungssitzung hat die Jüdische Volkspartei Oesterreichs, die Organisation volksbewußter Juden, zu dieser Frage Stellung genommen. Als Organisation, welche seit Jahrzehnten für die Erhaltung Oesterreichs, für Bereinigung der Judenfrage im Sinne der Auseinandersetzungen von Volk zu Volk, gegen die Teilnahme der Juden an Klassen- und Kulturkämpfen jeder Art unentwegt eingetreten ist, also für den Frieden und die Ordnung in Oesterreich gewirkt hat, fühlt sie sich berechtigt und verpflichtet, zu verlangen, daß ihre Stimme in der für Oesterreich und die Judenschaft hochwichtigen Angelegenheit der Vertretung der Judenschaft gehört werde. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet ^illli!llllll!ll!lllllllllllll!l!l!lll!llll!!l!IIIIIIIIIHIIIIIIII Judcnsidciisj)ci.rici ^iW—och'?-m~i|.# ha?b 9 übr??>ends | ZO g Regiebeitrag iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii im Heim, II, Untere Augoxtcnstfrafje Nr. 38 VORTRAG Thema: Die A.-C.-Sitzung - Krise im Zionismus Referent: Oberbaurat Robert Stricker Die Krise int Zioni§mus besteht weiter Die Opposition gegen die Exekutive geschlossener denn je Die Nachrichten, die über den Verlauf und "den Abschluß der Aktionskomitee-Tagung in Jerusalem durch die „offiziellen" Bulletins der „vertraulichen" Tagung in die Welt gesetzt wurden, haben sich leider als unrichtig erwiesen. Die in der Zionistischen Organisation herrschende Krise wurde nicht beseitigt, die Hoffnungen, die sich an die Aussprache der Zionistischen Exekutive mit den A.-C.-Mitgliedern knüpften, haben sich als trügerisch erwiesen. Wiederum war die linke Exekutive, die ihr Mandat einem zufälligen Kongreßwahlausgang und einer rings um den Arlosoroff- Mord inszenierten Terrorwahlkampagne zu verdanken hat, allen Bedenken der patriotisch gesinnten A.-C.-Mitglieder unzugänglich. Ein Ausgleich der Gegensätze konnte unter solchen Umständen nicht erzielt werden. Das, was die gesamte Opposition für den Aufbau des jüdischen Palästina und für den allgemeinen Frieden als gefahrdrohend bezeichnet und jetzt wieder bezeichnete, nämlich die Vorherrschaft der klassen kämpferischen Histadruth in Palästina und die Beschränkung der Rechte aller dem Klassenkampf fernstehenden zionistischen Gruppen da und dort, das hat die ganze Tagung beherrscht. Auf der anderen Seite wiederum hat das Gefühl, daß die Kräfte der Opposition sich verstärkt haben, Richtlinien für die nächste Zukunft gewiesen. Die letzten aus Jerusalem kommenden Nachrichten der Jüdischen Telegraphenagentur lauten: Im Verlauf der Generaldebatte skizzierte Berl Katznelson, Chefredakteur des „Dawar", das Arbeitsprogramm der Arbeiterpartei und begründete die Notwendigkeit der Aufbringung einer internen Anleihe zur Gewährung langfristiger Kredite für Bodenerwerb und zur Stärkung der nationalen Fonds. Er unterstrich die Gefahr, die in der Einwanderungspolitik der Regierung liege, besonders weil diese Politik auch unter gewissen jüdischen Kreisen (!) Anhänger finde. Die Arbeiterpartei sei bereit, Vertreter des Misrachi in die Exekutive aufzunehmen; Voraussetzung aber müsse sein, daß Religion Privatsache bleibe. Außerordentlich scharf wandte sich Katznelson gegen die Revisionisten, die er anklagte, einen Guerillakrieg zu führen und den Terror organisiert zu haben. Die Arbeiterpartei, schloß er, will Frieden, aber nicht einen Frieden des Dollfußismus, d. h. Vernichtung der Histadruth Haowdim. Als letzter Debatteredner erkannte Kurt B1 um e n f e 1 d die politische Arbeit der Exekutive, besonders in der Frage der Einwanderung, an, er kritisierte aber die Exekutive, weil sie die Bewegung nicht ausgiebig informiere. Er forderte strengste Maßnahmen für Aufrechterhaltung der Disziplin in der Bewegung, aber auch ein Aufhören des Histadruth-Monopols. * In der Plenarsitzung stand die Zukunft des Jewish Colonial Trust (Jüdische Kolonialbank), London, der bekanntlich mit Beginn des Jahres 1934 seine öffentliche Banktätigkeit an die Anglo-Palestine Bank Ltd. in Jerusalem übertragen hat, zur Diskussion. Es wurden Vorschläge geprüft, die darauf hinzielen, den Jewish Colonial Trust als ein neuen Zwecken dienendes Finanzministerium des zionistischen Aufbaues umzuorganisieren. SUnwanderungsaBestimmungen Aus Jerusalem: Um einen rechtzeitigen Abschluß der Aktionskomitee-Tagung zu ermöglichen, wurde für die Nacht vom 3. zum 4. April eine Sitzung eingeschaltet, die der Beratung der Einwanderungsprobleme gewidmet war. Es wurde beschlossen, daß 1. diejenigen, die die hebräische Sprache beherrschen und Beiträge für den Keren Hajessod NACH PALÄSTINA MIT DER COMPASS TOURS OFFIZIELLES PROPAGANDABÜRO DER STADTGEMEINDE TEL-AWIW AM 17. APRIL: Offizielle Messereise AM 30. APRIL: 2. Messerelse mit dem Luxusmotorschiff „Vulcania" über Rom, Neapel, Palermo, Athen, Beirut Weitere Messereisen: 14. April „Ansonia",9. Mai „Tel-Awlw" Für Einzelreisende Schiffskarten zu Originalpreisen Auskünfte und Anmeldungen im Reisebüro Compass Tours, Wien IX, Spitalgasse 3, Telephon Nr. B-42-5-38 und den Jüdischen Nationalfonds geleistet haben, bei der Verteilung der Einwanderungszertifikate bevorzugt werden sollen; 2. daß die Chaluzim, die Zertifikate erhalten, nicht unter 18 und nicht über 27 Jahre alt sein dürfen und eine Hachscharah (Ausbildung) absolviert haben müssen; 3. daß bei der Zertifikateverteilung qualifizierte Arbeiter und Handwerker bevorzugt werden sollen, die zionistischen Gruppen angehören, in denen das Studium des Hebräischen betrieben wird; 4. daß Kleinhändler Einwanderungszertifikate nur dann erhalten sollen, wenn sie ein Mindestkapital von 250 Pfund nach Palästina bringen; 5. daß als Vsrwandte palästinensischer Bürger, die Anspruch auf Zertifikate haben, nur deren Söhne, Töchter, Brüder, Schwertern und Frauen gelten; 6. daß wirtschaftlich selbständige verheiratete Frauen berechtigt sein sollen, auf Grund ihres Zertifikats Angehörige mitzubringen. Ferner wurde beschlossen, die Chaluzim» gruppen der Judenstaatspartei anzuerkennen. Jedes Palästina-Amt muß aus Vertretern alle» Gruppen, die an dem letzten Zionisten-Kongreß teilgenommen haben, bestehen. * In der am 4. April abgehaltenen Sitzung ermächtigte das Aktionskomitee die Exekutive, Verhandlungen zwecks Aufnahme einer großen Anleihe zum Abschluß zu bringen, durch die dieSchuldenf reiheit der Jewish Agency wiederhergestellt und gesichert und die Siedlungen der Agency wirtschaftlich unabhängig gemacht werden sollen. lieber die Wiener Ereignisse — Zertifikate für Oesterreich In der Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees am 4. April spielten die Wiener Februar-Ereignisse mit hinein. Der Leiter des Wettbüros des Hechaluz, Dobkin, brachte eine Interpellation ein, in der das Verhalten der offiziellen Wiener zionistischen Stellen gegenüber den Poale Zion kritisiert und vor allem darüber Klage geführt wird, daß den Poale Zion ihre bisher im Wiener Palästina-Amt innegehabten Mandate entzogen wurden. Als Antwort auf diese Interpellation teilte Berl Locker im Namen der Exekutive mit, daß dem österreichischen Palästina-Amt Einwanderungszertifikate für Palästina so lange vorenthalten werden würden und daß das Wiener Palästina-Amt so lange von der Zionistischen Exekutive nicht anerkannt werden wird, als lücht den Poale Zion ihre Mandate im Palästina-Amt zurückgegeben werden. Eine zweite Interpellation Dobkins bezog sich auf die Haltung der Wiener Zeitschrift „Misrachi", die von dem Misrachisten Malkiel Grünwald herausgegeben wird. Wie Dobkin ausführte, hat diese Zeitung die P o a 1 e Zion und den Hechaluz als Agenten der Zweiten Internationale, die jetzt in Oesterreich verboten ist und nur eine illegale Existenz führt, bezeichnet und ausgeführt: Wir sind froh, daß die marxistischen Zionisten hinausgetrieben wurden, und Wh? hoffen, daß die österreichische Zionistische Organisation sehr bald auch den Hechaluz hinausfegen wird. Die Politik des Bundeskanzlers Dollfuß ist mehr nach unserem Herzen als die Instruktionen der mit der zweiten Internationale verbundenen Shertok und Ben Gurion." Die österreichische Misrachi-Organisation ist vor einiger Zeit von diesen Auslassungen der Zeitschrift „Misrachi" abgerückt. Das A. O. stimmte zu, daß Exekutive und Kongreßgericht eine Untersuchung gegen die Zeitschrift „Misrachi" einleiten. Politisdie Resolution — Zur Einwanderung In der Nacht zum S. April wurden folgende Resolutionen angenommen: Das A. C. erklärt sich gegen die von der Regierung geplante Einführung einer Einkommensteuer in Palästina. — Die Zionistische Exekutive und der Waad Leumi werden verpflichtet, unverzüglich einen Feldzug einzuleiten, daß möglichst alle in Palästina lebenden Juden, die noch nicht Palästina-Bürger sind, sich um die Naturalisierung bewerben. — Für die politische Arbelt der EX^r1*1™ -n London «nd Jerusalem werden weiter« 9000 Pfund bewilligt. www© Forderungen an die Palästina-Regierungt M 1- Alle gegenwärtig in Palästina lebenden Jude* die als Touristen ins Land kamen und sich dann IsJ