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Die neue Welt · 1934-03-13 · Heft 348 (13.3.1934) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 348 (13.3.1934)
Date
1934-03-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Breis tO Groschen lahrgang 8 Dienstag/ den 13* Nitz 1934 Nr« 348 V* b+ b* Zeitung vom Verleger versende! „Journal expedie par Viäitev** REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20, ganzjährig S16.—; Polen monatlich Zloty 2.—.vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei < 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120__; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die üfar igen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50 PERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 6-8, 7 eL B-48-504—ErscheintDienstag undFreitag Gegen die jüdischen Aerzte und Advokaten Wir haben in unserer letzten Montagnummer über die ungeheuerlichen Angriffe des den christlichsozialen Kreisen nahestehenden „Wiener Montagblattes" gegen die jüdischen Aerzte berichtet, welche beschuldigt wurden, systematisch an der Ausrottung der christlichen Bevölkerung durch Förderung der Geburtenabtreibung zu arbeiten. Durch den Umstand, daß das „Wiener Montagblatt" es wagen durfte, so zu verleumden, setzt der mit dem Nationalsozialismus sympathisierende „Oesterreichische Beobachter" die Hetze fort, und zwar in Form eines gemeinen Angriffes gegen die jüdischen Schulärzte. Das Blatt stellt die Behauptung auf, „daß die jüdischen Schulärzte keinen Anstand trugen, unter den fadenscheinigsten hygienischen Vorwänden ganze Mädchcnklasscn sich nackt ausziehen zu lassen, um sie gesundheitlich zu inspizieren". „Die Eltern", — schreibt das Blatt weiter — „die von solchen Untersuchungen vorher hätten in Kenntnis gesetzt werden müssen, erfuhren von der Schmach, die ihren Kindern durch diese polnischen Juden angetan wurde, entweder überhaupt nicht oder erst hinterher durch die Kinder selbst." Diese Dinge seien in einer am 1. März abgehaltenen Gesamtkonferenz der Wiener Katecheten zur Sprache gekommen. Bundeskommissär Richard Schmitz, welcher der Konferenz beiwohnte, versprach, dieses „derart verseuchte Schulärztekollegium der österreichischen Hauptstadt zu säubern und für Ersatz der jüdisch-marxistischen Aerzte zu sorgen". Der Artikel, der auf der ersten Seite der Mittagsausgabe des „Oesterreichischen Beobachters" groß aufgemacht und in Fettdruck erschienen ist, trägt den Titel: „Ersatz lür die polnischen Juden im Wiener Schulärzte-Kollegium" und schließt mit folgendem Versprechen an die nichtjüdischen Aerzte: „Die christlichdeutsche Aerzte Schaft Wiens wird nicht zögern, die hoffentlich recht rasch entstehenden Lücken mit ihren bewährten Kräften zu besetzen." Daß die Sache nichts anderes ist, als eine durch nichts begründete antisemitische Hetzkampagne gegen die Juden und jüdischen Aerzte, geht schon daraus hervor, daß kein Arzt ohne Wissen eines Schulorgans irgend eine Verfügung in der Schule treffen kann und folglich die beschuldigten Aerzte die ihnen zur Last gelegten Maßnahmen gar nicht durchführen konnten. Bei den ärztlichen Inspektionen sind gewöhnlich Hilfsschwestern zugegen, die die Eintragungen machen, in der Kegel auch der Klassenvorstand und der Turnlehrer. Entlassungen jüdischer Aerzte und verfassungswidrige Abschreibung ihrer Stellen Aus Linz wird uns geschrieben: „Ermutigt und dankbar verfolgen wir Linzer Juden in einer Zeit, da Mannhaftigkeit so selten geworden ist, ■den mutigen Kampf, den Ihr Blatt und die Jüdische Volkspartei für die schwer bedrohte österreichische Judenschaft führen. Wie notwendig Ihre Stellungnahme in der jüdischen Aerztefragc ist, beweist schon ein Vorfall, der sich jetzt in Linz abgespielt hat und uns mit schwerer Sorge für die Zukunft erfüllt. Vor einigen Tagen hat der nach Auflösung des Linzer Gemeinderates ernannte Regieru ngskommissär Dr. Nusko alle in städtischen Diensten stehenden jüdischen Aerzte und die einzige jüdische Krankenpflegerin entlassen und ihnen mit sofortiger Geltung die weitere Ausübung ihres Dienstes verboten.. In dem kategorisch gehaltenen Entlassungsschreiben wird entweder gar kein Grund angegeben oder, ohne jede B e g r ü n d u n g, von Verletzung des Standesau sehens gesprochen. Wenn darunter verstanden sein sollte, daß die Entlassenen sozialdemokratisch organisiert waren, so sei festgestellt, daß die n i c h t j ü d i s c h e n, fast durchwegs sozialdemokratisch organisierten Aerzte auf ihren Stelleu belassen w u r d e n. Nur die Juden wurden entfernt, richtiger gesagt: weggejagt. Man hat sich auch beeilt, für Ersatz zu sorgen, In den Linzer Zeitungen ist eine vom Regierungskommissär gezeichnete Ausschreibung der von Juden freigemachten Stellen erschienen, in welcher der Nachweis der Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität gefordert wird. Die Art der Entlassung und der Ausschreibung spricht eine deutliche Sprache.'4 « Wir haben uns überzeugt, daß die in dieser Zuschrift enthaltenen Angaben auf Richtigkeit beruhen. Es ist klar, daß es sich bei den Entlassungen um keine von Objektivität, sondern von Animosität gegen die Juden bestimmte Maßnahme handelt. Zur Art der Ausschreibung sei festgestellt, daß sie verfassungswidrig ist, daß sie die Grundgesetze des österreichischen Staates verletzt. In der österreichischen Verfassung ist festgelegt, daß kein Österreichischer Staatsbürger wegen seines Glaubens, seiner Nationalität öder Rasse von der Bewerbung um öffentliche Stellen ausgeschlossen werden darf. Daher ist die in der Ausschreibung vom Regierungskommissär erstellte Forderung des Nachweises der Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität eine Gesetzesverletzung. Sie verstößt aber auch gegen die in jüngster Zeit seitens der Regierung gegebenen Versicherungen, daß alle Staatsbürger in. Oesterrtechr gleich behandelt werden, ohne Ansehung des Glaubens oder der nationalen Zugehörigkeit. Vor acht Tagen hat Bundeskanzler Dollfuß vor den Slowenen in Villach und gestern vor den Kroaten des Burgenlandes erklärt, daß es Oesterreichs Stolz sei, die vollen staatsbürgerlichen Rechte der Minoritäten auf allen Gebieten zu wahren. Der Bundeskanzler sagte wörtlich: „Unser gemeinsames Vaterland Oesterreich soll auch euer Vaterland sein! Wir wollen in unserem Lande ein Beispiel geben, wie man Minoritätenfragen richtig behandeln und lösen kann!" Wie ist das Vorgehen des Linzer Regierungskommissärs mit diesen ernsten, schönen Worten in Einklang zu bringen? Sollen sie für alle Minoritäten gelten, nur nicht für die jüdische? Profest der judischen Aerzle Die Vereinigung jüdischer Aerzte in Wien hat nachstehende Resolution gefaßt: „Vor wenigen Tagen veröffentlichten zwei Wiener Zeitungen einerseits unrichtige und tendenziös entstellte Behauptungen über den zahlenmäßigen Anteil der Juden an der Gesamtärzteschaft, anderseits unerhörte Beschimpfungen und Verdächtigungen aller jüdischen Aerzte. Den jüdischen Schulärzten werden lüsterne Motive bei der Ausübung ihres Dienstes unterschoben und die jüdischen Aerzte werden insgesamt beschuldigt, systematisch in verbrecherischer Weise auf eine Entvölkerung unseres Vaterlandes hinzuarbeiten. Die Ungeheuerlichkeit dieser Anwürfe zwingt uns, aus unserer Reserve hervorzutreten und unsere Ehre zu verteidigen. Wir werden die Verleumder vor dem zuständigen Forum zur Verantwortung ziehen. Vor aller Oeffentlichkeit aber weisen wir die erhobenen Beschuldigungen und Verdächtigungen mit Entrüstung zurück." Gegen die jüdischen Advokaten Parallel mit der Aktion gegen die jüdischen Aerzte läuft eine gegen die jüdischen Rechtsanwälte. Während erstere von politischer Seite ausgeht, wird letztere von den eigenen Standes genossen, von Rechtsanwälten selbst, betrieben. Vor uns liegt ein Rundschreiben des Verbandes deutsch-arischer Rechtsanwälte Oesterreichs (geschäftsführender Vorsitzender Dr. Viktor Tschadesch, Wien, I., Kärntnerstraße 43, Fernruf R-25-1-20), welches lautet: „Wien, im Februar 1984. Sehr geehrter Herr Kollege! Mit Bezug auf verschiedene der Verbandsleitung Nächste Nummer Freitag früh in doppeltem Umfange. Enthält u. a. die herrliche Er«» Zählung „Marinka" von N. Bialik, neueste Situationsberichte aus aller Welt, Artikel und Glossen, politisch« und wirtschaftliche Palästina-Rundschau usw. Bei Kol* porteuren, in Trafiken und Verschleißstellen, Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet JUDENSTAATSPARTEI VORTRAGE Mittwoch, den 14. März, V29 Uhr abends, im Heim! II, Untere Augarlenslr. 38 HANS KANDL Thema: Thema: Verständigung odernicht? Donnerstag, den 15. März, Va 9 Uhr abends, im Klublokal des Cafe Neptun, XX, Gaußplatz 7 Rabbiner Dr. Z. W. KANN ER Antisemitismus u. Zionismus Gäste willkommen! aus Kreisen der Mitglieder und der arischen, christlich-deutschen Presse zugegangenen Anregungen sieht sich der Vorstand veranlaßt, zu statistischen Zwecken jenes Material zu sammeln, welches geeignet wäre, die Ursachen und Auswirkungen des wirtschaftlichen Niederganges der arischen Rechtsanwaltschaft darzulegen. Zu diesem Zwecke werden Herr Kollege zunächst ersucht, ehegefälligst soche Fälle bekanntzugeben, in denen sich arische Firmen und sonstige Parteien des In- und Auslandes eines nichtarischen Vertreters bedienen, wobei sie krasse Vertretungsverhältnisse dieser Art besonders hervorheben wollen." Wie man sieht, sollen nach reichsdeutschem Muster schwarze Listen aller jener angelegt werden, die es wagen, sich eines jüdischen Anwaltes zu bedienen* Und das tun „Kollegen", die mit den Juden in gemeinschaftlichen Organisationen und Standesvertretungen sitzen. Diesen heimtückischen Angriff gegen jüdische Kollegen erlauben sich Herren, die immer von der Wahrung des Standesansehens sprechen. Wie soll sich da eine Zusammenarbeit von Nichtjuden und Juden in den Standesvertretungen gestalten? Die jüdische Oeffentlichkeit darf da nicht beiseite stehen. Sie muß für die bedrohte jüdische Anwaltschaft eintreten. An die jüdischen Aerzle und Anwälte 2 Es hat sich gefügt, daß in dem von antisemitischer. Seite gegen die österreichische Judenschaft geführten Kampfe die ersten und schwersten Augriffe gegen Aerzte und Anwälte gerichtet werden. Deshalb gehören Aerzte und Anwälte in die ersten Reihen der Verteidigung. Die jüdischen Aerzte und Anwälte dürfen nicht untätig beiseite bleiben und zusehen, wie andere streiten. Das müßte schlecht ausgehen. Jüdische Aerzte und Anwälte! Stützet die jüdische Organisation und die jüdische Presse, die für alle Juden und besonders für eure bedrohte Stellung; kämpft. Tretet der Jüdischen Volkspartei bei! Der Horizont Iiditet §idi Die Juden — solche, die mit objektiver Teilnahme, und solche, die mit zerstörten Illusionen die letzten Gc« schehnisse in Oesterreich betrachten — können nun bei der Bewertung dieser Geschehnisse einige nicht uninteressante Feststellungen machen. Zunächst die eine: Gewisse sozialistische, dem Judentum längst entlaufene Führer, die nun auch der von ihr geführten österreichischen Arbeiterschaft entlaufen sind, gelten jetzt als — jüdische Verräter. Das Judentum muß für sie herhalten. Dazu kommt noch, daß sie jenseits der Grenze, von draußen also, eine theoretische Rechtfertigung ihres Tuns versuchen, um bei dieser Gelegenheit eine Kampagne gegen diejenigen zu | Alle freuen sich auf die delikaten »SCHMIDL'MAZZOTH«

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