Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 345 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diele 30 Groschen lahrgang 8 Freitag, den »♦ März 1934 18^ Nr« 34S V« tn b« Zeitung vom Verleger versendet ~ " pedie par l'editeor^. Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig 5 4.20, eanziähriß S 16.-;Polen monatlich Zloty2.—, vierteljährig Zloty o.-; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, vierteljährig Dinar 40.-; Rumänien monatlich Lei 40 —. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, viertel ährie Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr Igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER. ROBERT STRICKER Redaktion «. Verwaltung: IX, Universitätssir, 6-8, leL B-48-504 — ErscheintDienstag und Freitag REVUE Nädi§te Nummer erscheint Dienstag früh Preis 10 Groschen // Ein „Ultimatum Mit einer Unverfrorenheit, die an Wahnsinn grenzt, hat der berüchtigte Landesinspekteur Habicht (der Leiter der antiösterreichischen Hetze in Hitler-Deutschland) die österreichische Regierung, das Österreichische Volk per Radio wissen lassen, daß er von ihnen, von Regierung und Volk, die Unterwerfung unters Hakenkreuz bis zum 28. Februar verlange, widrigenfalls von diesem Zeitpunkt an die nationalsozialistischen Terrorakte in Oesterreich wieder beginnen würden. Der Wortlaut dieser Radiobotschaft war eine nackte Drohung, in eine diplomatische Formel gepreßt: ein Ultimatum. Der 28. Februar 1934 ist vorüber. Von einer Verwirklichung dieses unerhörten „Ultimatums" spürt man nichts. Man weiß in der ganzen Welt, daß Oesterreichs verantwortliche Faktoren so reagierten, wie es die Ehre, Würde und Prestigekraft eines selbständigen Staates gebietet — mit überlegener Ruhe und wortloser Abwehr. Man weiß auch, daß die ganze zivilisierte Welt diese Haltung Oesterreichs mit höchster Genugtuung quittiert hat. Das ist die Sachlage, das ist die Wirklichkeit. Wenn wir in einem, jüdischen, national jüdischzionistischen Organ eine solche"Betrachtung anstellen, so geschieht das auch aus dem Grunde, um das jüdische Schicksal hier und dort mit der Ultimatum- Angelegenheit zu konfrontieren. Denn man darf nicht vergessen, daß der Vertreter Hitlers in diesem Fall seine drohende Faust gleichzeitig auch gegen die Judenheit aller Länder gerichtet hat, die sich etwa dem hitleristischen Schlachtruf „Hakenkreuzunterwerfung' oder das Leben!" entgegenstellen wollten. Wir Juden sind gerade in der letzten Zeit von ultimativen Forderungen umlauert. Es gibt bei uns selbst Kreise, die ein Aufgehen in der Umwelt, ein Aufgeben der Eigenart als die zweckmäßigste Antwort auf das Ultimatum befürworten. Immer noch finden sich bei uns Elemente, die glauben, daß man mit liebedienerischer Nachgiebigkeit sich einen mehr oder minder befristeten Pardon erschmeicheln kann. Auf der anderen Seite wieder versucht uns das antisemitische Ultimatum an die Wand zu drücken, ja den Lebensraum zu rauben. Die Judenfrage soll am bequemsten so gelöst werden, daß wir an und für sich auf unsere Rechte verzichten, so daß uns eine Gewaltanwendung erspart bliebe. Also Ultimatum über Ultimatum! Unsere Geschichte ist reich an tragischen Epochen. Im Verlauf der Jahrhunderte hat man uns oft ein Ultimatum gestellt. Wir waren mutig und klug genug, ihm die Stirn zu bieten. Jedes überstandene Ultimatum stärkte unsere Lebenskraft, bezeugte unseren Willen, weiter als jüdisches Volk zu wirken. Jeder energische Abwehrakt nahm dem Gegner die Chance, sich bei seinen Attacken auf unsere Hilflosigkeit zu berufen. Die kraftvolle Würde, mit der Oesterreichs Regierung die hitleristische Drohung abwehrte, kann uns ein Beispiel für das Verhalten gegenüber jedem antijüdischen Ultimatum geben. Ein anderes Verhalten bei Angriffen gegen unsere Rechte würde den Gegner nur ermutigen, über uns zur Tagesordnung überzugehen. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet JÜ1»IM€HK VOLK8PABTEI ÖSTERREICHS Mittwoch, den 7. März 1934, um y29 Uhr abends, im großen Saale des Hotel Continental, II., Taborstraße 4 Thema: |>er jüdische Weltkongreß Die Lage der Juden in aller Well Kleiner Regiebeitrag VORTRAG lllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllll Referent: Oberbaurat Ing. Robert Stricker Zum Jüdischen Weltkongreß 4 Weizmann-Zionisten gegen ... Die Vorbereitungen zum Jüdischen Weltkongreß im kommenden August nehmen ihren Fortgang. Alle Gruppen, Organisationen und Kreise, die sich für die Schicksalsgestaltung des jüdischen Volkes verantwortlich fühlen, haben sich zur Mitarbeit bereitgestellt. Nur die amerikanischen Zionisten der Weizmann- Gruppe... Aus New York kommt'die Nachricht, daß die Exekutive der Zionistischen Organisation Amerikas sich gegen die Einberufung des Weltkongresses ausgesprochen hat. Dem Initiator des Kongresses Rabbi Dr. Stephen V/ i s e, dem mutigen Redner auf den Zionistenkongressen, gelang es nicht, das von Louis L i p s k y, dem erweiterten Agency-Mitglied, heraufbeschworene Unheil zu bannen. Die Kampagne gegen den Jüdischen Weltkongreß, die schon in Prag seitens der Weizmann-Zionisten mit den Linken begonnen wurde, hat man nun in Amerika unter Führung Lipskys fortgesetzt. Die Zusammensetzung des Prager Kongresses hat sich nun auch für den Jüdischen Weltkongreß unheilvoll ausgewirkt Misrachi für... Bis jetzt war eine Erklärung des „Misrachi" bezüglich der Teilnahme am Weltkongreß ausständig. Nun liegt eine Meldung aus Jerusalem vor, wonach die Leitung der Weltorganisation der orthodoxen Zionisten „M i s r a c h i" beschlossen hat, sich am Jüdischen Weltkongreß zu beteiligen. Die traditionstreuen Zionisten wissen, was jüdische Pflicht ist, und verstehen auch das Gebot der Stunde. Der Jüdische Weltkongreß ist — mögen sich auch gewisse Kreise, die sich zionistisch nennen, absentieren —• volle Wirklichkeit. (Näheres Seite 2.) Ein §ow|etru§§i§die§ Palästina unmöglich Die Judenkolonisation in Biro-Bidschan. Die Sowjetregierung veröffentlicht soeben einen Bericht über die jüdische Siedlung in B i r o-B i d s c h a n, die vielbesprochene und vielbeschriebene „Judenrepublik" im fernen Osten. Sie wollte, wie man weiß, aus der Legende Wirklichkeit machen und stellte seinerzeit die Bestrebungen für die jüdische Kolonisation in den Bereich des Fünfjahrplanes. Seither sind acht Jahre vergangen, in denen Juden nach Biro-Bidschan gegangen und wieder — zurückgekehrt sind. Unzweifelhaft bestand seitens der sowjetrussischen Regierung — neben dem Versuch, der zionistischen Kolonisation Palästinas ein kommunistisches Paroli zu bieten — die Absicht, große Massen der jüdischen Bevölkerung, der Kleinbürger und Luftmenschen, sozial und beruflich umzuschichten. Viel Energie wurde aufgewendet, viel Geld, russisches und jüdisch-amerikanisches, investiert. Der Erfolg hingegen war sehr gering. Nach jahrelanger Täuschung der russischen und nichtrussischen Oeffentlichkeit mußte die Sowjetregierung bekennen, daß der große Plan mißlungen sei. Dem letzten Bericht ist nämlich zu entnehmen, daß im Jahre 1933 im ganzen 3190 jüdische Seelen, davon 622 Familien und 892 Einzelpersonen, nach Biro- Bidschan eingewandert sind. Nach dem allgemeinen Siedlungsplan hätten im vergangenen Jahre 25.000 jüdische Seelen nach Biro-Bidschan kommen sollen; später wurde im Plan die Einwandererzahl auf 17.000 Seelen herabgesetzt, in der zweiten Hälfte 1933 fixierte man die Zahl der Einzuwandernden auf nur 7000 Seelen. Noch im letzten Jahrcsviertel war geplant, neue 3000 Einwanderer bis Jahresende ins Land zu bringen, es kamen aber statt dessen nur 498 Seelen. Das Organ der jüdischen Kommunisten, ,,Emeas", macht für die Mißerfolge die Siedlungskommission OZET verantwortlich, die sich nur um die Zahl, nicht aber um die Qualität der Einwanderer kümmere. In NACH PALÄSTINA MIT DER COMPASS TOURS OFFIZIELLES PROPAGANDABÜRO DER STADTGEMEINDE TEL-AWIW AM 19. MÄRZ: Osterreise mit dem Luxus schiff „Vulcania" über Rom, Neapel, Athen, Beirut AM 17. APRIL: Offizielle Messereise der Kollektiv- Ausstellung Oesterreichs auf der Levante-Messe in Tel-Awiw unter dem Protektorate der Wiener Handels-u. Gewerbekammer Von 530 Schilling aufwärts Auskünfte und Anmeldungen im Reisebüro Compass Tours, Wien IX, Spitalgasse 3, Telephon Nr. B-42-5-38 Biro-Bidschan selbst seien die Neusiedler schlecht a&,ge» nommen und nicht nach ihrer Eignung oder ihrem bis» herigen Beruf placiert worden. Auch würden die Neusiedler nicht entsprechend mit Wohnung und Nahrungsmitteln versorgt werden, wodurch eine Rückwanderungastimmung gefördert werde. Für das Jahr 1934 sollen 10.000 bis 12.000 Juden nach Biro-Bidschan gebracht werden. Wie klein erscheinen diese eingestandenen Ziffern neben den bombastischen Ankündigungen bei Beginn der Kolonisation! Das, was seitens aller ernsten Siedlungsfachleute vorhergesagt wurde, ist eingetreten: Die Bemühung, Palästina als einzig mögliches Kolonisationsland für das jüdische Volk, für die verelendeten jüdischen Massen zu diskreditieren und herabzusetzen, mußte scheitern. Der Zufall bringt es mit sich, daß ein zweifellos neutraler, gewissenhafter, unvoreingenommener Zeuge und Sachverständiger, der Baseler Professor Hannes Meyer, in einem Züricher Vortrag ein Bild über die Biro-Bidschan-Kolonisation entwirft. Prof. Meyer, führendes Mitglied einer russischen Städtebaubrigade, hat den Fernen Osten aus eigener mehrjähriger Tätigkeit kennen gelernt und speziell in die Biro-Bidschaner Kolonisationsmethoden Einblick gewonnen. In seinem Vortrag führte er u. a. aus: In der Verteilung von Bergen und Ebenen, sowie in seinem Flächengehalt der Schweiz ähnlich, zählt Biro- Bidschan nur zirka 52.000 Einwohner, davon etwa 32.000 Russen, 6000 Koreaner und 8000 Juden. Im Hinblick auf das für das gesamte russische Judentum gestellte Umschichtungsproblem ist der Erfolg zahlenmäßig sehr gering. Das weitab von der menschlichen Kultur und den großen Wirtschaftszentren, zudem in einer gerade heute etwas ungemütlichen Nachbarschaft liegende Biro-Bidschan hat seine Anziehungskraft auf das russische Judentum verfehlt. (Ueber Biro-Bidschans Hauptstadt, Chabar o w s k, wurde im Zusammenhang mit der sowjetrussischjapanischen Kriegsgefahr gerade jetzt der A u s n a h m szustand verhängt.) Zudem ist ein beträchtlicher Teil der jüdischen Einwanderer auch in der neuen Heimat in den alten intellektuellen Berufen und in der leichten Industrie stecken geblieben und sitzt zur Hauptsache in der Stadt, die zu 60 Prozent aus Juden besteht. Auf dem Lande beschäftigen sich die Juden insbesondere mit dem Gemüsebau. Es gibt jüdische Kolchosen (Kollektiv» wirtschaften), wo ausschließlich Juden arbeiten. Um dai landwirtschaftliche jüdische Element zu stärken, hat dfe