Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 344 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 8 Dienstag/ den 87* Februar 1934 DIE HEUL Nr. 344 V« b* b* Zeitung vom Verleger versendet Journal expedie par i'editenr*. sh'blioth *iej|, j REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50. vierteljährig S 4.20. eanziährig S16.-;Polen ^J^^J^J;--', Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.-: Jugoslawien monatifch Dinar 14.-, vierteljährig £'«j*.f&-J Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.-; Deutschland monatlich Mark 1.-, vierteljährig Mark 3.-; Btrtgarlcni monaülch L Lewa 120.-: Mallen monatlich Lire 5.-. vierteljährig Lire 14.-; Schwel* und die übr Igen UUder monatlich Schweu ______ , . .tellährig______ . Lewa 120.—; Hallen monatlich Lire 5.- fährlg Schweizer Francs 4.50 i.-;Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.-; -----------------. _ Raatlal«n monatlich ____Lewa 40.-, vierteljährig Schweizer Franca 1J0, viertel« HERAUSGEBER. ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 6-8,1 et. B-48-S04—ErscheintDienstag undfreitag Der Papst wird zur Judenfrage sprechen London, 21. Februar. (Z. T. A.) In einer Ansprache, die er vor den Mitgliedern der Londoner Loge Bnc Brith hielt, erklärte der bekannte demokratische deutsch-katholische Politiker Prinz Hubertus zu Löwenstein: Der Papst nimmt tiefen Anteil an der jüdischen Frage und ist über die Geschehnisse In Deutschland ernstlich beunruhigt. Ich kann Ihnen aus persönlicher Kenntnis sagen, daß der Vatikan in diesem Augenblick eine Enzyklika über diese Frage vorbereitet, die der Papst unterschreiben wird. Das jüdische Problem in Deutschland, fuhr Prinz Hubertus fort, ist nicht allein für Deutschland, sondern auch für die Welt von umfassender Bedeutung. Das ist der römisch-katholische Standpunkt. Juden und Katholiken müssen zusammenstehen. Der Kampf in Deutschland ist ein Kampf zwischen dem Gottesprinzip und dem Satansprinzip. Die Nazimethoden richten sich nicht gegen eine einzige Rasse oder Religion, sondern gegen die Religion schlechthin. Diktatur beginnt immer mit Angriffen gegen den schwächsten Punkt: das waren in Deutschland die Juden; jetzt aber machen sich die Nazis an die christliche Kirche heran. Dabei dauert die Verfolgung der Juden, wenn auch nicht mehr so öffentlich wie anfangs, an. Ich weiß nicht, w i e viele Juden getötet wurden, aber ich weiß, daß es viele waren. Ich erinnere besonders an den Tod des Dr. Günther Joachim. Ich finde keine Worte, seine Martern zu schildern. Und er ist nur einer unter vielen. Die nicht getötet wurden, wurden erpreßt und v o 11 k o m men ruiniert. Einer meiner besten Freunde erzählte mir, seine Firma, eine jüdische, mußte Insolvenz erklären, da die meisten ihrer Schuldner Nazis waren, die sich weigerten, die Schuld an einen Juden zurückzuzahlen. Die Firma konnte keinen Anwalt finden, der Ihre Vertretung vor Gericht übernommen hätte; denn dies war mit Lebensgefahr verbunden. Hitler, sagte Prinz Hubertus weiter, hat seinen Anhängern ein Paradies auf Erden versprochen, er brachte ihnen aber nur größeresElend; dies wird aber durch gefälschte Statistik verschleiert. Der Antisemitismus, der ein Ventil für das leidende und erregte Volk ist, ist weiterhin eine Säule des Nazisystems. Das Evangelium unterscheidet nicht nach Rasse und Nationalität. Eben erst hat der Papst über ein Buch von Alfred Rosenberg den Bann gesprochen, weil es gegen die Grundidee des Christentums gerichtet ist. Die Behauptung, daß Jesus ein Arier war, ist ketzerisch. In seinem Buch „Mein Kampf" erklärt Hitler, die Nation, die die beste Rasse züchtet, wird einst die Welt beherrschen. Wir nehmen das als Warnung und werden Tag für Tag an das Weltgewissen appellieren, daß nicht im Namen der Rasse getötet wird. Viel Blut, christliches und jüdisches, ist unter der Hitler- Diktatur vergossen worden. Prinz Hubertus zu Löwenstein bemerkte zum Schluß, die Juden müßten für ein jüdisches Palästina kämpfen, denn wird es ein starkes Palästina geben, wird niemand mehr wagen, die Juden anzugreifen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß er nicht immer als Verbannter, sondern einmal von einer deutschen Tribüne zum deutschen Volk sprechen werde. „Ich verspreche Ihnen", schloß er, „daß wir dann den Juden, die in der Front des wahren Deutschland mit uns kämpften, helfen werden, eine Lösung der jüdischen Frage zu finden." Wieder Interviews zur Judenfrage Der Wiener Vertreter des Budapester Blattes „Ujsäg" hat den Führer der österreichischen Heimwehr Fürst Starhemberg über seine Stellung zur Judenfrage und zum Antisemitismus befragt und folgende Antwort erhalten: „Meiner Ansicht nach ist die Judenfrage nicht mit Gewaltzulösen. Alle Juden, die auf nationaler Grundlage stehen und den internationalen Irrlehren nichtfolg e o, kommen überhaupt nicht in Betracht, wenn man von der Judenfrage spricht. Wenn man sie aufwirft, kann man nur an solche Juden denken, . die nicht national sind und sich in das . österreichische Schicksal nicht hineinleben können. Ich wiederhole deshalb: es gibt kein Judenproblem, wenn wir von unseren nationalen j ü d i s c h e n Bürgern sprechen, die ja auch keine Last für den Staat bilden." Gleichzeitig berichtet das Montagsblatt der christlichsozialen „Reichspost" von einem Interview, das Heimwehrführer Fürst Starhemberg dem Vertreter des großen Pariser Blattes „Petit Parisien" gewährt hat. Auch bei dieser Gelegenheit. wurde er um Bekanntgabe seiner Stellung zur österreichischen Judenfrage ersucht. Er anwortete: „Oesterreich will die Juden nicht a u smerzen. Aber es will sich vor ihrer Vorherrschaft schützen." Was die erste Aeußerung betrifft, so deckt sie Sich im wesentlichen mit den Anschauungen, welche auf national jüdischer Seite immer vertreten wurden. Treues Bekenntnis zum jüdischen Volke und treues Bekenntnis zu Oesterreich bilden die notwendige Voraussetzung eines gedeihlichen Zusammenlebens von jüchtjüdisclien und jüdischen Staatsbürgern und die Grundlage für die bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden. Bezüglich der zweiten Aeußerung ist zu sagen, daß eine jüdische „Vorherrschaft" wirklich von keiner Seite gewünscht und angestrebt wird. Darin sind sich wohl alle einig. Aber wenn schon das Wort von der jüdischen Vorherrschaft gebraucht wird, so ist es notwendig zu sagen, was darunter verständen wird. Es gibt Leute, welche von jüdischer Vorherrschaft sprechen, wenn, zufolge der eigenartigen wirtschaftlichen Struktur, in irgendeinem Berufe mehr Juden zu finden sind als dem Prozentzahl entspricht. Es gibt solche, die es als unleidliche jüdische Vorherrschaft empfinden, wenn auf irgendeinem Gebiete die besondere Begabung eines Juden zur Geltung kommt. Und es gibt schließlich auch solche, die den Juden des Strebens nach „Vorherrschaft" bezichtigen, wenn er sich seine Rechte nicht beschneiden lassen und leben will wie alle anderen. Dies alles wird da und dort als „jüdische Vorherrschaft" bezeichnet. Bs geht daher wirklich nicht an, das Wort ohne nähere Erklärung einfach auszusprechen. * Mit Interviews, mit ein paar Zeilen, die man dem oder jenem Journalisten in die Feder diktiert, ist das jüdische Problem in Oesterreich nicht zu lösen. In letzter Zeit ist keine Woche vergangen, die nicht drei oder vier Interviews in der jüdischen Sache gebracht hätte. Groß und breit aufgemachte, und jeder — ob Jud oder Christ — kann sie nach seinem Belieben deuten und aus ihnen herauslesen, was ihm paßt und dem anderen zuwider ist. Dazu kommt, daß die meisten dieser Interviews nicht gegeben werden, um der Judenfrage auf den Grund zu gehen, sondern um ihre gründliche Behandlung aufzuschieben, zu vertagen oder um unbequemen Neugierigen den Mund zu stopfen. In Oesterreich leben über zweihunderttausend Juden, die einen bedeutsamen Faktor im gesellschftliehen und wirtschaftlichen Leben des Staates bilden. Sie verrichten auf den wichtigsten Gebieten der Wirtschaft ehrliche Arbeit und haben ihre Pflicht gegenüber dem Staate immer erfüllt. Gegen diese Juden werden nun, nicht zuletzt unter der Einwirkung Hitler- Deutschlands, von den verschiedensten und nicht einflußlosen Seiten feindliche Pläne entwickelt. Man will den Umbau der Verfassung Oesterreichs dazu benützen, um die Rechte der Juden zu beeinträchtigen, Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh* lieben Notizen sind durch eiD beigefügtes E bezeichnet Nädiste Nummer Freitag früh in doppeltem Umfange. Enthällt u. a. die herrliche Erzählung „Marinka" von N. Bialik, neueste Situationsberichte aus aller Welt, Artikel und Glossen, polltische und wirtschaftliche Palästina-Rundschau usw. Bei Kolporteuren, in Trafiken und Verschleißstellen. und nebenher gehen Bestrebungen, sie nicht nur verfassungsmäßig, sondern rein praktisch, durch Boykott, Ausschließung von Dienst- und Arbeitsstellen aus dem wirtschaftlichen und politischen Leben auszuschalten. Das ist eine sehr ernste, folgenschwere Erscheinung. Ernst für die zweihunderttausend jüdischen Menschen, um deren Existenz es geht. Ernst für den österreichischen Staat, der nur als Rechtsstaat, welcher die Würde und berechtigten Lebensansprüche aller seiner Bürger wahrt, seine Stellung unter den Kulturstaaten behaupten kann. Es ist daher an der Zeit, daß in offener und gründlicher Form an die Bereinigung dieser hochwichtigen Sache herangetreten werden. Wer Verschweigen oder Bagatellisieren der nun einmal aufgerollten jüdischen Frage als die richtige Art ihrer Behandlung ansieht, den täuscht sich. Das britische Koloiualamt gegen die Ostjuden Ein offener Protest Auf eine Anfrage im englischen Unterhaus bezüglich der Einwanderungsbeschränkungen für Palästina-Wanderer antwortete der Vertreter des Kolonialamtes M. MacDonald, daß man ausschließlich gegen solche Personen vorgehe, die nicht erster Klasse fahren und aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Osteuropa und Zentralasien kommen. Dr. J. Brutzkus, der bekannte zionistische Publizist, schrieb daraufhin an die Londoner „Times'* einen Brief, worin es heißt: „Ich habe die Ehre, litauischer Staatsbürger zu sein, Bürger einer osteuropäischen Republik, deren Einwohner sehi' selten erster Klasse fahren und die in die englischen Konsulate nicht die großen Summen hineintragen, die jetzt als Garantie verlangt werden. Sie pflegten schon früher aus religisen Gründen nach Palästina zu fahren, eine heute für sie unmögliche Sache. Noch mehr Empörung ruft die Gliederung der Juden in Ost- und Westjuden hervor. Solch eine Unterscheidung zwischen Bürgern der verschiedenen Staaten in den Mandatsländern steht im Widerspruch mit dem Text und Geist des Paragraphen 22 des Völkerbundpaktes und des Paragraphen 18 des Palästinamandats, welche ausdrücklich jede Benachteiligung eines Bürgers zufolge seiner Herkunft oder Rasse im Mandatsgebiet verbieten . . . Ich wende mich an die öffentliche Meinung Englands, indem ich erkläre, daß das Kolonienministerium nicht nur sich von den schönen britischen Traditionen abgewendet, sondern auch die internationalen Verpflichtungen als Mandatsmacht offen verletzt hat." Die Pariser Flüchtlingshilfe vor dem Zu* sammenbruch Aus Paris: Die seit einiger Zeit in der Pariser Flüchtlingshilfe andauernde Krise ist in ein akutes Stadium getreten. Nachdem das Hilfskomitee für die Flüchtlinge im Verlauf eines Jahres etwa 10 Millionen Francs ausgegeben hat, steht es jetzt ohne alle Mittel da und wird, falls nicht im letzten Augenblick Hilfe kommt, in wenigen Tagen seine Tore schließen müssen, wodann viele hunderte Flüchtlinge ohne Obdach und Nahrung bleiben werden. Das Komitee appelliert an die jüdischen Gemeinschaften der Welt um Hilfe. Seit einigen Tagen wird an gewisse Kategorien der Emigranten seitens des Comite National, an dessen Spitze Baron Robert de Rothschild steht, keine Unterstützung mehr verabfolgt. Viele Flüchtlingsfamilien sind in eine verzweifelte Situation geraten. Zwischen der sogenannten „Deutschen Kommission" | Wer sich was flute* gönnt, kauft »SCHMIDL-M AZZOTH« n J