Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 340 (13.2.1934)
- Date
- 1934-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Prals 10 Groschen fahr gang 8 Dienstag/ den 13* Februar 1934 Nr« 340 V Zeitung vom Verleger Journal expcdi6 par 18? Till. Universitätsbibliothek Wien, I. REVUE jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IXtVniversitätsstr.6-8, lel. B-48-504—ErscheintDienstag undFreitag Ein Wort an die österreidii§dien Juden Der harte Kampf, welchen das von Hitler-Deutschland schwer bedrohte Oesterreich um seine Selbständigkeit führt, ist für die Juden Oesterreich und in gewissem Sinne für das ganze Judentum von entscheidender Bedeutung. Auf dem jüdischen Bürger lastet nicht nur die Sorge um die Existenz und gesunde Entwicklung seines Heimatlandes Oesterreich, ihn belastet auch die Sorge um die Zukunft der Judenschaft, welche in Hitler-Deutschland in unerhörtester Weise verfolgt, jeder Lebensmöglichkeit und der Ehre beraubt wird. Die Erkenntnis dieser zweifachen Verantwortung für die Zukunft Oesterreichs und für die Zukunft unseres jüdischen Volkes — hat unsere Haltung stets bestimmt. Wir haben immer und immer wieder die österreichische Judenschaft aufgefordert, alle auf die Erhaltung eines gesunden und selbständigen Oesterreich gerichteten Bemühungen der Regierung und aller österreichtreueu Elemente aus voller Kraft zu fördern, durch intensive Mitarbeit zu stärken. Wir haben der österreichischen Judenschaft auch immer und immer wieder vorgehalten, daß sie der österreichischen und jüdischen Sache nur dann wertvolle Dienste leisten kann, wenn sie sich vom Getriebe fremder Parteien fernhält und sich unter eigener Flagge, unter der Flagge des jüdische« Volkstums sammelt, wenn sie es ablehnt, die Verantwortung für andere zu tragen, dafür die Rolle der jüdischen Bürger im Staate Oesterreich bestimmt und verantwortet. In den letzten Tagen ist Oesterreich von neuer Erregung heimgesucht worden. Der Auseinandersetzung mit rechtsstehenden Elementen gesellte sich die Auseinandersetzung mit linksstehenden. Die österreichische Regierung ist gegen den bewaffneten Widerstand gewisser Führer und Teile der österreichischen Sozialdemokratie unter Aufwendung ihrer Machtmittel entgegengetreten. Ruhe und Ordnung herrschen jetzt, aber die neuen Vorfälle haben einen tiefen Eindruck auf alle Gemüter hinterlassen. In diesem Augenblicke halten wir es geboten, aufs neue unsere Stimme zu erheben und den österreichischen Juden zuzurufen: „Kämpfet für ein freies selbständiges Oesterreich unter eigener, uuter jüdischer Flagge! Unterstützet alle auf Erhaltung der Unabhängigkeit Oesterreichs und der Ruhe und Ordnung im Staate gerichteten Bestrebungen der Regierung und aller österreichtreuen Elemente. Haltet euch ferne von dem Getriebe fremder Parteien und Gruppen. Nur eine unter dem Zeichen des jüdischen Volkes gesammelte, von fremden Einflüssen freie jüdische Bürgerschaft kann gedeihliche Arbeit leisten: Für Oesterreich und für das Judentum! Die Jüdische Volkspartei für Oesterreich. ■" " ■■■«■■■■■■■■■■MBnnnWBBBHMMB^ Eines der Mittel des Nationalsozialismus zur Vernichtung' der deutschen Juden ist ihre Ausschaltung aus dem Bereiche der Finanzinstitute. Vom Generaldirektor bis zum letzten Rechnungsbeamten hinunter werdeu alle Juden mehr oder minder plötzlich auf die Straße gesetzt. Das ist gewiß hart und trifft die Judenschaft schwer. Aber neben der auf die Verdrängung des Juden als Beamten der Banken gerichteten Aktion läuft parallel eine zweite, die in Bälde noch einschneidender auf das jüdische Wirtschaftsleben wirken wird: die Ausschaltung der Juden als Kunden der Bank, als Kreditnehmer. Jüdischen Firmen und Hausbesitzern wurden Kredite gekündigt, viele wurden dadurch, im günstigsten Falle, zur Liquidation ihrer Betriebe, viele in den Konkurs getrieben. Diese Aktion wird immer merkbarer und trägt unverkennbar den Stempel eines Systems. In erster Linie werden nicht den schwachen jüdischen Kunden die Kredite gekündigt. Im Gegenteil, man zieht die Leute mit gutfundierten Unternehmen vor, und es ist gewiß kein Zufall, daß prompt nach der Kündigung ein Agent bei dem Betroffenen erscheint, mit der Anfrage, ob er seinen Betrieb oder sein Haus zu billigem Preise abzugeben geneigt wäre. Diese Aktion hat schon viele jüdische Firmen in Deutschland zur Strecke gebracht. Aber ganz ungerüstet, wio etwa auf politischem Gebiete, steht die jüdische Wirtschaft dieser Aktion nicht gegenüber. Es Bind kräftige, gesunde Ansätze für eine Selbsthilfe vorhanden. Schon vor einigen Jahren wurde die jüdische Genossenschaftsbank „Ivrla" in Berlin gegründet. Heute gibt es bereits eine ganze Reihe solcher Institute in Breslau, Beuthen, Leipzig, Chemnitz, Stettin usw. und 1 gerade in diesen Tagen wurde der Verband jüdischer Genossenschaftsbanken gegründet, der unter der Leitung des tatkräftigen und großzügigen Förderers der jüdischwirtschaftlichen Selbsthilfe, des früheren jüdischnationalen Gemeindepräsidenten Direktor Georg Kareski steht. Neben den Genossenschaftsbanken gibt es ein Netz von zirka 60 Darlehenskassen. Diese Institute reichen jetzt noch gewiß nicht aus, alle durch die antisemitische Kreditkündigung geschlagenen Wunden zu heilen. Aber nie bedeuten einen guten Anfang. In Kürze wird es Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt» liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichne» in Deutschland eine starke jüdische Kreditwirtschaft geben. Wie liegen die Dinge in Oesterreich? Hier gibt es keine nationalsozialistische Herrschaft und keine Gewaltmethoden. Aber die Merkmale des Bau ku n d Kredit an tisemitis m u s zeigen sich sehr kräftig. Vorerst haben die jüdischen Bankbeamten daran zu glauben. Von allen Abbauaktionen werden vornehmlich Juden betroffen. Von Neueinstellungen sind Juden gänzlich und grundsätzlich ausgeschlossen. Zur allgemeinen antisemitischen Tendenz hat sich der Umstand gesellt, daß zufolge Staatshilfe, welche den Banken gewährt werden müßte, der Einfluß des Privatkapitals auf die Banken gesunken und der Einfluß der Regierung und damit „christlich-deutscher" Tendenzen ungeheuer gestiegen ist. Unter solchen Umständen ist es töricht, zu glauben, daß die Aktion auf die jüdische Beamtenschaft der Banken beschränkt bleiben und vor der jüdischen Kundschaft halt machen wird. Die bis in die höchsten Spitzen hinauf „arisierte" Bankbürokratie wird dafür sorgen, daß die jüdische Kundschaft immer kürzer gelullten und schließlich zu großem Teile ausgeschaltet werden wird. Alles unter dem Motto: „Man muß in erster Reihe den bodenständigen, christlichdeutschen Kaufmann und Gewerbetreibenden schützen und fördern!'* Von diesem Gesichtspunkt aus besehen, ergibt sich, daß die jüdische Wirtschaft in Oesterreich vor einer bedrohlichen Entwicklung steht. Wie ist es nun in punkto Selbsthilfe um die jüdische Wirtschaft in Oesterreich bestellt? Arg. Aerger als arg. Keine Einrichtung, die sich nur auch im entferntesten mit den deutschen Genossenschaftsbanken vergleichen ließe. Eine anständig geführte, ganz kleine Darlehenskasse und eine oder zwei Hilfskassen sind da, sonst nichts. Die österreichische Judenschaft hat immer einiges für Wohltätigkeit übriggehabt, für jüdisch-wirtschaftliche Selbsthilfe nichts. So steht sie den Ereignissen ganz un gerüstet gegenüber. Es ist höchste Zeit, daß die Initiative zur Bildung einer jüdischen Kredit Wirtschaft ergriffen wird, sonst wird das österreichische Judentum, das politisch vor dem deutscheu bevorzugt ist, in wirtschaftlicher Beziehung viel hilfloser dastehen als das deutsche. Die Judenverfolgungen in Deul§diland vor dem Sejm Während der Auasprache über das Staatsbudget 1934 im polnischen Sejm kam unvermittelt die Klage über die unbarmherzigen Zurücksetzungen und Verfolgungen der Juden unter dem Hitler-Regime in Deutschland zum Ausdruck. Im Anschluß daran wurde von den jüdischen Parlamentariern auch Klage gegen die Politik der wirtschaftlichen Ausstoßung, die in Polen gegen die jüdische Bevölkerung geführt wird, erhoben. Als erster jüdischer Redner sprach der Krakauer Oberrabbiner Abg. Dr. J. Thon, der der polnischen Regierung die Anerkennung dafür aussprach, daß sie einen deutlichen Trennungsstrich zwischen sich und der deutschen Regierimg in der Frage der Behandlung der jüdischen Staatsbürger gezogen und auf internationalem Boden offen ihren Unwillen über die barbarische «Judenverfolgung in Deutschland ausge- »prochen hat. Zum Bedauern aber begegne die polnische Regierung in letzter Zeit den Friedensversichertiiigcn Hitlers mit einem Vertrauen, das diese nicht verdienen. Die Regierung muß bedenken, daß die Welt mehr als einmal Enttäuschungen von dieser Seite erfahren hat. Dr. Thon riet der polnischen Regierung zu Vorsicht bei Abschließung des Handelsvertrages mit Deutschland, damit nicht Polen später ein Teil des „deutschen Mitteleuropa" werde. Dr. Thon ging zur Schilderung der innerpolitischen Verhältnisse über und zeichnete ein trauriges Bild der jüdischen wirtschaftlichen Lage. Die jüdische Bevölkerung leidet nicht allein durch die Krise, sondern auch durch die offizielle Politik, die sie aus der Wirtschafts- und Arbeitsfront hinausstößt. Die Regierung geht über die jüdischen Nöte zur Tagesordnung über. Wir Juden, sagte Dr. Thon, arbeiten darauf hin, daß Polen auch auf wirtschaftlichem Gebiet ein mächtiger Staat werde, die jetzige polnische Politk aber ist diesem Streben entgegengesetzt: alle Verstaatlichungsversuche werden faktisch über die jüdischen Köpfe hinweg unternommen. Das polnische Judentum strebt nach Umschichtung seiner wirtschaftlichen Kräfte, leider aber begegnet es keiner Förderung seitens der Regierung. Die Regierung unterstützt nicht die jüdischen Fachschulen, dagegen mischt sie sich in die inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden, der Rabbinate usw. ein. Die jüdische Politik in Polen war stets eine staatliche, zeigte aber gleichzeitig das Bestreben, den eigenen religiösen, sprachlichen und kulturellen Interessen im Rahmen des Staates zu dienen. Von dieser politischen Linie wird das Judentum niemals weichen, niemals aber auch den Kampf um seine Rechte und für Verknüpfung des polnischen Staates mit der jüdischen Gesellschaft aufgeben. Der Abgeordnete Rabbi Lewin forderte Aufhebung der Zwangssonntagsruhe für Juden, Staatskredite für jüdische Kreditgenossenschaften, gleichmäßige Verteilung der Steuerlasten auf alle Bürgerschichten und Aufnahme von Juden als Staatsbeamte. Die jüdische Bevölkerung sei von dem unerschütterlichen Willen erfüllt, für das Staatswohl und die Größe des wiedererstandenen Polen zu arbeiten, aber sie warte auch mit Ungeduld, daß endlich ihre Belange, betreffend die volle bürgerliche Gleichberechtigung, verwirklicht werden. Vergiftet/ erschossen Der hervorragende Mediziner Dr. Hanstein (Berlin-Wilmersdorf), der beste Kenner der Geschichte der Syphilis, war Mitte vorigen Jahres verhaftet und kurze Zeit danach wieder entlassen worden. Am 12. November lag erneut ein Haftbefehl gegen ihn vor. Um sich der nochmaligen Verhaftung zu entziehen, hat sich Doktor Hanstein vergiftet. Dem weltbekannten Professor der Zahnheilkunde Moral aus Rostock, der im Laufe der Jahre viele Lehr ■ auftrage von Universitäten des In- und Auslandes erhielt, wurde auf Grund seiner jüdischen Abstammung vor einigen Monaten die Lehrberechtigung entzogen. Professor Moral hat nunmehr Selbstmord durch Erschießen verübt. fÄlle freuen sidi auf die delikaten »SCHMIPL* M AZZOTH«