Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 336 (30.1.1934)
- Date
- 1934-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIB NEUE WELT Nr. 336 aawalt die Frage, ob es wahr sei, daß die deutsche Regierung von der ägyptischen Regierung die Abweisung der Klage zwecks Verhütung internationaler Komplikationen gefordert habe. Der Staatsanwalt verneinte dies, forderte jedoch gleich darauf Abweisung der Klage, weil der Gegenstand außerhalb der Jurisdiktion des Gerichts stehe. Sidky Bey führte aus, die deutschen Broschüren seien nicht gegen die ägyptischen Juden, sondern gegen die deutschen Juden gerichtet gewesen. Das Gericht schloß sich dem Antrag des Staatsanwalts an und wies die Klage als außerhalb seiner Jurisdiktion stehend ab. Die Kosten hat der Kläger zu tragen. Das Urteil des Gerichts erregte stärkstes Mißfallen der jüdischen Bevölkerung, die eine Verurteilung analog früherer historischer Fälle erwartete. Schärfere Verfolgung der Taufjuden Aus Berlin: Der „Völkische Beobachter" Äiagt darüber, daß den getauften Juden und den Abkömmlingen von getauften Juden eine mildere Behandlung zuteil wird als denjenigen, die dem Judentum treu blieben. „Wenn dies so weiter geht", schreibt der „Völkische Beobachter", werden die christlichen Kirchen mit einem gewaltigen Zustrom von Juden zu rechnen haben, die sich taufen lassen, besser gesagt: eine Scheintaufe vornehmen, um besser behandelt zu werden. Zugegeben, daß manchen aufrichtigen Täuflingen, die im Herzen Christen sind, oder jenen, die aus Mischehen abstammen, unrecht geschieht; aber bei der Durchführung der nationalsozialistischen Rassengrundsätze können nun Ungerechtigkeiten an einzelnen nicht vermieden werden. * In der gleichen Nummer des Blattes schreibt Dr. Wilhelm Grau über den zersetzenden Einfluß des Taufjudentums auch in der Vergangenheit. Er erzählt: „Mit wenig Würde hat Wilhelm von Humboldt, der als preußischer Kultusminister entscheidenden Einfluß auf das Gleichberechtigungsedikt vom 11. März 1812 hatte, Liebesbriefe in hebräischen Schriftzügen, die er eigens zu diesem Zweck erlernt hatte, an die jüdische Salondame Henriette Herz geschrieben, und Schleiermacher und viele andere umwinselten wie Hunde diese J ü d i n." Vom Mordprozeß Arlosoroff Aus Jaffa: Im Untersuchungsverfahren gegen Stavsky und Genossen ist es der Verteidigung gelungen, durch Zeugenaussagen die Behauptung Frau Arlosoroffs, sie hätte bei der Identifizierungsvorführung Stavsky als einen der Attentäter wiedererkannt, zu entkräften. Zu diesem Zwecke wurde von der Verteidigung in der letzten Verhandlung der Detektiv Isaak Steinberg als Zeuge geführt. Er bekundete, Frau Arlosoroff seien 400 Photographien politisch Verdächtiger vorgelegt worden; sie habe drei verschiedene Photographien als Bilder eines der Männer, die den Anschlag auf ihren Gatten verübt haben könnten, bezeichnet, später aber ihre Behauptung, daß die betreffenden Personen im Zusammenhange mit dem Mord ständen, nicht aufrechterhalten können. Richter Rolf B o d i 11 y erklärte auf die Anfrage eines arabischen Advokaten betreffend Ansetzung des Termins des Prozesses gegen die der Teilnahme an den Demonstrationen am 27. Oktober angeklagten arabischen Führer, er werde sich bemühen, das Verhör in der Angelegenheit des Arlosoroff-Mordes Ende Jänner abzuschließen, um dann an die Vorbereitung des Araber-Prozesses schreiten zu können. » Aus Jaffa: Im letzten Verhör sagte der Orthopäde Dr. Joseph Treu aus, er habe festgestellt, daß die an der Mordstelle aufgenommenen Gipabgüsse Stavskya Fußabdrücken nicht ähneln. Heringsdorf wird „judenrein" Aus Stettin: In einem Bericht des „Swinemünder Greif" über eine Veranstaltung der nationalsozialistischen Ortsgruppe Heringsdorf heißt es: „In der Diskussion wurde die Frage angeschnitten, ob Heringsdorf noch jüdische Badegäste aufzunehmen gedenkt. Pg. Bauer erklärte hierzu, daß derjenige ausgeschlossen werde aus der Volksgemeinschaft, der Juden aufnimmt. Heringsdorf wird dieses Jahr ohne Juden sein. Die Presse wird dies durch alle Gaue Deutschlands tragen. Der Gemeindevorstand wird ebenfalls alles daransetzen, Heringsdorf zu einem deutseben Bade zu machen.4' (Heringsdorf war bisher dasjenige Ostseebad, das fast ausschließlich von jüdischen Badegästen, namentlich aus Berlin, besucht war. Die Red.) Zweiter Vortragsabend Herz Großbart findet Donnerstag, am 1. Februar, um 8 Uhr abends im Festsaal des Hotel Continental, II., Taborstraße 4, statt. Vollständig neues Programm.» Karten in der jüdischen Kunststelle, Buchhandlung Rath, II., Taborstraße 20 a, und an der Abendkassa. Purim in Polen! Am 15. Februar 1934 findet, eine billige Fahrt nach Polen statt. Dauer des Aufenthaltes dortselbat bis 4. März 1934. Die Reisenden sind aller Reiseschwierigkeiten der Nachkriegszeit enthoben, da Paß- und Visagebühren gratis! Die Leitung befindet sich in den bewährten Händen des Polnischen Verkehrsbüros „Francopol". Es ist wichtig, sich schon jetzt Platzkarten zu aichern. Näheres: Polnisches Verkehrabüro „Francopol", Wien,, III-, Rennweg 1, Tel. U-26-4-90. Deutschland finanziert die Nazihefze in II. §♦ A* Aus Washington wird berichtet: Die Wühlarbeit der Nationalsozialisten in Amerika, insbesondere unter den Deutschamerikanern, hat eine solche Intensität erreicht, daß die staatsbürgerliche Ruhe bereits gefährdet ist. Wenn auch die amerikanische Presse zahlreiche Beweise für die hakenkreuzlerische Hetzpropaganda verzeichnet und die Aufmerksamkeit der Regierung auf sie gelenkt hat, so erfährt man nunmehr Authentisches aus einem Bericht, den die Einwanderungskommission des Repräsentantenhauses dem Kongreß der Vereinigten Staaten am 23. Jänner vorgelegt hat. Die Kommission kommt zu dem Schluß, daß die nationalsozialistische Wühlarbeit staatsgefährlich sei und eine scharfe Aktion erforderlich mache. In dem Bericht wird festgestellt, daß die nationalsozialistische Tätigkeit von der deutschen Reichsregierung finanziert wird. Die Kommission erklärt, daß die nationalsozialistischen Umtriebe in den Vereinigten Staaten die amerikanische Verfassung bedrohen, und empfiehlt dem Kongreß die Annahme des vom Vorsitzenden der Einwanderungskommission Samuel Dickstein eingebrachten Resolution, wonach der Kongreß selbst eine Untersuchung der Nazitätigkeit durchzuführen habe, um die amerikanische Nation vor den Folgen Staats- und volksschädigender fremder Einflüsse zu schützen. Kongreßmitglied S. Dickstein führte zur Begründung seiner Resolution im Kongreß aus, die Einwanderungskommission habe eine Unmenge Beweismaterial gesammelt, das über die Tätigkeit deutscher Individuen in den Vereinigten Staaten, die als revolutionär und aufrührerisch bezeichnet werden könne, Licht verbreitet. Dickstein bezeichnete die sogenannte „Gesellschaft der Freunde des Neuen Deutschland" als ein „Spionennest" und fügte hinzu, die Einwanderungskommission werde dem Kongreß dokumentarisches Beweismaterial übergeben, das den Charakter dieser Gesellschaft zur Genüge aufklären wird. Dick3tein erklärte weiter, die Einwanderungskommission habe dokumentarische Beweise dafür, daß die Nazis in Amerika eine militärische Bereitschaft aufrechterhalten, eine Art Geheimpolizei organisiert haben und auf amerikanischem Boden Verschwörungen anzetteln. Diese ganze Tätigkeit erinnert an die Wühlarbeit deutscher Agenten im Jahre 1915, als Deutschland die amerikanische Neutralität dadurch verletzt hat, daß es auf amerikanischem Boden eine verschwörerische Propaganda gegen die damaligen Feinde Deutsch" lands geführt hat. Einer der gefährlichsten Agenten war der damalige Gesandtschaftsrat Franz von P a p e n, der jetzige Vizekanzler Hitlers, der bekanntlich wegen seiner Spionagetätigkeit für Deutschland während des Krieges von Amerika ausgewiesen wurde und Washington fluchtartig verlassen mußte. Senator Tyding brachte eine Resolution ein, in der Präsident Roosevelt ersucht wird, eine direkte Demarche bei der deutschen Regierung gegen die Verfolgung der Juden zu unternehmen. In der Resolution heißt es: „Angesichts dessen, daß bei der überwiegenden Zahl der jüdischen Bürger ihr religiöser Glaube oder das Bekenntnis zu ihrer rassischen Herkunft der Grund zu ihrer unterschiedlichen Behandlung ist, obwohl doch die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Rasse nirgendwo in einem modernen Staate ein Grund zu einer unterschiedlichen Behandlung sein darf; daß dafl Deutsche Reich durch ausdrücklichen Vertrag gegenüber den Vereinigten Staaten verpflichtet ist, seinen „Bürgern, die rassischen» religiösen oder sprachlichen Minderheiten angehören", die gleiche Sicherheit vor dem Gesetz und dem Leben wie allen anderen Bürgern an* gedeihen zu lassen. Angesichts all dessen wird der Präsident der Vereinigten Staaten ersucht, in einer Mitteilung an die deutsche Regierung die ernste Hoffnung der Bevölkerung der Vereinigten Staaten zum Ausdruck zu bringen, daß das Deutsche Reich schnell eine Aenderung seiner Politik vornehmen, seinen jüdischen Mitbürgern die bürgerlichen und politischen Rechte, deren sie beraubt wurden, zurückgehen und soweit als möglich das ihnen zugefügte Unrecht auch in materieller Beziehung wieder gutmachen werde." Bisher hat sich der Präsident der Vereinigten Staaten nicht entschlossen, die vom Kongreß verlangte Demarche zu unternehmen. Das einzige, was bisher geschah, war eine ernste Aussprache mit dem deutschen Gesandten in Amerika, Dr. Luther, der selbstverständlich eine Verantwortung Hitler-Deutschlands für die hakenkreuzlerischen Umtriebe ablehnte. Die amerikanische OeffentlichkexC allerdings wartet mit Ungeduld auf energische Schritte der Regierung in Washingtor Sdiöne Worte Die große, der englischen Regierung nahestehende Zeitung „Manchester Gaardian" nimmt sich der verfolgten Juden in Deutschland sehr an. Sie ist unabläs sig bemüht, die Aufmerksamkeit der Kulturwelt auf die Leiden der Juden und das ihnen angetane fürchterliche Unrecht zu lenken. Soeben hat ihr Spezialkorrespondent mit einer neuen Artikelserie über die Judenverfolgungen in Deutschland begonnen und schreibt: „Die volle Wahrheit über die Judenverfolgungen in Deutschland ist nicht bekannt und kann nicht bekannt sein. Und vielleicht wird sie niemals bekannt werden. Alle neuen gesetzgeberischen Maßnahmen sind eindeutig gegen die Juden gerichtet. Es gibt in ganz Europa keinen Vergleich zu den auf diesem Gebiet herrschenden Zuständen. Diese Gesetzgebung würde schon on sich eine Art der schrecklichsten Verfolgungen darstellen. Gewiß, es wird der einzelne Jude vielleicht nicht mehr totgeschlagen, aber sie machen es Tausenden von Juden unmöglich, zu leben. Dieser Zustand ist an der Selbstmordepidemie unter den deutschen Juden schuld." Der Berichterstatter stellt dann fest, daß es Juden ganz unmöglich ist, in irgendeinem Gerichtsverfahren recht zu bekommen. Die Eintreibung einer Schuld von Seiten eines Juden gegen einen Nichtjuden sei ein Ding der Unmöglichkeit. Die Juden hätten alle Pflichten des Staatsbürgers, aber nicht die geringsten Rechte. Dann berichtet er über die Mißhandlungen der Juden in allen Gebieten Deutschlands. Wenn irgendwo etwas Schlechtes geschieht, so wird es nicht bekannt, denn die deutsche Presse darf nicht die Wahrheit sagen. In Hessen z. B. hat die Judenverfolgung eine derartige Heftigkeit angenommen, daß Hunderte von jüdischen Familien gezwungen waren, in den Wäldern ihre Zuflucht zu suchen oder in andere Teile Deutschlands zu übersiedeln. Am schlimmsten steht es in Nürnberg, wo auf Grund der Hetze der Wochenzeitschrift „Stürme r", die von dem berüchtigten Naziführer Streicher herausgegeben wird, täglich zu neuen Ausschreitungen angereizt wird. Die Verfolgung ist von oben herab organisiert. An der Spitze der Reichskanzler, dann kommen die Unterführer, dann die Studenten, die kleineren Ladenbesitzer und die Braunhemden. Die Wirkung dieser im Interesse der Juden vorgebrachten Anklage aus englischem Munde wird allerdings beeinträchtigt, wenn man von den gleichzeitig getroffenen Maßnahmen der englischen Regierung mit Bezug auf die verfolgten Juden erfährt. Die englische Regierung hat wieder erklärt, daß sie die Tore Palästinas den verfolgten Juden nicht weit öffnen kann. Und aus Genf wird gemeldet: Die englische Regierung hat dem vom Völkerbunde in erster Linie für die deutsch-jüdischen Flüchtlinge errichteten Emigrationsamte mitgeteilt, daß die Zulassung deutschjüdischer Studenten und Aerzte zum Studium an englischen Universitäten und Krankenhäusern nicht mehr erfolgen kann. Man muß der englischen Oeffentlichkeit für die schönen Worte herzlicher Teilnahme am traurigen Geschick der Juden dankbar sein. Man ist aber doch genötigt, den großen Unterschied zwischen Worten und STaten festzustellen. mp #■ ik Tribüne Juden und Julius Mein! A« G* Wir erhalten folgende Zuschrift: „Wien, 26. I. 1934. Sehr geehrte Redaktion! Vor einiger Zeit war in Ihrem Blatte eine Zuschrift abgedruckt, in welcher ein Leser darüber Klage führte, daß die bekannte Kaffee- und Teefirma Julius Meinl A. G. in ihren vielen Filialen keine jüdischen Angestellten beschäftigt. Es wurde auch erwähnt, daß in solchen Meinl-Geschäften, welche sich in ausgesprochenen Judenvierteln befinden und fast ausschließlich jüdische Kundschaften haben, kein jüdischer Angestellter zu sehen ist. Es wurde auch darauf hingewiesen, daß doch die jüdische Oeffentlichkeit und das jüdische Publikum mit den vielen brotlosen jüdischen Angestellten, welche Uberall verdrängt werden, und mit den anständigen, schwer kämpfenden Firmen, welche jüdische Angestellte beschäftigen, solidarisch sein sollten. Ich, selbst ein lange arbeitsloser jüdischer Angestellter, habe damals freudig begrüßt, daß Ihr Blatt sich offen für die Interessen der so schwer kämpfenden jüdischen Angestellten eingesetzt hat. Aber ich muß leider feststellen, daß die von mir erhoffte Wirkung ausgeblieben ist. An der Haltung des jüdischen Publikums hat sich, soviel ich merken konnte, nichts geändert. Die jüdische Presse aller Parteirichtungen schwelgt sich über den in Ihrem Blatte hervorgehobenen, übrigens allbekannten Uebelstand aus, ja, sie bringt Anpreisungen und Ankündigungen der Meinl A. G. Aber in den Meinl-Filialen ist weiter unter den vielen hunderten kein jüdischer Angestellter zu sehen. Ich fühle mich gedrängt, diesen Brief an Sie zu richten, weil mich das Unrecht, das man uns jüdischen Angestellten antut, tief empört. Hochachtungsvoll J. G." * Bemerkung der Redaktion. Wir haben mit der öffentlichen Besprechung der Angelegenheit unsere jüdisch-publizistische Pflicht erfüllt. Wir sind weder in der Lage noch gewillt, dem Publikum und der anderen jüdischen Presse Verhaltungsmaßregeln aufzudrängen. Wir haben gesprochen. Mögen jüdisches Publikum und jüdische Presse nach eigenem Gutdünken und unter eigener Verantwortung in dieser Sache handeln. Peru als Einwanderungsland für Juden Aus Lima: Die Juden von Lima, der Hauptstadt Perus, verhandeln mit der Gesellschaft für jüdische Wanderung (Hjcem) in Paris über Gründung einer Zweigstelle in Lima zur Vorbereitung der landwirtschaftlichen Ansicdlung jüdischer Emigranten im Landesinnern, wofür Möglichkeiten bestehen. „Jüdische Aerzte vergiften das deutsche Volk" Aus Berlin: Die in Düsseldorf unter dem Titel „Der Brunnen" erscheinende Zeitschrift für Naturheilkunde klagt die jüdischen Aerzte an, daß sie das deutsche Volk zu vergiften versuchen, indem sie ihren arischen Patienten Narkotika, wie Aspirin, Veramon und Pyramidon, verschreiben während sie ihre jüdischen Patienten mit natürlichen Mitteln kurieren. Die jüdischen Aerzte handeln im Auftrage der Weisen von Zion, wenn sie die heimliche Vergiftung des deutschen Volkes teuflisch betreiben; sie handeln auch im Interesse der jüdischen Drogenfabriken, die diese Gifte herstellen. (Zu bemerken ist, daß die I. G.-Farben, die die oben genannten und die meisten Heilpräparate überhaupt herstellen, völlig in arischem Besitz sind, D. Red.) Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortUcUer Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck,: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignas Steinmann, beide Wie* IX., Universltätastraß« «-4.