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Die neue Welt · 1934-01-26 · Heft 335 (26.1.1934) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 335 (26.1.1934)
Date
1934-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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PrCiS 20 QrOSCheil Jahrgang 8 WweHmq, den 96* ff 1034 Nr« 335 V. b* bf 185 Zeitung vom Verleget versendet Journal expedio par l'^ditenr*« HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Skandal um das Emigrantenhilf§werk Aus Genf wird gemeldet: Die Genfer sozialistische Tageszeitung „Le Travail" veröffentlicht an leitender Stelle einen Artikel, der scharfe Angriffe gegen das in Lausanne geschaffene internationale Hilfswerk für die Emigranten aus Deutschland, vor allem für die jüdischen, enthält. Der Artikel kritisiert zunächst den Geist, in welchem die verschiedenen Regierungen an dieses tragische Problem herangetreten sind, und führt als Beispiel hiefür an, daß die Schweizer Regierung als ihren Vertreter in den Verwaltungsrat den Chef der Fremdenpolizei, Dr. Rotmund, entsandt hat. Das Blatt bemerkt, daß dieser Beamte schon aus seiner Funktion heraus „ein natürlicher Feind jeglicher Immigranten" sein muß. Es fragt weiter, was eigentlich der Oberkommissär MacDonald zu tun haben wird, wenn die unmittelbare Hilfe für die Emigranten aus seinem Aufgabenkreis ausgeschlossen ist. Die Verhandlungen mit den Regierungen können ihm nicht sehr viel zu schaffen geben, da ja praktisch nur zwei Länder — Brasilien und, mit starken Einschränkungen, Palästina — zur Aufnahme von Immigranten bereit sind. Besonders scharf kritisiert das Blatt die in Lausanne genehmigten hohen Verwaltungsspesen des Oberkommissariats, die von den jüdischen Privatorganisationen aufgebracht werden sollen. Nach Angaben des Blattes soll das Jahresgehalt des Oberkommissärs 6 0.0 0 0 Schweizer Franken plus 20.000 für Repräsentationsspesen betragen. Der Generalsekretär hätte ein Jahresgehalt von 8 0.0 00 Schweizer Franken, zwei weitere Beamte 20.000, bzw. 15.000, die amerikanische Privatsekretärin des Oberkommissärs 15.000 Schweizer Franken usw. Das Gesamtbudget für das Lausanner Büro des Oberkommissärs mit Einrlchtungs-, Reise- und diversen anderen Spesen würde sich, nach Angaben des Blattes, auf 34 2.0 00 Schweizer Franken jährlich beziffern. Von diesem Gelde käme den Flüchtlingen nicht ein Groschen zugute, „Le Travail" bezeichnet dies als einen Skandal und schließt jseinen Artikel mit einem Appell an die jüdischen Privatorganisationen, keine Beiträge für die Erhaltung der so kostbaren und, seiner Ansicht nach, ganz nutzlosen Lausanner Insti tution zu entrichten. Der Not gehorchend Das deutsche Judentum baut ein Schulwerk Aus Berlin wird berichtet: Der Preußische Landesverband judischer Gemeinden hat nach eingehender Aussprache über die gesamten Fragen der Lehrerbildung die Errichtung einer jüdischen Volksschullehrerbildungsanstalt liberaler Richtung in Berlin zum 1. April 1934 beschlossen. Er hat ferner beschlossen, eine gleiche Anstalt konservativer Richtung in Preußen zu begründen, falls sich diese Neugründung neben der in Würzburg bereits bestehenden konservativen Lehrerbildungsanstalt als notwendig erweisen sollte. Die Reichsvertretung der deutschen Juden veröffentlicht „Richtlinien zur Aufstellung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen", die als Ergänzung zu den bestehenden staatlichen Richtlinien gedacht sind. Im wesentlichen lauten diese Richtlinien: „Die jüdische Schule erfährt ihre besondere Prägung aus dem doppelten Urerlebnis, daß jedes in Deutschland lebende jüdische Kind in sich trägt: dem jüdischen und dem deutschen. Diese beiden Grunderlebnisse sind gleichmäßig zu entwickeln und ins Bewußtsein zu heben; sie sind in ihrem Neben- und Miteinander wie auch in ihrer Spannung fruchtbar zu machen und zu entfalten." „Die Schule soll von einem sich selbst begreifenden jüdisch en Geiste durchdrungen sein. Das heranwachsende Kind soll seines Judeseins in gesundem Bewußtsein sicher werden; es soll sich des Namens freuen lernen, mit allem Stolz und aller Entbehrung, die damit verbunden sind. Zur Erreichung dieses Zieles ist das Jüdische in den Mittelpunkt aller dafür in Betracht kommenden Unterrichtsfächer zu stellen. Lebendiges Verständnis für die Ewigkeitswerte der jüdischen Religion und für das jüdische Leben der Gegenwart, insbesondere für das Aufbauwerk in Palästina, soll im Kinde geweckt und gepflegt werden, damit es seine Aufgaben in Haus und Synagoge, in der Gemeinde und der jüdischen Gesamtheit zu erfüllen in den Stand gesetzt wird." „Unbeschadet der Ausbildung aller intellektuellen Fähigkeiten ist stets im Auge zu behalten, daß die gesamte Erziehung auf die Erzielung willensstarker und in sich gefestigter jüdischer Charaktere abgestellt sein muß. Von allem anderen abgesehen, mahnen hierzu die dringenden Notwendigkeiten der Gegenwart: das jüdische Kind muß fähig gemacht werden, den seiner, wartenden besonders schweren Lebenskampf. aufzunehmen und zu bestehen." „Daher wird eine sorgfältige körperliche Erziehung, insbesondere die Pflege von Turnen und Sport, zu den wichtigsten Aufgaben der Schule gehören. Der notwendigen Berufsumschichtung wird durch die Pflege manueller Ausbildung (Zeichnen, Nadelarbeit, Werkunterricht) die Bahn bereitet werden. Um der besonderen Situation der deutschen Judenheit gerecht zu werden, soll den Volksschülern auch die Möglichkeit geboten werden, mindestens eine moderne westeuropäische Fremdsprache sowie ganz besonders das Neuhebräische zu erlernen." „Die Erhöhung der für Religion und Hebräisch vorgesehenen Stundenzahl von 4 auf 6 Stunden ist zu erstreben. Dem hebräischen Unterricht fällt die Aufgabe zu, das Kind für die Teilnahme am häuslichen und öffentlichen Gottesdienst vorzubereiten. Darüber hinaus soll das Kind befähigt werden, religiös und kulturell bedeutsames Schrifttum zu erarbeiten und den Zutritt zum gesprochenen lebendigen Hebräisch zu finden. Im Mittelpunkt des hebräischen Unterrichts steht die Lektüre biblischer Bücher; aus der nachbiblischen und modernen hebräischen Literatur sollen Werke jüdisch-religiöser Grundhaltung ergänzend hinzutreten." „Der Unterricht in der Biblischen Geschichte und der Jüdischen Geschichte büdet ein untrennbares Ganzes. Die Unter- und Mittelstufe vermittelt die Kenntnis der Biblischen Geschichte in der für Volksschulen üblichen Auswahl. Die Darstellung des religiösen Ideengehaltes erfordert einen nochmaligen Gang durch die Biblische Geschichte auf der Oberstufe (Bibellesen), wobei die Behandlung der gesetzlichen Teile der Thora sowie der Psalmen und Propheten im Vordergrund steht. Das Lesen geeigneter Bibelstellen soll möglichst im Urtext erfolgen. Auf der Oberstufe bildet der Unterricht in der , Jüdischen Geschichte die natürliche Fortsetzung des Bibelstoffes. Die Geschichte der Juden in Deutschland Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet Kohle Thiee Stets' > Koks Anthrazit HÖCHSTER QUALITÄTEN HHHHBHHH Basdi, IV, Argenliniersfrafte 22 * Tel. Serie U-47-5-40 Nächste Nummer erscheint Dienstag früh Preis 10 Groschen ist besonders ausführlich darzustellen. Der Aussprache über jüdische Gegenwartsfragen ist breiter Raum zu gewähren. Das jüdische Kalenderjahr mit seinen Festen und Halbfesten, religiöse Vorschriften, Sitten und Bräuche sollen systematisch behandelt werden." „Musik. Neben der Pflege des deutschen Liedes steht die des liturgischen Gesanges und des hebräischen Liedes, wobei namentlich auf eine Veredlung des häuslichen Gottesdienstes hingearbeitet werden kann." „Erdkunde. Bei der Behandlung der meisten Länder wird die Schilderung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse des jüdischen Bevölkerungsteiles einen gewissen Raum beanspruchen dürfen. Der Palästina-Kunde ist besondere Beachtung zu schenken." „Zeichnen. Der Zeichenunterricht hat seine Stoffe in allen Schuljahren auch aus dem jüdischen Lebenskreis des Kindes zu nehmen. Bilder aus dem religiösen Familien- und Gemeinschaftsleben, Gegenstände des Kultus, bibilische und andere jüdische Stoffe finden zeichnerische Darstellung." * Was da.in Deutschland getan wird, ist nicht mehr, und nichT*.weniger als die Schaffung eines jüdischnationalen Schulwerkes. Ja, eines jüdischnationalen und zionistischen Schulwerkes. Die Einschiebung der Begriffe „doppeltes Urerlebnis, deutsches Urerlebnis, deutsches Lied usw." ändern nichts daran. Bei Einhaltung dieser Richtlinien wird das Produkt der Schule ein Nationaljude sein. Beim ersten Schritt, den das deutsche Judentum zur jüdischen Schule macht, kommt es auch schon zur Erkenntnis, daß eine jüdische Schule, die vollwertige Menschen hervorbringen soll, jüdischnational sein muß. Der Umstand, daß eine ganz gewaltige Zahl deutscher Juden diese Tatsache jetzt noch und vielleicht gerade jetzt energisch ableugnen wird, ändert nichts an ihr. Das große jüdische Schulwerk, das jetzt in Deutschland errichtet wird, ist ein Produkt der Not, nicht des freien Willens als Resultat der Erkenntnis von der Notwendigkeit jüdischer Erziehung. Im Gegenteil: Um die jüdische Schule gab es einen gewaltigen Kampf, der zeitweise den Hauptinhalt der innerjüdischen Auseinandersetzung in Deutschland bildete. Als es vor einigen Jahren der Jüdischen Volkspartei gelang, die Mehrheit in der Berliner Judengemeinde zu erlangen und Georg Kareski, den jetzigen Führer der Judenstaatspartei in Deutschland, zum Präsidenten zu machen, wurde der Kampf um die jüdische Schule erbittert, wie nie zuvor. Georg Kare ski ging unbekümmert und mit der ihm eigenen Tatkraft an eine großzügige Ausgestaltung des jüdischen Schulwesens. Da veranstaltete die im Wahlkampf geschlagene, aber doch große Partei der Liberalen einen förmlichen Kreuzzug gegen dieses Unternehmen. In Flugschriften und Massenversammlungen wurde gegen die „Ghettoschulen", gegen den „Verrat am deutschen Vaterland", gegen die „Zerstörung der Judenemanzipation", gegen die „Geldverschwendung in Zeiten wirtschaftlicher Not" losgezogen. Der nächste Wahlkampf wurde von den Liberalen unter der Parole „Weg mit der jüdischen Schule" geführt und gewonnen. Als erstes mach« ten sich die Sieger daran, das auszurotten, was unter Kareskis Führung auf dem Gebiete der Schule von den Zionisten geschaffen worden war. Jetzt müssen es die liberalen „Sieger" wieder aufrichten und ausgestalten. Der Not gehorchend! Die Geschehnisse in Deutschland sollten den Juden in allen Ländern als Lehre dienen. Besonders in jenen Ländern, wo die Juden unter ähnlichen Verhältnissen leben, zum Beispiel in Oesterreich. Da sollte man es sich gründlich abgewöhnen, über „unerschwingliche Mittel" und „Unmöglichkeit der Geldaufbringung" zu jammern. Sonst wird man zu spät erkennen, daß man den letzten jüdischen Groschen nicht fruchtbarer anlegen kann» als gerade im jüdischen Erziehungswwk.

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