Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 333 (19.1.1934)
- Date
- 1934-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Prefc 20 Groschen Jahrgang 8 Freitag/ den 19* Jänner ^4 DIE NEUE m t y 's? Nr« 331 V* b* b* Zeitung vom Verleger -versendet .Journal expedie par l^editenr*« * ""• o +*: **i'fi *H r,">/i eA T REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20, panz ährig S16.-;Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.-; ~ " " ' ikel monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.-; Rumänien monatlich _„ ... , ____leljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag „Opfer" des Zionismus im Fernen Osten Die Sowjetregierunghatte große Pläne mit ihren zwei Millionen Juden vor. Den bolschewistischen Prinzipien gemäß galt es zunächst, den jüdischen Kleinbürger umzuschichten, aus dem Händler und Luftmenschen fcin werktätiges Glied der neuen proletarischen Gesellschaftsordnung zu machen. Auf diesem Weg sind, Wie man weiß, viele tausende Juden zugrunde gegangen. Die Umschichtung gelang nicht: weil in unzähligen Fällen Juden „bourgeoiser" Abstammung zu diesem Prozeß nicht zugelassen wurden; weil in anderen Fällen der jüdische Hang, die Tradition zu bewahren, mit dem Entzug kommunistischer „Rechte" bestraft wurde. Hieß es doch, im Sinne des Dogmas der Oktoberrevolution, daß ein neuer Typus Mensch erstehen müsse, der befähigt sei, die Aufgaben dieses historisch gewaltigen Umsturzes zu erfüllen. Der Jude in Rußland — mit Ausnahme einer kleinen Schicht von Intellektuellen, die in den Führerreihen standen — wollte zunächst, bevor er sich den revolutionären Aufgaben zur Verfügung stellte, leben. Ein natürlicher Wunsch! Aber gerade dieser natürliche Wunsch stieß auf die größten Schwierigkeiten. Man weiß nicht, wieviel Juden seit der Revolution im heutigen Rußland zugrunde gegangen sind — als Ueberflüssige, als von den Machthabern nicht Bedachte, als außerhalb des Umsohichtungsprozesses:Gestellte. Sterber in der W ü s t e'nannten sie sich selber im Sinne der biblischen 'Erzählung-, wonach Moses die Kinder Israels vierzig Jahre1 durch die Wüste führte, auf daß das Geschlecht seiner Zeit aussterbe und erst das nächste der Gnade teilhaftig werde, das heilige Land zu schauen und zu betreten. Auch Sowjetrußland gab vor, solch ein heiliges Land im Rahmen seiner riesigen Territorien zu besitzen. Es ist das vielgenannte und vielbehandelte Biro- Bidschan im Fernen Osten, am Amur, hart an der mandschurischen Grenze. Dieses Biro-Bidschan spielt in den sowjetrussischen Wirtschaftsplänen eine große Rolle. Der erste Fünfjahrsplan sah für Biro-Bidschan eine gewaltige Zahl kollektivistischer jüdischer Siedlungen vor, wobei außerdem an die Errichtung lebenswichtiger industrieller Unternehmungen gedacht war. Für die Sowjetmachthaber bedeutete das Gelingen dieses Siedlungsplanes zunächst eine innere Bereicherung der Kräfte, eine Stärkung der staatlichen Autorität und , des Respekts vor der bolschewistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Des weiteren stand das Biro-Bidschan-Projekt im Zusammenhang mit der Notwendigkeit, am Amur einen strategischen Stützpunkt im Fall eines Konfliktes in Ostasien zu errichten, wozu sich eine starke jüdische Siedlung, die zuletzt als Beginn einer autonomen Judenrepublik proklamiert wurde, sehr gut eignen konnte. Und schließlich war eine rasch durchgeführte jüdische Massensiedlung unter staatlicher Assistenz zweifellos befähigt, daszionistiacheWerkin Palästina (Zionismus wird als Hochverrat betrachtet und bestraft) als schwerfällige, schwierige, mit ungeheuren Geld- und Energieopfern belastete Aufgabe vor der jüdischen und nichtjüdischen Welt hinzustellen. Die Siedlungspläne mißlangen. Es gab zwar eine staatlich in Szene gesetzte jüdische Kolonisation; ea gab auch eine Menge antizionistischer amerikanischer Juden, die unter dem Aspekt gutangebrachter Wohltätigkeit Millionen Dollar für die genannte Kolonisation und Produktivmachung jüdischer Elendsmassen nach Sowjetrußland schickten; es gab sogar Experten, die ein günstiges Gutachten über die Sümpfe am Amur abgaben. Aber all diesen Elementen stellte sich etwas Unbesiegbares entgegen: die nackte Wirklichkeit. Und an ihr scheiterten die Versuche, die Versprechungen und die Großsprechereien. * Wir haben oft genug den Siedlungsplan von Biro- Bidschan mit seinem Endziel einer autonomen jüdischen Republik als das, was er ist — als großangelegten, zum Scheitern verurteilten Bluff — bewiesen. Wir haben auch die militärpolitische Seite dieser Angelegenheit ins rechte Licht gerückt. Nun liegt aus der jüngsten Zeit, vom Anfang des Jahres 1934, ein offizieller Bericht über die Kolonisationsarbeit in Biro-Bidschan vor, der Die Regierung hat '.'inen neuen Fünjahrplan proklamiert, in dem auch die Kolonisierung Biro- Bidschans und Ausgestaltung zu einer jüdischen Republik eine Rolle spielt. In diesem Zusammenhang gibt der Vorsitzende des Exekutivkomitees des Rayons Biro-Bidschan der Presse einen Ueberblick über die Arbeit in Biro-Bidschan im Rahmen des vergangenen Fünfjahrplanes. Heute leben auf einem Territorium von 75.000 Quadratkilometern im ganzen 50.000 Seelen, davon 7000 Juden. 35.000 Hektar Boden werden von 65 Dorf-Kollektiven, davon vier jüdischen, bearbeitet. Von früheren Rayonsleitern wurden verschiedentlich Fehler begangen, die die langsame Entwicklung verschuldeten. Im Jahre 1934 werden in Biro-Bidschan 1 0.0 00 bis 11.0 00 Juden neu seßhaft gemacht werden. Wieder werden Projekte gemacht, wieder wird mit imaginären Ziffern operiert. Dem erwähnten Kolonisationsbericht steht ein zweiter, ebenfalls aus Moskau herrührender, gegenüber, de-"folgendermaßen lautet: Während im Zuge der staatlichen Aktion zur Ansiedlung von Juden in Biro-Bidschan programmgemäß im letzten Vierteljahr 3000 Neusiedler nach Biro- . Bidschan hätten gebracht werden sollen, beträgt in Wirklichkeit die Gesamtzahl der in diesem Zeitraum Umgesiedelten bloß 395. In dieser Zahl sind 60 Familien inbegriffen, der Rest sind Einzelsiedler. 121 Personen wurden in Kollektivwirtschaften untergebracht, 24 Mann auf dem Staatsgut in Londoka, - 4 Mann in einem Waffenfabrikationskollektiv, 8 in einer Kleiderfabrik und 42 in den Traktorfübrerkursen. Wie lächerlich wirken diese Zahlen im unendlichen großen russischen Raum und gemessen an dem mächtigen Staatsapparat, wie lächerlich aber auch im Vergleich zum „kleinen Palästina", das, wie die sowjetrussischen Machthaber und ihre jüdischen Nachbeter er- Nächste Nummer erscheint Dienstag Preis 10 Groschen zählen, nicht in der Lage sei, für die Weltjudenheit etwas Wesentliches zu leisten, abgesehen davon, daß der Zionismus eine — reaktionäre Bewegung darstelle. Aber wir wollen uns in diesem Zusammenhang mit der sowjetrussisch-bolschewistischen Ideologie, die vom „Untergang des Judentums" faselt, nicht auseinandersetzen. Eine aktuellere Betrachtung hat mehr Sinn, mehr Zweckmäßigkeit. Man muß nicht gerade ein intimer Kenner der weltpolitischen Lage sein, um zu wissen, daß das Kräftespiel der Sowjets und Japans im Fernen Osten (eben im Amur-Gebiet, das auch Biro- Bidschan umfaßt)- sich zu großen Gefahren, zu Entladungen verdichtet hat. Ein Krieg in Ostasien würde zunächst jenes Territorium berühren, das die Sowjetregierung zur jüdischen Kolonisation ausgewählt hat. Die paar tausend Juden, die sich dort unter härtesten Opfern akklimatisiert haben, müßten den ersten kriegerischen Ansturm über sich ergehen lassen. Es ist ein tragischer Gedanke, mit der Möglichkeit solchen Geschehens rechnen zu müssen. Das zionistische Ideal, das die sowjetrussischen Machthaber ihren Juden zuerst durch Kerker und Tod, dann durch die Vorspiegelung eines mehr als hundertprozentigen Ersatzes in Biro-Bidschan austreiben wollten, steht als erschüttern- , des Mal vor den Augen der gesitteten Welt. So wird auch der Ferne Osten, das schaurige Kriegsgebiet am „jüdischen" Amur, hineinbezogen in das Schicksal des jüdischen Volkes, das sich willens und unter dem Druck geschichtlichen Geschehens für das Land seiner Väter, für Palästina als Heimat, als Judenstaat entschieden hat. Ja, sie sind „Opfer" des Zionismus, diese in eisiges Sumpfland verschlagenen und nun der Gefahr eines russisch-asiatischen Massenmordens ausgesetzten Juden. Denn um den Zionismus zu bekämpfen und das jüdische Palästina zu diskreditieren, haben die Moskauer Macht-» haber — unter Mithilfe antizionistischer amerikanischer; Juden •— dieses arme Judenhäuflein zur Würde einer „jüdischen Republik" erhoben. Ruhe an Palästina Jerusalem, 17. Jänner. Die Demonstrationen der Araber gegen die jüdische Einwanderung, die heute morgen im ganzen Lande stattfanden, sind allgemein ruhig verlaufen. Die Regierung hatte angeordnet, daß Umzüge nur in der Zeit zwischen 7 und 8 Uhr früh stattfinden dürften. Da am gestrigen Tage die dreißigtägige Fastenzeit der Mohammedaner zu Ende gegangen war, war die Beteiligung im allgemeinen nicht sehr groß. In Jerusalem wurden die Demonstranten von dem Großmufti und Vorsitzenden des Obersten mohammedanischen Rates, Eminel Hussein, geführt. Hillerismus in Amerika Aus New York wird berichtet: Unter der Führung des sogenannten „Vereines der Freunde des neuen Deutschland" wurden überall in den Vereinigten Staaten Agenturen des deutschen Nationalsozialismus eröffnet, die ihre^ Hauptaufgabe in einer Bekämpfung der j ü d i s c h e n'moralischen und materiellen Position in der Neuen Welt sehen und sich zu einer Generaloffensive gegen die Juden in den Vereinigten Staaten sammeln. Diese Agenturen geben regelmäßig Monatsberichte über die Tätigkeit heraus, ,/Three Stars" Kohle Koks Anthrazit ■M HÖCHSTER QUALITÄTEN ■■■■■■■■ Bäsch/ IV, Argentinierslraße 22 Tel» Serie U-47-5-40 in denen betont wird, daß sich die deutsche antijüdische Bewegung in den Vereinigten Staaten unter der deutschen Bevölkerung so weit konsolidiert hat, daß man nunmehr darangehen könne, sich mit den mit dem Hitlertum sympathisierenden und den Juden feindlich gegenüberstehenden nichtdeutschen amerikanischen Gruppen zu verbinden. Führer der deutschen Nationalsozialisten ist jetzt, nach der Flucht des aus Deutschland herübergekommenen Heinz Spanknöbel, ein gewisser Fritz Gissibl, der in einer jüngst herausgegebenen Erklärung einen aktiven Feldzug gegen die Juden ankündigte und dabei feststellte, daß er seine Arbeit, alle Deutschen Amerikas unter dem Hakenkreuzbanner zu vereinigen, als vollendet ansieht. Die Zeitungen stellen fest, daß in der letzten Zeit eine sehr große Zahl von AgitatorenausDcutsch- 1 an d nach Amerika herübergekommen ist und von Herrn Gissibl dazu verwendet wird, die deutsch-amerikanische Bevölkerung gegen die Juden aufzustacheln. „Bundesmeister" Walter Kappe aus Cincinnati hielt in einer Versammlung der Freunde des Neuen Deutschland in New York eine Ansprache, in der er erklärte, die Feinde Deutschlands sind die Feinde Amerikas, darum bedeutet die Bekämpfung der Juden eine patriotisch-amerikanische Tat. Die Juden in Amerika gleichen den Juden in Deutschland darin, daß sie eine „offensive Einstellung gegen den Staat" einnehmen. „Diejenigen, die die Brandfackel in den deutschen Reichstag trugen, werden das gleiche mit dem Weißen Haus tun." Die „Feunde des Neuen Deutschland" beschlossen, eine Liste all jener Firmen herzustellen, die an dem Boy- Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt* lieben Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet