Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 331 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 331 5) Marinka Erzählung von Ch. N. Bialik. (Uebersetzt von Oskar Rosenfeld) IV Von jenem Tage an wurden die beiden Kinder gute Freunde. Jedesmal, wenn die Skuripintschicha vom Hof Verschwand, kamen sie ganz still an derselben Stelle zusammen und erzählten einander durch den Zaunspalt alles, was sie auf dem Herzen hatten. Noach pflegte eine Unmenge zu erzählen, mit Herzenswärme, mit Begeisterung, mit Beteuerungen. Währenddessen verfärbten sich ihm die Wangen, wurden flammend-feurig, und die Augen spielten hin und her. Ein warmer Atem lagerte um seinen Mund und schlug sich durch da3 Zaunloch auf Marinkas reizende Augen. Erzählen tat er ihr von dem Dorf, wo er geboren, wo sie früher gewohnt haben, was für Freunde er im Dorf zurückgelassen hat, was für schöne Hunde dort sein Eigen waren. „Oje, oje", drückte er die Augen zu, „solch kleine, solch herzige"! Noch von irgend einem Wald erzählte er ihr. Ein Wald gar, gar groß wie die ganze Welt — schwur er bei seinem Leben. Die Bäume so hoch — schreckhaft hoch! Er ist selbst durch den Wald gelaufen, schwur er bei seinem Leben. Als sie übersiedelten, fuhr er mit seinen Eltern mittendurch. Man fährt und fährt und fährt und der Wald will kein Ende nehmen. Wann sie endlich aus dem Wald herauskamen, daran könne er sich nicht erinnern. Er war auf dem Wagen eingeschlummert, wie er auf einer Decke lag. Und wie er munter wurde und kein Wald mehr zu sehen war, brach er in Weinen aus — schwur er bei seinem Leben. So sehr weinte er! Sogar die Kuh Minka hat geweint! Sie lief hinten nach, mit einem Strick an den Wagen angebunden, und immerfort riß sie den Kopf nach unten und weinte meh-e-e. Das war ihr Bangen nach dem Kälblein, das im Dorf zurückgeblieben ist. Oj, war das ein schönes Kälblein! Ganz rotfarbig mit einem weißen Fleck auf der Stirn. Den ganzen Tag hat es gewimmert und immer wieder hop-hop-hop gemacht. Petko hat es für zehn Gulden abgekauft, schwur er bei seinem Leben. Das Roß haben sie dem Kußmann verkauft. Es war schwarzfärbig und wieherte gern. Im Dorf hatten sie eine Menge Vieh mit viel Pferden. Jetzt haben sie nur mehr ein Tier, eben die Minka, und ein Pferd, „smorowos" ruft man es. Hü-hott, steht es im Stall. Eh, sie, Marinka hat kein smorovos... Marinka wiederum pflegte ihrerseits Noach zu erzählen, was für Arbeit sie im Haus und im Garten habe; es seien schon eine Menge Früchte reif und sie müßten dort in den finsteren Nächten übernachten. Eine einzelne Person schläft dort im Bettgestell, sie hat dort solch große Angst! Ganze Nächte geht dort „jemand" im Obstgarten über die schmalen Wege und rauscht mit den Zweigen. Ganz still geht er dort herum, hin und her. Sogar Skuripin erschrickt; er wühlt sich neben ihr in einen Strohhaufen ein und schüttelt sich, macht die Augen zu, als ob er nichts hören würde ... Dies pflegte ihm Marinka flüsternd anzuvertrauen, als wollte sie ihn an einem Geheimnis teilnehmen lassen, und aus dem Flüstern ließ sich ein stiller, verborgener Schreck vernehmen, der sich sehr rasch auf Noach verpflanzte und für eine Weile sein heißes Blut erstarren machte ... Und mitten in solchen Reden tat Noach einmal die Frage, wo ihre Mutter sei. „Ich weiß nicht", sagte Marinka still. „Und dein Vater?" Marinka antwortete nichts. „Gestorben? Bist du eine Waise?" „Ich hab* keinen Vater", gab Marinka still von Bich und beugte den Kopf herab. Noach bekam tiefes Mitleid für sie. Von jenem Tag an begann er, alle Näschereien, die ihm die Mutter gab, mit ihr zu teilen. Und vom Augenblick an, da die Früchte auf den Bäumen reif geworden waren, tauschten sie sie gegenseitig aus: Er warf ihr über den Zaun ein Stückchen Sabbat-Barches und bekam dafür von ihr einen schönen Apfel oder eine Birne. Einmal, als die Mutter ihm einen Gänsemagen hab, brach er ihn ihretwegen entzwei und reichte ihr ein Stückchen durch das Zaunloch. Oft hatte er das Verlangen, zu ihr in den Hof hinunterzugehen — aber er ging nicht: der Hof war ringsum verschlossen, man konnte nicht an ihn heran. Nur einmal, als er sich gerade mit ihr über Dinge von Pferden unterhielt, vertraute ihm Marinka ganz still, wie es ihre Art ist, an, daß bei ihrer Tante im Stall auch ein Pferd stehe, und nicht ein ausgewachsenes Pferd, sondern ein Pferdchen, und es heiße Mutzik. Noach riß sich auf: „Wirklich? Ein junges? O, Marinitschka, zeig mir Mutzik, laß mich in den Stall hinein ..." „Nein, nein, nein!" rief Marinka erschrocken, „man darf nicht!" „Ja, ja ja!" setzte Noach dem entgegen, „man darf!" Und wirklich begann er rasch über den hohen Zaun zu klettern. Marinka erhob sich zitternd vom Platz und rang die Hände: „Geh herüber, nun, gehe! Die Tante wird mich umbringen, Oh schrecklich, kriech doch herunter!" Und Noach mußte herunter. Weshalb zittert sie so sehr vor ihrer Tante, pflegte Noach nachher sich Gedanken zu machen, mit großem Mitleid für Marinka und mit Erbitterung gegen die alte „Hexe". Und wie kann Marinka es anstellen, herzukommen? Mehr als sonst pflegte er sie am Sabbat und Feiertag zu bedauern. Lebhaft und fröhlich kam er nach der festlichen Mahlzeit auf den Hof hinaus, herausgeputzt und gut gelaunt, und da war drüben immer Marinka bei der Arbeit zu sehen, wochentäglich in allem: im Gesicht, in der Kleidung, im ganzen Wesen. Damals kam sie ihm so elend, so unglücklich vor! „Weshalb ist sie kein Judenkind?" dachte er weh im Herzen. Und die Sekunde ausnützend, wo die Tante abgewendet stand, warf er ihr durch den Zaun irgend ein Stück Sabbat-Bäckerei hin: ein halbes geflochtenes Ringel, ein Stückchen Strudel und dergleichen gute Sachen, die er bei sich in der Tasche für sie aufbewahrte. Einmal vernahm Noach, als er sich dem Zaun näherte, einen stillen, bitteren Aufschrei von drüben, eine Art unterdrückten, abgerissenen Seufzers und plötzlich — still. Er tat einen Blick durchs Loch — auf dem Hof niemand zu sehen. Der Seufzer glitt aus dem Haus, Marinkas Stimme war zu erkennen. „Die Tante schlägt", dachte sich Noach und hörte zu. Das Geschrei und Gewein war dumpf und abgehackt, aber es kam aus der Seele heraus und rüttelte das Hirn auf wie das Geschrei jemandes, den man auf heißen Kohlen brät und nicht schreien läßt. Noach kam es vor, als würde sie mit ihrem ganzen Ich schreien, als würde der Seufzer sich unterhalb ihrer Nägel losreißen. Noach begann zu zappeln, vor großem Herzweh verzerrte sich sein Gesicht und er schlug mit seiner Kinderfaust gegen die Latten des Zaunes, schlug und weinte und knirschte mit den Zähnen: „Oh, Himmel, loslassen, loslassen, aufhören!" Wenn auch drüben sein Klopfen keinerlei Wirkung übte — denn dis Geschrei hörte gar nicht auf —, so vernahm es doch Zippe-Lea und kam rasch dahergelaufen. Nur mit Mühe riß sie ihn vom Zaun los. Sein Gesicht war blaß und vor Wut zitterte er in allen Nerven. Oweh, oweh", schüttelte er sich und schlug mit den Beinen, „sie wird sie umbringen, sie wird sie umbringen." Zippe-Lea schleppte ihn ins Haus hinein und „trieb ihm alle bösen Träume aus". „Tfu, tfu!" spie sie aus und wischte ihm die Nase mit dem Schnupftuch ab — das Kind wird noch, allen Feinden gesagt, verrückt werden. Kein Wunder, wenn er müßig herumgehen muß. Sonderbar, nicht zu glauben ... Wenn die Luderhexe drüben gegen das „Lausmädel" loszieht — muß der Junge deswegen gegen den Zaun schlagen und weinen? Habt ihr schon so was erlebt? ... Weh mir, er ist über den ganzen Körper blau geworden wie eine geschwollene Leber..." In jener Nacht konnte er lange nicht einschlafen. Während er hier auf seinem Lager lag, war sein Herz dort zu finden, jenseits des Zaunes. Ihr Schluchzen erwachte wieder in seinen Ohren und ein Schaudern durchfuhr ihn und das Hirn ging ihm entzwei. Das Geschrei rumorte nicht mehr von weither, von irgendwoher, sondern es wühlte bei ihm, in seinem Innern. Ein Jammern schlug ihm über Leib und Seele. Noach richtete sich auf seinem Lager auf und legte das Ohr an die Wand in der Richtung zum Zaun. Die Wand weint, ruft eine Stimme aus. „Was tut sie ihr, die Hexe?" Dieser Gedanke peinigte sein Hirn. „Was tut sie ihr?" Bei der ersten Begegnung nach diesem Vorfall fragte er Marinka darüber. Marinka erwiderte kein Wort, sondern entblößte ihren Arm bis zum Ellenbogen: „Na, sieh hier ..." Die ganze Hand war zerstochen und zerbeult wie ein Reibeisen. Braunlich-blaue Flecken reihten sich an wie Blattern so dicht, einer neben dem andern, so daß nichts von der weißen Haut zu sehen war. „Was ist das, Marinka?" „Flecken..." Noachs Mundwinkel begannen leicht zu zittern. Er wollte sie bei der Hand nehmen, sie streicheln und glätten, aber der Zaun trennte sie voneinander. „Tut weh, Marinitschka?" Marinka schüttelte den Kopf: „Nein. Dazwischen tut es weh, oh, wie es weh tut! Jetzt aber nicht." „Aber weshalb peinigt sie dich", schrie Noach und schlug mit der Faust gegen den Zaun. Von drüben stellte sich der kleine Skuripin auf die Beine und begann herumzutanzen und irrsinnig zu bellen. „Marinitschka, weshalb peinigt sie dich, was?" „Ein angenommenes Kind bin ich, habe keine Eltern", antwortete Marinka und schluchzte still. „Ein angenommenes Kind? Was ist ein angenommenes Kind? Und weshalb rufen dich Fremde ,Bastard'? Und was heißt das: Ich hab' keine Eltern? Sind sie gestorben? Was sagst du, Marinka, du weißt nicht, wo sie sind?" Einmal stellte er sich hin und fragte die Mutter: „Mutter, was ist das, ein angenommenes Kind?" Zippe-Lea war damals gerade überaus in Anspruch genommen. Sie stellte mit der Dienstmagd Liwanzen fertig und darum ging ihr die Frage zu einem Ohr herein« zum andern hinaus. „Ah, ein angenommenes Kind", meldete sich Zippe- Lea und gab inzwischen auf die Liwanzen acht, die sich in der Pfanne auf der Butter rösteten, „ein angenommenes Kind sagst du? Ein angenommenes Kind ist, ist — o weh — die Liwanzen — angebrannt!" Und Zippe-Lea schnappte rasch die Pfanne aus dem, Ofen heraus. „Mutter", fuhr Noach unablässig fort, „was ist das, ein angenommenes Kind? Nun, sag's mir, Mutter!" „Ausbund, gehst nicht weg von dort? — Chanine« Lippe!" So ging Noach hinaus, ohne zu wissen, was eiü angenommenes Kind bedeutet. Der wahre Sinn hievon ging ihm erst später auf, ein Stück Zeit lief ab — aber damals schon hat Noach von Marinka keine Scheidewand getrennt... (Fortsetzung folgt.) Palästina-Heise zur Levantemesse, veranstaltet vom Austro-Palästin. Wirtschaftsamt, Wien, IX., Alserplatz 3. Technische Durchführung: Reisebüro „Marienbrücke", Wien, I., Rotenturmstraße 1 (Palästina-Dienst). Billigste Pauschalarrangements von Wien bis Wien. jfcft Ihn! II 50 J&* W^mäA v^w^ >7 / /HkH i Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 193 2: Versicherungsbestand S 2.728,000.000.— Prämien- und Zinsen- Einnahmen ......, 179,000.000.— Garantiemittel . . . . „ 527,000.000.— Auszahlungen an die Versicherten .... ....„• 60,000.000.— Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslovakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslavien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten. Wochen-Kalender Jänner 1933 n:3C3 1 Tebeth 5694 Tmn i 12 Freitag 25-hd Sabbateinganp 4.20 13 Samstag 26 13 Sabbatausgang 5 20 •n ibk na miacn «oni o n Sonntag 27-13 15 Montag 28-HD 16 Dienstag 29-BD 17 Mittwoch 1« tasw «nn wtn 18 Donnerstag 2-3 Eigentümer, Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbau rat Robert Stricker. IX., Univeraitätsstraße 6—8. Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wie«,