Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 331 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Jahrgang 8 Freitag/ den 12» If ,Sf} Nn 311 V* h. b* Zeitung vom Verleger versendet .Journal exp6die par leditenr*. REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig «4.20 ganzjährig,S 16.-; Polenmonatlich Zlo';'-.-. viertellähriG Zloty b.-; Tschechoslowakeimonatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, viertel ahrig Dinar 40.-; Rumänien monatlich TschMhoslowaRe^monatiicn^ DentschS monatlich Mark 1.-, vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.-, viertel ährig al20!—; Italien monatlich Lire 5.-. vierteljährig Lire 14.-; Schweiz und die übr Igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. viertel- Lei Lewa . jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr, 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag erscheint von nun ab jedem Oiensfag und Freitag Indem wir unser Blatt zweimal in der Woche und in vergrößertem Umfange erscheinen lassen, können wir in ereignisreicher Zeit der jüdischen Sache um so besser dienen. Wir hoffen, daß unsere Leser und Freunde in der ganzen Welt unsere Bemühungen würdigen werden. Abonnementpreis unverändert 10 20 Groschen Dienstagnummer Groschen Freitagnummer Nächste Nummer erscheint Dienstag, den 16. Jänner 1934. In Wien bei den Kolporteuren, Trafiken und Verschleißstellen zu haben. Ilas Palä§tma*Judenfuin halft den deutschen Juden Aus Jerusalem: Wie das Vereinigte Komitee für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina mitteilt, wurde unter den Juden Palästinas bis jetzt eine Summe von rund 12.0 0 0 Pfund für Hilfe an deutsche Juden gesammelt und zum größten Teil bereits für konstruktive Zwecke verwandt. Das Ende Mai 1933 gebildete palästinensische Hilfskomitee für die deutschen Juden repräsentiert alle Teile des Jischuw und alle jüdischen Institutionen im Lande. Bisher wurden von uen deutsch-jüdischen Einwanderern 1500 in Landwirtschaftszentren und etwa 2700 in städtischen Unternehmungen und in anderen Arbeitszentren untergebracht. Zwei Chawuroth (Arbeitsgemeinschaften) auf genossenschaftlicher Grundlage wurden in Chederah und in Rischon-le- Zion (inzwischen in die Nähe von Nachlath- Jehuda verlegt) begründet. Der Jüdische Nationalfonds hat dem Komitee 2000 Dunam Boden zur Seßhaftmachung deutscher Juden im Territorium der Haifa-Bucht zur Verfügung gestellt. Auf diesem Boden werden Mischfarmen errichtet und Geflügelzucht betrieben werden. Das Komitee für städtische Siedlung hat Darlehen von je 5 bis 50 Pfund zu einem Zinssatz von 3 bis 4 Prozent, rückzahlbar in ein bis fünf Jahren, an solche gewährt, die sich in den Städten niederlassen wollen. Die Gesamthöhe der Darlehen beläuft sich bis jetzt auf 850 Pfund. Für 3200 deutsch-jüdische Knaben, deren Unterhaltskosten zur Hälfte in Palästina bestritten werden, wurden Visa beschafft. Eine Welle neuer Terrorakte ♦ ♦ ♦ // Wien, 10. Jänner. Nach einem halben Jahr, das mit der Abwehr nationalsozialistischer Gewalttaten ausgefüllt war, sieht sich die Bundesregierung genötigt, an Oesterreichs Volk ein Manifest zu richten, worin die schärfsten Mittel gegen die unbelehrbare und renitente hakenkreuzlerische Minorität angekündigt und die patriotischen Oesterreicher eingeladen werden, diese notwendige Abwehr mittätig zu unterstützen. Es war äußerlich Ruhe in Oesterreich. Plötzlich aber erfahren wir (aus dem Aufruf der Regierung), daß die von der Regierung an zahlreichen bestraften Naziführern geübten Gnadenakte nichts fruchteten, daß die sich an diese Gnadenakte geknüpften Hoffnungen nicht erfüllten, yoll innerer Empörung konstatiert die Bundesregierung nämlich: „Es hat im Gegenteil seit Beginn des neuen Jahres eine Welle neuer Terrorakte eingesetzt; so wurden in den letzten Tagen nicht weniger als hundertvierzig Sprengstoffanschläge in allen Teilen des Bundesgebietes verübt, wodurch Fremdenverkehr und allgemeine Wirtschaft geschädigt werden sollten." Diese Erkenntnis also hat es mit sich gebracht, daß die Regierung nun daran geht, das hakenkreuzlerische Unkraut mitsamt der Wurzel auszurotten. Die allgemeine Wirtschaft kann geschädigt, der Fremdenverkehr unterbunden werden, wenn man die J'evbrecherischen Akte der Nationalsozialisten auch nur einen Augenblick noch duldet. Die Fürsorge der Regierung für die Notwendigkeiten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens soll sich also in eine Aktion gegen die nationalsozialistischen Elemente verdichten, welche gegen den friedlichen Teil der österreichischen Bevölkerung „Terrorakte, Demonstrationen und Einschüchterungsversuche" unternehmen; die Fürsorge der Regierung soll weiters so gehandhabt werden, daß Gnadenakte gegen die aktiven Terroristen und die intellektuellen Urheber nicht mehr vorkommen. Es ist möglich, daß die von der Regierung versprochenen und in Angriff genommenen Maßnahmen den Hakenkreuzlern die Lust nehmen werden, ihr bübisches Spiel „gegen den friedlichen Teil der Bevölkerung" fortzusetzen. Aber die Maßnahmen der Regierung umfassen bisher nicht jenen Teil der Bevölkerung, denen selbst die hakenkreuzlerischen Hitzköpfe das Attribut „friedliebend" nicht bestreiten: die jüdische Bevölkerung. Immer noch dürfen judenhetzerische Schriften verkauft, kolportiert, angepriesen werden. Immer noch dürfen die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs beschimpft, bespien, verleumdet werden. Immer noch darf das „J u d a, verrecke" aus den Spalten einer nicht einmal getarnten Presse herausgrinsen. „Der Stürmer" (in der Tschechoslowakei verboten), der schon seinen Namen dem berüchtigten Nürnberger Organ des Sadisten Streicher gleichgeschaltet hat, betreibt sein widerliches Geschäft auf offener Gasse. Es geht hier nicht mehr um Würde, Ehre, Existenz des jüdischen Staatsbürgers, es geht um sein film W ff MHAlMfl am 21. Februar bis 10. März 1934 ZUM AUniCVUI - „Conte di Savoia" - „Roma" Compatf-Tourt Anmeldestelle: Offizielles Propagandabüro der StadtgemefndeTel-Awiw IX, Spitalgasse Nr. 3 Telephon B-42.5-38 „Three Stars' Kohle Koks Anthrazit MHMMBBHDB HÖCHSTER QUALITÄTEN ■■■■■■■■■■■ Bäsch, IV, Argenfuuefstraße 22 * Tel* Serie U-47-5-40 nacktes Leben. Ungestraft konnte das Wiener „12-Uhr- Blatt" in schmutzigster Perversität am 15. Dezember 1933 nachstehendes Greuelmärchen wieder einmal auftischen: Ein Rabbi über das Weihnadifsfest Am besten blüht der jüdische Weizen zu den hohen christlichen Feiertagen, zu Ostern, Pfingsten und besonders zu Weihnachten. Da drängen sich die gläubigen Christen in die jüdischen Warenhäuser und tragen ihr sauer verdientes Geld zu ihren Feinden, die ihnen Schund und Tand aufschwatzen und sich vergnügt die Hände reiben, wenn sie ihren Pofel ausräumen können. Der New-Yorker Rabbiner Wise (Vater des jetzigen Oberrabbiners von New York), schrieb in der jüdischen Familienzeitung „Debora" folgendes: Es ist ein Massel (Glück), daß der Talui (der Gekreuzigte) in die Welt gekommen ist. Die alte Sage, daß der Talui von den Juden kommt, hat noch heute ihre Gültigkeit; aber kehren wir die Ordnung der Dinge für den Augenblick um und sagen wir, daß die Juden die größten Profite des ganzen Jahres dem Sohne der Maria zu verdanken haben. Es ist übrigens weit besser, den Christtag zu haben als die Pocken; und wenn sich die Jungfrau nur dazu verstanden hätte, uns noch einen Buben(ü) im Sommer zu bescheren, so daß wir zwei Ohristtage(!) hätten, so hätte ich ihr dafür gerne unsere Chinesen überlassen. Wem steigt nicht die Zornesröte ins Gesicht, angesichts solchen Spottes, solch abgründiger Niedertracht. So manchen Familienvater und so manche Hausfrau muß berechtigte Entrüstung überkommen, wenn sie zur Einsicht gelangen, mit welchem Hohn und Spott sie für ihre Arglosigkeit Übergossen werden. Und machen sie sich nicht zu Mitschuldigen an dem Elend ihrer selbst, ihrer Kinder und Kindeskinder? Je mehr Geld sie zum Juden tragen, desto mehr gefährden sie die Existenz ihrer eigenen Familie, desto mehr christliche Familienväter, Töchter und Söhne werden abgebaut, . desto mehr Juden werden reich... Und endlos wird das Elend unter der arisch-christlichen Bevölkerung ...! p. * Wenn die österreichische Regierung den Fremdenverkehr, der ihr gemäß dem zitierten Aufruf gar so sehr am Herzen liegt, schützen will, dann möge sie sich über einen Brief Gedanken machen, den uns ein tschechoslowakischer Leser zusandte. Dieser Brief lautet wörtlich: „Jüdische Wintersportler aus der Tschechoslowakei haben in Oesterreich üble Erfahrungen gemacht. Eine Brünner deutsche Zeitung berichtet darüber: „Zwei Reisegesellschaften und mehrere Einzelreisende, im ganzen etwa 200 Personen, waren in der Zeit von Weihnachten bis Neujahr in Mallnitz, in den Hohen Tauern, zum Wintersport versammelt. Darunter etwa 50 aus der Tschechoslowakei, mehrere Ungarn und Polen, der Rest Oesterreicher. Die einheimische Bevölkerung, ganz auf Fremdenverkehr eingestellt — in ganz Mallnitz gibt es kaum Bauern —, hat uns freundlich aufgenommen, benützte aber unsere Anwesenheit, durch unverhältnismäßig hohe Preise außer den vereinbarten Pensionspreisen ganz tüchtig zu verdienen. Als in der Silvesternacht um 24 Uhr das Licht auf einige Minuten ausgeschaltet wurde, war der Saal des Hotels, in dem wir unsere Meine Feier hatten, plötzlich mit einer Unzahl von gestanzten Hakenkreuzen übersät. Da kein Einheimischer im Saal anwesend war, konnte das nur das Bedienungspersonal gemacht haben. Der Wirt erklärte, dagegen machtlos zu sein, worauf wir das Lokal verließen. Auf der Gasse aber, vor dem Eingang zu dem Nachbarhotel, stand ein etwa drei Meter hohes brennendes Hakenkreuz, umgeben von der ganzen Bevölkerung, welche das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied sangen und im Chore riefen: „Heil Hitler, Juda verrecke, Juden raus usw." Angeführt wurde die Szene von einem Reichsdeutschen. Im Fenster des ersten Stockes oberhalb des brennenden Hakenkreuzes stand mit verschränkten Armen Doktor Tirala aus Brünn und stieß judenfeindliche Rufe aus. Die Wirte der Hotels, in denen wir alltäglich verkehrt hatten, wsuvn unter den Ersten, die uns mit ■.'ti Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeit* liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet