Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1933-12-22 · Heft 328 (22.12.1933) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 328 (22.12.1933)
Date
1933-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711899-2711950--4077-2717511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Preis 35 Groschen Freitag/ den £f« D# Nr. 328 V« b* b* Zeitung vom Verleger versendet «Journal expeMie par rddifenr*. REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig 84.20, ganzjährig S16.— {Polen monatlich Z|oty2.—, vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15,—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich Mark I.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übr igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. viertel* {ährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, leU B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Englische Freunde und Feinde des Zionismus Aus London wird gemeldet: Sechzig Mitglieder des britischen Unter- und Oberhauses, die gleichzeitig Mitglieder des parlamentarischen Pro-Palästinä- Komitees sind, versammelten sich in einem Saale des Parlaments, um die neueste Phase der Entwicklung des jüdischen Nationalheims in Palästina einer Erörterung zu .unterziehen. Die Redner behandelten die unwürdige Jagd auf Juden, die auf illegalem Wege nach Palästina gekommen sind, und brachten auch zur Sprache, daß die Palästina-Regierung die Einwanderungspolitik insofern geändert hat, als bisher bei der Ausgabe von Zertifikaten und bei Bemessung der Höhe der Einwandererquote rein wirtschaftliche Erwägungen maßgebend waren, während jetzt politische Momente mitspielen, die dazu angetan sind, das Wachstum der jüdischen Bevölkerimg in Palästina einzudämmen und den von deö Juden geschaffenen wirtschaftlichen Bau zu unterminieren, indem man ein Land, das so sehr unter dem Mangel an Arbeiterhänden zu leiden hat, gegen die Zuwanderung neuer Arbeiter absperrt.. Die Hauptredner des Abends waren der Vorsitzende des Pro-Palästina-Komitees John Buch an und Josiah We'dg wo od. Am Schlüsse der Ansprachen beantwortete . der als Ehrengast anwesende Leiter des politischen Departments der Jewish Agency in London, Professor Selig Brodetsky, zahlreiche Fragen, die die Parlamentsmitglieder an ihn richteten. Ein in einem zweiten Saale int Parlamentsgebäude gleichzeitig tagendes anderes parlamentarisches Komitee, das Imperial Committee, befaßte sich ebenfalls mit der englischen Politik in Palästina. Hauptredner war hier der Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister. Mehrere antizionistisch gestimmte Mitglieder des Imperial Gommittee versuchten, die Regierung dazu zu bewegen, den zionistischen Wünschen' einen Damm entgegenzusetzen. Die antizionistische British League nahm den Jahrestag des Einzugs des Feldmarschalls Allenby in Jerusalem zum Anlaß, um im Westend Hotel eine Feier mit dem Motto: „Gerechtigkeit für die Araber in Palästina!" abzuhalten. Unter den Erschienenen waren die bekannten Antizionisten Viscount Bertie of Thane, Lord Islington, Lord Danesf o r d. Politiker von Belang waren nicht anwesend. Hauptredner war Colonel Waters Taylor, einst Militärgouverneur von Jerusalem und Galiläa, der sich als entschiedener Gegner des politischen Zionismus und des „internationalen Juden" erklärte. Der Zionismus, sagte er, begann als eine idealistische Bewegung, bald aber" wurde sie materialistisch und miltant-politisch, bis sie schließlich in das internationale Judentum und die internationale Finanz mündete. Haben wir je Dank von den Juden bekommen? Nein, nichts als Herabsetzung. Man muß England und den Arabern ihren gerechten Anteil an der Entwicklung Palästinas . sichern. Die Juden klagen über Hitler, aber in der Behandlung, die sie den Arabern zuteil werden lassen, „ü b e r h i 11 e r n" sie sogar Hitler. #; Jüdische Fragen vor dem Unterhaus Aus London: In der Sitzung des Unterhauses am 14. Dezember fragte Colonel Wedgwood den Minister für die Kolonien, auf Grund welcher Verordnung es Trans Jordaniern gestattet sei, o hne Kontrolle nach Palästina zu kommen, und welche Weisungen der High Commissioner auf Grund des Abschnittes 5, Punkt 1, der Einwanderungsverordnung Nr. 38 ex 1933 bezüglich der Zulassung solcher Einwanderer, die keine Pässe besitzen, gegeben habe. Sir Philip Cunliffe-Lister antwortete, was den ersten Teil der Frage betreffe, so käme Absatz 4, Punkt 2, der Palästina-Einwanderungsverordnung vom Jahre 1933 in Betracht, in dem vorgesehen sei, daß Personen, die ihren ordentlichen Wohnsitz in Transjordanien haben, auch wenn sie nicht im Besitz von Pässen oder gleichartigen Dokumenten sind, aus Transjordanien unmittelbar nach Palästina kommen können, sofern nicht der High Commissioner andere Verfügungen trifft. Was den zweiten Teil der Frage betreffe, so sei die allgemeine Vorschrift des Abschnitts 5, Punkt 1, auf die in der Sonderbestimmung des Abschnitts 4, Punkt 2, erwähnten Fälle nicht anzuwenden. An den Innenminister richtete Generalmajor Sir Alfred K n o x die Frage, wieviel Einwanderer aus Deutschland seit dem 1. Jänner 1933 nach England gekommen seien und wie groß die Zahl dieser Einwanderer im gleichen Zeitabschnitt des Jahres 1933 gewesen sei. Innenminister Sir John G i 1 m o u r erwiderte, in den ersten neun Monaten des Jahres 1933 sei die Zahl aller nach England gekommenen Deutschen aus allen Teilen der Welt, einschließlich Touristen, Geschäftsreisender, Studenten und anderer Personen, 40.509 gewesen; die Zahl der Deutschen, die England verlassen haben, 35.977. Für 1932 seien die entsprechenden Zahlen 33.494 und 30.492. Der Innenminister fügte hinzu, es sei nicht möglich, festzustellen, wieviele von diesen Personen als Einwanderer aus Deutschland zu bezeichnen sind, da die Statistiken nur die Staatsangehörigkeit, nicht aber das Herkunftsland berücksichtigen. Ebenso sei die Statistik der Ausreisenden nicht auf Grund der Bestimmungshäfen aufgestellt. Der Innenminister erklärte, der Ueberschüß der Einreisefälle gegenüber den Ausreisefällen sei eine normale Erscheinung in diesem Zeitabschnitt und werde in der Regel im letzten Vierteljahr, wenn die Reisesaison zu Ende ist, ausgeglichen. Der Einreiseüberschuß sei in diesem Jahre nur um 1530 Personen größer als der des Vorjahres. Die Liebe zum Tier — im Schlachthof Wien, 19. Dezember. Unter der Parole „Eindämmung des jüdischen Einflusses" hat der gemäßigte Flügel der österreichischen Antisemiten seinen Feldzüg: gegen die jüdischen Staatsbürger in Oesterreich begonnen. Es. war ein höchst fragwürdiges Unternehmen. Denn die Wirklichkeit sprach eine andere Sprache als der Schein, den man den christlichen Massen des Landes vorspiegelte. Die Ueberzahl der Juden in den sogenannten geistigakademischen Berufen erwies sich als eine von den Verhältnissen erzwungene, von den Juden selbst niemals gewünschte Schichtung, und wenn antisemitische Heißsporne eine „radikale Aenderung" verlangten, wurden sie oft sogar von ihren christlichen Mitbürgern darauf aufmerksam gemacht, daß die beste Remedlur — die Zulassung der Juden zu den ihnen bisher versperrt gebliebenen Berufen sei. Wir haben seinerzeit einige solcher Stimmen zitiert. Da nun aber einmal die Judenfrage, statt sachlich, ruhig, verständig und zweckmäßig behandelt zu werden, von antisemitischer Seite in den Dienst aktuellen politischen Gewinnes gestellt wurde, sind Symptome zutage getreten, die den jüdischen Staatsbürger in Oesterreich von einer peripheren, darum nicht minder gehässigen Seite treffen sollen. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entfielt» Heben Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet Thtee Stars' Kohle Koks Anthrazit |HMÜ HÖCHSTER QUALITÄTEN ■JBHHBHHBHBi Bäsch, IV/ Argen! i'm'erslraße 22 Tel« Serie U-47-5-40 Palästina mit den vorzüglichen, großen Salonschiffen der direkten Eillinie TRI EST—JAFFA des LLOYD TRIESTINO Abfahrten Jeden Mittwoch um 1 3 U hr Ferner; Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Ceylon, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe Höchster Komfort Ausk.: Lloyd Trlestlno, Wien I, KBrntnerring 6, Tel. U-47-5-60 Das Hauptorgan der Christlichsozialen Partei Oesterreichs, die Wiener „R e i c h s p o s t", marschiert hier an der Spitze. Sie hat die aus der hakenkreuzlerischen Küche bezogenen rassische n Motive, auch die Frage des Numerus clausus und den Kampf gegen die völkerbundrechtlich festgelegten Minderheitsrechte der Juden zurückgestellt und etwas überraschend Neues entdeckt: ihre Liebe zum Tier, zur Kreaiur Gotte3. In der Nummer vom 14. Dezember veröffentlicht sie die „Erlebnisse in einem Schlachthof"• aus der Feder eines österreichischen — Staatsanwalts, namens Dr.■.-•Robert Kauer. Herr Dr. Kauer ist mit der Art, wie. im Schlachthof von St. Marx oäre Tiere von christlichen Schlächtern getötet werden, einverstanden. Er schreibt nämlich: „Wenn man sieht, wie — gleichsam vom Blitz getroffen — ein Rind betäubt niederfällt und dann erst die Schlagader geöffnet wird, so ist der Vorgang sicherlich widerwärtig, aber das Tier ist sofort betäubt und leidet nicht." Jetzt, nach dieser fünf zeiligen Schilderung des „humanen" Tötens kommt die Darstellung des rituellen Schächtens: „Wie furchtbar sticht von dieser humanen Methode der Vorgang ab, bei dem das Schlachtvieh unter Qualen verbluten muß, damit sein Fleisch koscher (rein) ist." Der Herr Staatsanwalt begnügt sich nicht mit dieser Behauptung, die von ärztlichen Fachleuten längst widerlegt ist, sondern schildert den Vorgang in minutiöser Weise, nur zu dem einen Zweck, um ein Beispiel für jüdische Grausamkeit und Gefühlsroheit zu erbringen und schließlich ein — bedingungsloses Verbot des Schächtens zu verlangen, da dieses „dem humanen Empfinden ins Gesicht schlage". Die Ausführungen des Staatsanwalts, der vielleicht im Rahmen eines standgerichtlichen Prozesses einen Menschen hängen lassen wird, finden in der „Reichspost" vom 16. Dezember ihre Ergänzung in einer Zuschrift des Wiener Tierschutzvereines, der behauptet, daß die „moderne amtliche Fleischbeschau viel zuverlässiger ist als die rituelle" und das Schächten nur am betäubten Tier frei von Grausamkeit sei. Man bekommt Respekt vor so viel Tierliebe! Man bewundert das Herz der „Reichspost", die das Evangelium menschlicher Hingabe an alle Kreaturen Gottes hochgehalten sehen will. Zufällig aber sieht aueu hier die Wirklichkeit anders aus. Gerade die Anhänger der christlichsozialen „Reichspost" in den Bundesländern haben wenig Respekt vor der von der „Reichspost" forcierten humanen Gesinnung. Sie gehen frisch-frommfröhlich-frei aufdiejagd, jagen das Wild und schieiäen drauflos, unbekümmert darum, ob nicht das edle Tier des Waldes und des Feldes unter jämmerlichen Qualen irgendwo in einem versteckten Winkel zusammenbricht und tagelang mit dem Tod ringt. Tatsächlich kommen bei jeder Jagd solche Fälle vor. Die christlichsozialen Blätter in der Provinz sind voU mit «

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.