Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 327 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Jahrgang 7 Afetaa> den 15* Dezent Her 1933 '** Nr. 327 V« Ii« fr* Zeitung vom Verleger versendet .Journal exp&liä par r&tiieur*. BEZUGSBEDINGUNGEN: OiSterreiCb monatlich S 1.50, vlerteljährig S4.20. ganzjährig S16.- {PolenmoMtHch i,oty2.-, vUr^yährlg Zloty 6.~ Tschecfaoslowakei monatlich Kc < " " Lei 40.-, vierteljährig Lef 120.- Lewa 120.—; Italien monatlich Lire jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien lXt Universitätsstr. 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag REVUE Das judische Palästina in Aufruhr! Selbsthilfe Die skrupellose Art, mit welcher die britische Palästina-Regierung die jüdische Einwanderung in Palästina unterdrücken und so das vom Völkerbund ihr erteilte Mandat verletzen will, hat besonders die Judenschaft Palästinas in helle Aufregung versetzt. Diese Aufregung und der Mangel jeglichen Vertrauens zur derzeitigen zionistifchen Leitung, welche sich zur Führung energischer Aktionen gegen den Bruch des Palästina- Mandats unfähig erwiesen hat, haben dazu geführt, daß die jüdischen Massen in Palästina zur Selbsthilfe übergegangen sind. Wir erhalten aus Palästina folgende. Meldung: Aus Tel-Awiw: In Tel-Awiw kam es am Samstag abend zu Unruhen, wie sie diese rein jüdische Stadt seit ihrer Gründung nicht erlebt hat. Die Revisionisten veranstalteten eine Kundgebung zum Protest gegen die sogenannten „Touristen« Jagden", die von, der Polizei unternommen werden, um illegal nach Palästina gekommener Juden habhaft zu werden und sie des Landes zu verweisen. Eine riesige Menge staute, sich in den Straßen und, leistete,rder Auft p r d e r u n g d e r P o l,i ze,i zum Auseinandergehen keine Folge.' Es kam-sodann zu einem, schweren 2ku s amm e n s t o.ß , zwischen den Demonstranten auf der einen« tJie und englischen, jüdischen und arabischen Polizisten auf der anderen Seite. Der Kampf dauerte volle drei Stunden. Schließlich kam mit fünf Panzerautos Militär aus Jaffa herbei. Die Soldaten gingen mit blankem Bajonett gegen die Menge vor und zerstreuten sie. Im Verlauf der Kämpfe wurde Polizeiinspektor Golfer sehr erheblich verletzt. Mehr oder weniger schwer verletzt wurden ferner sechs englische und jüdische Polizisten und sieben Zivilperson e n. Gegenwärtig herrscht in Tel-Awiw Buhe. Die Erregung unter der Bevölkerung über das Vorgefallene ist groß. Am Abend vorher hatte eine Menschenmenge versucht,' einen der Spitzelei gegen illegale jüdische Einwanderer Verdächtigen zu lynchen. Der Angegriffene konnte sich mit knapper Not in einen Friseurladen retten, von wo er durch mehrere ihm zu Hilfe gekommene Polizisten und Detektive abgeholt und zur Polizeiwache gebracht werden konnte. Unter den Rufen „Hängt ihn!" folgte eine sehr große Menschenmenge der Eskorte und versuchte immer wieder, den der Spitzelei Verdächtigen in ihre Hände zu bekommen. Noch in später Nacht versuchte die Menge das Wachgebäude zu stürmen und an dem Schützhäftling Lynchjustiz zu üben. Herbeigeeilte verstärkte Polizeiposten trieben die Menge mehrmals auseinander, diese sammelte sich aber immer wieder. Erst sehr spät gelang es, die Menge endgültig zu zerstreuen und die Ordnung herzustellen. Zwei der Demonstranten wurden verhaftet. ' ' v \ Bemerkung der Redaktion. Diese-vor Blattschluß eingelangte Meldung verleiht dem in dieser Nummer enthaltenen Artikel: „Eine zio-. nistische Leitung ohne Vertrauen", in welchem auf die Notwendigkeit einer Aenderung der jetzigen Leitung der zionistischen Weltorganisation hingewiesen, wird, besondere Bedeutung. Eine zHoniitfeehe Leitung ohne Vertrauen Was ist's mit der nationalen Konzentration? Die letzten arabischen .Unruhen und anschließend daran die brutale Aktion der britischen Palästina- Regierung gegen die sogenannte illegale Einwanderung brachten allenthalben die zionistische Welt zum Nachdenken über die Situation. Man fragte sich, unter welchen. Voraussetzungen man in eine so gefahrvolle Lage geraten sei, und man hörte plötzlich von Bestrebungen zur Schaffung einer einheitlichen Front, einer nationalen Konzentration. Nachrichten aus Palästina besagten, daß die gegenwärtige zionistische Exekutive in Palästina, jnit dem politischen Leiter Shertok an der Spitze, eine Art Burgfrieden für die kritische Periode anstrebe. Das Echo blieb nicht aus. Die oppositionellen Elemente befassen sich ernst mit diesen Meldungen von einer Einheitsfront; aber kaum war der erste Schock vorüber, als die linken Herren mit mehr oder weniger Temperament die Bestrebungen zur Schaffung einer nationalen Front bestritten. Aber die Diskussion ging weiter. So schrieb Meir Grossmann, der Vorsitzende der „Judenstaatspartei", im Warschauer „Hajnt" unter dem Titel „Der Weg zu einer „nationalen Konzentration", u; a.: „Das Einzige, was die Exekutive wirklich will, ist, die Opposition möge den Kampf gegen s i e einstellen. Mit Rücksicht darauf, daß wir in einer schweren Zeit leben, sollen alle Kräfte im Zionismus zum Kampf für unsere Rechte vereinigt werden. Auf welche Weise? Ganz einfach. Alle sollen sich hinter die jetzige Exekutive stellen; alle inneren Differenzen und Streitigkeiten beiseite schieben; eine einheitliche Front nach innen und außen bilden, und dadurch die Exekutive festigen ... Aber die. kreißenden Berge gebaren eine Maus. Die Exekutive war auf politische Schwierigkeiten gestoßen, erkannte, wohin ihre kurzsichtige Politik geführt habe. So will man nun.den Augenblick ausnutzen, die Opposition zur Kapitulation zu zwingen. Natürlich möchte die Exekutive schon gerne, daß man sie , itärke, und würde eine Arbeit in einer Atmosphäre von Vertrauen und loyaler Hilfsbereitschaft, besonders in schweren Zeiten, bevorzugen. Aber entgegenzukommen, nachzugeben, andere heranzuziehen und sich zu rekonstruieren — das will sie nicht, davon kein Sterbenswörtchen. Die Exekutive will nicht weniger, als daß man sich hinter, sie stelle? Die Opposition vor allem soll zum Schweigen gebracht werden. Sie soll sich opfern, den Kampf aufgeben und die Hände jenen entgegenstrecken, die sie in Prag so brutal behandelt haben. Die Exekutive wird dieses Opfer dankbar annehmen, vielleicht sogar ein feierliches Manifest veröffentlichen. Aber gleichzeitig, und das ist der springende Punkt —, will siie ihre Arbeit nach demselben Programm fortsetzen, mit derselben Methode und in Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet Three Stars' Kohle Koks Anthrazit Bäsch, IV/ Argentmierslraße 22 - Tel« Serie 11-47-5-40 gleichem Ausmaße vorgehen... Sie ist entschlossen, allein die Verantwortung zu tragen. Sie hat das formelle Recht dazu. Andererseits aber ist es unser Recht und unsere Pflicht, daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Will die Exekutive eine nationale Konzentration schaffen, dann muß zunächst eine gründlich« Rekonstruktion der fuhrenden Organe kommen. Ohne das gibt es keine einheitliche Front." Meir Großmanns logische Schlüsse konzentrieren sich auf den Punkt, den die zionistische Welt zum Ausgangspunkt ihrer weiteren Bestrebungen macht. Denn die zionistische Welt hat die Etappen des unglückseligen Weges, den die linken Herrn der Exekutive gegangen sind, nicht vergessen. 1 ,/: Es ist kein Vergnügen, und bereitet keinem patriotischen Zionisten Genugtuung, mit dem Sündenregister der linken Führer durch die jüdische Gasse zu gehen. Wenn wir hier zunächst die Faustherrschaft der palästinensischen Histadruth-Leute gegen die jugendlichen Anhänger der Opposition, des judenstaatlerischen Zionismus,, erwähnen, so geschieht es deshalb, um aus der — überall anderswo — bankrotten marxistischen Einstellung so vieles zu erklären, das sich als Hemm: schuh für die Entwicklung des jüdischen Palästina, nach innen und außen erwiesen hat. Damit im Zusammenhang steht die Bagatellisierung der Mittelstandskolonisation, des Mittelstandes überhaupt, der dem Histadruth-Sozialismus mangels seiner . „Klasgengesinnung" ein Dorn im Auge war und dessen legitimen Förderern, den; Herren Newman und Farbstein, ihr Amt in der Exekutive so lange vergällt wurde,' bis sie gingen, Der Prager Kongreß .eliminierte sie unter dem Druck der Linken Von der-Leitung. Prager Kongreß! Mit welcher Wollust vei> kündete die Poale Ziön, daß es ihr Kongreß, ihr" linker Siegeskongreß sei. Die Zionisten wissen, unter welchen Umständen die Anhänger des Klassenkampfes in allen Ländern, insbesondere in denen der jüdischen Massensiedlung, Palästina und Polen, den Kongreßwählgang bestritten. Die Parole „g e g e n die M ö r d e r A r 1 o s o r o f f s" war damals sehr billig und schlagkräftig. Der zynische Mut, einen ganzen Kreis von Zionisten des Meuchelmordes an einem zionistischen Führer zu beschuldigen, und sie, die Zionisten zu verfemen und der englisch-arabischen Polizei in die Hände zu spielen, ist ein trauriges Symptom in der Geschichte der Kongreßwahlkämpfe. Auch weiterhin zeigte sich die moral insanity unserer poalezionistischen Kandidaten. Während die ganze jüdische Welt, ja 'zum Teil sogar die sozialistische, den Boykott gegen Hakenkreuz- Deutschland als einziges Mittel zur Abwendung barbarischer Gefahren aussprach und betätigt, haben die linken Führer durch das sogenannte Transfer-Abkommen (Uebertragung jüdischer Vermögenswerte von Deutschland nach Palästina in Form von deutschen Waren) die Boykottfront durchbrochen und jene Einheit zerstört, die sich gerade in Augenblicken jüdischer Bedrängnis vor aller Welt manifestieren sollte — all das um eines Geschäftes willen, das man einer Genossenschaft der Histadruth in Palästina zuschanzte. Und heute noch kann man, beispielsweise im hakenkreuzlerischen „Eberswalder Offertenblatt" (Deutschland) lesen, daß in Palästina vom antideutschen Boykott wenig oder gar nichts zu spüren sei. Des jüdischen Volkes Würde war auf dem Kongreß den Linken in die Hand gegeben und sie — konnten sie nicht bewahren. Die schwächliche, nach außen nachgiebige, nach innen draufgängerische Haltung der poalezionistischen Führer, deren Auslese die Exekutivposten besetzte, hat Hein Beispiel staatsmännischer Klugheit und Voraussicht, gegeben. Und gar die Anti-Judens taatspo.litik! Das Verschleiern des Endziels, das sich Drücken um die Formulierung der berechtigten zionistischen Aspirationen war nicht geeignet, Vertrauen oder gar Respekt hervorzurufen; Vertrauen bei den jüdischen Massen, die die Opfer zu bringen haben, Respekt bei den britischen Stellen, denen die Ausführung der Mandatsverpflichtungen obliegt. Der politische Leiter der palästinensischen Exekutive, Herr S h e r t o k klopfte beim Oberkommissär Sir Arthur Wauchope in Jerusalem, sein Kollege, Herr Ben Gurion beim Kolonialminister Cunliffe-Lister in London an. Bezüglich der Wirkung dieses Ankippfena wissen wir nur, daß die Beamten der britischen Palästia*» Regierung ihre Anstrengungen zur Hnfrhnftffllröninj^ . -:j ■\\?*\ -\: \ '^v'Vc n *